Die Wende

Jesaja 60, 15 – 22

15 Denn dafür, dass du die Verlassene und Ungeliebte gewesen bist, zu der niemand hinging, will ich dich zur Pracht ewiglich machen und zur Freude für und für. 16 Du sollst Milch von den Völkern saugen, und der Könige Brust soll dich säugen, auf dass du erfahrest, dass ich, der HERR, dein Heiland bin und ich, der Mächtige Jakobs, dein Erlöser. 17 Ich will Gold anstatt des Erzes und Silber anstatt des Eisens bringen und Erz anstatt des Holzes und Eisen anstatt der Steine. Und ich will zu deiner Obrigkeit den Frieden machen und zu deinen Vögten die Gerechtigkeit. 18 Man soll nicht mehr von Frevel hören in deinem Lande noch von Schaden oder Verderben in deinen Grenzen, sondern deine Mauern sollen »Heil« und deine Tore »Lob« heißen.

               Es ist noch nicht so weit, aber in diesen Worten wird schon die Wende angesagt. Nicht die große Wende am Ende der Zeiten, sondern eine Wende in der Geschichte. Für Israel, für Jerusalem. Was für eine Herausforderung an das Vertrauen seiner Hörer steckt in diesen Worten. Sie stehen im krassen Kontrast zum Ist-Zustand der Stadt und des Volkes.

             Als der Prophet diese Worte sagt, da steckt das Volk Israel in einer Situation, die man nur mit dem Stichwort „Depression“ beschreiben kann.  Sein Wort wird hinein gesprochen in eine dürftige Zeit. Die großen Träume des Volkes haben sich nicht  erfüllt. Was hatte man nicht für Hoffnungen an die Heimkehr aus dem Exil geknüpft. Nach siebzig Jahren Gefangenschaft, Knechtschaft, Fremdherrschaft war man jetzt endlich wieder frei. Man durfte sich wieder frei bewegen im Land der Väter, hatte wieder Zugang in Jerusalem und glaubte wieder an eine neue, große Zukunft. Der Tempel würde wieder neu entstehen und zum geistigen und geistlichen Mittelpunkt des Volkes werden, die Stadt Jerusalem würde im neuen Glanz erstrahlen. Das Leben würde nicht mehr vom Mangel, sondern vom Überfluss bestimmt sein. Wohlstand für alle ist eine Parole der Zeit. Und natürlich: das Miteinander der Menschen sollte von Friedlichkeit, Gerechtigkeit, Anstand geprägt sein.

            Die Worte Jesajas erinnern: Es sind die Folgen des Gerichtes, die auf dem Land liegen. Dass Jerusalem, dass du die Verlassene und Ungeliebte gewesen bist, zu der niemand hinging, das ist die Folge seiner Offenheit nach allen Seiten, die Folge des verweigerten Vertrauens auf den HERRN allein. Jetzt aber ist es genug mit dem Gericht, nicht weil Israel plötzlich heilig geworden wäre, sondern weil Gott es genug sein lässt. Weil er Lust zur Gnade und Lust zu seinem neuen Anfang hat.  „Die Wende“ weiterlesen

Wer das Licht sieht darf kommen

Jesaja 60, 1 – 14

1 Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! 2 Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

            Während die Welt und die Völker im Dunkel sind, wird der Zion vom Lichtglanz der Herrlichkeit Gottes erhellt. Wenn man so will: Mache dich auf und werde licht ist eine paradoxe Forderung. Niemand kann sich selbst zum Licht machen. Aber es ist nicht sein eigenes Licht, in dem Israel erstrahlen soll. Es ist das Licht Gottes, das über ihm aufgeht. Wann immer Israel sich selbst ins Licht setzen wollte, selbst das Licht sein wollte, ging es schief. Erst in der Selbstbescheidung: Über uns geht der Glanz Gottes auf und er ist nicht unser Glanz und er gehört nicht uns exklusiv, kommt Israel ins rechte Licht.

