Wer das Licht sieht darf kommen

Jesaja 60, 1 – 14

1 Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! 2 Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

            Während die Welt und die Völker im Dunkel sind, wird der Zion vom Lichtglanz der Herrlichkeit Gottes erhellt. Wenn man so will: Mache dich auf und werde licht ist eine paradoxe Forderung. Niemand kann sich selbst zum Licht machen. Aber es ist nicht sein eigenes Licht, in dem Israel erstrahlen soll. Es ist das Licht Gottes, das über ihm aufgeht. Wann immer Israel sich selbst ins Licht setzen wollte, selbst das Licht sein wollte, ging es schief. Erst in der Selbstbescheidung: Über uns geht der Glanz Gottes auf und er ist nicht unser Glanz und er gehört nicht uns exklusiv, kommt Israel ins rechte Licht.

            „Finsternis bedeckt das Erdreich, Dunkel die Völker.“ Der Prophet wiederholt in seinem Wort, was alle sagen ‑ aber er bleibt nicht dabei stehen, was alle sagen, sondern er hat mehr zu sagen: Dein Licht kommt ‑ die Herrlichkeit Gottes erscheint über dir. Aus der Beschreibung wechselt er über in eine Zusage. „Noch ist es nicht auf der ganzen Erde hell, licht geworden, aber für Israel beginnt eine neue Epoche.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988, S.260) In das Dunkel des Lebens, in die Finsternis von Sorge und Angst, in Dunkel der Krankheit: Gottes Licht kommt.

        Um zu verstehen, was hier gesagt ist, was für eine Zumutung in diesen Worten liegt: Man muss sich nur einmal vorstellen, das würde heute ein Reporter im Fernsehen über Aleppo sagen, während die Kamera Bilder der Stadt zeigt.

             Man muss es schon hören: Das sind Worte an Menschen, die eben noch über 70 Jahre hin im Exil davon bedroht waren, im babylonischen Völkergemisch zu verschwinden. Die jetzt in einem verwüsteten Land und in Trümmerhaufen nach einem neuen Anfang suchen. Wenn sie denn überhaupt noch an einen neuen Anfang glauben können Worte an ein verstörtes und zerstörtes Israel. Vielleicht aber ist es ja so: Gerade in  einer solchen Situation kann aus diesen Worten Hoffnung erwachsen. In auch mitten in der Nacht taghell erleuchteten und illuminierten Städten lösen sie wohl eher Achselzucken aus: Na und?

            Dieses Licht ist nicht der riesengroße Scheinwerfer aus Himmelshöhen, der die Welt anstrahlt, weit weg, unbeteiligt, der nur Elend beleuchtet und ausleuchtet, gnadenlos ins Licht stellt, was man gerne verdecken möchte. Das Licht stellt sich selbst ins Dunkel. Gott kommt selbst als Licht ins Dunkel  in Jesus Christus.

„Gott will im Dunkel wohnen                                                                                               und hat es doch erhellt.“ (J. Klepper, 1938, EG 16)

       Das ist  die Botschaft: Gott kommt in das Dunkel unseres Lebens, unserer Welt, ob das nun aus Alter, Krankheit, Zukunftsangst, Schuld gefärbt wird.

            „Ein Mann ging zur Zeit der Abenddämmerung des Weges, da begegnete ihm ein anderer und zündete ihm eine Kerze an, doch die Kerze erlosch. Wieder kam einer und zündete ihm eine Kerze an, doch sie erlosch. Da sagte der Wanderer: »Von nun an warte ich auf das Licht des Morgens.« So sprachen die Israeliten vor dem Heiligen, gelobt sei Er: »Herr, der Welten, wir verfertigten einen Leuchter  in der Stiftshütte, in den Tagen des Mose, und er erlosch. Wir verfertigten mehrere Leuchter im Tempel in den Tagen Salomos, und sie erloschen. Von nun an warten wir nur noch auf Dein Licht, wie es heißt: »In Deinem Licht sehen wir das Licht.«“ (R. Gradwohl, aaO.; S.263 )

3 Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.

             Es ist das Gotteslicht, das die Völkerwallfahrt auslöst. Zu Salomo kamen sie von weither, weil sich seine Weisheit herum gesprochen hatte. Aber nun kommen sie, weil der Glanz Gottes aufstrahlt. Das Bild von der Völkerwallfahrt zum Zion wird wieder und wieder bei den Propheten aufgenommen. Das Wort knüpft an die Abrahamsverheißung vom Segen für die Völker an. Dass die Völker Heiden genannt werden, hat keinen abwertenden Klang. Ja, sie sind Heiden, aber sie kommen zum Licht und Glanz, der auf Israel liegt und gewinnen so Anteil am Glanz Gottes. Es ist ein Bild, das jede Exklusivität, jeden ausschließenden Heilsbesitz unterläuft. Es ist geradezu der Sinn des Leuchtens Israels, dass die Völker es sehen und hinzukommen.

