Da bist du ja

Lukas 2, 41 – 52

41 Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. 42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.

             „Nur Lukas erzählt etwas über die Jugend Jesu.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 155) Die anderen Evangelisten erzählen nichts. Weil sie nichts wissen? Weil es ihnen nicht wichtig ist? Lukas aber ist diese Erzählung wichtig. Meine Vermutung: Weil sie davon erzählt, dass Jesus verloren gehen kann, auch denen, die ihn lieb haben, die über Jahre hin mit ihm leben. Aber auch, weil sie erzählt, dass er wieder gefunden werden kann.

             Alle Jahre nach Jerusalem – eine feste Gewohnheit der Eltern. „Darin erweisen sie sich als fromme Juden, denn das Gesetz schreibt vor, dass die Juden zu den der großen Festen – Passah, Wochenfest und Laubhütten  in Jerusalem sein sollen.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.95)Diese Anwesenheitspflicht gilt bevorzugt für Männer, wird aber auch auf Frauen und Kinder ausgedehnt. Man kann fragen: wird Jesus, der sich – zwölf Jahre alt – Bar Mizwa, der Aufnahme in den Kreis der „Religionsmündigen nähert, deshalb erstmals(?) mitgenommen?    

 43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten’s nicht. 44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. 45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.

               Kinder gehen verloren. Das gibt es nicht nur heute und nicht nur bei Eltern, die kein Auge für ihre Sprösslinge haben. Das ist auch nicht nur das Problem von Eltern aus einem sozial schwierigen Milieu. Es kann schnell gehen im Trubel des Passah-Festes, wenn einer sich auf den anderen verlässt und beide zusammen auf die Verwandten. Es kann schnell gehen im Trubel all der Verpflichtungen, die Eltern ja auch haben. Man könnte auf die Idee kommen: vernachlässigte Aufsichtspflicht. Man könnte nach dem Jugendamt rufen – heute wenigstens. „Da bist du ja“ weiterlesen

Der Kreis der Wartenden ist größer

Lukas 2, 36 – 40

 36 Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser; die war hochbetagt. Sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt, nachdem sie geheiratet hatte, 37 und war nun eine Witwe an die vierundachtzig Jahre; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht.

           Neben den Mann tritt die Frau, neben Simeon Hanna. Seltsam, dass Hanna so ausführlich vorgestellt wird. Wie sparsam waren die Informationen zu Simeon, wie umfangreich sind sie zu Hanna. „Hanna bekommt ihre Identität durch ihre Herkunft, ihr Alter und ihre soziale und religiöse Stellung.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S.148) Herkunft, Alter, Lebens-Schicksal – viel mehr ist nicht über einen Menschen zu sagen. Es löst ja Gedanken und Gefühle aus zu hören: Sieben Jahre verheiratet und dann lebenslang Witwe.

              Aber wichtiger als die äußeren Daten sind Lukas wohl die inneren. Bei Simeon fromm und gottesfürchtig, ein Wartender und hier bei Hanna: Eine Prophetin. Das Alte Testament kennt nur vier Prophetinnen: Mirijam, Debora, Hulda und die Frau Jesajas. Mit denen steht Hanna auf einer Stufe – geistgeleitete Frauen sie alle. Sie diente Gott mit Fasten und Beten und sie hat einen festen Aufenthaltsort im Tempel, durch Jahrzehnte hin. Wer so im Tempel „zu Hause“ ist, der gehört fast schon dazu. Mit Hanna rundet sich der Kreis der Wartenden.   „Der Kreis der Wartenden ist größer“ weiterlesen

Warten auf die Gottesstunde

Lukas 2, 25 – 35

25 Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war mit ihm.

            Tagein, tagaus konnte man ihn in Jerusalem sehen. Langsam, ein wenig bedächtig und fast schwerfällig ging er durch die Straßen. Es war ein Gehen, das ziellos war, wie einer umher geht, der etwas zu suchen scheint oder der auf etwas wartet. Die Leute kannten ihn schon: Das ist er wieder, der alte Simeon. Er wartet! Er wartet auf den Trost Israels, so sagt er immer von sich selbst. „Er hofft auf Gott, nicht für sich, sondern für das Volk Israel.“ (F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S.141) Erwartend – so wörtlich προσδεχμενος  – den Messias. Als ob der so einfach um die Ecke käme und plötzlich vor ihm stünde! Ein wunderlicher Alter, der so wartet. Dass es so etwas überhaupt gibt. Das einer die Schriften des Jesaja, des Jeremia, der Propheten so ernst nimmt.

