Geben und Teilen sind normal

  1. Korinther 8, 1 – 15

1 Wir tun euch aber kund, liebe Brüder, die Gnade Gottes, die in den Gemeinden Mazedoniens gegeben ist. 2 Denn ihre Freude war überschwänglich, als sie durch viel Bedrängnis bewährt wurden, und obwohl sie sehr arm sind, haben sie doch reichlich gegeben in aller Einfalt.

             Paulus leitet ein neues Thema ein. Gewichtig: Wir tun euch kund. Was kommen wird, ist keine Nebensächlichkeit. Es geht um die Gnade Gottes. χρις. Charis – von dem Wort leitet sich das Charisma, die Gnadengabe ab. Gnade ist eines der Hauptworte des Apostels, nicht nur in seinen Briefen nach Korinth. „Dieser Begriff trägt in den Kapiteln 8f unterschiedliche Bedeutungsnuancen. Immer jedoch verbindet er die Kollekte als Akt zwischen-menschlicher Solidarität mit dem Wirken Gottes.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 7,51 -13,13, EKK VIII/2,  Neukirchen 2015, S.45) 

             Hier steht die Gnade für die überraschende Freigiebigkeit der Makedonier, die so von Paulus nicht erwartet worden war. Weil er die Umstände kennt, unter den sie leben: Sie sind bedrängte Leute. Sie sind sehr arm. Aber diese Christen in Mazedonien haben es sich nicht nehmen lassen, in aller Einfalt für die Kollekte nach Jerusalem zu sammeln und zusammenzulegen.

            Diese Sammlung geht zurück auf das „Apostelkonzil in Jerusalem“ (Apostelgeschichte 15). Auf dieses Treffen führt Paulus seine Missionsarbeit unter den Heiden zurück, geschah es doch da, „dass Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir und Barnabas die rechte Hand gaben und wurden mit uns eins, dass wir unter den Heiden, sie aber unter den Juden predigen sollten, nur dass wir an die Armen dächten, was ich mich auch eifrig bemüht habe zu tun.“(Galater 2,9-10) Seitdem wirbt Paulus in allen seinen Gemeinden für die Sammlung zur Unterstützung der Gemeinde in Jerusalem. Mit Erfolg, wie sich in Mazedonien zeigt.

  3 Denn nach Kräften, das bezeuge ich, und sogar über ihre Kräfte haben sie willig gegeben  4 und haben uns mit vielem Zureden gebeten, dass sie mithelfen dürften an der Wohltat und der Gemeinschaft des Dienstes für die Heiligen; 5 und das nicht nur, wie wir hofften, sondern sie gaben sich selbst, zuerst dem Herrn und danach uns, nach dem Willen Gottes.

             „Die Initiative, sich an der Kollekte zu beteiligen, ging von den Makedoniern aus.“ (T. Schmeller, aaO.; S.47) Man darf Paulus sicher unterstellen, dass er das gerne betont, weil diese Freiwilligkeit der Armen in Mazedonien doch ein gutes Argument in dem sicherlich reicheren Korinth sein dürfte. In Mazedonien haben sie verstanden, dass es um mehr als um Geld geht, um die Hingabe an den Herrn. In ihrem Sich selbst Hingeben gleichen sie der arme Witwe, von der Jesus sagt: „Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“(Markus 12, 42-43) Wie diese Witwe haben die Mazedonier über ihre Kräfte hinaus willig gegeben. Durch dieses Geben fühlt sich auch Paulus reich beschenkt.

  6 So haben wir Titus zugeredet, dass er, wie er zuvor angefangen hatte, nun auch diese Wohltat unter euch vollends ausrichte.

             Es ist diese Erfahrung, die Paulus kühn macht, mit der Sendung des Titus die Sammlung, die der schon vorher angefangen hatte, jetzt zum Abschluss zu bringen.  So, dass es für alle Beteiligten eine Wohltat wird.  Für die Geber und für die Empfänger.

  7 Wie ihr aber in allen Stücken reich seid, im Glauben und im Wort und in der Erkenntnis und in allem Eifer und in der Liebe, die wir in euch erweckt haben, so gebt auch reichlich bei dieser Wohltat. 8 Nicht sage ich das als Befehl; sondern weil andere so eifrig sind, prüfe ich auch eure Liebe, ob sie rechter Art sei.

