Darf man so reden?

  1. Petrus 2, 12 – 22

 12 Aber sie sind wie die unvernünftigen Tiere, die von Natur dazu geboren sind, dass sie gefangen und geschlachtet werden; sie lästern das, wovon sie nichts verstehen, und werden auch in ihrem verdorbenen Wesen umkommen 13 und den Lohn der Ungerechtigkeit davontragen.

             Die, von denen jetzt die Rede ist und sein wird, folgen der Natur. Sie sind wie Tiere. Es hat den Anschein, der Schreiber sagt: Sie sind zum Untergang, zum Verderben bestimmt. Vorherbestimmt. Für Tiere ist ihr Schicksal unabänderlich – sind  doch dazu geboren sind, dass sie gefangen und geschlachtet werden. Dieser Vergleich bestreitet den Irrlehrern auch nur die Möglichkeit, von ihrem Weg umzukehren. Sie sind an ihn ausgeliefert, im Unverstand und im verdorbenen Wesen. Sir sind hoffnungslose Fälle.  

Sie halten es für eine Lust, am hellen Tag zu schlemmen, sie sind Schandflecken, schwelgen in ihren Betrügereien, wenn sie mit euch prassen, 14 haben Augen voll Ehebruch, nimmer satt der Sünde, locken an sich leichtfertige Menschen, haben ein Herz getrieben von Habsucht – verfluchte Leute!

             Die Hoffnung auf freundliche Worte hat getrogen. Wie ein Sturzbach ist das. Alles wird mitgerissen in einem Strom, der alle Dämme brechen lässt. Moralischer Verfall, menschliche Defizite, nichts als Untergang. Besonders beängstigend: Das ist nicht draußen vor der Tür. „..wenn sie mit euch prassen“ – offensichtlich geht es um Menschen, die zumindest im Kontakt zur Gemeinde stehen, wenn nicht um Gemeindemitglieder. Umso härter dieses so endgültige Urteil: verfluchte Leute!

              Vorsichtig frage ich; Maßt sich der Schreiber nicht etwas an, was ihm nicht zusteht? Das Urteil über die Brüder und Schwestern, die anders als ich glauben, ist doch nicht meine Sache. Wie anders und wie viel vorsichtiger und behutsamer ist Paulus: „Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er wird aber stehen bleiben; denn der Herr kann ihn aufrecht halten.“(Römer 14,4) Da werden nicht alle Türen zu dem anderen zugeschlagen und alle Umkehrchancen verneint.

 15 Sie verlassen den richtigen Weg und gehen in die Irre und folgen dem Weg Bileams, des Sohnes Beors, der den Lohn der Ungerechtigkeit liebte, 16 empfing aber eine Strafe für seine Übertretung: Das stumme Lasttier redete mit Menschenstimme und wehrte der Torheit des Propheten. 17 Das sind Brunnen ohne Wasser und Wolken, vom Wirbelwind umhergetrieben, ihr Los ist die dunkelste Finsternis. 18 Denn sie reden stolze Worte, hinter denen nichts ist, und reizen durch Unzucht zur fleischlichen Lust diejenigen, die kaum entronnen waren denen, die im Irrtum ihr Leben führen, 19 und versprechen ihnen Freiheit, obwohl sie selbst Knechte des Verderbens sind. Denn von wem jemand überwunden ist, dessen Knecht ist er geworden.

            „Erneut setzen Anklage und Urteil ein.“ (W. Grundmann, Der Brief des Judas und der zweite Brief des Petrus, Theol. Handkommentar zum NT, Bd. 15. Berlin 1979, S.98) Wir erinnern uns: Es geht um Menschen, die für sich die Autorität zu lehren beanspruchen. Sie wollen anderen den Weg weisen. Von ihnen sagt Petrus:  Das sind Brunnen ohne Wasser und Wolken, vom Wirbelwind umhergetrieben, ihr Los ist die dunkelste Finsternis. Lehrer ohne Inhalt, ohne Tiefgang, ohne Wasser. „Eine Quelle war bildliche Bezeichnung für die Belehrung der Weisen oder die Fruchtbarkeit der Tora, eine ausgetrocknete Quelle hingegen Symbol für bittere Enttäuschung.“  (A. Vögtle, aaO., S.205) Sie gleichen den toten Zisternen, vor denen schon der Propheten gewarnt hat. „Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben.“(Jeremia 2,13)

          Das Bild von der reinen Gemeinde in den Anfangsjahren wird hier gründlich zerstört. Aber es wird in einer Weise zerstört, die mich zugleich fragen lässt: Ist das nicht die Überzeichnung von Untergangsbildern? Hier versucht jemand, mit solchen Schreckensgemälden die Leute bei der Stange zu halten.