            „Finsternis bedeckt das Erdreich, Dunkel die Völker.“ Der Prophet wiederholt in seinem Wort, was alle sagen ‑ aber er bleibt nicht dabei stehen, was alle sagen, sondern er hat mehr zu sagen: Dein Licht kommt ‑ die Herrlichkeit Gottes erscheint über dir. Aus der Beschreibung wechselt er über in eine Zusage. „Noch ist es nicht auf der ganzen Erde hell, licht geworden, aber für Israel beginnt eine neue Epoche.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988, S.260) In das Dunkel des Lebens, in die Finsternis von Sorge und Angst, in Dunkel der Krankheit: Gottes Licht kommt.

        Um zu verstehen, was hier gesagt ist, was für eine Zumutung in diesen Worten liegt: Man muss sich nur einmal vorstellen, das würde heute ein Reporter im Fernsehen über Aleppo sagen, während die Kamera Bilder der Stadt zeigt.

             Man muss es schon hören: Das sind Worte an Menschen, die eben noch über 70 Jahre hin im Exil davon bedroht waren, im babylonischen Völkergemisch zu verschwinden. Die jetzt in einem verwüsteten Land und in Trümmerhaufen nach einem neuen Anfang suchen. Wenn sie denn überhaupt noch an einen neuen Anfang glauben können Worte an ein verstörtes und zerstörtes Israel. Vielleicht aber ist es ja so: Gerade in  einer solchen Situation kann aus diesen Worten Hoffnung erwachsen. In auch mitten in der Nacht taghell erleuchteten und illuminierten Städten lösen sie wohl eher Achselzucken aus: Na und?

            Dieses Licht ist nicht der riesengroße Scheinwerfer aus Himmelshöhen, der die Welt anstrahlt, weit weg, unbeteiligt, der nur Elend beleuchtet und ausleuchtet, gnadenlos ins Licht stellt, was man gerne verdecken möchte. Das Licht stellt sich selbst ins Dunkel. Gott kommt selbst als Licht ins Dunkel  in Jesus Christus.

„Gott will im Dunkel wohnen                                                                                               und hat es doch erhellt.“ (J. Klepper, 1938, EG 16)

       Das ist  die Botschaft: Gott kommt in das Dunkel unseres Lebens, unserer Welt, ob das nun aus Alter, Krankheit, Zukunftsangst, Schuld gefärbt wird. „Wer das Licht sieht darf kommen“ weiterlesen

Gottes Gewalt-Monopol

Jesaja 59, 15b – 21 

 Das alles sieht der HERR und es missfällt ihm sehr, dass kein Recht ist. 16 Und er sieht, dass niemand auf dem Plan ist, und verwundert sich, dass niemand ins Mittel tritt. Da hilft er sich selbst mit seinem Arm, und seine Gerechtigkeit steht ihm bei.

                Zweimal: Der Herr sieht.  Er sieht, es fehlt am Recht und es fehlt an Menschen, die für das Recht eintreten. Die Situation schreit förmlich nach dem Eingreifen Gottes. Denn es ist, zum Verwundern Gottes, keiner da, der Gerechtigkeit herauf führen wollte. Der in die Bresche treten würde, eintreten für das Volk, vor Gott und den Menschen. Die einen sagen „Gerechtigkeit“ und meinen damit ihre Privilegien, ihre Interessen, die anderen rufen „Gerechtigkeit“ und haben ihrerseits ihre Interessen und ihre fehlenden Beteiligungsmöglichkeiten vor Augen.

          Gott ist anders als wir. Wir sind stark in der Analyse der Zustände. Wir decken Missstände und Schwachstellen auf, oft genug gnadenlos und radikal. Darin sind wir geübt, im Aufdecken der Schwachstellen, ob bei Einzelnen oder der Gesellschaft. Aber dieses Aufdecken ist noch keine Lösung. Es ändert noch nichts. Es führt noch nicht in die Zukunft. Es stellt den Ist-Zustand fest und zementiert ihn, stellt ihn auf Dauer. Es bleibt hängen in der Vergangenheit und der Gegenwart.

