Neuanfang auf Trümmern

Jesaja 61, 1 – 6

1 Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Vergeltung unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, 3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauerkleid, Lobgesang statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise.

             Wer spricht hier? Ist es der Prophet – Jesaja? Der dritte Jesaja? Oder ist es der Knecht Gottes, ebed jahwe, von dem Gott sagt:  „Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.“ (42,1) Man kann auch vorsichtig einer festen Zuweisung aus den Weg gehen und sich beschränken: Man kann die Worte „als Selbstvorstellung verstehen, verbunden mit einer Berufungs- und Sendungserklärung, die in großer Vollmachtsgewissheit ergeht.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.212) Es ist schon so: der hier das Wort nimmt, weiß sich gesalbt, mit dem Geist Gottes begabt. Es ist zugleich eine königliche Komponente, die hier mit ins Spiel kommt – die Könige Israels sind Gesalbte des Herrn. Von daher liegt es nahe: „Der Geistgesalbte ist ein maschiach, ein Messias, gezeichnet durch Erwählung und Designation Jahwes.“ (H.J.Kraus, ebda.)  

               Gottes Geist öffnet die Augen. Gottes Geist schafft Zuwendung. Es ist eine Zuwendung, die sich tief nach unten neigt. Das ist – im ganzen AT – das Wesen Gottes: Er neigt sich zu denen, die am Boden sind, geschlagen, gedemütigt, verzagt, eingefangen in ein Lebensschicksal, das ihnen keinen Raum lässt.

            Ob sie ihm geglaubt haben, die Worte abgenommen haben, damals in Jerusalem, in den Trümmern ihrer Stadt? Es liegt ja nicht so ganz fern: sie haben sie gehört und gedacht oder auch gesagt: Er spinnt. Er redet sich die Zukunft schön, weil die Gegenwart so dürftig ist. Er macht sich selbst und uns Zukunftshoffnungen, weil hier und jetzt, in der Gegenwart, nicht zu hoffen ist. Das gibt es, immer wieder, bis heute: der Misere der Gegenwart ausweichen, durch das Verklären der Vergangenheit oder durch die Träumerei von einem besseren, strahlenden Morgen.

            Wer mit offenen Augen um sich schaut, der sieht Trümmer und Ruinen. Da sind die vielen, die einmal angefangen hatten, den Weg des Glaubens zu gehen. Aber irgendwann ist er stehen geblieben, verletzt vielleicht oder von anderen durch Spott und Ironie aus dem Gleichgewicht gebracht, durch die Langeweile des Gottesdienstes angeödet ‑ und nun sind von dem Anfang nur noch Trümmer übrig. Da sind die Trümmer in den Familien ‑ wo Ehepaare sich entfremdet haben, wo das Gespräch abgerissen ist, wo die einzige Umgangsform der Streit und die gemeinsame Haushaltskasse geworden ist. Da sind die Trümmer der Lebensgeschichten, die von Schuld erzählen, von Versäumnissen, die nicht wieder gut zu machen sind, die von Verlust und Abschied reden. Da sind die Ruinen der guten Vorsätze. Und all diese Trümmer sagen es uns mit lauter Stimme: nicht wieder gut zu machen. Es gibt wohl neue Jahre, aber keinen neuen Anfang. Ihr nehmt euch doch immer wieder ins neue Jahr mit und deshalb bleibt alles beim Alten.

            Und nun: Der Gesalbte ist gesandt: Gute Botschaft für alle, die im Schatten stehen. Gute Nachricht für alle, die Opfer sind, Verlierer, Looser. Gute Nachricht für alle, die sich selbst nicht mehr trauen und dem Leben nichts Gutes mehr zutrauen. Gute Nachricht für alle, die gefangen sind in den Schuldgeschichten des eigenen Lebens und gefangen in den Festlegungen, die über sie verfügt worden sind. Gute Nachricht den Elendenanawím, die mit ihren Trümmern nicht fertig werden; den Trauernden, die am Zerbruch ihres Lebens leiden, den Schuldigen, die unter der Last ihrer Schuld stöhnen: dass die Zukunft dieser Welt Gott gehört, dass die Zeit, in die wir hinein gehen, Gott gehört, dass die  Zukunft der Familie Gott gehört, dass die Zukunft des Lebens Gott gehört. „Seelisch kann ein Mensch nur gesunden, wenn er körperlich frei ist, und das heißt primär, wenn er weder als Kriegsgefangener noch als Eingekerkerter lebt.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S.188) Darin gipfelt das Jahr der Erlösung: den Gefangenen die Freiheit.

