Teilen ohne Angst

  1. Korinther 9, 1 – 15

1 Von dem Dienst, der für die Heiligen geschieht, brauche ich euch nicht zu schreiben. 2 Denn ich weiß von eurem guten Willen, den ich an euch rühme bei denen aus Mazedonien, wenn ich sage: Achaja ist schon voriges Jahr bereit gewesen! Und euer Beispiel hat die meisten angespornt.

             Noch einmal: Die Gemeinde in Korinth weiß schon Bescheid. Es ist kein neues Projekt, das jetzt mühsam vorgestellt werden muss. Darum ist Schreiben in dieser Sache im Grunde überflüssig – so wörtlich περισσν. Im Gegenteil: Paulus kann anknüpfen an den guten Vorerfahrungen mit der Zustimmung der Korinther. Sie haben schon vor einem Jahr entsprechend ihr Wollen festgelegt. Sie haben dadurch andere zum Mitmachen animiert – und werden jetzt selbst zur Treue gegen ihre ersten Schritte aufgerufen.

            Wenn er aber nun doch schreibt, so ist das darin begründet, „dass die Sammlung in Korinth unter all den Spannungen und Nöten ins Stocken geraten oder überhaupt noch nicht ernsthaft in Angriff genommen“ (W. de Boor, Der zweite Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S.189) ist. Es droht also peinlich zu werden und der Brief hat, wie nebenbei, die Aufgabe, eine Blamage zu verhindern, weil die Gemeinde noch nicht so weit ist, Geld übergeben zu können.

  3 Ich habe aber die Brüder gesandt, damit nicht unser Rühmen über euch zunichte werde in diesem Stück und damit ihr vorbereitet seid, wie ich von euch gesagt habe, 4 dass nicht, wenn die aus Mazedonien mit mir kommen und euch nicht vorbereitet finden, wir, um nicht zu sagen: ihr, zuschanden werden mit dieser unsrer Zuversicht. 5 So habe ich es nun für nötig angesehen, die Brüder zu ermahnen, dass sie voran zögen zu euch, um die von euch angekündigte Segensgabe vorher fertig zu machen, sodass sie bereitliegt als eine Gabe des Segens und nicht des Geizes.

               Darum schickt Paulus seine Gefährten voraus. Sie sollen in der Gemeinde für die Kollekte werben, an sie erinnern. Sie sollen dazu helfen, dass keine Peinlichkeiten entstehen – nicht für sie selbst und nicht für Paulus, der mit ihrem Engagement Werbung für die Kollekte gemacht hat. Dem also dient diese Sendung der Brüder um Titus: „Die Realität muss in Übereinstimmung gebracht werden mit dem Bild, das Paulus zur Zeit der Abfassung des Briefes in Makedonien von den Korinthern zeichnet.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 7,51 -13,13, EKK VIII/2,  Neukirchen 2015, S. 83) Was wäre das für eine Katastrophe – die Makedonier kommen und erfahren: da ist in Sachen Kollekte noch nichts passiert.

          Es ist ein Gebot der Klugheit, gute Vorbereitungen zu treffen, rechtzeitig anzufangen, erst recht, wenn es um ein ehrgeiziges Projekt geht. Und ehrgeizig ist diese Kollekte für die Armen in Jerusalem. Wer unvorbereitet ist, wird leicht unsicher und ist, wenn etwas von ihm gefordert wird, überfordert und reagiert dann auch genervt oder abweisend. Es ist eine schlichte Erfahrung: rechtzeitig angekündigte und klug vorbereitete Aktivitäten sind leichter zu stemmen als adhoc erfundene Schritte.Das gilt auch und erst recht für das Sammeln von Geld.   

6 Ich meine aber dies: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. 7 Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.

            Hier zeigt sich eine großartige Freiheit. Paulus hat keine Angst, den Korinthern auf den Leib zu rücken und sie um ein Opfer zu bitten. Auch wenn die Leute in der Gemeinde vielleicht nicht alle ganz arm waren, so waren sie doch wohl auch nicht alle reich begütert. Darum bittet Paulus um die Gabe, aber er lässt den Gebetenen Freiheit. Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat. Er limitiert die Gabe nicht, weder nach oben noch nach unten: wenigstens…. Das könnte ja nur eine Überflussgesellschaft der Reichen. Paulus will sicher eine hohe Kollekte, aber er will sie auch mit kleinsten Gaben. Und er will, dass sie freiwillig gegeben wird. „Es geht um eine wirklich selbstgewählte Beteiligung an der Kollekte.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 7,51 -13,13, EKK VIII/2,  Neukirchen 2015, S.92) 

               Paulus erinnert hier an ein Grundgesetz: Nur da gibt es reiche Ernte, wo man vorher auch reich gesät hat. Im Segen – das meint hier: reichlich! Das ist an einem Säemann zu sehen: wenn er sät, so wirft er den Samen mit vollen Händen im großen Bogen. Wer sein Saatgut in der Hand behalten will, wer es nicht der Erde anvertraut, der wird nichts oder nur kärglich ernten.

