Am Ende: Segen

  1. Korinther 13, 1 – 13

1 Jetzt komme ich zum dritten Mal zu euch. »Durch zweier oder dreier Zeugen Mund soll jede Sache bestätigt werden.« (5.Mose 19,15) 2 Ich habe es vorausgesagt und sage es abermals voraus – wie bei meinem zweiten Besuch, so auch nun aus der Ferne – denen, die zuvor gesündigt haben, und den andern allen: Wenn ich noch einmal komme, dann will ich nicht schonen.

                Wie drohend klingt das in den Ohren der Korinther? Oder überwiegt doch die Freude: Paulus will auf jeden Fall wieder zu uns kommen? Was deutlich ist: der nächste Besuch wird Klärungen bringen müssen. Das Verhältnis der Gemeinde zu Paulus steht auf dem Prüfstand. Und der Umgang die Gemeinde mit internen Problemen wird auch ein Thema sein. Womöglich auch die Abhängigkeit von anderen Aposteln und anderen Einflüssen.

  3 Ihr verlangt ja einen Beweis dafür, dass Christus in mir redet, der euch gegenüber nicht schwach ist, sondern ist mächtig unter euch. 4 Denn wenn er auch gekreuzigt worden ist in Schwachheit, so lebt er doch in der Kraft Gottes. Und wenn wir auch schwach sind in ihm, so werden wir uns doch mit ihm lebendig erweisen an euch in der Kraft Gottes.

           Die Linie des angekündigten Besuches und der Gespräche ist aber bestimmt: Christus als der Gekreuzigte wird im Zentrum aller Überlegungen stehen. Mehr noch: er selbst wird in der Mitte sein, in allen  Begegnungen. Seine Kraft, seine Schwachheit. Wieder einmal spielt Paulus darauf an, welche Bilder die Korinther haben. Von sich selbst glauben sie, dass Christus mächtig unter ihnen ist; von Paulus denken sie, dass er ihnen gegenüber schwach ist, mickrig, ohne Durchsetzungsvermögen.

        Es ist das Dauerthema des Paulus, das er hier noch einmal den Korinthern vorhält: Ihr sucht Beweise, sucht Stärke und Kraft. Sie ist nur an einer Stelle zu finden – verborgen im Weg Christi  – wenn er auch gekreuzigt worden ist in Schwachheit, so lebt er doch in der Kraft Gottes. Eine andere Stärke kennt Paulus nicht. Eine andere Stärke erhofft er sich nicht für sich selbst. Von ihm her muss sich Paulus befragen lassen, auf ihn hin auch die Gemeinde. Christus wirkt in allen – das ist das große Thema der kommenden Begegnungen.

 5 Erforscht euch selbst, ob ihr im Glauben steht; prüft euch selbst! Oder erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist? Wenn nicht, dann wärt ihr ja untüchtig. 6 Ich hoffe aber, ihr werdet erkennen, dass wir nicht untüchtig sind. 7 Wir bitten aber Gott, dass ihr nichts Böses tut; nicht damit wir als tüchtig angesehen werden, sondern damit ihr das Gute tut und wir wie die Untüchtigen seien.

            Alle Ermahnung will nur dies eine erreichen, dass sich die Korinther selbst prüfen, wie es um ihren Glauben steht, das sie alle Selbstsicherheit dran geben und sich der Frage nach der Wirklichkeit des eigenen Lebens schonungslos aussetzen. Die Prüfung des eigenen Glaubens stellt vor die Frage nach der Wahrheit, führt vor Christus und fragt, wem wir vertrauen. Diese Prüfung geschieht zum Heil und nicht zum Unheil. Wenn er sagt: erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist? so wirkt es, als würde er das Ergebnis einen wirklich tief gehenden Selbstprüfung schon vorwegnehmen.

          Gleich viermal taucht in diesem Abschnitt ein Wort auf, δκιμος das die Lutherbibel 1984 mit untüchtig übersetzt. Die Übersetzung gibt die Bedeutungsbreite, die im Griechischen mitschwingt, nur zulänglich wieder. Δκιμος,  von dem dieses Wort als Negation abgeleitet ist, sagt: „annehmbar, bewährt, erprobt“ und im Adjektiv „aufrichtig“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S. 224) Und so schwingt in der Negation mit: „nicht echt, nicht probehaltig, verwerflich, unnütz, ungeeignet“ (Gemoll, aaO.;S.11) Die Neue Lutherbibel von 2017 wechselt deshalb folgerichtig auch zu einem anderen Wort: „nicht bewährt, unbewährt.“ 

       Damit wir deutlich, worum es geht, was auf dem Spiel steht: Hat sich die Verkündigung des Paulus im Leben der Korinther bewährt? Hat er sich also als einer erwiesen, auf dessen Wort Verlass ist? Und haben die Korinther das, was sie gehört haben, bewahrt und in ihrer Lebenspraxis bewährt? Hier schwingt die Erfahrung des Simon Petrus am See mit: „auf dein Wort hin“ – sagt er zu Jesus und fährt auf den See und macht den Fischfang seines Lebens. (Lukas 5, 1 – 11) Das ist bewährtes Wort und bewährte Glauben – Hören und Bewahren und danach tun. Darum geht es Paulus in Korinth. Bis zum Schluss seiner Briefe.

     Es ist auch nicht so wie bei einer weltlichen Prüfung, dass negative Ergebnisse, die Entlarvung von Illusionen über den eigenen Glaubensstand zur Disqualifikation führen. Sie treiben umso mehr zu Christus hin. Sie zeigen, wo wir in Unwahrheit leben und wollen zur Wahrheit helfen. Sie decken auf, wo unser Vertrauen andere Wege geht und rufen zum wahren Vertrauen. Die Prüfung des eigenen Glaubens bringt uns nie von der Wahrheit weg, sondern immer zu Christus hin, weil sie uns seine Gnade groß macht.