              Gott aber will Zukunft. Neue Zukunft, die anders ist als das, was war. In der alles anders werden kann. Dieser Zukunft soll sein Recht dienen. Weil aber keiner für das Recht Gottes eintritt, nimmt er es selbst in die Hand. Weil keiner dem Willen Gottes Geltung verschafft, tritt er selbst auf den Plan.

      Es ist ein erschreckender Satz: Da hilft er sich selbst mit seinem Arm, und seine Gerechtigkeit steht ihm bei. Der gleiche Satz wird bei Jesaja noch einmal begegnen (63,3), um das Eingreifen Gottes gegen äußere Feinde zu beschreiben. Da ist Gott allein gefordert, weil das Volk viel zu schwach ist. Aber hier? Es wirkt fast, als würde der Satz signalisieren: So sehr kann sich Israel von seiner Berufung und Erwählung entfremden, dass es von Gott wie ein äußerer Feind angesehen und behandelt wird.

17 Er zieht Gerechtigkeit an wie einen Panzer und setzt den Helm des Heils auf sein Haupt und zieht an das Gewand der Rache und kleidet sich mit Eifer wie mit einem Mantel.

            Es ist kein wehrloser und machtloser Gott, mit dem Israel es zu tun hat. Sein Arm ist stark, seine Gerechtigkeit durchsetzungsfähig. Er ist wehrhaft und er ist engagiert. Gott bleibt nicht für immer in der abwartenden Zuschauerrolle. Es gehört zur Grundüberzeugung, nicht nur des dritten Jesaja, sondern wohl aller Propheten, dass die Welt und dass der Weg des Volkes Gottes ihm nicht gleichgültig ist. Gott lässt seine Welt nicht fahren. Gott überlässt sein Volk nicht seinen eigenen Wegen. „Gottes Gewalt-Monopol“ weiterlesen

Schonungslos schmerzliche Wahrheiten

Jesaja 59, 1 – 15a

 1 Siehe, des HERRN Arm ist nicht zu kurz, dass er nicht helfen könnte, und seine Ohren sind nicht hart geworden, sodass er nicht hören könnte, 2 sondern eure Verschuldungen scheiden euch von eurem Gott, und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch, dass ihr nicht gehört werdet.

               Versperrt Gott uns den Zugang zu sich? Wie oft höre ich diese Klage: Gott entzieht sich. Gott ist taub. Gott ist zu weit weg. In diesen Worten Jesajas, die „Elemente der Klage und zwar der Volksklage (C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.274) aufgreifen, wird ein anderer Blick deutlich: wir selbst versperren uns den Zugang. Wir selbst sind es, die Hindernisse aufrichten.

         Es ist die zutiefst menschliche Erfahrung: Dem, dem ich etwas schuldig geblieben bin, dem gegenüber ich irgendwie mich vergriffen habe, den ich vernachlässigt habe – zu dem finden ich keinen Zugang mehr. Ich gehe ihm aus dem Weg, weil diese Geschichte zwischen mir und ihm steht. Ich kann ihm nicht mehr gegenüber treten, nicht mehr in die Augen sehen. Das liegt nicht an ihm, das liegt an mir.

        So ist es eben auch im Verhältnis zu Gott. Versäumnisse, Schuld, Sünden machen ihn für uns unzugänglich, weil wir uns fürchten vor den Fragen, vor den Blicken, vor dem Auge Gottes.  Das Volk steht sich selbst im Weg.