            Hinter dem weisheitlich anmutenden Wort steht das Wissen: Wer nur an sich denkt, ist am Ende allein. So wie der reiche Kornbauer. Inmitten von totem Kram und großen Gebäude allein. Wer großzügig schenken und weitergeben kann, der wird nicht einsam sein. Die geöffneten Hände machen offene Herzen.

            Ein Wort Jesu lässt sich im Hintergrund mithören: „Wer sein Leben für sich behalten will, der verliert es.“Markus 8,35) Es zerrinnt ihm  unter den Fingern. Aber wer sein Leben loslässt – in der Hingabe an Gott und in der Zuwendung zu den Menschen, der gewinnt Leben in Fülle. Wer säen will, muss loslassen, der Erde anvertrauen, auf Regen und Sonne hoffen, auf Wind und Wetter. Wer Leben säen will, auch der muss loslassen.

8 Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk;

            Das ist unser Trauwort. Seit über vierzig Jahren leben wir mit diesem Wort, diesem Versprechen. Wir haben Gottes Segen reich und reichlich erfahren. Wir sind so oft beschenkt worden – mit unseren Kindern, den Enkeln, mit wunderbaren Tagen, mit reichem Auskommen und großem Glück. Wir haben so viel empfangen durch diese Jahre hin. Was wiegt dagegen der Kummer, den wir auch erfahren haben und an dem wir manchmal schwer tragen.

            Gott aber kann. Das ist das Gegengewicht gegen unsere Ratlosigkeiten, gegen unser Verzagen, gegen unsere Kraftlosigkeiten. Oft genug ist es uns so ergangen, dass wir mit unserem Latein am Ende waren, nicht weiterwussten. Dass die Situationen uns keinen Ausweg sehen ließen und das Verzagen nach unserem Herzen greifen wollte. Es hat tiefe Täler der Angst gegeben und wir haben oft nicht gewusst, wie es weiter gehen soll, wie wir innerlich und äußerlich zurechtkommen. Aber immer war da diese Verheißung: Gott aber kann. Nicht wir – Gott. Bis auf den Tag heute ist das für mich die große Entlastung und eine Entlassung aus allen Allmachtsphantasien, die vorgaukeln: Du, du musst die Welt retten.

            ατρκεια – Autarkie. Volle Genüge in allem – schreibt Paulus. Und meint doch nicht das, was wir unter Autarkie allzu leicht hören: Selbstgenügsamkeit. So viel haben, dass man von nichts und niemand mehr abhängig ist. Das staatliche Streben nach Autarkie hat – geschichtlich  betrachtet -zu Kolonialismus und Kriegen geführt. Wenn Paulus Autarkie, Genüge sagt, meint er genau das Gegenteil: So viel haben, dass es geradezu widersinnig ist, es alles für sich behalten zu wollen und nicht zu teilen. Das Ziel der Autarkie ist nach Paulus eben nicht irgendwie Selbstgenügsamkeit auf der Insel der Seligen, sondern die Befähigung zu teilen. Autarkie auf christlich ist: Ich kann teilen.

            Mir stellt sich eine mich manchmal bedrängende Frage: Haben wir den reichen Segen Gottes auch ordentlich weiter gegeben? Haben wir nicht für uns behalten, was doch nur geliehen war? Das ist ja das Ziel der Geschenke Gottes, dass sie unter die Leute kommen, dass sie sich im Weitergeben mehren und Glück und Freude spenden.

9 wie geschrieben steht (Psalm 112,9): »Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.«

            Das ist mehr als ein Augenblickseindruck. Das ist Erfahrung, die sich auf das Gotteswort stützen kann, die mit der Treue Gottes rechnen darf. Gott gibt den Armen –  genug zum Leben, genug zum Teilen. Die Gerechtigkeit Gottes bewährt sich in seiner Fürsorge für die Armen. Dazu braucht und will er uns haben, unser Geben und Teilen. Sein Geben und Austeilen geht durch unsere Hände.

Mein Gott, Du hast uns reichlich versorgt. Wir kennen keinen Mangel an irgendeinem Gut. Wir haben immer genug gehabt und auch Abgeben hat uns nicht arm werden lassen.

Mein Gott, führe Du uns in die Freiheit von unserem Besitz, dass wir haben, als hätten wir nicht, dass wir teilen ohne Angst, dass wir geben ohne Verdruss.

Du füllst die Hände gern, die durch das Teilen mit anderen leer geworden sind. Öffne uns  die Augen, dass wir sehen, wo wir helfen können und sollen. Amen

10 Der aber Samen gibt dem Säemann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. 11 So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Einfalt, die durch uns wirkt Danksagung an Gott.

