Eine absurde Erfolgsliste

  1. Korinther 11, 16 – 33

16 Ich sage abermals: Niemand halte mich für töricht; wenn aber doch, so nehmt mich an als einen Törichten, damit auch ich mich ein wenig rühme. 17 Was ich jetzt rede, das rede ich nicht dem Herrn gemäß, sondern wie in Torheit, weil wir so ins Rühmen gekommen sind. 18 Da viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen.

            Was jetzt kommen wird, ist uneigentliche Rede. Aufgezwungen, weil die Korinther nicht anders zu beeindrucken und beeinflussen sind. Es ist ein Reden, in dem so häufig „ich“ gesagt werden wird, wie es Paulus überhaupt nicht gefällt. „Er ist kein Tor; aber wenn die Korinther ihn doch dafür halten, dann sollen sie auch seine Narrenrede ertragen.“ (H.D. Wendland, Die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.239) Sein Reden im Unverstand – so wieder ἀφροσύνη. Dabei weiß Paulus doch: Er ist doch nicht das Thema seiner Verkündigung, sondern Christus. Und es läuft etwas schief, wenn mehr vom Verkündiger und seiner Person gesprochen wird als von Christus und seiner Tat für uns.

19 Denn ihr ertragt gerne die Narren, ihr, die ihr klug seid! 20 Ihr ertragt es, wenn euch jemand knechtet, wenn euch jemand ausnützt, wenn euch jemand gefangen nimmt, wenn euch jemand erniedrigt, wenn euch jemand ins Gesicht schlägt. 1 Zu meiner Schande muss ich sagen, dazu waren wir zu schwach!

            Die Gemeinde in Korinth liebt den großen Auftritt. Sie liebt die Prediger, deren Predigen sie klein macht, knechtet, erniedrigt, ausnützt. Sie liebt die  wortgewaltigen, imponierenden Prediger. Sie liebt Prediger, die von unglaublichen Erfahrungen zu erzählen wissen: Von Himmelsreisen von Entrückungen und Verzückungen. Sie liebt Prediger, die von Dingen reden, die sie als Gemeinde noch nie gehört haben. Wenn es nur wortgewaltig ist, muss es nicht mehr verständlich und realitätsnah sein. 

            Es ist ein harter Vorwurf an die Korinther: Dass sie sich gerne denen unterwerfen, die sie beanspruchen, die sie die fordern, die ihnen Lasten auferlegen. Aber – es ist eine Erfahrung, weit über Paulus hinaus: Wer von seiner Gemeinde viel fordert, wer sie zum Tun anstachelt, ihre hohe Aufgaben stellt, große Anstrengungen verlangt, der wird häufig gut ankommen. Er kommt ja dem entgegen, dass wir eher Täter sein möchten als Opfer, eher aktiv als passiv, eher selbst unseres Glückes Schmied als angewiesen auf das Geschenk. Das Evangelium der Gnade ist auch deshalb für manchen schwierig, weil es nicht Tatkraft verlangt, sondern Hingabe und die Bereitschaft zu empfangen – mit leeren Händen. Das ist bis heute eine schwierige Botschaft.

 Wo einer kühn ist – ich rede in Torheit -, da bin ich auch kühn. 22 Sie sind Hebräer – ich auch! Sie sind Israeliten – ich auch! Sie sind Abrahams Kinder – ich auch! 23 Sie sind Diener Christi – ich rede töricht: ich bin’s weit mehr! Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen.

             Von wem redet Paulus hier? Mit wem vergleicht er sich? Es scheint, als würde er sich von Leuten abgrenzen, die aus dem Judentum kommen – die sich darauf berufen, dass sie Hebräer sind, Abrahams Kinder. Aber gleichzeitig sagen sie von sich selbst: Diener Christi. Und Paulus, einmal auf der schiefen Bahn des Vergleichens sagt, in Torheit, wie er selbst sich eingesteht: „Wenn sie unbedingt nur auf Imponiergehabe und Selbstruhm reagieren, bitte, so will ich es auch tun.“ (W.Schenk, Gemeinde im Lernprozess, Die beiden Korintherbriefe, Bibelauslegung für die Praxis 22, Stuttgart 1979; S.146) In allem bin ich mehr, in allem, was sie für sich anführen, übertreffe ich sie.

24 Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; 25 ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. 26 Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; 27 in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; 28 und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden.

            Eine absurde Erfolgsliste. Das sind die Meriten, die sich einer einhandelt, wenn er für Christus unterwegs ist. Das sind die Auszeichnungen eines Apostels. Paulus hat sich nichts davon ausgesucht. Er hat es nicht darauf angelegt. Es ist ihm widerfahren. Aber in diesem Widerfahrnis war er ganz in der Nähe seines Herrn, der ausgeliefert wurde, geschlagen, verspottet und schließlich gekreuzigt.

               Es ist eine seltsame Beglaubigung für Paulus, die er hier vorführt: Wer das alles in Kauf nimmt, der steht wirklich mit dem eigenen Leben für seine Botschaft ein. Oder muss man noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Das ist ein Teil seiner Botschaft. „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. (Markus 8, 34-35).Was in den synoptischen Evangelien als Wort Jesu überliefert ist, das wird im Leben des Paulus Wirklichkeit. Wer zu Jesus gehört, ist dem Sturm ausgesetzt. Darum sprechen diese Niederlagen und Bedrängnisse auch nicht gegen das Evangelium des Paulus, sondern sie bestätigen es geradezu.