3 Denn eure Hände sind mit Blut befleckt und eure Finger mit Verschuldung; eure Lippen reden Falsches, eure Zunge spricht Bosheit. 4 Es ist niemand, der eine gerechte Sache vorbringt, und niemand, der redlich richtet. Man vertraut auf Nichtiges und redet Trug; mit Unheil sind sie schwanger und gebären Verderben. 5 Sie brüten Natterneier und weben Spinnweben. Isst man von ihren Eiern, so muss man sterben, zertritt man sie aber, so fährt eine Schlange heraus. 6 Ihre Gewebe taugen nicht zu Kleidern, und ihr Gespinst taugt nicht zur Decke. Ihre Werke sind  Unheilswerke, an ihren Händen ist Frevel. 7 Ihre Füße laufen zum Bösen, und sie sind schnell dabei, unschuldig Blut zu vergießen. Ihre Gedanken sind Unheilsgedanken, auf ihren Wegen wohnt Verderben und Schaden. 8 Sie kennen den Weg des Friedens nicht, und Unrecht ist auf ihren Pfaden. Sie gehen auf krummen Wegen; wer auf ihnen geht, der hat keinen Frieden.

             Jetzt wird aufgezählt, was es da an Verschuldungen, Verfehlungen, Versäumnissen gibt. Wie ein Sturzbach folgt ein Vorwurf dem anderen. Aber es geht noch eine Etage tiefer als nur zu Vorwürfen und Vorhaltungen. Die Anklagen bringen nicht nur die einzelnen Taten zur Sprache. „Die prophetische Schilderung deckt die inneren Zusammenhänge auf.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.200) Sie zeigt Wesensarten, sie ist eine Analyse menschlichen Fehlverhaltens, die mehr an den Wurzeln als an den Früchten orientiert ist. Falschheit, Unheilsgedanken, Bosheit – die Reihe lässt sich beliebig erweitern. Wenn es gesellschaftlich nach oben geht, geht es moralisch oft bergab. Lug und Trug, Rechtsbeugung und Gewalt sind an der Tagesordnung, getarnt hinter glatten Fassaden. Es hat etwas Bedrohliches, was da alles benannt wird. Es ist wie ein großes Netz, in dem man sich verfängt und an dem man doch selbst mit knüpft.

            Deutlich ist in diesen Worten: Das ist nicht unbeteiligte Sicht von außen, sozusagen sachlich -neutral. Es ist hier auch nicht Klage des Volkes über sich selbst – dagegen spricht schon allein der Sprachegebrauch: eure Hände, eure Zunge, sie brüten, ihre Füße laufen. Es ist die leidenschaftliche, schmerzerfüllte Analyse des Propheten, das Urteil aus der Perspektive Gottes. Es ist Anklage und sie gipfelt  in der Feststellung: Sie gehen auf krummen Wegen; wer auf ihnen geht, der hat keinen Frieden.  So also steht es um das Volk: es ist wieder zu Hause, aber es hat keinen Frieden. Keinen inneren und keinen äußeren.     „Schonungslos schmerzliche Wahrheiten“ weiterlesen

Veränderte Herzen verändern Leben

Jesaja 58, 9b – 14

 Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

             Es geht weiter mit den Verheißungen Gottes. Mit wenn, dann. Das ist das große Versprechen, das Gott in diesem Wort aufrichtet: wenn ihr eure Gaben, die ich Euch gegeben habe, die ihr durch mein Geben manchmal mühsam erarbeitet habt, teilt, wenn ihr Hunger stillt, Nackte kleidet, Gebeugte aufrichtet, Niedergeschlagene auf die Beine stellt ‑ dann will ich euch selbst erfahren lassen, wie ich euch neu segne.

