Wo Gott wohnen will

Jesaja 57, 14 – 21

14 Und er spricht: Machet Bahn, machet Bahn! Bereitet den Weg, räumt die Anstöße aus dem Weg meines Volks!

               Diese Sätze sind so vertraut. Macht Bahn! Bereitet den Weg. Es ist sofort im Ohr: „Bereitet dem Herrn den Weg.“(40,3)  Aber hier geht es um freie Bahn für das Volk und nicht um freie Bahn für Gott. Israel soll der Weg freigeräumt werden, der vorher versperrt war. Es geht um Hindernisse, die Anstoß – hebräisch: mikšōl– geben, über die man fallen kann. Israel soll nicht mehr ins Stolpern kommen.  Gemeint ist „ein Wegbereiten für das Kommen des Heils.“ (C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.261)

             Wo muss man sich diese Worte – und auch die nachfolgenden – gesagt vorstellen?  Im Land, in das die Exilierten zurückgekehrt sind, gibt es keinen Tempel mehr. Von Synagogen kann wohl auch noch nicht die Rede sein. Vielleicht ist es so, „dass der Prophet in einer Gemeindeversammlung auftritt.“(H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990. S.189) Aber einen Ort für diese Versammlung können wir nicht benennen, weder für das Gebäude noch für die Ortschaft. Also: Worte im Irgendwo.

 15 Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.

            Denn – damit schließt der Satz nach vorne an. Es scheint so, dass jetzt gesagt wird, was das Stolpern Israels beenden kann. Wichtiger als der Ort ist aber, wer das Wort nimmt: Der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist.  Gott ist der Erhabene, der Heilige, der in der Höhe wohnt, dem man sich nicht ohne weiteres nahen kann. Zugleich ist er der, der sich nach unten neigt, der sich erbarmt, der aufrichtet und zurecht bringt. Aus dem unnahbaren Gott ist nicht ein nahbarer geworden, sondern ein naher. Die Nähe Gottes geht auf seine Bewegung zurück und nicht auf meine, unsere. Gott ist nahe, ob ich es merke und glaube oder nicht.

            Ist es ein Einwand, der entkräftet werden muss? Gott wohnt bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind. Die Voraussetzung für die Nähe, ja die Wohnung Gottes, für die Einwohnung Gottes – so möchte ich ergänzen – ist nicht der abgerundete Mensch, der in sich gefestigt, echt, authentisch ist, der auf ein gelingendes Leben schauen kann. Es wird sich „um  Menschen handeln, die an der Erfüllung aller Verheißungen des Gottes Israels zweifeln, die das kommen dieses Gottes herbeisehnen, aber hoffnungslos enttäuscht sind in den elenden Verhältnissen, die sie nach der Heimkehr aus dem Exil vorfanden und in denen sie nun leben müssen.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.190) Wie nahe sind diese Demütigen und Zerschlagenen denen, die heute leiden, die mit den Wegen ihres Leben nicht zurecht kommen, die sich abgehängt fühlen, vergessen, die am Schmerz des Lebens scheitern und doch weiter machen müssen.

             Diese beiden „Wohnorte Gottes“ – oben und unten – zusammen zu bringen, das war wohl zu allen Zeiten etwas, was Menschen in Denkschwierigkeiten gestürzt hat und was sie aber vor allem auch lebensmäßig nicht auf die Reihe gekriegt haben. Ich weiß, wovon ich rede. Der hohe und erhabene Gott, der Allmächtige ist unser Bild, oft genug gesucht und auch hergenommen, um die Welt stabil zu halten, oben und unten in der Gesellschaft zu begründen und zu zementieren. Wenn dieser hohe Gott sich nach unten neigt, zu den Gedemütigten, Geschlagenen, Verzagten, dann gerät das Weltbild durcheinander, das wir zu unserer Sicherheit zu brauchen glauben.

16 Denn ich will nicht immerdar hadern und nicht ewiglich zürnen; sonst würde ihr Geist vor mir verschmachten und der Lebensodem, den ich geschaffen habe.

               Wieder denn. Begründung für ein Heilswort. Begründung nicht in dem, das plötzlich alles gut ist, sondern allein in Gott. „Würde Gott sich jetzt nicht erbarmen, würde er das Werk seiner Schöpfung in Frage stellen.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S.259) Wobei ich mich frage: Ist das ein Rückgriff auf die Erschaffung des Menschen – „Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase.“( 1. Mose 2,7)- oder ist es, im Bild der Schöpfung ein Rückgriff auf den Anfang Israels. Das gäbe es ja auch nicht, wenn Gott es nicht erschaffen und ihm seinen Lebensodem gegeben hätte.  Wenn Gott es nicht am Sinai im Bundesschluss zu seinem Volk gemacht hätte.

17 Ich war zornig über die Sünde ihrer Habgier und schlug sie, verbarg mich und zürnte. Aber sie gingen treulos die Wege ihres Herzens. 18 Ihre Wege habe ich gesehen, aber ich will sie heilen und sie leiten und ihnen wieder Trost geben; und denen, die da Leid tragen, 19 will ich Frucht der Lippen schaffen. Friede, Friede denen in der Ferne und denen in der Nähe, spricht der HERR; ich will sie heilen.

          Noch einmal hält sich Gott seinen gerechten Zorn vor Augen. Was das Volk ihm angetan hat in seiner Sünde der Habgier, in den treulosen Wegen ihres Herzens. Es ist so: Gott wird durch das Tun des Volkes berührt, verletzt. Juden und Christen glauben an den verletzlichen Gott, dem unser Tun zusetzt, zu schaffen macht, den es angeht. Er ist nicht im Himmel so weit weg, dass ihn nichts berührt.