            Es gibt einen Neuanfang auf den Trümmern. Es gibt eine Chance zum neuen Bauen mitten in Ruinenfeldern, in den Ruinen des Glaubens und den Ruinen eines verpfuschten Lebens, in den Ruinen einer zerstörten Ehe und eines gescheiterten Kindschaftsverhältnisses. Es gibt eine neue Chance für dein Leben: das Gnadenjahr Gottes ist aufgerichtet. Denn: „Heil verkündigen ist fast so viel wie Heil aufbieten, bewirken.“ (C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.291) Das ist das Wesen prophetischer Worte, die aus Gott schöpfen! Man könnte sagen; die neue Wirklichkeit wird herbei geredet.

               In der Mitte steht das Gnadenjahr – uneingelöstes Versprechen aus der Frühzeit Israels. Das soll kommen, herbeigeführt durch das Wort des Gesalbten. Gnadenjahr: die Schulden sind bezahlt, die Schuldknechtschaft ist abgegolten, die Vergangenheit ist nicht mehr die Last auf unserem Rücken. Dahinter ist die Überzeugung, dass Worte wirken, erst recht und zumal, wenn sie aus dem Geist Gottes geboren sind. Und dieses Wort redet vom großen Wechsel – von den Tränen zur Freude, von der Tristesse zum Glück, vom Weinen zum Lachen.

            Diese Worte kann ich nicht lesen ohne darauf zu schauen, dass Jesus sie in Nazareth liest, in der Synagoge, zum Anfang seines Wirkens. Es sind Programm-Worte für sein Handeln, sein Predigen, seinen Weg. Er legt durch sein Leben diese Worte aus.

            Als würde Gott unsere armen, zweifelnden Herzen kennen, die sagen: das sind doch nur Prophetenworte und Propheten können doch auch irren – greift der Herr Jesus selbst diese Worte in Nazareth auf und sagt: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“(Lukas 4,21) Das ist die Wirklichkeit, die ich unter euch setze! Ich selbst, der Helfer Gottes, der Heiland Gottes – ich selbst stehe für diese Worte ein! Ich bin es, der mit euch in den Trümmern eurer Hoffnungen und eures Lebens einen neuen Anfang macht. Ich bin es, der heruntergekommen ist in euer Leben, damit ihr nicht in den Tiefen festsitzen bleiben müsst, in den dunklen Tälern des Lebens. Weil er, Jesus, diese Worte aufgreift, glaube ich: das Gnadenjahr Gottes ist in Jesus Christus für uns aufgerichtet.

4 Sie werden die alten Trümmer wieder aufbauen und, was vorzeiten zerstört worden ist, wieder aufrichten; sie werden die verwüsteten Städte erneuern, die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben. 5 Fremde werden hintreten und eure Herden weiden, und Ausländer werden eure Ackerleute und Weingärtner sein.

               Merkwürdig? Oder vielleicht doch gerade realistisch: Die Ansage des Wechsel setzt Handeln frei. Die bloße Ankündigung führt dazu, dass Menschen anders denken, fühlen und dann auch handeln. Die diese Zusagen hören, „die Befreiten sind aufgerufen, nicht eine Neugründung der Stadt vorzunehmen, sondern die, denen die Verheißung gilt, sollen die Trümmer der Vorzeit aufrichten. Aus dem alten Material entsteht das neue – Zeichen für Gottes Anknüpfen an schon Gegebenes.“(D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S.291)

          Es ist stark: Neue Zukunft gibt es so, dass die alten Trümmer aufgenommen und aufgerichtet werden, verwandelt, neu errichtet. Sie sind nicht Museumsstücke und Erinnerung an böse Zeiten, sondern Bausteine der Zukunft. Mir kommt das wie eine Lektion vor, die wir immer neu zu lernen haben: wir haben die Zukunft nie anders, als dass wir die Vergangenheit annehmen und aus der angenommenen, nicht verleugneten Vergangenheit heraus neue Schritte tun. Das gilt für das Leben des Einzelnen – wer seine Vergangenheit leugnet, wird die Zukunft verfehlen. Das gilt genauso für die Gemeinschaft, auch in der Kirche. Beispielhaft: Nur eine Kirche, die auch die Schattenseiten der Reformation annimmt, wird neu Zukunft bauen können.