             Gott will sich finden lassen: Siehe, hier bin ich. Aber dieses Finden ist nicht bedingungslos, auch nicht voraussetzungslos.Die Voraussetzung ist die Veränderung der Lebensverhältnisse in der Gemeinde.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.194) Eine Veränderung aber, die weit über Äußerlichkeiten hinausgeht. Es ist nicht mit einer bloßen Angleichung der Lebensverhältnisse getan. Wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt – das ist mehr als pflichtgemäße Solidarität. „Gib her dem Hungrigen deine Seele und deinen guten Willen. Das heißt: Teile mit ihm dein Brot mit willigem Herzen und bereiter Seele.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 1, Stuttgart 1986, S.194)

            Es ist eine Veränderung der Lebensverhältnisse, die aus dem Herzen kommt. Nicht erzwungen durch ein Gerechtigkeits-Kalkül. Nicht aufgenötigt durch gesetzliche Forderungen. Nicht durch das „Du sollst“ der Humanität eingeklagt. Nicht durch irgendeinen kategorischen Imperativ verlangt. Es sind veränderte Herzen, aus denen sich das veränderte Verhalten speist. Menschen wollen von Herzen anderen Menschen gut sein – und nehmen dabei auch in Kauf, dass sie als „Gutmenschen“ bespöttelt werden. „Veränderte Herzen verändern Leben“ weiterlesen

Richtig fasten

Jesaja 58, 1- 9a

 1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe.

            Ich habe es überlesen: Rufe getrost. Erst die Übersetzung von Luther 2017 Rufe laut hat mich aufmerksam gemacht für das, was hier mitklingt. Jesaja wird ermutigt zu seinem Rufen. Manchmal ist es nicht so einfach, den Mund aufzumachen, sich zu Wort zu melden, die Stimme zu erheben. Erst recht, wenn man widerspricht, wenn man eine allgemein übliche Praxis in Frage stellt und kritisiert. Da braucht es die Ermutigung: Sei getrost. Es geht nicht darum, dass Gott vom Propheten Lautstärke  verlangt, sondern dass er ihm den Rücken und das Gemüt stärkt, weil Widerspruch zu erwarten ist.

             „Wie kann ein Mensch Gott finden und eine dauerhafte Beziehung zu Ihm schaffen? Viele denken, wenn man Ihn Tag für Tag sucht“, „die Erkenntnis seiner Wege wünscht“, sich nach den „Vorschriften der Gerechtigkeit“ erkundigt und die „Nähe Gottes“ erstrebt“. (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 1, Stuttgart 1986, S.185) Es ist das Programm eines frommen Lebens, das hier benannt wird. Aber der Auftrag des Propheten ist auszurufen: Das reicht nicht. Das ist es nicht. Ihr seid in aller dieser Frömmigkeit doch in Wahrheit abtrünnig und in Sünden. Es ist der Auftrag des Propheten, diese Illusion des Volkes durch seine Worte als Lüge, als Selbstbetrug aufzudecken. Kein Zweifel – das Volk hat sich verrannt. Aber: „Trotz des Zorns bleiben die Sünder „mein Volk“. Das ist ein Ausdruck der Liebe. Nur weil Gott auch den sündigen Menschen nicht von sich stößt, ist die Mahnrede seines Abgesandten sinnvoll.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 4, Stuttgart 1989, S.298 )

  3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«

             Vor allem aber: wenn wir uns doch so mühen – so der Gedanke – dann haben wir doch ein Recht auf Dich, Gott, Deine Zuwendung. „Offensichtlich geht die Volksgemeinde davon aus, dass sie mit ihren Bußgebeten und Bußübungen auf Jahwe einwirken kann.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.194) Aber weil der erhoffte „Effekt“ ausbleibt, stellt sich die Frage ein:  Warum fasten wir, wenn es nichts bringt? Wenn es doch Gott nicht bewegt. „Richtig fasten“ weiterlesen

Wo Gott wohnen will

Jesaja 57, 14 – 21

14 Und er spricht: Machet Bahn, machet Bahn! Bereitet den Weg, räumt die Anstöße aus dem Weg meines Volks!

               Diese Sätze sind so vertraut. Macht Bahn! Bereitet den Weg. Es ist sofort im Ohr: „Bereitet dem Herrn den Weg.“(40,3)  Aber hier geht es um freie Bahn für das Volk und nicht um freie Bahn für Gott. Israel soll der Weg freigeräumt werden, der vorher versperrt war. Es geht um Hindernisse, die Anstoß – hebräisch: mikšōl– geben, über die man fallen kann. Israel soll nicht mehr ins Stolpern kommen.  Gemeint ist „ein Wegbereiten für das Kommen des Heils.“ (C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.261)