             Gott gibt – und er gibt gern.  Auch euch. Es geht Paulus ja um eine Ermutigung der Korinther. So ist wohl zu verstehen, „dass Gott den Korinthern reichlich Mittel zum Spenden zur Verfügung stellen und statt des zu erwartenden Mangels für Fülle sorgen wird.“ (T. Schmeller, aaO.; S.97) Sie teilen also in ihrem Geben nur den Reichtum Gottes aus , nichts sonst.  Was Gott aber gibt, ist ein Geben auf Hoffnung hin. Nicht die fertigen Früchte sind seine Gaben, sondern der Samen.

         „Ein Mann betritt einen Laden. Hinter der Theke steht ein Engel. Hastig fragte er ihn: » Was verkaufen Sie hier?« Der Engel antwortete freundlich: »Alles, was Sie wollen.« Der Mann begann aufzuzählen: »Dann hätte ich gern das Ende aller Kriege in der Welt, bessere Bedingungen für die Randgruppen der Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika, Arbeit für die Arbeitslosen, mehr Gemeinschaft und Liebe in der Kirche, eine bessere Welt für alle, mehr Frieden, freundlichere Mitmenschen, eine gerechtere Verteilung der Güter dieser Welt, folgsamere Kinder, mehr Verständnis für Jugendliche bei den Erwachsenen, mehr Menschlichkeit und .. und …« Da fällt ihm der Engel ins Wort: »Entschuldigen Sie, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine reifen Früchte, wir verkaufen nur den Samen.«“

             Es ist eine Form von Beteiligung, die hier in den Blick rückt. Wer das fertige Werk gibt, macht die anderen zum „bloßen“ Empfänger. Wer den Samen gibt, macht den anderen zum Teilhaber an der eigenen Mühe, an der eigenen Hoffnung. So gibt Gott, dass er uns Anteil gibt an seiner Mühe.

  12 Denn der Dienst dieser Sammlung hilft nicht allein dem Mangel der Heiligen ab, sondern wirkt auch überschwänglich darin, dass viele Gott danken. 13 Denn für diesen treuen Dienst preisen sie Gott über eurem Gehorsam im Bekenntnis zum Evangelium Christi und über der Einfalt eurer Gemeinschaft mit ihnen und allen.

             Wer Geld gibt, löst mehr aus als die Dankbarkeit für das Geld. Wer Geld gibt, seine Gaben teilt, der weckt das Vertrauen auf die Großzügigkeit Gottes. Das ist ja das Merkwürdige: Hinter dem Geld wird die Bereitschaft sichtbar, nicht nur an sich selbst zu denken. Es gibt die Sorge um sich selbst. Es gibt aber auch die Fürsorge für andere. „Die Sorge um mein tägliches Brot ist eine materielle Frage. Die Sorge um das Brot meines Bruders ist eine geistliche Frage.“(N.Berdijajew zit nach EG, Ausgabe Bayern, S.821 )Diese Fürsorge ist ein schier unerschöpflicher Reichtum. Sie ist nicht zwanghaft. Sie ist nicht Pflicht. Sie nährt sich aus dem Geben Gottes und ahmt sein Geben im menschlichen Rahmen nach. Und sie lässt geistlich wachsen und reifen.

            Daraus erwächst die Dankbarkeit – für die Gaben, gegenüber den Gebern und vor allem gegen Gott. „Paulus scheint darin einen Ehrgeiz ganz besonderer Art zu entwickeln: dass möglichst viele Menschen Gott danken.“ (W.Schenk, Gemeinde im Lernprozess, Die beiden Korintherbriefe, Bibelauslegung für die Praxis 22, Stuttgart 1979; S.137) Es entsteht Lob Gottes aus dem bewussten Empfangen. Ich glaube, dass Paulus so darum ringt, dass das Lob aller am Ende der Zeiten jetzt schon von möglichst vielen eingeübt und angestimmt wird.

            Eine neue Sichtweise wird eingeübt. Hinter dem Geben sieht sie auch den Glauben und das Bekenntnis. Es ist ein „Bekenntnis- und Vertrauensakt“, anderen zu helfen mit den eigenen Mitteln, sich selbst mit den eigenen Bedürfnissen auch „ein Stück weit“ preiszugeben.              

  14 Und in ihrem Gebet für euch sehnen sie sich nach euch wegen der überschwänglichen Gnade Gottes bei euch. 15 Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!

             So entsteht Gemeinschaft in einer Tiefe – „die eine Gemeinde Jesu in der Welt, Juden und Griechen, verbunden in dem gleichen Glauben an Jesus und in der lebendigen Bruderschaft gegenseitiger Hilfe“ (W. de Boor, aaO.; S.194) – die weit über das Geld und die unmittelbare Not hinausgeht.

 

Herr Jesus, so viel habe ich empfangen. So viele haben Gutes in mich hinein gelegt, Hoffnungen, Ermutigungen, mich sorgend getragen.  So oft habe ich Dein Wort gehört

Was aus den vielen guten Samen geworden ist,  auch da hast Du Deine Hände im Spiel. Dass der Samen weiter Frucht trägt, das schenke Du. Dazu lass mich tun was ich kann. Amen