Versöhnt – mit den eigenen Grenzen

  1. Korinther 12, 1 – 10

 1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.

             Noch einmal:  Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt. Es bringt doch niemand wirklich weiter, wenn man sich die Himmelserfahrungen gegenseitig erzählt und sich gegenseitig übertrumpft.  Aber wenn er denn so gezwungen wird durch das Reden der anderen, dann will er doch, widerstrebend darauf kommen – auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. Das ist sein Signal: Es sind Worte, die ihm aufgenötigt werden.

 2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. 3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, 4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. 6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.

             Paulus redet von sich und distanziert sich doch zugleich auch, indem er uneigentlich von sich redet. Als würde er eine fremde Erfahrung von einem anderen Menschen erzählen. „Paulus zeigt darin nicht nur bescheidene Zurückhaltung, sondern darüber hinaus eine klare Distanzierung von dem erzählten Vorgang.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 7,51 -13,13, EKK VIII/2,  Neukirchen 2015, S. 284)Nicht, weil er ihn leugnen würde. Wohl aber, weil er einer Verzweckung widerstehen möchte, die mit solchen Erfahrungen argumentiert und die eigen Person ins rechte Licht zu rücken bemüht ist. Es „sind ekstatische Erlebnisse, die nur für ihn persönlich von Bedeutung sind.“ (H.D. Wendland, Die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.244) Sie haben nichts in der Gemeinde zu suchen, sie eignen sich nicht als Argumente für den Glauben.

                Das gibt es wirklich: Erfahrungen, die abheben lassen. Das gibt es wirklich, nicht alltäglich, aber ab und zu, im Abstand von 14 Jahren oder mehr – den Augenblick, wo der Himmel offen steht.  Das gibt es wirklich, dass sich auf einmal eine Tiefe, eine Herrlichkeit zeigt, für die die Worte fehlen, die aber gleichwohl tief in die eigene Seele fällt. Es gibt die kostbaren Momente – im Gottesdienst, im Konzert, vor einem Bild, im Gespräch, auf einem Berg, bei einer Fahrt mit dem Auto,  an einem Krankenbett, in denen die Ewigkeit in das eigene kleine Leben hinein aufleuchtet, so dass alles klar und gut ist.

            Wer das erlebt hat, der ist in seiner Seele heil und verwundet zugleich. Heil, weil es von Stund´ an unauslöschlich feststeht: Das kommt. Das, was ich da erfahren, geschmeckt habe, ist das große Ziel meines Lebens. Und verwundet, weil er ja noch hier ist, weil er ja noch aushalten muss mit alle dem, was diese großen Bilder in der eigenen Seele in Frage stellt. Davon weiß Paulus ja nun doch zu reden, wenn er schon von den großen, erhabenen, kostbaren Momenten eher nur schweigen kann, weil sie so unsagbar schön waren. 

7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe

             „Die Bäume wachsen nicht in den Himmel“, sagt das Sprichwort. Paulus sieht und erfährt allen möglichen eigenen geistlichen Hochmut begrenzt durch die eigene Grenzerfahrung, den eigenen Schmerz. Warum sagt Paulus nicht schlicht: ich leide, sondern mir ist gegeben? Eine Möglichkeit ist, dass er hinter diesem Schmerz, den er zu tragen hat, trotz seiner Worte nicht  einfach nur des Satans Engel,“ sieht. „Klar dürfte sein, dass es um ein von Gott bewirktes Geschehen geht. Auch wenn im Folgenden von einem Satansengel die Rede ist, muss dieser im Dienst Gottes stehen.“ (T. Schmeller, AaO.; S.305) Für einen Satan, der sein eigenes Ding an Paulus durchsetzen kann, ist im Denken des Paulus kein Platz. Was ihm widerfährt, hat seine Letzt-Ursache in Gott. Dennoch kommt Paulus nie auf die Idee, Gott darüber anzuklagen.

        Was das wohl war, der Pfahl im Fleisch, rätseln wir bis heute. Entscheidend für ein Verstehen ist, wie wir das Wort σκλοψ,  Skolops, übersetzen. Es kann Stachel heißen, Dorn, aber auch spitzer Pfahl. „Skolops wird im Griechischen wechselweise mit „stauros“(Kreuz) für den Pfahl gebraucht, an den ein Verurteilter angenagelt wird“ (W. de Boor, Der zweite Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S.234) So zum Beispiel von Celsus, einem der erbittertsten Kritiker der jungen Christengemeinde, allerdings erst um 177/80, also über 120 Jahre nach den Brief des Paulus. Immerhin: Man könnte den Satz dann einfach so lesen: Auch ich habe mein mir von Gott auferlegtes Kreuz zu tragen.