             Wo muss man sich diese Worte – und auch die nachfolgenden – gesagt vorstellen?  Im Land, in das die Exilierten zurückgekehrt sind, gibt es keinen Tempel mehr. Von Synagogen kann wohl auch noch nicht die Rede sein. Vielleicht ist es so, „dass der Prophet in einer Gemeindeversammlung auftritt.“(H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990. S.189) Aber einen Ort für diese Versammlung können wir nicht benennen, weder für das Gebäude noch für die Ortschaft. Also: Worte im Irgendwo.

 15 Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.

            Denn – damit schließt der Satz nach vorne an. Es scheint so, dass jetzt gesagt wird, was das Stolpern Israels beenden kann. Wichtiger als der Ort ist aber, wer das Wort nimmt: Der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist.  Gott ist der Erhabene, der Heilige, der in der Höhe wohnt, dem man sich nicht ohne weiteres nahen kann. Zugleich ist er der, der sich nach unten neigt, der sich erbarmt, der aufrichtet und zurecht bringt. Aus dem unnahbaren Gott ist nicht ein nahbarer geworden, sondern ein naher. Die Nähe Gottes geht auf seine Bewegung zurück und nicht auf meine, unsere. Gott ist nahe, ob ich es merke und glaube oder nicht. „Wo Gott wohnen will“ weiterlesen

Wer auf Gott vertraut

Jesaja 57, 1 -13

1 Der Gerechte ist umgekommen und niemand ist da, der es zu Herzen nimmt, und fromme Leute sind hingerafft und niemand achtet darauf. Ja, der Gerechte ist weggerafft durch die Bosheit  2 und geht zum Frieden ein. Es ruhen auf ihren Lagern, die recht gewandelt sind.

               Weil das Land ungeschützt da liegt, weil die Wächter schlafen, kommt der Gerechte um. Es kümmert keinen. Die gleiche Anklage findet sich schon im viel früheren Prophetenwort: „Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten.“ (Micha7,2) Das mag ein Hinweis sein: Der Singular „Der Gerechte“ ist nicht auf den einen Gottesknecht von Jesaja 53 hin zu lesen. Im Singular wird das Geschick der vielen „gütigen Leute“ beklagt Der hebräische Ausdruck „kommt der späteren Bezeichnung Chassidim nahe; gemeint sind die in der Treue zur Tora lebenden Menschen der Güte, die Frommen.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.182) Unbeachtet und unbeklagt. Einfach umgekommen. So sieht es vor den Augen der Welt aus. Die Frommen kommen unter die Räder und die Bösen sind obenauf.

             Es ist wie ein sehr leiser Protest, dass Jesaja sagt: Aber die, die so unbemerkt davon gehen, ruhen im Frieden. Sie sind aufgehoben im Shalom Gottes, auch wenn sie hier nie im Frieden leben konnten.  Sie mögen also zwar „vor der Welt“ unbemerkt umkommen, aber deshalb nicht vor Gott im Himmel. Die Bosheit tobt sich an ihnen aus. Aber sie hat nicht das letzte Wort. Sie ist nicht die letzte Wirklichkeit. „Wer auf Gott vertraut“ weiterlesen

Überreif zum Gericht

Jesaja 56, 9 – 12

9 Ihr Tiere alle auf dem Felde, kommt und fresst, ihr Tiere alle im Walde! 10 Alle ihre Wächter sind blind, sie wissen alle nichts. Stumme Hunde sind sie, die nicht bellen können, sie liegen und jappen und schlafen gerne. 11 Aber es sind gierige Hunde, die nie satt werden können.

