Veränderte Herzen verändern Leben

Jesaja 58, 9b – 14

 Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

             Es geht weiter mit den Verheißungen Gottes. Mit wenn, dann. Das ist das große Versprechen, das Gott in diesem Wort aufrichtet: wenn ihr eure Gaben, die ich Euch gegeben habe, die ihr durch mein Geben manchmal mühsam erarbeitet habt, teilt, wenn ihr Hunger stillt, Nackte kleidet, Gebeugte aufrichtet, Niedergeschlagene auf die Beine stellt ‑ dann will ich euch selbst erfahren lassen, wie ich euch neu segne.

             Gott will sich finden lassen: Siehe, hier bin ich. Aber dieses Finden ist nicht bedingungslos, auch nicht voraussetzungslos.Die Voraussetzung ist die Veränderung der Lebensverhältnisse in der Gemeinde.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.194) Eine Veränderung aber, die weit über Äußerlichkeiten hinausgeht. Es ist nicht mit einer bloßen Angleichung der Lebensverhältnisse getan. Wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt – das ist mehr als pflichtgemäße Solidarität. „Gib her dem Hungrigen deine Seele und deinen guten Willen. Das heißt: Teile mit ihm dein Brot mit willigem Herzen und bereiter Seele.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 1, Stuttgart 1986, S.194)

            Es ist eine Veränderung der Lebensverhältnisse, die aus dem Herzen kommt. Nicht erzwungen durch ein Gerechtigkeits-Kalkül. Nicht aufgenötigt durch gesetzliche Forderungen. Nicht durch das „Du sollst“ der Humanität eingeklagt. Nicht durch irgendeinen kategorischen Imperativ verlangt. Es sind veränderte Herzen, aus denen sich das veränderte Verhalten speist. Menschen wollen von Herzen anderen Menschen gut sein – und nehmen dabei auch in Kauf, dass sie als „Gutmenschen“ bespöttelt werden.

            Das wird wohl der Abschied von den bösen Sprüchen sein, von den harten Urteilen, von den schnellen Vorurteilen: Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,… Das ist der Respekt vor denen, deren Weg ich nicht wirklich verstehe und die doch auch zu mir gehören. Ein Volk zeigt seine Tragkraft, seine menschliche Qualität  vor allem in der Sorge um die, die unten sind, nicht in der Bewunderung derer, die oben sind und es geschafft haben.

            Wer das Fasten als Enthaltsamkeit nicht auf seine heimlichen und offenen Machtansprüche ausdehnt, der fastet in Wahrheit gar nicht. Fasten wird da ernst, wo es zum Verzicht auf Herrschaft wird, zum Gehorsam gegen Gott und zum Dienst am Nächsten.

            Mich bewegt: Gott fordert hier nicht. Gott droht nicht, baut keinen Druck auf. Er verspricht. Gott lockt mit Verheißungen. Gott will Verhaltensänderungen in seinem Volk und weiß nur zu gut, dass sie den Freiraum des Zutrauens brauchen. Gott traut es seinen Leuten zu dass sie niemand unterjochen, nicht mit Fingern zeigen, nicht übel reden, die Hungrigen ein Herz finden lassen und Elende sättigen. Er fordert nicht einfach ein, sondern stellt ihnen diese Handlungsmöglichkeiten vor Augen: So könnt ihr leben. Und wenn ihr so lebt, wird es gut mit euch, durch euch, ei euch. Ihr werdet zu Lichtpunkten in einer dunklen Welt.

            Gutes tun tut gut. Die Untersuchungen dazu sind inzwischen Allgemeingut. Psychologen pfeifen es wie die Spatzen von den Dächern: Wer zu anderen gut ist, tut sich darin auch selbst Gutes. Wir fühlen uns wohler, wenn wir menschlich sind, den anderen zugewandt als wenn wir nur uns selbst kennen. Es ist aber mehr als psychologische Weisheit – es ist Zusagen Gottes: dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen.

             Einmal mehr ein Wort, das im Neuen Testament seine Fortsetzung und Neuaufnahme findet: „Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“(2. Korinther 4, 6) Das Leuchten seiner Leute ist immer der Widerschein der Liebe Gottes – die in Worten und Werken geschenkt wird und im Glauben angenommen und gelebt und weitergegeben.

11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

            In diesem verwandelten „Fasten““ erfüllen sich dann auch Verheißungen Gottes. Wer sich so unter seine Herrschaft beugt, dass er frei lässt und freigibt, dass er leere Hände riskiert und den Verzicht auf Macht, der erfährt Gottes rettende, durchtragende und bewahrende Gegenwart. Gott wird dich sättigen in der Dürre. Es sind die alten Erfahrungen aus der Wüstenzeit, aus der Zeit des Anfangs Israel, die hier anklingen – Manna und Wasser in der Wüste. Es ist, als würde Gott sein Versprechen aus früherer Zeit einlösen: „Die Elenden und Armen suchen Wasser und es ist nichts da, ihre Zunge verdorrt vor Durst. Aber ich, der HERR, will sie erhören; ich, der Gott Israels, will sie nicht verlassen.“ (41,17)