             Wird Paulus jetzt unverschämt? Oder nur freimütig? Jedenfalls nennt er Signalworte, von denen er weiß, dass sie in Korinth hoch im Kurs stehen: In Korinth sind sie stolz darauf dass sie in allen Stücken reich sind,  im Glauben und im Wort und in der Erkenntnis und in allem Eifer und in der Liebe. Paulus setzt darauf: Dieser Reichtum wird sich auch umsetzen in die Wohltat der Kollekte. Sie werden nicht geizen.

            „Paulus bleibt auch jetzt der, der die Freiheit der Gemeinde wahrt. Er weiß, dass die Liebe nicht zu kommandieren ist.“ (W. de Boor, Der zweite Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S. 179) Es ist aber auch schlichte Klugheit, hier nichts zu befehlen. Nirgendwo sind Menschen so empfindlich wie wenn ein anderer über ihren Geldbeutel zu verfügen beansprucht. Legendär, aber doch glaubwürdig bezeugt aus meinen Verwandtenkreis ist eine Kollektenansprache noch zu D-Mark-Zeiten, die nach hinten losgegangen ist: „5 Mark – das ist dem lieben Gott in die Hand geschissen.“ Nie war der Kollektenkasten leerer!

            Man darf nicht befehlen. Aber man kann vielleicht, wie der Apostel, durch die positiven Beispiele anderer zur Freigiebigkeit locken und reizen. Wobei die Formulierung: Ich prüfe auch eure Liebe, ob sie rechter Art sei,  schon einen nicht unbedenklichen moralische Beiklang hat, 

9 Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.

             Nach dem Beispiel der Mazedonier greift Paulus jetzt noch einmal nach dem höchsten Argument, das ihm überhaupt zur Verfügung steht – nach dem Beispiel und Vorbild unseres Herrn Jesus Christus.  Paulus führt die Menschenwerdung Jesu an. Er ist arm geworden, damit ihr durch seine Armut reich werdet. Es geht nicht um die Armut des Zimmermanns-Sohnes. Es geht um den Verzicht auf den himmlischen Reichtum. Alles, was er an Herrlichkeit hätte haben können, was sein Reichtum ist, was ihm gehört, gibt Jesus dran, damit sie in Korinth reich werden, die Herrlichkeit es Himmels gewinnen.

             „Die freiwillige Weitergabe des eigenen Besitzes gehört zur Grundstruktur christlicher Existenz, weil Christus sie vorgelebt hat.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 7,51 -13,13, EKK VIII/2,  Neukirchen 2015, S.55) Ich lese das und der Satz verschlägt mir die Sprache. Wie gut, dass er „nur“ in einem Kommentar steht, den normale Christen nicht lesen, den die mediale Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis nimmt. Ich stelle mir vor, ich sage das in einer Predigt! Und weiß: besser nicht. Nur: Genauso argumentiert Paulus! Und fordert uns, mich und andere, damit heraus: Wie hältst du es mit dem freiwilligen Geben und Weitergeben?

 10 Und darin sage ich meine Meinung; denn das ist euch nützlich, die ihr seit vorigem Jahr angefangen habt nicht allein mit dem Tun, sondern auch mit dem Wollen. 11 Nun aber vollbringt auch das Tun, damit, wie ihr geneigt seid zu wollen, ihr auch geneigt seid zu vollbringen nach dem Maß dessen, was ihr habt.

             Schon vor einem Jahr haben sie in Korinth angefangen, sich auf die Kollekte vorzubereiten. Paulus hatte das durch einen klugen Ratschlag unterstützt: „An jedem ersten Tag der Woche lege ein jeder von euch bei sich etwas zurück und sammle an, so viel ihm möglich ist, damit die Sammlung nicht erst dann geschieht, wenn ich komme.“(1. Korinther 16,2) So sind seine Worte eine Erinnerung – sowohl an den Start der Sammlung als auch an den Grundsatzbeschluss. An das Tun und auch das Wollen.

