Wer auf Gott vertraut

Jesaja 57, 1 -13

1 Der Gerechte ist umgekommen und niemand ist da, der es zu Herzen nimmt, und fromme Leute sind hingerafft und niemand achtet darauf. Ja, der Gerechte ist weggerafft durch die Bosheit  2 und geht zum Frieden ein. Es ruhen auf ihren Lagern, die recht gewandelt sind.

               Weil das Land ungeschützt da liegt, weil die Wächter schlafen, kommt der Gerechte um. Es kümmert keinen. Die gleiche Anklage findet sich schon im viel früheren Prophetenwort: „Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten.“ (Micha7,2) Das mag ein Hinweis sein: Der Singular „Der Gerechte“ ist nicht auf den einen Gottesknecht von Jesaja 53 hin zu lesen. Im Singular wird das Geschick der vielen „gütigen Leute“ beklagt Der hebräische Ausdruck „kommt der späteren Bezeichnung Chassidim nahe; gemeint sind die in der Treue zur Tora lebenden Menschen der Güte, die Frommen.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.182) Unbeachtet und unbeklagt. Einfach umgekommen. So sieht es vor den Augen der Welt aus. Die Frommen kommen unter die Räder und die Bösen sind obenauf.

             Es ist wie ein sehr leiser Protest, dass Jesaja sagt: Aber die, die so unbemerkt davon gehen, ruhen im Frieden. Sie sind aufgehoben im Shalom Gottes, auch wenn sie hier nie im Frieden leben konnten.  Sie mögen also zwar „vor der Welt“ unbemerkt umkommen, aber deshalb nicht vor Gott im Himmel. Die Bosheit tobt sich an ihnen aus. Aber sie hat nicht das letzte Wort. Sie ist nicht die letzte Wirklichkeit.

 3 Ihr aber, tretet herzu, ihr Söhne der Zauberin, ihr Kinder des Ehebrechers und der Hure! 4 Mit wem wollt ihr euren Spott treiben? Über wen wollt ihr das Maul aufsperren und die Zunge herausstrecken? Seid ihr nicht abtrünnige Kinder, ein verkehrtes Geschlecht, 5 die ihr bei den Götzeneichen in Brunst geratet, unter allen grünen Bäumen, und die Kinder opfert in den Tälern unter den Felsklippen? 6 Bei den glatten Steinen im Tal ist dein Teil, sie sind dein Los. Ihnen hast du dein Trankopfer ausgeschüttet, hast du Speisopfer geopfert. Deshalb kann ich mein Urteil nicht ändern.

             Das ist bitterste Anklage und härtester Vorwurf, erst recht, wenn er da immer schon steht, wo er im Kontext jetzt steht. Vor dem Untergang Israels wäre  das nur eine weitere Anklage, Wiederholung dessen, was dann zum Untergang führt. „Es ist ein Rückfall in vorexilische Konstellationen. Darum die scharfe Anlage des Propheten, die im der Sprache der älteren Propheten ergeht.“ (H.J.Kraus, aaO.; S.184) Darum die Feststellung: Ihr habt nichts gelernt. Ihr seid, wie eure Väter waren. Es sind die alten Anklagen: Götzendeinst unter den Götzeneichen, auf den Bergen, Kinderopfer in den Tälern.

            Darum aber auch das Urteil: Sie haben sich das eigene Grab gegraben – bei den glatten Steinen im Tal. Mag sein, dass sie sich von den Steinen Leben versprochen hat. Aber nun sind sie – als Grabsteine – ihr Los geworden.

 7 Du machtest dein Lager auf hohem, erhabenem Berg und gingst dort hinauf zu opfern. 8 Und hinter die Tür und den Pfosten setztest du dein Denkzeichen. Denn du hast dich von mir abgewandt und aufgedeckt dein Lager, es bestiegen und weit gemacht. Du hast dich mit ihnen verbunden, liebtest ihr Lager und buhltest mit ihnen. 9 Du bist mit Öl zum König gezogen und mit viel köstlicher Salbe und hast deine Boten in die Ferne gesandt und tief hinab bis zum Totenreich.

            Darauf läuft die Anklage hinaus: Ihr treibt weiter, was die Katastrophe der Jahre 596 und 587 herauf beschworen hat. Ihr seid die Unverbesserlichen. Ihr lauft hinter Göttern her, die euch nicht kennen und nicht helfen. Ihr übt Rituale aus, die schrecklich sind und Gott ein Gräuel. „Die Gier nach einem satten und befriedigten Leben greift auch nach dem sexuellen Bereich. Götzenkult und geschlechtliche Ausschweifung werden in Israels Umwelt als eine einzige Erhebung des Menschen zur Gottheit erlebt.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S.254)  Das steckt wohl hinter den Worten: Du hast dein Lager aufgedeckt, es bestiegen und weit gemacht. Ihr praktiziert alles Mögliche, weil ihr euch davon Zukunft versprecht, aber ihr versperrt euch damit selbst den Weg. Es  ist eine schon todgebornene Religiosität und sie gebiert auch nur Tod.

            Die Suche nach dem Leben in der sexuellen Erfüllung, die Übersteigerung der Sexualität zur Heiligen Hochzeit, zur Göttlichkeit ist kein Privileg der damaligen Zeiten und Religionen. Sie feiert heute im säkularen Gewand fröhliche Auferstehung. Und gleichzeitig wird damit die Sexualität verrückt und überfordert. Aus der göttlichen Gabe wird regelrecht eine Gottheit und damit ein Götze.

