Leben auf Seine Rechnung

  1. Korinther 5, 16 – 21

16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.

             „Niemand wird mehr rein menschlich angesehen und verstanden.“ (W.Schenk, Gemeinde im Lernprozess, Die beiden Korintherbriefe, Bibelauslegung für die Praxis 22, Stuttgart 1979; S.130) Das ist ja der normale Vorgang: Man sieht einen Menschen, man erhält ein paar Informationen, man macht sich ein Bild von ihm. Das aber will Paulus nicht mehr so halten – weil er hinter jedem Menschen Christus sieht, als den, der für ihn gestorben ist. Das „will er sagen: Ich beurteile jetzt keinen Christen mehr nach der Weise des Fleisches; jedermann beurteilen wir „geistlich“, als Pneumatiker, als Menschen in Christus, denn wir stehen jetzt nicht mehr in der alten, sondern in der neuen Weltzeit.“ (H.D. Wendland, die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.203) Mit meinen Worten: Wenn der andere Christus seine Liebe wert ist – wie sollte Paulus ihn da nur noch auf das hin ansehen können, was vor Augen ist!

        Wie aber passt dazu, dass er das auch auf Christus ausdehnt. Will Paulus damit sagen: was ich über Jesus wissen kann, über den Mann aus Nazareth, das spielt alles keine Rolle. Das ist gleichgültig. Oder bestätigt er nur sein Defizit: er hat mit Jesus zu dessen Lebzeiten vor dem Kreuz nichts zu tun gehabt – und überhöht das jetzt? „Über die Frage, ob Paulus den geschichtlichen Jesus gesehen und gekannt habe, sagt der Satz weder bejahend noch verneinend irgendetwas aus.“ (H.D. Wendland, aaO.;S.202)

               Das freilich wird man sagen dürfen: Das Bild, das Paulus zunächst von Christus hatte, war fleischlich. Es setzte sich zusammen aus den Fakten, die über Jesus im Umlauf waren, aus den Beurteilungen, die er von anderen Pharisäern kannte. Nicht zuletzt war wohl bestimmend: Er ist gekreuzigt worden. Aber: „War Christus zunächst für ihn ein gescheiterter, von Gott verfluchter Messiasprätendent, so hat die Erfahrung bei Damaskus dieses Urteil auf den Kopf gestellt. Die neue Sicht Christi ist nicht einfach ein extremes Beispiel für derartige Änderungen, sondern ihre Bedingung und ihr Anfang.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1,  Neukirchen 2010, S.325) Seit seiner Christus-Begegnung vor Damaskus kennt Paulus Christus nur noch als den Herrn, als Kyrios. Κΰριος.  

 17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

             Das ist ein atemberaubender Satz. Die Wirklichkeit ist von Grund auf anders geworden für die, die in Christus sind. Sie sind neue Schöpfung. καιν κτσις – eine Wortverbindung, die es vor Paulus nicht gibt. Die sich aber speist aus der Prophetie:  „Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ (Jesaja 43, 18-19) oder: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“(Jesaja 65,17) Aber was bei Jesaja als neue Schöpfung angekündigt ist, bezieht sich auf den Kosmos, auf Himmel und Erde. Paulus dagegen bezieht sein Wort auf den Einzelnen, der in Christus ist. In der Existenz des Einzelnen tritt durch den Schritt zum Glauben die Zeitenwende schon ein. „Die neue Weltzeit, die mit Christus beginnt, bringt auch die Schöpfung eines neuen Menschen mit sich.“ (H.D. Wendland, aaO.; S.206)

             Atemberaubend ist der Satz nicht zuletzt dann, wenn man sich selbst anschaut. Ich  mit meinem kümmerlichen Glauben – eine neue Schöpfung? Ein neuer Mensch. Wer sich ehrlich anschaut, sieht an sich selbst so viel eingeschliffene Verhaltensweisen, entdeckt die immer gleichen alten Tanzlieder im eigenen Verhalten. Sieht sich an den immer gleichen Stellen scheitern. Wo bleiben die Veränderungen, die wir mit dem neuen Menschen verbinden?