           Wie merkwürdig mutet dem gegenüber unser Ausschließen an, unser Grenzen Ziehen, unsere Angst um die eigene Identität. An die Stelle einer nur defensiven Abgrenzung tritt eine offensive Öffnung: Das Teilen der Freude Gottes über jeden und jede, der/die den Weg zu ihm findet. Wer im Licht Gottes steht, muss nicht mehr um die eigene Identität fürchten. Es ist diese Offenheit, die die Identität des Volkes Gottes ausmacht.

4 Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden. 5 Dann wirst du deine Lust sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt.

             Es ist, als stünde der Prophet auf einem Berg, auf dem Zion und forderte die auf, die bei ihm stehen:  Hebe deine Augen auf und sieh umher. Ein unüberschaubarer Strom zieht zum Zion. „Die zerstreuten Glieder des Gottesvolkes als Kinder vorgestellt, werden von den Völkern aus der Ferne herbeigetragen.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.207) Heimkehr aus der Diaspora. Zu diesen Heimkehrern gehören auch die, die mit ihnen kommen, Fremde, die sie herbeitragen.

            Diese Aufforderung zum Sehen weist wie nebenbei darauf hin: die Heimkehr aus dem Exil in Babylon ist noch nicht abgeschlossen. Es gibt auch in Israel die „Spätheimkehrer“. Diese Worte haben eine Langzeitwirkung bis heute: Jeder Jude, jede Jüdin hat heute das Recht, jederzeit ins Land der Väter, nach Israel einzuwandern, gleichgültig, woher er kommt. Weil sie aus aller Herren Länder kommen, bringen sie die Schätze und den Reichtum der Völker in seiner ganzen Vielfalt mit nach Israel.

               Was für eine Weite wird hier sichtbar! Was für ein Glück. Was für eine Freude an denen, die da kommen, von Osten und Westen, Norden und Süden. „Wird das Herz in Angst eng, so weitet es sich in der Freude.“ (H.J.Kraus, ebda.) „Herzerweiterung – wracháw lwawéech(R. Gradwohl, aaO.; S.267) Etwas von dieser Herzerweiterung, dieser weiten Freude, ist in unserem reichen Land in der „Willkommensfreude“ des Herbstes 2015 spürbar gewesen, die heute so vielfach zerredet und geschmäht wird.

6 Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen. 7 Alle Herden von Kedar sollen zu dir gebracht werden, und die Widder Nebajots sollen dir dienen. Sie sollen als ein wohlgefälliges Opfer auf meinen Altar kommen; denn ich will das Haus meiner Herrlichkeit zieren. 8 Wer sind die, die da fliegen wie die Wolken und wie die Tauben zu ihren Schlägen? 9 Die Inseln harren auf mich und die Tarsisschiffe vor allem, dass sie deine Söhne von ferne herbringen samt ihrem Silber und Gold für den Namen des HERRN, deines Gottes, und für den Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat. 10 Fremde werden deine Mauern bauen, und ihre Könige werden dir dienen. Denn in meinem Zorn habe ich dich geschlagen, aber in meiner Gnade erbarme ich mich über dich.

            Wie mag das in den Ohren derer klingen, die um sich Feinde haben, die  eine armselige Gegenwart und mühsamste Aufbau-Arbeit vor Augen haben? Wie mag das in den Ohren derer klingen, die statt des großartigen Heimweges einen mühsamen Weg zurück unter die Füße genommen haben und dabei die Arbeit von zwei Generationen leer zurück gelassen haben? Ist das Entschädigung für ihre Strapazen? Sagen Sie: Träumereien in der Spur des Zweiten Jesaja – das kennen wir schon: Große Träume und dann eine ernüchternde Wirklichkeit. „Wir schaffen das“ ist rasch gesagt – aber wo bleiben die Durchführungsrichtlinien?