            Ernsthaft betrachtet ist das ein Angriff auf die Integrität der Gemeinde. Der sachliche Gehalt ist dabei die Auseinandersetzung über die Freiheit. Offensichtlich gibt es eine Position in der Gemeinde, die ein weiteres Freiheitskonzept vertritt, „liberaler“ ist, freizügiger als es Petrus gutheißen kann und will. Hier erinnert mich der Konflikt an das, was Paulus in Korinth andauernd zu klären hat, wo die Grenzen der Freiheit der Christen liegen und dass man sie nicht zu eng und nicht zu weit ziehen darf. Und Paulus antwortet auf die Frage nach Grenze und Weite mit dem Hinweis auf die Bindung an Christus. Jedes Mal steht die Frage nach den Eckpunkten ethischen Verhaltens im Hintergrund. Wenn die Welt vergeht und das Ende nahe ist, dann ist es Zeit, im Heute zu leben und nur im Heute.

20 Denn wenn sie durch die Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesus Christus entflohen sind dem Unrat der Welt, werden aber wiederum in diesen verstrickt und von ihm überwunden, dann ist’s mit ihnen am Ende ärger geworden als vorher. 21 Denn es wäre besser für sie gewesen, dass sie den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt hätten, als dass sie ihn kennen und sich abkehren von dem heiligen Gebot, das ihnen gegeben ist. 22 An ihnen hat sich erwiesen die Wahrheit des Sprichworts: Der Hund frisst wieder, was er gespien hat; und: Die Sau wälzt sich nach der Schwemme wieder im Dreck.

            Kennt Petrus das Lukas-Evangelium? Da stehen Worte Jesu über den zurückkehrenden bösen Geist: Dann geht er hin und nimmt sieben andre Geister mit sich, die böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin, und es wird mit diesem Menschen hernach ärger als zuvor.“(Lukas 12,26) Wie nahe ist die Sicht auf die, die vom Glauben abfallen, diesen Worten. Der Verlust des Glaubens wiegt schwerer als der Stand ohne Glauben.

             Das ist eine Debatte, die sich auch durch andere Schriften des NT zieht: Was ist mit denen, die einen Anfang im Glauben gemacht haben und dann wieder abfallen? Die Frage nach der zweiten Umkehr beschäftigt das junge Volk der Christenheit. Sie ist existentiell, weil es um Standhalten in Bedrängnis geht, um Abfall und Abschwören. Petrus gehört zu denen, die glauben, dass der Abfall vom Glauben schlimmer ist als die Zeit vorher. Für diese Zeit vor dem Glauben gilt die Entschuldigung der Unwissenheit. γνοια (Apostelgeschichte 3,17) Für den Abfall gibt es diese Entschuldigung nicht mehr. Da bleibt nichts zu hoffen: „Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.“(Matthäus 5,13) Erst recht gibt es keine Entschuldigung mehr für die, die sich als Lehrer aufspielen Freiheit versprechen und doch in Wahrheit selbst Knechte des Verderbens sind.

            Die Worte am Schluss, die Vergleiche mit Hund und Schwein nehmen dem attackierten Gegner auch noch den letzten Rest von Würde. Man kann versuchen, auf eine gröbere und weniger feinfühlige Denk- und Sprachweise der Zeit damals entschuldigend hinzuweisen. Es gibt wohl auch keine Wächter über sprachliche Korrektheit. Es ändert nichts daran – damit ist ein „fast peinlicher Höhepunkt“ (A. Vögtle, aaO.;S.209) in der Auseinandersetzung erreicht. Für mich: eine Grenze überschritten.

