Überreif zum Gericht

Jesaja 56, 9 – 12

9 Ihr Tiere alle auf dem Felde, kommt und fresst, ihr Tiere alle im Walde! 10 Alle ihre Wächter sind blind, sie wissen alle nichts. Stumme Hunde sind sie, die nicht bellen können, sie liegen und jappen und schlafen gerne. 11 Aber es sind gierige Hunde, die nie satt werden können.

            Eine prophetische Gerichtsankündigung.  Eine Einladung an die Tiere auf dem Feld und die Tiere im Wald: Fresst. Das Bild spricht für sich und aus sich selbst – ohne große Erklärung: „Eine Plage tritt ein. Das Land ist verwüstet. Was noch essbar ist, wird ein Raub der Tiere aus Wald und Feld.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S. 181) Weil die, die Vorsorge treffen sollten, blind sind, nichts wissen, nichts tun. Das Land liegt offen vor denen, die sich bedienen wollen. Die Wächter sind eine Farce. Sie sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

         So wird das Land beschrieben, in das die Israeliten aus dem Exil zurückkehren. Es ist schutzlos, preisgegeben, ausgeliefert. Da ist keine Institution da, die sorgen würde. Da sind keine Wächter da, die in Schutz nehmen. Da gibt es keinen Ordnungsfaktor. Fressen und Gefressen werden – das ist die Parole der Zeit.

            Es sind Worte, die über die Zeiten hinweg treffen: Die das Volk führen sollen, haben aus dem Staat einen Selbstbedienungsladen gemacht. Sie liefern die Gesetzgebung aus an Lobbyisten. Sie werden von den Interessen der Wirtschaft so gegängelt, das längst nicht mehr der Staat der Wirtschaft Grenzen und Ziele setzt, sondern die Wirtschaft den Staat für ihre Ziele einsetzt. Es sind nicht wenige und nicht nur superkritische Leute, die so die Wirklichkeit heute beschreiben – nicht nur in der Bundesrepublik.  Gewiss, ein gesellschaftliches Problem. Und doch sagt der Prophet: es ist mehr als das. Es ist ein Zustand, der Gott herausfordert unf auf den er reagiert – mit seinem Gericht.

 Das sind die Hirten, die keinen Verstand haben; ein jeder sieht auf seinen Weg, alle sind auf ihren Gewinn aus und sagen: 12 Kommt her, ich will Wein holen, wir wollen uns vollsaufen, und es soll morgen sein wie heute und noch viel herrlicher!

             Priesterkritik. Kritik  an den Führern des Volkes. Das ist nicht die Offenheit, die Gott will und die er für sein Bethaus proklamiert. Hier wird das Volk Gottes schutzlos, weil die, die es schützen sollen, nur sich selbst kennen.  Sie sind untauglich wie ein Hund, den man zum Jagen tragen muss. Hirten ohne Sinn und Verstand, Hirten ohne Zucht und Moral. Hirten, die keine Verantwortung kennen, sondern nur noch sich selbst. „Ein jeder sieht auf seinen Weg“ Was hier von den Hirten gesagt wird, das ist im Gottesknecht-Lied (53, 6) die Klage über das ganze Volk: weil die Hirten versagen, verlaufen sich die Schafe.

            Panem et Circenses – Brot und Spiele. So hat die römische Oberschicht zynisch aber ehrlich gesagt, wie sich Ruhe im Volk herstellen lässt, auch wenn aller Grund zur Unruhe wäre. Aber diese Strategie derer „da oben“ eignet sich nicht zur Entschuldigung derer „da unten“, des Volkes. „Das, was das einfache Volk an seinen Führern sieht, das ahmt es nach – und wird in gleicher Weise wie sie schuldig.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S.253)Wenn man etwas für heute aus diesen prophetischen Worten lernen kann, die ja nicht zuerst an uns gerichtet sind, dann doch auch dieses: Der Weg zu einfachen Entschuldigungen ist eine Sackgasse. Wir „kleinen Leute“ kommen damit nicht durch.

            Es hat für mich etwas Faszinierendes, wie sich in diesen Worten ein Realismus in der Sicht auf die Menschen zeigt, der auch uns heute trifft. Es sind die immer gleichen Versprechen, mit denen Menschen sich ködern lassen:  Morgen soll es sein wie heute und noch viel herrlicher! Es scheint, als wollten Menschen nicht hören, dass es schwieriger wird, dass die Probleme wachsen, das die Ressourcen der Erde endlich sind, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Es ist die Parole der Elends-Gewinner: Weiter so.

              Was für ein Aufatmen: alle Berechnungen des Club of Rome, die 1973 das „Ende des Wachstums“ beschworen haben, sind widerlegt, waren zu pessimistisch. Wir finden immer neu Reserven – und notfalls planen wir die Umsiedlung auf Mond und Mars. Wenigsten für ein paar Gutbetuchte.