            Wunderbar aufgenommen sind diese Verheißungen in den Worten des christlichen Außenseiters: „Niemand verirrt sich so weit, dass er nicht zu dir zurückfinden könnte. Du bist nicht nur eine Quelle, die sich finden lässt, du bist wie eine Quelle, die selbst den Dürstenden und Verirrten sucht.“ (S. Kierkegaard, zit. nach Losungen 2016, 17.8.16)   

           Wenn das Volk sich so wandelt, dann ist auch der Wiederaufbau des nach dem Exil heruntergekommenen Landes, des Trümmerhaufens Jerusalem wirklich ein neuer Anfang. Aus einem verwüsteten Land soll wieder Heimat werden können, Land, in dem man wohnen kann. Es ist wohl so: dem inneren Zurechtfinden entspricht ein äußerliches Zurechtkommen und umgekehrt: das äußerliche Aufbauen und Versorgt Werden stärkt auch die innerliche Zuversicht.

              In dem allem wird erkennbar, wie reich Gott seine Schöpfung macht, wie viel Lebenskraft ihr innewohnt. Wie viel Lebenskraft er aber auch seinem Volk zutraut und schenken will. Es ist sicher kein Zufall, dass Jesaja hier geradezu paradiesische Bilder anklingen lässt. Wo der Friede Gottes Land gewinnt, leuchtet der Schein von Eden auf.

 13 Wenn du deinen Fuß am Sabbat zurückhältst und nicht deinen Geschäften nachgehst an meinem heiligen Tage und den Sabbat »Lust« nennst und den heiligen Tag des HERRN »Geehrt«; wenn du ihn dadurch ehrst, dass du nicht deine Gänge machst und nicht deine Geschäfte treibst und kein leeres Geschwätz redest, 14 dann wirst du deine Lust haben am HERRN, und ich will dich über die Höhen auf Erden gehen lassen und will dich speisen mit dem Erbe deines Vaters Jakob; denn des HERRN Mund hat’s geredet.

            „Mit dem Exil gewann die Einhaltung des Sabbats die Bedeutung eines Bekenntniszeichens. So auch in den Anfängen der nach Jerusalem zurückgeehrten Gemeinde.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.195) Aber es wird auch die anderen Stimmen gegeben haben: Was liegt schon am Sabbat. Der ist doch nur ein Hindernis für eine wirtschaftliche Entwicklung, nur ein Relikt aus alten Tagen. Darum mahnt und lockt der Prophet: Zur Gerechtigkeit tritt der Gehorsam, tritt das Vertrauen auf das Gebot, das so wenig zu bedeuten scheint. Der Sabbat ist nicht Einschränkung sondern Freiraum, nicht Ödnis sondern Leuchtfeuer. „Nicht das Fasten, sondern die Ruhe am Sabbat, die alle Menschen – auch die Unfreien, die vom guten Willen des Arbeitgebers abhängigen Sklaven  – zu freien Geschöpfen des Einen-Einzigen-Gottes werden lässt, bildet den Zielpunkt jüdisch-religiöser Glaubenserfahrung.“ (R. Gradwohl, aaO.; S.195)

            Das geht nicht ohne ein Aussteigen aus dem Alltagsbetrieb, den Gängen, den Geschäften, dem Geschwätz. Aber: Hier wird nicht eine Art Stillhalte-Gebot erhängt, sondern hier wird Freiheit eröffnet. Hinter diesen Sabbatworten steht die Überzeugung, dass dieses Gebot eine Wohltat ist: Du wirst deine Lust haben am HERRN. Den Sabbat halten ist nichts anderes als Anteil gewinnen an der göttlichen Ruhe, der Gegenwart Gottes gewärtig zu werden – und damit  aus einer tiefen Geborgenheit in diese Gegenwart Schritte des Lebens tun können.

            Und auch hier, im Blick auf den Sabbat: Gott lockt und fordert nicht. Warum nur trauen wir so oft dem Druckmachen mehr als der Verheißung, der Peitsche mehr als dem Versprechen? Liegt das an der Angst, an der Ungeduld, an dem fehlenden Vertrauen auf die Kraft der Güte? Ich weiß es nicht. Ich spüre nur, wie mich dieser Art Gottes anzieht. Auch weil ich lerne, dass Druck und Drohungen nichts Gutes bewirken, sondern im Gegenteil lähmen und zerstören. Wesensveränderungen dagegen kommen nur aus der Tiefe des Herzens, das sich der Güte anvertraut,  auch wenn es immer wieder hinter der Güte und dem Guten zurückbleibt.

 

Heiliger Gott, erinnere mich immer wieder daran, Der Weg zu Dir ist kein Alleingang. Der Weg zu Dir geht nicht als Rückzug aus der Welt

Du willst, dass wir Deinen Willen tun, dass wir denen gut sind und wohl tun, die auf uns angewiesen sind. Du willst, dass wir menschlich miteinander umgehen.

Du willst Dich finden lassen auf dem Weg, den wir mit anderen teilen, Armen und Schwachen, Schwierigen und Anstrengenden, mit denen, die unsere Liebe und Geduld herausfordern, weil sie so sperrig sind.

Gib Du uns Deine Liebe ins Herz, damit wir sie uns für uns selbst gefallen lassen, damit wir sie teilen. Amen