10 Du hast dich abgemüht mit der Menge deiner Wege und sprachst nicht: Das lasse ich; sondern du fandest ja noch Leben in deinen Gliedern, so wurdest du dessen nicht müde. 11 Wen hast du gescheut und gefürchtet, dass du treulos wurdest und nicht an mich dachtest und es nicht zu Herzen nahmst?

            Es ist ein mühsames Geschäft, diese Vergöttlichung und dieser Götzendienst. Ein verzweifeltes Verlangen und suchen. Und doch haben sie nicht abgelassen. Und doch bleibt die Erkenntnis aus, dass dieser Götzendienst Sackgasse ist. solange sich noch Leben regt, machen sie weiter, immer weiter. Es ist diese fatale Sturheit, die auch auf falschen Wegen die Umkehr scheut, das Eingeständnis des Irrtums, das Eingeständnis: wir haben uns verrannt.

          Wenn es nicht so platt wäre: wie schwer fällt es, sich einzugestehen: Ich habe mich verfahren. Ich bin auf einem Weg unterwegs, der nicht zum Ziel führt. Man sagt, dass Männer so etwas so gut wie nie zugeben, auch wenn der Irrweg offensichtlich ist, sondern immer noch beteuern: Ich suche nur einen neuen Weg!

         Und heute? Wir sprechen vom Mainstream, dem man sich anpassen muss. Wir müssen zusehen, dass wir den Anschluss an die modernen Zeiten und die Trends nicht versäumen. Wer nicht mitkommt, nicht mitmacht, wird abgehängt. Wir eichten uns nach den „sozialen Medien“, die doch in Wahrheit teilweise längst asoziale Medien geworden sind, Plattform für Hass und Pöbeleien und sprachliche Gewalt, der die physische Gewalt allzu bald folgen dürfte. Dieses Nachrennen ist anstrengend und fruchtlos zugleich. Wer immerzu der modernen Zeit und ihren Trends nachhetzt, bleibt irgendwann erschöpft und leer auf der Strecke.

            Fast liebevoll klingt die Frage – des Propheten und durch den Propheten die Frage Gottes: was hat dich dazu gebracht? Welche Angst, welche Scheu? Welche Enttäuschung hat dich treulos werden lassen?  wie kommt es, dass du mich vergessen hast? „Sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben.“(W.Krötke) So die Aussage über die vielen, die heute beteuern, dass Gott in ihrem Leben keine Größe ist. Die Frage des Propheten zielt auf eine Antwort; wie ist es dazu gekommen?

  Ist es nicht so: Weil ich schwieg und mich verbarg, hast du mich nicht gefürchtet? 12 Ich will aber deine Gerechtigkeit kundtun und deine Werke, dass sie dir nichts nütze sind. 13 Wenn du rufen wirst, so sollen dir deine vielen Götzen helfen. Aber der Wind wird sie alle wegführen, und ein Hauch wird sie wegnehmen.

            Ist das der Grund: Sie halten es nicht aus, dass Gott schweigt. Sie halten es nicht aus, dass sie warten müssen, warten auf das Wort, das sie sich nicht selbst sagen können. Sie halten Gott nicht aus, der ihnen nicht handlich zur Verfügung steht. Weil Gott nicht so sichtbar auftritt, sondern verborgen ist, weil er nicht immerzu sich lautstark zu Wort meldet, deshalb fürchten sie ihn nicht mehr, halten ihn für irrelevant. Deshalb versuchen sie sich, handhabbare Götter zu machen und Religion zu handhaben als Instrument zur Lebenssicherung. Das soll ihre Gerechtigkeit sein. Gerechtigkeit als etwas, was sie selbst inszenieren. „Nur in seinen Werken kann der Mensch sich selbst bemerken.“(Spruch aus einem Poesiealbum) Aber das ist alles Windhauch, vergebliche Mühe, zum Scheitern verurteilt. Gott lässt sich nicht zwingen.

Doch wer auf mich traut, wird das Land erben und meinen heiligen Berg besitzen.

             Das ist doch nicht nur ein Nachtrag. Es wirkt wie eine Erinnerung, aber auch wie ein Einspruch gegen alle Resignation. Gegen dieses innere Aufgeben: Am Ende lohnt sich Frömmigkeit nicht.  Es ist, sicher kein Zufall, die Sprache der Psalmen. „Die aber des HERRN harren, werden das Land erben. – Aber die Elenden werden das Land erben und ihre Freude haben an großem Frieden. – „Denn die Gesegneten des HERRN erben das Land.“(Psalm 37,9.11. 22) Betend kann man über die harten Realitäten hinaus glauben und hoffen.

             Es ist die Sprache, auf die auch Jesus zurückgreifen wird: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“(Matthäus 5,5)Es gibt eine andere Haltung – und um sie zu beschreiben braucht es nicht viele Worte: auf Gott trauen. Sich an ihn halten. Sich von ihm das Leben schenken lassen. Sich ihm hinhalten.

 

Wer auf  Gott vertraut, braucht  sich nicht zu fürchten, vor den Pfeilen der Nacht.

Wer auf Gott vertraut, muss sich nicht selbst schützen, ins rechte Licht rücken, groß machen.

Wer auf Gott vertraut, kann warten auf das Wort, auf die offene Tür, auf den Weg, auf den Rückenwind.

Wer auf Gott vertraut, wird am Ende ins Leben eingehen und kein Tod darf ihn halten.

 Warum, mein Gott, kann ich das leichter denken, sagen, schreiben, als es einfach zu leben?

Stärke Du meinen armen Glauben und mein schwaches Vertrauen. Amen