Das Quecksilber fällt, die Zeichen stehen auf Sturm,                                                      Nur blödes Kichern und Keifen vom Kommandoturm
Und ein dumpfes Mahlen grollt aus der Maschine.
Und Rollen und Stampfen und schwere See,                                                                        Die Bordkapelle spielt „Humbatäterä“,
Und ein irres Lachen dringt aus der Latrine.
Die Ladung ist faul, die Papiere fingiert,                                                                            Die Lenzpumpen leck und die Schotten blockiert,
Die Luken weit offen und alle Alarmglocken läuten.
Die Seen schlagen mannshoch in den Laderaum                                                                Und Elmsfeuer züngeln vom Ladebaum,
Doch keiner an Bord vermag die Zeichen zu deuten!

 Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken                                                           und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken,
Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,                                                                  der Funker zu feig‘ um SOS zu funken.
Klabautermann führt das Narrenschiff –                                                                              Volle Fahrt voraus und Kurs auf‘s Riff.

Am Horizont wetterleuchten die Zeichen der Zeit:                                                 Niedertracht und Raffsucht und Eitelkeit.
Auf der Brücke tummeln sich Tölpel und Einfaltspinsel.                                                Im Trüben fischt der scharfgezahnte Hai,                                                                         bringt seinen Fang ins Trockne, an der Steuer vorbei,                                                      Auf die Sandbank, bei der wohlbekannten Schatzinsel.

Die andern Geldwäscher und Zuhälter, die warten schon,                                  Bordellkönig, Spielautomatenbaron,
Im hellen Licht, niemand muß sich im Dunkeln rumdrücken
In der Bananenrepublik, wo selbst der Präsident                                                              die Scham verloren hat und keine Skrupel kennt,                                                            Sich mit dem Steuerdieb im Gefolge zu schmücken.

 Man hat sich glatt gemacht, man hat sich arrangiert.                                                     All die hohen Ideale sind havariert,
Und der große Rebell, der nicht müd‘ wurde zu streiten,                                                mutiert zu einem servilen, gift‘gen Gnom                                                                         Und singt lammfromm vor dem schlimmen alten Mann in Rom
Seine Lieder, fürwahr: Es ändern sich die Zeiten!
Einst junge Wilde sind gefügig, fromm und zahm,                                                 Gekauft, narkotisiert und flügellahm,
Tauschen Samtpfötchen für die einst so scharfen Klauen.
Und eitle Greise präsentier‘n sich keck                                                                               Mit immer viel zu jungen Frauen auf dem Oberdeck,
Die ihre schlaffen Glieder wärmen und ihnen das Essen vorkauen.

 Sie rüsten gegen den Feind, doch der Feind ist längst hier.                                              Er hat die Hand an deiner Gurgel, er steht hinter dir.
Im Schutz der Paragraphen mischt er die gezinkten Karten.

Jeder kann es sehen, aber alle sehen weg, Und der Dunkelmann kommt aus seinem Versteck und dealt unter aller Augen vor dem Kindergarten.
Der Ausguck ruft vom höchsten Mast: Endzeit in Sicht!

Doch sie sind wie versteinert und sie hören ihn nicht.
Sie zieh‘n wie Lemminge in willenlosen Horden.
Es ist, als hätten alle den Verstand verlor‘n,
Sich zum Niedergang und zum Verfall verschwor‘n,
Und ein Irrlicht ist ihr Leuchtfeuer geworden.         R. Mey, CD Flaschenpost 1998

            Alles nur Schwarzmalerei? Nur Geunke von ewig unzufriedenen Nörglern, die nie das Gute im Land sehen, sondern immer nur Untergang? Es gibt Zeiten, die denen Pessimisten und Kulturkritiker ihr Süppchen zu kochen suchen. Immer ist ein Funken Wahrheit darin enthalten. Und man darf solche Kritik nicht wegdrücken und totschweigen, sondern muss ihr begegnen – mit einer Praxis, die ein tragfähiges Fundament für Frieden und Recht und Gerechtigkeit schafft.

Heiliger Gott, öffne uns die Augen, dass wir sehen, was nicht in Ordnung ist, dass wir uns nicht selbst beruhigen, sondern uns die Unruhe und den Schmerz zumuten.

Erfülle uns mit Mut, dass wir um Änderungen ringen, , uch wenn der Weg zu Änderungen so schwer und steinig scheint , weil alle sich irgendwie arrangiert haben, weil Veränderungen immer Angst machen.

Hilf Du uns zu einem klaren Blick, Hilf Du uns zum Tun, wo wir wirklich etwas tun können. Amen

Ein Gedanke zu „Überreif zum Gericht“

  1. Ein wahrhaft prophetisches Wort. Beängstigend aktuell!
    Danke auch für diese Zeilen von Reinhard Mey.

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