           Sie nehmen ihr Leben wieder selbst in die Hand. Sie machen sich an die mühsame Aufbauarbeit, die ihnen vorher sinnlos erschien. Ohne Perspektiven bekomme ich niemand dazu, sich zu engagieren. Wo aber Perspektiven aufscheinen, wo Hoffnung geweckt wird, da fangen Menschen dann auch wieder an, selbst zu handeln. Das ist meine große Hoffnung – im Kleinen wie im Großen. Darum hänge ich an den Verheißungen.

            Und wieder, was für eine Umkehr: Die sie früher bedrängt haben, werden ihre Helfer. „Fremde übernehmen als Hirten, Landarbeiter und Winzerknechte die harte tägliche Arbeit.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.215)  Aus dem Volk in der Knechtschaft wird ein Volk der Freien. Ob dahinter eine Abwertung der körperlichen Arbeit steht? „Wie weit ist diese Vorstellung entfernt von der alten Freude es israelitischen Bauern an seinem Land und von der Art, wie etwa iim Deuteronomium (5. Buch Mose) vom Segen der Feldarbeit gesprochen wird.“ (C.Westermann, aaO.; S.294) Mir kommt das wie eine romantische Verklärung der Mühsal des Bauernlebens vom Schreibtisch des Gelehrten aus vor. Ich verstehe gut: die Schinderei auf dem Acker – bei 40 Grad übernehmen andere. Welch ein Aufatmen!

 6 Ihr aber sollt Priester des HERRN heißen, und man wird euch Diener unsres Gottes nennen. Ihr werdet der Völker Güter essen und euch ihrer Herrlichkeit rühmen.

             Entlastet von dieser Mühsal werden die Israeliten Priester des HERRN heißen, Diener unsres Gottes. Alle? Ein Volk von Priestern, die sich alle um den Tempeldienst drängen? Alle Liturgen werden? Das ist für mich schwer vorstellbar. So, wie ja auch für mich hinter diesem Wort an die Christen „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums.“(1. Petrus 2,9)nicht die Aufforderung steht, dass von Stund´ an alle Christen Priester sind, immer am  und um den Altar und alle Tage als Liturgen in der Kirche und beim Gottesdienst. Das Wort meint nicht die Eröffnung einer unmäßigen Vermehrung der Priester, heutzutage der Pfarrerinnen und Pfarrer.

          Vielmehr deute ich: Israel wird so leben können, dass die Gegenwart Gottes aufleuchtet. Es wird priesterlich einstehen, für alle Völker. Es geht um eine Existenz, die priesterlich ist, die für  andere eintritt, die andere vor Gott vertritt und die Gott in der Welt vertritt. Es geht um ein Leben, das sich Gott verdankt und ihm auch wirklich dankt, seine Gaben genießt und mit seinen Gaben verantwortlich umgeht. Israel wird den Völkern zugänglich machen, wovon es selbst lebt: Die Gegenwart Gottes in der Welt. Ich glaube, dass hinter diesen Worten einmal mehr die Völkerwallfahrt zum Zion voraus gesetzt oder angekündigt wird: „Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“(2,3).

            Es wird, so könnte man sagen, ein Geben und Nehmen – geistliches Geben, natürliches Nehmen. Und dabei wird auch gelernt werden: Beides ist keine Einbahn-Straße.

          Mich beschäftigt der Gedanke: wenn diese Worte des Jesaja kein Echo in den Herzen der Hörerinnen und Hörer gefunden hätten, wenn sie nur auf müde und resignierte Skepsis  gestoßen wären, sie wären nicht an uns weiter überliefert worden, sondern wie so viele Worte im Irgendwo verhallt.. Sie wären auch nicht zum Hoffnungsmaterial weit über die damalige Zeit hinaus geworden. Sie sind von der Art, dass sie bis heute Hoffnungen auslösen.

Herr, das Licht Deiner Liebe leuchtet auf an dem Gesalbten, an dem Geliebten, an dem Gehorsamen, der Deine Botschaft in die Welt trägt

Das Licht Deiner Liebe leuchtet auf, wo Traurige getröstet werden,Mutlose ermutigt, Schwache gestärkt, Verwirrte und Verirrte auf einen guten Weg gebracht werden.

Das Licht Deiner Liebe leuchtet auf, wo wir uns in Deine Liebe bergen, wo wir sie empfangen für uns und teilen mit denen, die mit uns auf dem Weg sind.

Danke für das Licht Deiner Liebe. Amen