Richtig fasten

Jesaja 58, 1- 9a

 1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe.

            Ich habe es überlesen: Rufe getrost. Erst die Übersetzung von Luther 2017 Rufe laut hat mich aufmerksam gemacht für das, was hier mitklingt. Jesaja wird ermutigt zu seinem Rufen. Manchmal ist es nicht so einfach, den Mund aufzumachen, sich zu Wort zu melden, die Stimme zu erheben. Erst recht, wenn man widerspricht, wenn man eine allgemein übliche Praxis in Frage stellt und kritisiert. Da braucht es die Ermutigung: Sei getrost. Es geht nicht darum, dass Gott vom Propheten Lautstärke  verlangt, sondern dass er ihm den Rücken und das Gemüt stärkt, weil Widerspruch zu erwarten ist.

             „Wie kann ein Mensch Gott finden und eine dauerhafte Beziehung zu Ihm schaffen? Viele denken, wenn man Ihn Tag für Tag sucht“, „die Erkenntnis seiner Wege wünscht“, sich nach den „Vorschriften der Gerechtigkeit“ erkundigt und die „Nähe Gottes“ erstrebt“. (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 1, Stuttgart 1986, S.185) Es ist das Programm eines frommen Lebens, das hier benannt wird. Aber der Auftrag des Propheten ist auszurufen: Das reicht nicht. Das ist es nicht. Ihr seid in aller dieser Frömmigkeit doch in Wahrheit abtrünnig und in Sünden. Es ist der Auftrag des Propheten, diese Illusion des Volkes durch seine Worte als Lüge, als Selbstbetrug aufzudecken. Kein Zweifel – das Volk hat sich verrannt. Aber: „Trotz des Zorns bleiben die Sünder „mein Volk“. Das ist ein Ausdruck der Liebe. Nur weil Gott auch den sündigen Menschen nicht von sich stößt, ist die Mahnrede seines Abgesandten sinnvoll.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 4, Stuttgart 1989, S.298 )

  3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«

             Vor allem aber: wenn wir uns doch so mühen – so der Gedanke – dann haben wir doch ein Recht auf Dich, Gott, Deine Zuwendung. „Offensichtlich geht die Volksgemeinde davon aus, dass sie mit ihren Bußgebeten und Bußübungen auf Jahwe einwirken kann.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.194) Aber weil der erhoffte „Effekt“ ausbleibt, stellt sich die Frage ein:  Warum fasten wir, wenn es nichts bringt? Wenn es doch Gott nicht bewegt.

          Fasten ist eine religiöse Übung. Kultische Enthaltsamkeit zur Selbstreinigung. Wer hat etwas davon? Gott? Der Fastende? In der Tradition ist Fasten immer ein Weg, um sich für Gott zu bereiten, um ihm nahe kommen zu können. Dahinter steht die Einsicht: wir sind beschmutzt vom Alltag der Welt, von der Wirklichkeit des Lebens. Wir sind angefüllt und festgehalten von Dingen, Erfahrungen Gedanken. Es braucht die Leere, damit Gott zu uns kommen, sprechen, uns berühren kann. Wer volle Hände hat, kann nicht empfangen.

            Aber: Das funktioniert nicht immer. Es läuft oft genug ins Leere. Der Gewinn, den das Fasten bringen soll, bleibt aus. Die Quälerei des Leibes, die Selbstkasteiung -hebräisch: inínu nafschénu – läuft ins Leere und bewirkt nichts. Die Gotteserfahrung bleibt leer. Warum entzieht sich Gott? Was machen wir falsch? Müssen wir noch mehr fasten?

 Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.

             Die Antwort des Propheten: Es ist nur äußerlich. Innerlich seid ihr nicht bei der Sache. Ihr macht aus dem Fasten eine leere Form, eine Formalität. Es geht euch um Ableisten religiöser Verpflichtungen, während ihr die Verpflichtungen anderer gegen euch eintreibt. Die Fastentage werden „dadurch verdorben, dass die diese Fastentage Begehenden nicht mit ihrer ganzen Existenz in dem Flehen zu Gott stehen.“(C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.267) Sie betreiben ihr Geschäft wie gewohnt, nur verbunden mit diesem lästigen Fasten. Was sie religiös tun, hindert sie nicht an Gewalt gegen die, die von ihnen abhängig sind.