            Das ganze Szenario, das der Verfasser mit dem Namen Petrus hier zeichnet, ist Wasser auf die Mühle derer, die den moralischen Verfall der Welt beklagen. Wohin man sieht, Verlust der Werte, Verrohung der Sitten, eine maßlose Verherrlichung der Lust. Lust am Essen, Lust am Sex, Lust an der Gewalt, Lust am Zerstören und der Randale – wir sind eine lustgeleitete Gesellschaft. Ich schreibe das auf und spüre die Nähe zu den Worten des Petrus. Wie er sehe ich Auflösungserscheinungen. Was einmal für alle gültig war, ist heute für die meisten gleichgültig. Was einmal unter Christen eindeutig war als Lebensregel, das erscheint heute allenfalls noch als eine Option, wenn auch häufig genug relativiert und irgendwie als antiquiert eingeordnet.

            Ob Petrus, wäre er unser Zeitgenosse und sähe die Zustände in unseren Kirchen, nicht sagen würde: Genau das habe ich doch beschrieben. Den Verlust der Mitte, die Auflösung aller Regeln. Es geht mir so, dass ich mich wohl genau deshalb an Petrus reibe, weil ich in vielem nicht anders denke, aber mir dieses Denken regelrecht verbiete. Ich will nicht im Schema: hier gerettete Fromme, da verlorene Gottlose, hier moralische Integre, da hemmungslose Lustmenschen denken. Ich will es nicht, weil es nur Zustände festschreibt, Menschen festlegt, ausgrenzt. Und die Wege zur Umkehr verschließt. Ich spüre kein Werben um die, die Petrus im Irrtum sieht. Sie sind aufgegeben.

        Das aber verträgt sich nicht mit meiner Grundüberzeugung: Gott, Christus gibt keinen auf, gibt keinen verloren. Er sucht die Umkehr. Petrus sucht keine Umkehr mehr. Er sucht nur noch die zu bewahren, die sich in die Wagenburg des Glaubens geflüchtet haben. Es ist ein rein defensiver Ansatz des Glaubens, der keinen Weg mehr sieht, andere zu gewinnen.

           Was mir zu schaffen macht: die Härte dieser Auseinandersetzungen hat Spuren hinterlassen, weil sie in der Kirchengeschichte immer neu Nachahmer gefunden hat. Die wechselseitige Verunglimpfung ist oft genug dankbar aufgegriffen worden, weil sie des Beifalls der eigenen Partei sicher sein kann. So hat sich Luther in unglaublicher Grobheit „hervorgetan“, wenn es galt, gegen den Papst vom Leder zu ziehen: „Gebräuchliche Titel, vom Dominikanerpater Denifle zusammengestellt: “Allerhöllischst Vater, des Satans leibhaftige Wohnung, Wolf der Christenheit, Erzspitzbube, Seelenmörder und Weltfresser, ärgster Bube aller Buben auf Erden, unverschämtes Lügenmaul, der tolle Papstesel, Eselskopf, Bauchknecht, Gotteslästerer, des Teufels Sau.”(Spiegel 45/1967) Aber so ist er umgekehrt auch beschimpft worden. Ein Trost – es waren andere Sprachzeiten?

            Die Frage ist, warum man so bitter harte Worte wählen muss. Meine Vermutung: Es findet viel enttäuschter Schmerz da seine Sprache. Das ist eine Art „Selbstschutz“, der gleichzeitig unendlich verletzend sein muss. Wenn ich mir vorstelle, dass jemand diesen Brief liest, der sich auf dem Weg einer Auseinandersetzung mit der Gemeinde befindet – schrecklich. Da wird die letzte Tür zugeschlagen – etwas, was Jesus nie und nimmer gewollt hat.

 

Gott, lass mich meine Worte prüfen. Lass mich vor allem meine Worte prüfen, mit denen ich über die rede, die mir quer liegen, anders denken, die meinen Glauben in Frage stellen

Es ist leicht liebevoll zu reden über die und mit denen, die mit mir einig sind.

Hilf Du mir, dass ich mich um liebevolle Worte mühe – mit denen und über die, die mir fern stehen, deren Glauben ich fragwürdig finde, die ich für unverantwortlich halte, denen ich nicht traue und darum aus dem Weg gehe.

Sie sind nicht meine Feinde. Sie sind Menschen wie ich, die Du mein Gott lieb hast, für die Du, Jesus, Dich hingegeben hast. Lass mich an ihnen festhalten so wie Du mich festhältst. Amen