26 Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem Heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. 27 Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel.

               Merkwürdige Botschaft:  Jeder Mensch hat in seinem Leben einmal die Stunde, in der seine Sehnsucht erfüllt wird. Das ist die entscheidende Stunde des Lebens.  Warten auf diesen Augenblick ist nicht inhaltsleeres Warten. Das Wort an Simeon verspricht: Du wirst den Gesalbten Gottes sehen. Du wirst den Messias schauen. Du wirst die Erfüllung der alten Verheißungen Gottes in deinem Leben erfahren. Dieser Stunde hat Simeon entgegen gewartet, bis er alt und grau geworden ist. Aber er hat nicht aufgehört zu warten. „Warten auf die Gottesstunde“ weiterlesen

Keine Sonder-Regelung

Lukas 2, 21 – 24

21 Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden musste, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.

                Jesus ist ein jüdisches Kind. Und so geschieht an ihm, was an jedem kleinen jüdischen Jungen seit Jahrtausenden geschieht. „Die Beschneidung gibt Anteil an dem Bund, den Gott mit Abraham und seinem Samen geschlossen hat.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 45) Jesus gehört in dieses Volk, auch wenn er nicht nur diesem Volk gehören wird. Er ist unter das Gesetz getan, wie Paulus es sagt. Es gibt keine Ausnahmeregelung für ihn, obwohl er doch der Heiland der Welt werden soll. Vielleicht gibt es aber genau deshalb keine Ausnahmeregelung.

            Der Ton liegt freilich auf der Namensgebung. Das ist ein weiterer Schritt des Gehorsams. Das Kind erhält den Namen, den der Engel genannt hatte. „Gott will, dass Jesus Jesus heißt und dadurch wird, was sein Namen sagt.“(F. Bovon, EKK III/1, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 1,1 – 9,50, Neukirchen 1989, S. 122): Jahwe hilft. Rettet. Jesus soll der Retter werden so vieler Welten, die verloren gegangen sind und verloren gehen.

 22 Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen, 23 wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn (2.Mose 13,2; 13,15): »Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen«, 24 und um das Opfer darzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben« (3.Mose 12,6-8).

            „Der Beschneidung folgen weitere 33 Tage, die die junge Mutter im Haus bleiben muss, in denen sie nichts Heiliges anrühren und das Heiligtum nicht betreten darf.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.88) Dann aber ist es so weit und sie machen sich auf den Weg nach Jerusalem. Um die Reinigung der Mutter zu erwirken und den Loskauf den Kindes.  „Keine Sonder-Regelung“ weiterlesen

Weitersagen

Lukas 2, 15 – 20

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

             Sie sind nicht sprachlos geworden über dem geöffneten Himmel. Sie sind vielmehr neugierig geworden, wissbegierig. Sie wollen sehen, ob die Engelsbotschaft Anhalt an der Wirklichkeit hat. Darum brechen die Hirten auf – eilend, sofort, ohne Umschweife. Manchmal ist das ja wichtig, dem Impuls gleich zu folgen, denn sonst melden sich die Bedenken und es bleibt beim „Wir müssten eigentlich…“

 16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

                Weil sie gehen, kommen sie auch zum Sehen. Wobei – es ist ernüchternd, was sie sehen: Maria, Josef und dazu das Kind.Ein dunkler, schmutziger Stall, ein hilfloses, soeben geborenes Kind, welches so armselig dalag, dass es nicht einmal eine Wiege hatte, sondern in einem Futtertrog der Kühe und Schafe lag.“(F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.60) Nichts, was einen Maler inspirieren würde. Es ist eher ein ärmlicher Anblick, kein großartiges Schauspiel. Es erinnert in seiner Ärmlichkeit an die Flüchtlingslager und Elendsquartieren in den Katastrophen-Gebieten unserer Zeit. Es fordert eher zur Hilfe heraus als dass es Hilfe verspricht. Es ist merkwürdig, wie die „Heilige Nacht“ hier schon ins Alltägliche transferiert wird. „Weitersagen“ weiterlesen