  8 Denn wir vermögen nichts wider die Wahrheit, sondern nur etwas für die Wahrheit.9 Wir freuen uns ja, wenn wir schwach sind und ihr mächtig seid. Um dies beten wir auch, um eure Vollkommenheit. 10 Deshalb schreibe ich auch dies aus der Ferne, damit ich nicht, wenn ich anwesend bin, Strenge gebrauchen muss nach der Vollmacht, die mir der Herr gegeben hat, zu erbauen, nicht zu zerstören.

         Noch einmal wird es durchgespielt – die Schwachheit des Paulus und die Sehnsucht der Korinther nach Kraft. Hier ist der Apostel, der oft genug an sich selbst verzagt – da sind die Korinther, die sich sehr auf die Kraft des Geistes berufen, die in ihrer Frömmigkeit so stark ausgerichtet sind auf große Wirkung. Sie wollen mehr als Worte, sie wollen Zeichen und Wunder, Kraft und Stärke. Ist  das der Weg, auf dem sie einander begegnen und wertschätzen können? Genau an dieser Stelle kommt Paulus noch einmal auf die Wahrheit zu sprechen. Alles, was zu sagen ist, alles was zu tun ist, alles, was zu hoffen ist, muss sich an der Wahrheit messen lassen. An der Wahrheit, die verlässliche Schritte erlaubt, die festen Grund bietet. Die tragfähig und belastbar ist. Mit der Wahrheit hat Paulus sicher das vor Augen, dass er den gekreuzigten und auferstanden Jesus Christus als die Wahrheit Gottes bezeugt, mit der wir leben und sterben können.

          Bewegend wiederholt Paulus sein Ziel für den anstehenden Besuches  – die Erneuerung der Korinther. κατρτισις – in diesem Wort steckt unser Wort Katharsis, Erneuerung. Vollkommenheit, wie die Luther-Übersetzung sagt, weist in die falsche Richtung. Es geht um eine Erneuerung. Paulus weiß, dass er das nicht erzwingen kann, auch nicht befehlen, nicht anordnen. Aber er kann sie erbitten – von Gott. Und wenn er dieses Bitten vor Gott den Korinthern schreibt, dann hofft er, dass aus dem Wissen, dass Paulus so für sie betet, bei ihnen Schritte auf einem Weg der Erneuerung erwachsen.

           Es gibt keinen Zweifel: Paulus hofft bei dem anstehenden Besuch auf Versöhnung, auf Umkehr, auf einen neuen Anfang. Er will nicht Richter sein müssen. Er möchte sein können, was er schon ganz am Anfang in Korinth war: einer, der die Gemeinde baut.  Das ist ja die Vollmacht, ξουσα, die der Herr ihm gegeben und anvertraut hat: οἰκοδομή – Gemeinde bauen.

Schaffe in mir Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist. Erforsche mich Gott und prüfe mich.

Sieh mein verzagtes Herz, mein verwirrtes Gewissen, meinen kleinen Glauben, meine sehnsüchtigen Hoffnungen.

Sieh mich an, wie ich manchmal verzweifelt dem neuen Tag entgegen warte, mich fürchte vor Nachrichten, Anrufen, Briefen.

Sieh mich an, wie ich schwer trage an den Lasten, die das Leben mir auferlegt, die ich selbst festhalte, weil mein Vertrauen so klein ist.

Sieh mich an mit meinen leeren Händen, mit meinen müden Armen, mit meinen wankenden Schritten und erbarme Dich.

Prüfe mein Herz und erfahre wie ich es meine und leite mich auf  Deinen Wegen, die Ewigkeit in das Leben hinein strömen lassen. Amen

 11 Zuletzt, liebe Brüder, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. 12 Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen. 13 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

               Ist dieses Segenswort am Schluss frommer Schmus, nicht ernst gemeint, ein bisschen „Schwamm drüber“? Oder ist dieser Segen am Ende doch das eine Wort, das alle anderen Worte vorher, auch die harten und harschen, trägt und möglich macht? Nur weil Paulus ja trotz allem glaubt, das Christus in der Gemeinde am Werk ist, kann er so schreiben. Nur weil Paulus glaubt, dass es mit den Korinthern auch anders gehen kann als n der schmerzlichen Vergangenheit, kann er so an ihnen festhalten, sie mahnen, sie rufen, sie herausfordern. Nur weil er will, dass sie stark werden am inneren Menschen, kann er so mit ihren Schwächen ringen. Sie sollen es wissen, dass alle harten Worte auf ihre Besserung, auf ihr Heil zielen. Sie sollen wissen: Wir sind, auch unter aller Kritik, Gottes gelebte Kinder. Und das sollen sie auch in ihrem eigenen Miteinander spüren – darum der heilige Kuss. Darum Haltet Frieden, habt, einerlei Sinn. Die Gemeinschaft der Christen ist ein Element der Glaubens-Stärkung, für das wachsen im Glauben. Wo Gemeinschaft κοινωνία, Koinonia ist, da ist die Erfahrung, dass Christus gegenwärtig ist durch seinen Geist und versöhnt und segnet. Der Segen ist versöhnlich und er stiftet Versöhnung.

 

Herr Jesus, Dein Segen deckt nichts zu, kehrt nichts unter den Teppich, lässt nicht fünf gerade sein.

Aber Dein Segen öffnet Wege trotz unserer Art, gibt Hoffnung gegen alle Resignation, sagt uns Deine Gegenwart in unser Verschlossen-sein hinein zu.

Lass uns gehen in Deinem Segen. Amen