      Die Mehrzahl der Ausleger aber vermutet hinter der Wendung den Hinweis auf eine Krankheit des Paulus. „Für eine genaue Bezeichnung der Krankheit reichen die Angaben nicht aus. Es lässt sich nur erkennen, dass sie für andere wahrnehmbar war.“ (T. Schmeller, aaO.; S.307) Für Paulus ist sie offenkundig ausgesprochen schmerzhaft. Also: es ist Spekulation, hier über epileptischen Anfälle oder Augenleiden nachzudenken. Wir wissen es nicht.

             Was wir heute wissen: Es gibt so vieles, das schwer zu tragen ist, das Leben eng macht, schwer im Magen und auf der Seele liegt. Körperliche Leiden, die zu seelischen Leiden führen. Seelische Leiden, die den Körper in Mitleidenschaft ziehen. Psychosomatische Erkrankungen. Die Frage „nach der Henne und dem Ei“, was zuerst und ursächlich ist, ist dabei manchmal hilfreich, meistens aber eher zweitrangig. Es gibt so vieles, das den eigenen Glauben anficht, nach Gott schreien lässt, das auch an hellen Tagen wie ein Grauschleier über dem eigenen Sehen auf das Leben liegen kann. Das alles höre und lese ich mit in diesem Wort vom  Pfahl im Fleisch des Paulus. Und verstehe nur zu gut, dass diese Erfahrung alle seelischen Höhenflüge unterbindet, alles Abheben unterläuft.

. 8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. 9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. 10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

            Das hat Paulus schwer zugesetzt, dass sein Körper ihm Grenzen setzt und er erlebt: Wenn der Körper versagt, dann verzagt auch oft genug die Seele. Wie soll ich mit diesem armseligen Leib bis nach Spanien, nach Finis Terre, bis ans Ende der Erde kommen? Das ist  doch von Gott her sein Ziel!

            Darum hat Paulus gerungen, gebettelt und gebetet. Dreimal hat er gefleht, aus dem Zwiespalt der eigenen Person herauszukommen: „Das Gute, das ich will tue ich nicht, aber das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“(Römer 7,19) Warum nur gibt es diesen so grässlichen Widerspruch – hier die geistlichen Höhenflüge in den Himmel und da die Bruchlandungen auf der Erde? Ich bin nicht so Herr meiner selbst, wie ich es gern wäre. Nicht in meinem Körper und nicht in meiner Seele. Paulus hat gewusst: Wenn ich schon meinem Körper nicht gebieten kann – diesen Zwiespalt in mir bewältige ich nicht aus meiner seelischen Kraft  – deshalb hält er sich betend Christus hin.

            Paulus hat nicht in einen stummen Himmel hinein gebetet. Er ist nicht ohne Antwort geblieben. Sondern: Der Herr hat geantwortet! Der Herr hat zu mir gesagt: Damit dürfen Christen, nicht nur Paulus, also auch rechnen: Wenn wir Gott unser Herz ausschütten, wird er antworten. Vielleicht nicht als Himmelstimme. Vielleicht auch nicht als Engelsbotschaft. Aber so, dass es weitergehen kann.

               „Meine Gnade ist alles, was du brauchst.“ – „Meine Gnade genügt dir.“ – das ist der erste Satz. Und der zweite: Meine Kraft ist in Schwachen stark (oder „mächtig“). Wobei im Griechischen nicht steht: meine Kraft, sondern einfach nur δναμις, die Kraft. Auch bei dem Wort mächtig ist es gut, genau hinzusehen, weil mächtig oder stark so statisch wirken, wie ein Zustand. Das griechische τελεται ist dynamischer. Es bedeutet „vollbracht werden, in Erfüllung gehen.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.733) Man könnte also auch übersetzen: „Die Kraft wird in Schwachheit vollendet.“

               Ich halte es für wichtig, sorgfältig zu hören, zu lesen und zu bedenken. „Die Kraft wird in Schwachheit vollendet.“ ist zuallererst ein Satz, mit dem der erhöhte Christus seinen eigenen Weg beschreibt. Er ist – so sagt es ja auch das Johannes-Evangelium in der Erhöhung ans Kreuz ans Ziel gekommen. Er ruft – wieder nach dem Johannes-Evangelium am Kreuz das Wort, das so nahe an dem τελεῖται ist, das Paulus zu hören bekommt: Τετλεσται, „Es ist vollbracht.“ (Johannes 19,30)

        Danach gilt als Zweites: Es ist zunächst und zuerst ausschließlich ein Wort an Paulus. Er wird mit dem Wort, das an ihn gerichtet ist, direkt neben Christus gestellt. Wie an Christus, kommt auch an Paulus die Kraft in Schwachheit an ihr Ziel. Nicht in Macht und Stärke. Nicht in Glanz und Gloria.  Darum gilt für Paulus: Sieh nicht auf dich und deine Unvollkommenheit. Sieh nicht auf die Wunden Deiner Vergangenheit. Sieh nicht auf dich und deine Defizite. Sieh auf Gottes Gnade – sie unterfängt alles,  was dir zu schaffen macht und genauso, was dir gelingt.