            Aber nun dennoch: Gott will die Irrwege und Treulosigkeiten seines Volkes beantworten mit seiner durchgehaltenen Treue und neuem Weggeleit. Aller Vorgeschichte zum Trotz, in der Israel so oft den eigenen Weg gesucht hat, will Gott sie auf seinen Weg leiten. „In der Stunde der Heilszuwendung schrumpft die Zeit des Zorns zu einem Wimpernschlag zusammen.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.191)  Das kommt heraus bei der Selbstaufforderung Gottes: Macht Bahn. Es liegt alles für einen neuen Weg Israels daran, dass er sein Herz nicht verschließt, dass er festhält an diesem halsstarrigen und eigensinnigen Volk.

          Mir kommt es so vor, als würde der Prophet ein Selbstgespräch Gottes wiedergeben. Gott muss in sich selbst klären, was er will und der Prophet ist Zeuge dieser Selbstklärung: Halte ich an meinem berechtigten Zorn fest oder folge ich dem Impuls des Erbarmens? Es ist für Gott klar: Dass Festhalten des Zornes ist das Ende des Volkes. Wenn er das Volk bei seinen Wegen der Vergangenheit behaftet, gibt es keinen neuen Weg mehr. Nur sein Erbarmen wird den Schuldigen den Raum für einen Neuanfang öffnen.

            Das ist das Ergebnis Ades göttlichen Klärungsprozesses: Aber ich will sie heilen. Zurechtbringen. Es ist ein krankes Volk, dessen Gott sich annimmt. Ein Volk, das sich selbst gekränkt hat, sich selbst verwundet. „Die Heilung ist die Vergebung der Schuld, einschließlich der sich daraus ergebenden Wiederherstellung der äußeren geschichtlichen Verfassung seines Volkes.“ (D. Schneider, aaO.; S.260) Vergeben greift tiefer als es ein nur rechtlicher Akt  tut. Sie heilt in der Tiefe zerbrochene Beziehung, zerstörtes Vertrauen. So ist Gott. Er tritt nahe zu seinem Volk. Später noch ein Schritt weiter: Er nimmt menschliche Gestalt an, damit wir den Vergebenden sehen und nicht vor der Hoheit seines Wesens erschrecken und vergehen.

            Es ist dieser nahe Gott, der sein Volk sucht, von dem ich glaube: Er sucht auch mich, so wie ich bin, getrieben von den Ängsten und Wünschen meines Herzens, gebannt von meinen Wegen, geschlagen von meiner Schuld. Es bleibt ja auch so noch genug Schrecken, wenn ich den erkenne, der sich mir so menschlich naht: „Gehe von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch.“ (Lukas 5, 8)  

            Es ist seine Gabe, dass Friede wird, dass Worte gute Folgen haben können. Das ist das Ziel Gottes mit seinem Volk: Frieden, šālōm, Leben, das den Namen verdient. Friede denen in der Ferne und denen in der Nähe. „šālōm, kann (ich ergänze: hier) nicht ein Heilsereignis, sondern nur ein Heilsein bezeichnen. Mit den Fernen werden die noch Exilierten gemeint sein.“ (C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.263) Auch  wenn andere schon wieder im Land sind und sie noch nicht – sie sind nicht vergessen. So wenig die vergessen sind, die jetzt im Trümmerfeld Israel leben.

               Über den Text hinaus lese ich: Dieser Friede wird da, wo wir ihn empfangen, uns beschenken lassen, in leere Hände hinein. Weil Gott sich selbst gibt, gibt es Leben für meinesgleichen und mich, Sünder und Gottlose.

20 Aber die Gottlosen sind wie das ungestüme Meer, das nicht still sein kann und dessen Wellen Schlamm und Unrat auswerfen. 21 Die Gottlosen haben keinen Frieden, spricht mein Gott.

            Von uns aus ist das alles – Frieden und Gerechtigkeit – nicht zu haben. Hier wird in der Rede von den Gottlosen nicht eine andere Gruppe von Menschen aus der Friedens-Gabe Gottes ausgeschlossen. Es sind die gleichen Leute, von denen eben die Rede ist. Es ist die Erinnerung die wir nie verlieren dürfen: Der Friede Gottes ist nicht unser Recht und auch nicht unser „Produkt“. Er ist ganz Gabe. Er wird mit leeren Händen empfangen oder wir bleiben friedlos. Was wir hervorbringen aus uns selbst ist wie Schlamm und Unrat, der aus dem Meer ans Land gespült wird.

            Was wollt ihr für Leute sein? So fragt der Prophet mit diesem Satz. Leute, die sich den Frieden Gottes schenken lassen oder Leute, die auf sich selbst setzen, die wie die kleinen Kinder trotzig und unvernünftig genug sagen: allein! Ich will allein.

 

Wie gut, mein Gott, dass Du uns nicht festlegst auf das, was war, auf die alten Wege, auf den Eigensinn, auf das trotzige Herz.

Wie gut, mein Gott, dass Du Dich nicht entziehst in den hohen Himmel, in das Heiligtum, unzugänglich, verborgen in der Höhe und dem Glanz der Herrlichkeit.

Wie gut, mein Gott, dass Du Dich herab beugst, bei uns wohnen willst, in dem verzagten Sinn, dem gebrochenen Herzen, den tausend Fragen und Klagen.

Ich danke Dir, dass Du zu mir trittst, in meinen Schmerz,  meine Angst, meine Schuld, das Du festhältst an mir und nicht nur an mir. Amen