             Ich überlege: vielleicht ist das Leiden an diesen alten Mustern ein Kennzeichen des neuen Menschen. Dass er nicht selbstzufrieden sagen kann: so wie ich bin, so soll es sein. Dass es auch vorbei ist mit dem Urteilen nach den alten Maßstäben der Welt. Es ist das überwältigend Neue, das mit dem Sein in Christus gegeben ist, das die Welt, wie sie ist alt sein lässt, das sie vergänglich sein lässt. Das Neue, das das frühere Leben zum alten Leben macht. Ganz so, wie es Paulus nach Philippi schreibt: „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde.“(Philipper 3, 7 – 9)  Wer dieses neue Leben geschmeckt hat, wer sich in Christus aufgehoben gefunden hat, für den gibt es kein Zurück mehr in das alte Sein.

18 Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. 19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

             Ein neues Stichwort: versöhnt. Damit beschreibt Paulus das Geschehen, das Gott in Gang und in Kraft gesetzt hat. Er hat uns mit sich versöhnt. καταλλάσσω – „austauschen, ausgleichen, versöhnen“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.416) Es ist durch das Tun Gottes dazu gekommen, dass sich in der Beziehung zwischen ihm und uns Grundlegendes geändert hat – wenn es nur ums Verändern ginge, stünde lediglich  ἀλλάσσω. So aber geht es um mehr, um Versöhnung.

          Das deutsche Wort ist dabei in wunderbarer Weise deutlich. Versöhnung – wieder zu Söhnen machen. Es geht nicht um Sühne, sondern um  das Sohn-Sein. Das verspielt worden war und jetzt neu geschenkt wird. Dem Einzelnen und der Welt. Dem Kosmos – κσμος.  Hier ist in der gleichen Weise von der Welt die Rede, wie im Wort Jesu:Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“(Johannes 3,16)  Die Welt signalisiert beide Mal nicht Allversöhnung, sondern ein Geschehen in der Welt, das allen zugutekommt, die es sich gefallen lassen.

    Das es um ein personal ausgerichtetes Geschehen geht und nicht um eine kosmische Absolution, zeigt auch die Wendung: Er rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu. Nirgends in der Schrift finde ich ein Reden von den Sünden der Welt, als ob Tiere oder Sachen sündig wären. Es geht immer um Sünden von Menschen.  „Der Verzicht – ich ergänze: Gottes – , die Übertretungen anzurechnen, beendet versöhnend die Feindschaft, ohne so etwas wie „Reue“ oder „Buße“ als Voraussetzung einzuführen.“ (W.Schenk, aaO.; S.131) Die Versöhnung ist ganz Geschenk. Reine Gnade – und aller menschlichen Antwort voraus. In diesem Sinn glauben Christen an einen zuvorkommenden Gott. Er kommt allen unseren Bemühungen um Rückkehr zuvor.

 20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

             Das aber braucht es in der Welt: Menschen, die das Wort von der Versöhnung weitertragen und weitersagen.  Weil die Welt es ja nicht von sich aus weiß. Weil das Bild von Gott, das von Natur aus in der Welt ist, ein anderes ist. Das Bild eines fordernden Gottes, das Bild eines richtenden Gottes. Das Bild eines Gottes, der auf Schuld mit Abwendung antwortet.