           Was hier insgesamt sichtbar wird, ist der Angriff auf das gespaltene Leben. Da gibt es ein Leben der ritualisierten Frömmigkeit, der Teilnahme am Kult. Ein Leben, das auch in der individuellen Praxis des Fastens durchaus anspruchsvoll ist und fordert. Aber es hat keine Auswirkung auf die Wertmaßstäbe des Alltags. Die Eigengesetzlichkeit des Jeder ist sich selbst der Nächste wird nicht durchbrochen. Die Logik der Macht bleibt unverändert. Mehr noch: die den eigenen Leib knechten, knechten auch die, die von ihnen abhängig sind.

 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

               Jesaja legt den Finger auf die Wunde. In eurem Fasten sucht ihr euch selbst. Gott braucht nicht, dass ihr fastet, euch selbst quält, euren Körper schindet, die guten Gaben der Schöpfung verschmäht. Wer sich selbst so quält, der wird auch andere kasteien und quälen. Wer sich selbst so schindet, der ist oft genug in Gefahr, auch ein Leute-Schinder zu werden.  Was ist das für ein Bild von Gott,  so die Frage, der an dieser Art Fasten Gefallen haben sollte?

 6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

            Jetzt wird die Frage beantwortet, wie denn ein Fasten, wie Bußübungen aussehen müssten, an denen Gott Gefallen hat. Es geht um „religiöse Übungen“ für ein ganzes Volk, die den Alltag verändern und nicht nur den Kult aufrechterhalten. Jesaja spricht nicht die möglichen Teilnehmer von Einkehrtagen an, sondern das ganze Israel. „Im Licht der großen Befreiung des gefangenen Volkes spielt offensichtlich die Befreiung aller Gefangenen eine große Rolle.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.194) Man könnte auch sagen: Erst wenn in Israel das Unrecht aufhört, ist die Befreiung, die Heimkehr aus dem Exil ans Ziel gekommen. Es geht um Gerechtigkeit, um soziale Verantwortung. Den Hungrigen Brot geben, den Elenden ein Dach, denen ohne Ort eine Bleibe. Das ist ein Programm für das Volk und nicht ein Aufruf zu individueller Barmherzigkeit und zu mehr Almosen.

               Was Gott an Israel getan hat in der Herausführung aus dem Exil, das soll weiterwirken im Herausführen aus der Not, in dem, was der eine Israelit dem anderen als Wohltat tut. Wer sich das vor Augen hält: was ich habe, das habe ich empfangen, der kann und darf die Augen nicht mehr zumachen vor der Not um ihn herum. Wer sich bei Gott bedanken lernt, der wird nicht anders können als dann auch teilen zu lernen mit denen, deren Mangel und Not manchmal zum Himmel schreit. Wer Gott anfängt zu danken, der muss auch anfangen zu helfen, die Not um sich herum zu lindern – ob es auf dem Weg eigener Hilfe ist oder im Ringen um gerechtere Verhältnisse.

            Auch so herum  können wir es sagen: Gott hat uns alles gegeben, damit es durch uns an die richtige Anschrift kommt ‑ und die richtige Anschrift sind die sozial Schwachen, die Armen, die nicht mitgekommen sind oder die aus eigener Schuld den Anschluss verpasst haben. Aber darüber wird  hier kein Wort verloren, über die Vorgeschichte eines jeden  Menschen. Sondern darum geht es Gott: dass geholfen wird, dass der Segen, den er ausgeteilt hat, weitergeht und weiter wirkt.