         Christus will, dass sich Paulus versöhnt mit seinem Leib, mit seinem Gebrechen, mit seiner Unvollkommenheit. Im Kampf gegen mich kann ich nur verlieren – auch im Kampf gegen meine Unvollkommenheiten und Gebrechen. Aber in dem ich mich versöhne, indem ich es annehme: so bin ich und das ist der Weg Gottes mit mir – da wird der Weg nach vorne frei in eine neue, veränderte Zukunft.

            Ich leihe mir wieder einmal die Worte eines anderen: „Auf einer Bierwiese in Kärnten hatten wir uns länger unterhalten: ein österreichischer Offizier und ich. Plötzlich fragte er: Hochwürden, wie werden Sie damit fertig (und bei „damit“ nickte er in Richtung meiner Rollstuhl-Räder)? Ich überlege kurz, wie ich so antworten könne dass mein Satz sowohl der Wahrheit entspricht als auch unseren Bier-Konsum in Rechnung stellt. Ich sage: Als Christ versuche ich mir täglich neu klarzumachen: Gott will, dass dieses Leben (und diesmal nicke ich in Richtung der Räder meines Rollstuhls) mein Leben ist. Auch die Antwort meines Gegenübers war schlicht und auf Anhieb verstehbar: A na, der will jo monches, abba dös willa nich!“ (U. Bach, Ohne die Schwächsten ist die Kirche nicht ganz, Neukirchen 2006, S. 53) Ulrich Bach ist seit seinem 21. Lebensjahr durch Kinderlähmung an den Rollstuhl verwiesen.

            Erst wenn wir gehört haben: ein Wort an Paulus, dürfen wir auch übertragen auf uns. Können wir die Aufforderung zu einem Blickwechsel für uns fruchtbar werden lassen. Immer in dem Wissen, dass das Wort „kein allgemeines theologisches Prinzip enthält“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 7,51 -13,13, EKK VIII/2,  Neukirchen 2015, S.316) und schon gar nicht zu einem für alle gültigen Apell zur Genügsamkeit umgeformt werden darf.  Aber es kann mir zur persönlich angenommen Wegweisung und zum persönlich gehörten Zuspruch werden.

          So, nach diesem langen Anlauf, höre ich – vielleicht und ganz leise – Jesus sagen: „Meine Gnade reicht bis dahin, wo du mit dir nicht zurechtkommst. Sie reicht bis dahin, wo du manchmal vor dir selbst weglaufen möchtest. Sie reicht in dein Verzagen und Versagen. Sie reicht auch für deinen kleinen und großen Siege. Meine Gnade reicht – weiter als dein kurzer Arm und weiter als deine hoch-fliegenden Gedanken.“

           So also kann ich in einer erweiterten Folge dieses Wortes lernen – für mich : nicht auf sich selbst schauen, nicht auf sich selbst vertrauen. < Das ist kein Satz gegen ein gesundes Selbstvertrauen!> Nicht selbst-verliebt und deshalb oft genug auch selbst-verzweifelt sein. Sondern den Blick immer wieder auf ihn, auf Jesus Christus lenken, an dem unsere Seele gesunden kann und der uns an seiner Stärke Anteil schenken will.

          Es ist ein geistlicher Rat, ein geistlicher Zuspruch, keine Regel für alle. Im Lied redet Jochen Klepper nicht zu anderen – er redet zuerst zu sich selbst:

Sieh nicht mehr an, was du auch seist. Du bist dir schon entnommen.                           Nichts fehlt dir jetzt, als dass du weißt: Gott selber ist gekommen!                          Und er heißt Wunderbar, Rat, Kraft, ein Fürst, der ewgen Frieden schafft.                   Dem Anblick deiner Sünden will er dich selbst entwinden.                                                             J. Klepper 1903 – 1942, EG 539 Württemberg

         Es kann sich begeben, dass ich diese Worte des Dichters wie die Worte Jesu an Paulus als Worte hören lerne, die mir den Weg weisen, die mich trösten und ermutigen und mir den Rücken stärken.

 

Gott, Das kenne ich tief in mir  – in meinem Denken, meinem Fühlen: die Träume von Höhenflügen, vom Weg  nach oben  – unbelastet und leicht, voll Weite und Glück, lächelnd und erlöst.

Aber ich bin  unten, zerbrechlich, trage schwer, kenne das Versagen, die Angst, das Verzagen.

Gott, was hat das Leben aus mir gemacht? Gott, was hast du aus mir werden lassen? Manchmal weiß ich nicht wie weiter.

Gott, Dir halte ich mich hin. Komm in meine Angst, meine Niederlagen, mein Verzagen.

Halte aus mit mir, damit ich aushalten kann, damit Deine Stärke  mich trägt  – bis ans Ziel. Amen