            Es ist auch heute so: Die Welt ist ein gefährlicher Ort. Und die Gefahren in der Welt treffen alle – auch Christen sind nicht aus dem Gefahrenbereich der Welt herausgenommen und in einen sicheren Winkel entrückt. Geschützt durch die Engel Gottes, bewahrt vor allen Unbilden des Lebens. Es ist eine Illusion, die sich auch an dem Psalmwort nährt, dass mir häufig wie eine Garantie-Erklärung Gottes verstanden vorkommt:

Es wird dir kein Übel begegnen,                                                                                            und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.                                                                Denn er hat seinen Engeln befohlen,                                                                                    dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,                                                                  dass sie dich auf den Händen tragen                                                                                  und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.          Psalm 91, 10 – 12

            So verständlich das als Wunsch ist, häufig ausgesprochen über Täuflingen, ist doch keine Garantie gegen Gefahren: Es ist eine Zusage der Bewahrung in Gefahren, aber nicht vor Gefahren. Wir in unserer relativ sicheren Weltgegend können noch glauben, dass die Gefahrenlage der Welt uns nicht als Christen trifft. Allenfalls als Unglücksfälle. In anderen Gegenden der Welt kennen Christen auch in diesen Jahren si h anders mit den Worten des Paulus aus. Sie wissen um Verfolgung, Feindschaft, um Bedrohung, einfach deshalb, weil sie Christen sind.

            Die Christen in der Millionenstadt Mossul wurde per Flugblatt ein Ultimatum gestellt: „Flieht, ohne Gepäck, nur mit der Kleidung am Leib oder ihr hat drei Möglichkeiten: Konversion zum Islam, Sondersteuer, Exekution durch das Schwert.“ Die Häuser noch verbliebener Christen wurden mit dem arabischen Schriftzeichen „N“ gekennzeichnet, das für „Nazarener“ steht – eine im Arabischen abfällige Bezeichnung für Christ.“ (K-U.Scholz, Ein Stephan namens Mohammad, Magazin Andere Zeiten 3/2016, S.22)

            Paulus führt diese seltsame Erfolgsliste vor, um es den Korinthern vor Augen zu stellen: „Wenn Gott sich in Jesus Christus offenbart hat, der zur Kreuzigung verworfen wurde, wie wollt ihr dann ein verwerfungsfreies Christusbild haben?“ (W.Schenk, ebda.) Er führt ihnen also die Widersprüchlichkeit ihres Denkens vor

29 Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht, und ich brenne nicht? 30 Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen. 31 Gott, der Vater des Herrn Jesus, der gelobt sei in Ewigkeit, weiß, dass ich nicht lüge.

            Das stellt er der Suche nach Größe, nach Erfolg, nach einen glanzvollen Glauben entgegen: seine Solidarität mit den Armen, den Gefallenen, denen, die ins Stolpern geraten und unter die Räder zu kommen drohen. Für sie brennt er, bei ihnen will er zu finden sein. Mit dieser Solidarität löst er ein, was er früher schon nach Korinth geschrieben hatte: „wenn “ein” Glied leidet, so leiden alle Glieder mit.“(1. Korinther 12,26) 

            Wenn also gerühmt werden soll, dann der Schwachheit, der Niederlagen. So will Paulus seine Erfolgsliste verstanden wissen: „als eine lange Liste von großen und kleinen Niederlagen und Misserfolgen. (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 7,51 -13,13, EKK VIII/2,  Neukirchen 2015, S.263f.) Er ist in seinem Leiden nicht gottverlassen, so dass es gegen ihn sprechen könnte, eine fehlende Vollmacht zeigen könnte. Sondern in diesen Leiden, so weiß Paulus, ist er in Gott, dem Vater des Herrn Jesus aufgehoben.

 32 In Damaskus bewachte der Statthalter des Königs Aretas die Stadt der Damaszener und wollte mich gefangen nehmen, 33 und ich wurde in einem Korb durch ein Fenster die Mauer hinuntergelassen und entrann seinen Händen.

             Es wirkt wie ein Nachtrag, ein Einfall, der ihm beim Schreiben kommt. Ach ja, in Damaskus, schon gleich am Anfang seines Weges mit Christus, war es auch eng. Als wäre dieses Entkommen eine Weichenstellung für den späteren Weg.

 

Herr, darauf kommen wir nicht so schnell, dass wir unsere Niederlagen, Demütigungen, Pleiten, unsere Schmerzen als Ehrenzeichen sehen.

Und doch hast Du es ja gesagt: Wer mir nachfolgt, wird meine Wege teilen – und die schließen das alles ein. In den Augen der Welt sind es Sackgassen des Lebens, weit entfernt von aller Lebensfreude

Herr, öffne mir die Augen, dass ich Dich sehe in den Tiefen und Untiefen meines Lebens. Da hast Du mich geformt in Deiner Gnade. Amen