          Wer aber für sich selbst die Versöhnung erfahren und empfangen hat, der kann doch gar nicht anders als Botschafter zu werden. Botschafter für Christus – verlängerter Arm. „Gesandter (πρέσβυς, πρεσβες, πρεσβευτής) war ein offizieller Titel für den Vermittler in einem (bereits bestehenden oder möglichen) Konflikt, der das Versöhnungs- und Friedensangebot der einen  an die andere Seite zu überbringen , also Feindschaft in Freundschaft zu verwandeln hatte.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1,  Neukirchen 2010, S. 334) Christen sind von diesem Wort des Paulus her vor allem anderen Friedensboten. Die das Friedensangebot Gottes weiter zu geben haben. Unser Wort „Presbyter“ hat in dem griechischen Wort seine Wurzel und von daher birgt es eine schöne Aufgabenstellung.   

            Die Weitergabe des Versöhnungsangebotes Gottes erfolgt im Gestus der Bitte. So wie Christus selbst seine Versöhnung bittend ausgeteilt hat, so bitten die Christen. Versöhnung kann man nicht kommandieren, kann man nicht anordnen, kann man nicht per Dekret in Kraft setzen. Man kann sie dem anderen anbieten, offerieren – aber es ist seine Sache, sie zu akzeptieren. Das ist der Inhalt der Bitte: „Nehmt die Versöhnung an, widersetzt euch diesem Wollen und Tun Gottes nicht.“ (H.D. Wendland, aaO.; S.208) Die Versöhnung Gottes findet ihre Grenze in der Bereitschaft des Einzelnen sich versöhnen zu lassen.

          Für mich ist dieser Satz das Leitmotiv aller meiner Arbeit als „Missionar“ meiner Kirche gewesen. Der Ruf und die Einladung zum Glauben kann nicht anders laut werden als in der Form der Bitte. Nur so ist die Einladung glaub-würdig. Wo die Werbung für den Glauben die Züge einer Agitation annimmt, einer Propaganda-Veranstaltung, da ist man nicht mehr in der Spur des Paulus.    

 21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

        Noch einmal liefert Paulus Argumente für seine Sicht nach. Er sieht auf das Geschehen am Kreuz. Und kommt dazu, dass er eine Art Tausch beschreibt. Christus wird für uns zur Sünde gemacht. Zum Verstehen helfen kann, was Paulus nach Galatien schreibt: „ Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns.“(Galater 3,13) Es bietet sich ein paralleler Gedanke an: „Wie Jesus zum Fluch wurde, um die Verfluchten zu befreien, so wurde er zur Sünde, um die Sünder von der Sünde zu befreien.“(T. Schmeller, aaO.;S.338) Dadurch ist Raum geschaffen, in dem die Gerechtigkeit bei uns einziehen kann. Mehr noch: in dem wir die Gerechtigkeit werden, die vor Gott gilt. Das ist mehr als nur gerechte Dinge tun oder sich gerecht verhalten. Es ist ein neues Wesen – wir sind „Gerechte“. Die Leute, die Gott vergeblich in Sodom suchte.

Wer wird bezahlen? So fragen wir und hoffen,  dass wir nicht bezahlen müssen, wenn die Rechnung zu hoch ist, wenn es über unsere Kräfte geht, wenn es uns ruinieren würde.

Aber: Wer bezahlt, wenn wir es nicht können? Wer nimmt auf sein Schuldkonto, was unsere Kräfte übersteigt? Wer steht ein für die schnellen, harten Worte, die wir nicht mehr zurückholen können? Wer steht ein für das Tun, das wir nicht mehr ungeschehen machen können? Wer trägt die Fehler, die wir nicht mehr ertragen können?

Einer muss bezahlen – keine Rechnung in dieser Welt erledigt sich von selbst.

Von Dir, Jesus, sagen sie, Du hättest bezahlt – für die Bosheit, für den Hass, für die Ungerechtigkeit, für die schnellen Worte und die harten Taten. Von Dir sagen sie, Du hättest alles gegeben, damit uns nicht mehr alles genommen wird – Leben und Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht.

Du hättest bezahlt – für uns.

So stehen wir in Deiner Schuld und haben immer Kredit bei Dir? “Es ist bezahlt”, sagst Du  und lädst uns ein zum Leben – auf Deine Rechnung. Amen