               Der lebenserfahrene Apostel weiß es zur Genüge, nicht zuletzt auch aus dem Blick auf sich selbst: „Wollen und Tun fallen nicht immer zusammen, sondern können einander auch wiedersprechen.“(T. Schmeller, aaO.; S. 61)Darum gilt es jetzt zu tun, zu vollbringen, nach dem Maß dessen, was ihr habt. Paulus setzt keine Unter- und keine Obergrenze. Sondern vertraut, dass jeder sich selbst einschätzen kann. Sein Maß kennt, sein Vermögen.

12 Denn wenn der gute Wille da ist, so ist er willkommen nach dem, was einer hat, nicht nach dem, was er nicht hat. 13 Nicht, dass die andern gute Tage haben sollen und ihr Not leidet, sondern dass es zu einem Ausgleich komme.

             Das Ziel ist nicht, sich selbst arm zu machen. Sich selbst durch falsche Großzügigkeit in Not zu stürzen. Das ist ja der Verdacht, der dem „urchristlichen Kommunismus“ der Jerusalemer Gemeinde nachhängt – sie haben sich selbst durch allzu unvernünftige Freigiebigkeit in die Verarmung geführt. Es ist ein hochwillkommener Verdacht für alle, die den Kapitalismus bis heute für die überlegene Wirtschaftsform halten. Dazu sagt Paulus klüglicherweise – und glücklicherweise? – nichts.

            Aber das Ziel der Sammlung  benennt er. Nicht durch einen Betrag, sondern durch die Zielsetzung: dass es zu einem Ausgleich komme. στης – „Gleichheit, Rechtsgleichheit, Gleichmäßigkeit, Billigkeit.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.392)  Es ist ein durchaus steiles Argument, das hier anklingt: „Weil alle Glaubenden die gleiche Stellung haben und von Gott mit derselben Gnade beschenkt sind, soll es unter ihnen auch im materiellen Bereich Gleichheit geben.“ (T. Schmeller, aaO.; S.64) Nicht erzwungen, nicht kommandiert, sondern freiwillig hergestellt.

         Auf lange Sicht beschädigt es die Gemeinschaft des Glaubens, wenn die einen nicht wissen, wohin mit ihrem Reichtum und die anderen nicht wissen, wovon sie ihr Leben fristen sollen. Das gilt für einzelne Christen wie für Gemeinden und Kirchen.

              Die Regeln der Besitzlosigkeit, wie sie in den Orden gelten, versuchen diesem Ausgleich Rechnung zu tragen. Auch das System der Zuweisung von Geldmitteln an die einzelnen Gemeinden, wie es in den Landeskirchen üblich ist, versucht dem gegenzusteuern, dass es sehr reiche Gemeinden geben kann – weil da ein oder mehrere Millionäre leben – und sehr arme, weil da lauter Habenichtse zum Gottesdienst zusammen kommen. Dass dieser Ausgleich auch auf das Miteinander von Einzelnen bezogen wird, ist kirchengeschichtlich eher die Ausnahme.

14 Jetzt helfe euer Überfluss ihrem Mangel ab, damit danach auch ihr Überfluss eurem Mangel abhelfe und so ein Ausgleich geschehe, 15 wie geschrieben steht (2.Mose 16,18): »Wer viel sammelte, hatte keinen Überfluss, und wer wenig sammelte, hatte keinen Mangel.«

            Bis es soweit ist, dass überall gleiche Lebensverhältnisse herrschen, braucht es das Teilen des Überflusses. Mal in die eine, mal in die andere Richtung. Der Überfluss der einen behebt  den Mangel der anderen. Es scheint, als hätte Paulus das als Vorstellung: die Korinther, die jetzt teilen, werden selbst einmal davon profitieren, dass andere mit ihnen teilen. Das Vorbild für diese Gleichheit findet Paulus in der Schrift. Da wird von der täglichen Manna-Sammlung, nach dem Auszug aus Ägypten, in der Wüste, notiert, dass es immer genug ist, nie zu viel und nie zu wenig.

 

Gott, öffne Du die Hände, dass wir geben. Öffne Du die Augen, dass wir sehen, wo unser Geben nötig ist. Öffne du die Herzen, dass wir gerne geben aus unserem Überfluss, ohne Angst, dass wir am Ende mit leeren Händen da stehen könnten. Amen