            Das ist die Herausforderung: Es genügt nicht, Hartz-IV-Sätze zu haben, die das Verhungern verwehren. Diese Worte zielen auf Herstellen von Menschenwürde, auf Teilhabe, auf Respekt, auf den Mehrwert, den das Leben in den Augen Gottes hat und der nicht darin aufgeht, was einer alles leistet und an Erfolgen vorweisen kann. Dieser Mehrwert des Lebens fordert die Barmherzigkeit und die Solidarität gleichermaßen heraus – aber nicht herzlos, sondern von Herzen.

            Entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Man kann auch so übersetzen: „Vor deinem Fleisch verbirg dich nicht.“ Mit diesen Worten werden Sätze aus dem 5. Buch Mose aufgegriffen: „Wenn du deines Bruders Rind oder Schaf irregehen siehst, so sollst du dich ihrer annehmen und sie wieder zu deinem Bruder führen. Wenn aber dein Bruder nicht nahe bei dir wohnt und du kennst ihn nicht, so sollst du sie in dein Haus nehmen, dass sie bei dir bleiben, bis sie dein Bruder sucht, und sollst sie ihm dann wiedergeben. So sollst du tun mit seinem Esel, mit seinem Kleid und mit allem Verlorenen, das dein Bruder verliert und du findest; du darfst dich dem nicht entziehen.“(5. Mose 22, 1 – 3) Wenn das schon für Tiere gilt – nicht wegschauen, wenn sie sich verlaufen haben und hilflos umher irren – wie viel mehr gilt das für Menschen. „Es ist leichter, die Augen zu verschließen als helfend einzuspringen, doch gerade diese Hilfe ist biblisches Gebot.“ (R. Gradwohl, aaO.; S.190)

         Der beliebte Ausweg: „Ich bin nicht zuständig. Dafür sollen sich die Ämter kümmern, die zuständig sind“, der wird so versperrt. Wer die Not sieht, ist zuständig. So sieht es auch der Herr Jesus: „Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.“(Lukas 10,33-34)

8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten.

            Wenn Israel so handelt, so „fastet“, dann wird es zum Licht, zum Leuchtfeuer. Dann vertreibt es das Dunkel der Nacht und der Not und der helle Tag bricht an. Dann kommt es zur Heilung – hebräisch: arūkā„zum raschen Wachsen der feinen Haut über der Wunde und zum permanenten Gottesschutz. Die Wunden der Vergangenheit werden vernarben.“ (R. Gradwohl, aaO.; S.191)Es ist wohl nicht zu weit gegriffen: Es wiederholt sich, was beim Auszug aus Ägypten war: Die Gegenwart Gottes ist vor Israel als Wegweisung und im Rücken Israels als Schutz. Er ist nahe. So nahe, das jetzt Wirklichkeit ist, was durch das Fasten erzwungen werden sollte: Israel ruft und Gott antwortet. Das erhoffte Heil wird wirklich  in der Gottesgegenwart, im Hören und Rufen und Antworten.

 

Gott, wir beuten keinen aus, machen keinen fertig, höchstens uns selbst. Wir haben keine Sklaven, die wir zur Arbeit treiben, höchstens uns selbst. Wir beugen nicht das Recht, niemandem den Rücken, bleiben niemandem etwas schuldig, höchstens uns selbst. Wir suchen keinen Streit, üben keine Gewalt, höchstens gegen uns selbst.

Gott, übersehen wir die anderen, die auf dem Weg müde Gewordenen, die am Leben Verzagten, die von Sorgen Geplagten, weil wir uns selbst nicht mehr wahrnehmen, uns selbst nicht spüren, uns nie Dir lassen können?

Gott, fasten wir, plagen wir unseren Leib, feiern wir Gottesdienste, vollbringen wir Bußleistungen, damit wir nicht still halten müssen  vor Dir, damit wir nicht die Armut anderer sehen und uns selbst, arm und bloß?

 

Gib uns den Mut, Dir und der Wirklichkeit standzuhalten. Öffne uns die Augen. Wandle uns das Herz. Leite uns, Deinen Willen zu tun. Amen