           Jesajas Prophetie setzt dagegen: handfester Reichtum. Nicht nur spirituelle Bereicherung und Vertiefung. Die da kommen aus aller Herren Länder werden zum Reichtum Israels. „Die Völkerstämme kommen nicht nur über das Meer nah Jerusalem, sondern auch auf dem Landweg… Als Gast bringt man Dinge, die im Gastland nicht oder nur selten vorhanden sind. Saba war reich an Weihrauch und das Gold kam aus Ofir, das möglicherweise in der Nähe gelegen hat.“ (R. Gradwohl, aaO.; S.268)

             Was man fast überlesen kann: Die Gaben der Völker kommen noch einmal vor. Die drei Weisen aus dem Morgenland bringen die Gaben, die hier als die Gaben der Völker benannt werden zu dem Kind in den Stall. (Matthäus 2, 11)

11 Deine Tore sollen stets offen stehen und weder Tag noch Nacht zugeschlossen werden, dass der Reichtum der Völker zu dir gebracht und ihre Könige herzugeführt werden. 12 Denn welche Völker oder Königreiche dir nicht dienen wollen, die sollen umkommen und die Völker verwüstet werden. 13 Die Herrlichkeit des Libanon soll zu dir kommen, Zypressen, Buchsbaum und Kiefern miteinander, zu schmücken den Ort meines Heiligtums; denn ich will die Stätte meiner Füße herrlich machen. 14 Es werden gebückt zu dir kommen, die dich unterdrückt haben, und alle, die dich gelästert haben, werden niederfallen zu deinen Füßen und dich nennen »Stadt des HERRN«, »Zion des Heiligen Israels«.

             Es ist das Bild einer offenen Stadt, die keine Tore zum Eigenschutz braucht. Das neue Jerusalem wird keine Festung sein. Da sind keine Feinde mehr da, die dieser Stadt drohen könnten. Da kommen auch keine Plünderer mehr, die aus der Stadt wegschleppen, was an Kostbarkeiten da ist. Es ist die völlige Umkehr dessen, was Israel vor 70 Jahren erlebt hat: Der Tempel zerstört und geplündert, die Mauern eingerissen, das Volk gebückt und erniedrigt. Jetzt aber: Der Reichtum der Völker wird in die Stadt gebracht, der Wiederaufbau wird herrlich gelingen und es sind die Fremden, die werden deine Mauern bauen. Es wird also alles umgekehrt sein wie es war!

            Das erniedrigte und verachtete Jerusalem wird Mittelpunkt, Zielpunkt der großen Völkerwallfahrt werden. Der Ort, über den sie alle gelästert und gespottet haben, wird zum Halte- und Haftpunkt der Hoffnungen der Völker werden. Bis heute sehen manche Juden das genau so: Wenn Jerusalem wirklich ein Ort des irdischen Friedens werden wird, in dem Juden, Moslems und Christen beieinander wohnen, einander in Liebe und Vertrauen begegnen, dann wird die Welt begreifen können, was ihr Ziel ist.

                Man wird schon fragen dürfen, ob diese Vision des Jesaja mit dem Jerusalem auf Erden zusammen zu bringen ist oder ob nicht hier schon der Horizont gesprengt wird und in Wahrheit ein himmlisches Jerusalem beschrieben ist. Am Ende der Schrift in der Offenbarung des Johannes tauchen die Bilder wieder auf: In die ewige Stadt Gottes werden die Schätze der Völker eingebracht. Hat Jesaja diese Vision vorweggenommen und/oder hat der Seher seine Vision an der Prophetie es Jesaja genährt?

       Wie auch immer. Am Ende der Schrift in der Offenbarung des Johannes tauchen die Bilder wieder auf: In die ewige Stadt Gottes werden die Schätze der Völker eingebracht. Es ist zum Staunen, welche Weite diese Worte atmen und mir wird daran die Enge unserer eigenen Bilder deutlich. Alles, was gut und wahr und schön ist, hat in der Stadt Gottes seinen Platz. Darum kann sich ein Paulus auch an manchen Stellen schlicht damit begnügen, die Ethik seiner Umwelt aufzunehmen und zu sagen: “Prüft alles, das Gute aber behaltet.”(1. Thessalonicher 5,21)

            Alles Gute dieser Welt, alle Kunst, alles Vollkommene wird seinen Platz in der Ewigkeit Gottes finden, nicht als Beute, schon gar nicht als Sieger-Besitz, sondern weil es dem entspricht, was Gott als das Ziel seiner Schöpfung gesagt hat: Und siehe, es war sehr gut. Wie sollte davon etwas verloren gehen können!

 

Urvertraute Worte seit Kindheit: Mache dich auf! Werde Licht! Und genauso vertrautes Echo: Kerzen in der Nacht. Lichterbäume. Lichterkränze. Lichterketten

Es ist nicht unser Lichtglanz, der leuchtet. Lichtglanz aus der Höhe. Lichtglanz, hinein in das Dunkel der Welt.

Und wer das Licht sieht, darf kommen, darf sich auf den Weg machen, darf sich zum Licht aufmachen.

Keiner darf dem anderen den Weg zu diesem Licht versperren. Und alle Gaben, die wir bringen, werden unter diesem Licht schön. Amen