            Eine prophetische Gerichtsankündigung.  Eine Einladung an die Tiere auf dem Feld und die Tiere im Wald: Fresst. Das Bild spricht für sich und aus sich selbst – ohne große Erklärung: „Eine Plage tritt ein. Das Land ist verwüstet. Was noch essbar ist, wird ein Raub der Tiere aus Wald und Feld.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S. 181) Weil die, die Vorsorge treffen sollten, blind sind, nichts wissen, nichts tun. Das Land liegt offen vor denen, die sich bedienen wollen. Die Wächter sind eine Farce. Sie sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

         So wird das Land beschrieben, in das die Israeliten aus dem Exil zurückkehren. Es ist schutzlos, preisgegeben, ausgeliefert. Da ist keine Institution da, die sorgen würde. Da sind keine Wächter da, die in Schutz nehmen. Da gibt es keinen Ordnungsfaktor. Fressen und Gefressen werden – das ist die Parole der Zeit.

            Es sind Worte, die über die Zeiten hinweg treffen: Die das Volk führen sollen, haben aus dem Staat einen Selbstbedienungsladen gemacht. Sie liefern die Gesetzgebung aus an Lobbyisten. Sie werden von den Interessen der Wirtschaft so gegängelt, das längst nicht mehr der Staat der Wirtschaft Grenzen und Ziele setzt, sondern die Wirtschaft den Staat für ihre Ziele einsetzt. Es sind nicht wenige und nicht nur superkritische Leute, die so die Wirklichkeit heute beschreiben – nicht nur in der Bundesrepublik.  Gewiss, ein gesellschaftliches Problem. Und doch sagt der Prophet: es ist mehr als das. Es ist ein Zustand, der Gott herausfordert unf auf den er reagiert – mit seinem Gericht. „Überreif zum Gericht“ weiterlesen

Gute Botschaft für Fremde

Jesaja 56, 1 – 8

1 So spricht der HERR: Wahrt das Recht und übt Gerechtigkeit; denn mein Heil ist nahe, dass es komme, und meine Gerechtigkeit, dass sie offenbart werde. 2 Wohl dem Menschen, der dies tut, und dem Menschenkind, das daran festhält, das den Sabbat hält und nicht entheiligt und seine Hand hütet, nichts Arges zu tun!

               Das sind Grundlagen für das Gedeihen des Volkes: Recht und Gerechtigkeit. Beides aber wird begründet oder abgeleitet aus Gott: Weil sein Heil nahe ist, kommt, weil seine Gerechtigkeit offenbar werden will, deshalb soll sein Volk dem entsprechen. „Übt ēdāqāhdenn meine ēdāqāh kommt.“(C.Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S.247) Üben ist nicht so mit „versuchen“, „sich Mühe geben“ zu lesen, wie wir das im Deutschen leicht empfinde: Ich übe noch. Sondern Üben ist hier ausüben. Sein Leben von der kommenden Gerechtigkeit so bestimmen lassen, dass man sie heute schon vorweg nimmt. Wer das als Glied des Volkes, als einzelner, ob Mann oder Frau tut, wer so lebt, der fördert das Leben. „Heilsverheißung und Mahnung, Zuspruch und Anspruch Gottes sind eng miteinander verwoben.“ (H.J.Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S.176)  

         Exemplarisch herausgegriffen: Ein Zeichen für das Leben in der kommenden Gerechtigkeit Gottes ist das Halten des Sabbat. Der Sabbat als Identitätsmerkmal ist in der Verbannung immer wichtiger geworden. Sehr offen formuliert ist: wer seine Hand hütet, nichts Arges zu tun! Klar aber ist: hier findet eine Einweisung in einen Lebensstil statt, der dem Glauben an den Gott Israels entspricht und der darum Zukunft hat. „Gute Botschaft für Fremde“ weiterlesen