Geborgen – im Leben und im Sterben

  1. Korinther 5, 11 – 15

 11 Weil wir nun wissen, dass der Herr zu fürchten ist, suchen wir Menschen zu gewinnen; aber vor Gott sind wir offenbar. Ich hoffe aber, dass wir auch vor eurem Gewissen offenbar sind.

            “Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang.” (Sprüche 1,7) In der Tradition eines solchen Denkens ist Paulus unterwiesen. Deshalb klingt es für ihn auch nicht schief, seine Motivation, Menschen zu gewinnen, mit der Furcht zu begründen. Es ist Auftragstreue, sonst nichts. Genährt aus dem Wissen um die Verantwortung vor dem Richterstuhl Christi. In unseren Zeiten heute gilt das als „Angstmachen“. Paulus aber verspürt aus der Gottesfurcht keine Angst, sondern Verantwortung.

        Paulus weiß, dass er über seine innere Motivation Gott nichts vormachen kann. Auch hier gilt: Er weiß, dass Gott ihn kennt. Er hat es ja gelernt und wohl auch oft genug gesprochen, als eine Weise, sich in Hott zu bergen:

„HERR, du erforschest mich und kennest mich.                                                                Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                                  du verstehst meine Gedanken von ferne.

Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                                   und siehst alle meine Wege.

Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                                das du, HERR, nicht schon wüsstest.                                                                                   Von allen Seiten umgibst du mich                                                                                         und hältst deine Hand über mir.“                             Psalm 139, 1 – 5

            Seine Hoffnung, die über dieses Wissen hinausgeht: Auch für die Korinther ist er offenbar – durchschaubar. Sie müssen sich nicht Täuschungen über ihn hingeben und auch nicht Täuschungen durch ihn befürchten. Gewissen meint hier: „Es ist eine Instanz, die zu einer Sicht der Wahrheit fähig ist, die der Sichtweise Gottes nahekommt.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1,  Neukirchen 2010, S. 311) Wenn die Korinther Paulus wirklich vorurteilslos beurteilen, werden sie ihn – hoffentlich – so sehen, wie Gott ihn sieht. 

  12 Damit empfehlen wir uns nicht abermals bei euch, sondern geben euch Anlass, euch unser zu rühmen, damit ihr antworten könnt denen, die sich des Äußeren rühmen und nicht des Herzens. 13 Denn wenn wir außer uns waren, so war es für Gott; sind wir aber besonnen, so sind wir’s für euch.

             Will Paulus so Kritiker mundtot machen, überreden? Es scheint „er will etwas anderes: nicht sich selbst loben, sondern die Gemeinde in Korinth veranlassen, sich an ihrem Apostel zu freuen.“ (W. de Boor, Der zweite Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S.128) Aber es ist auch deutlich, dass Paulus mit seinen Worten Leute im Blick hat, die ihn kritisieren: er macht nichts her. Die ihrerseits den großen Auftritt beherrschen, die sich des Äußeren rühmen, „die sich sichtbarer (ihrer Meinung nach. besonderer geistlicher) Vorzüge rühmen.“ (W.Schenk, Gemeinde im Lernprozess, Die beiden Korintherbriefe, Bibelauslegung für die Praxis 22, Stuttgart 1979; S.127) Dem setzt Paulus das Innere entgegen, das Herz, das Gott kennt und das vor Gott offenbar ist. Er hätte auch sagen können: Lauterkeit.

            Es ist diese Lauterkeit, die Paulus auch unterscheiden lässt: wenn er in Ekstase gerät, so hat Gott etwas davon. Für die Gemeinde ist es ihm wichtiger, dass er besonnen ist, vernünftig, klar verständlich. Darum ist es auch unsinnig, ihm vorzuwerfen, dass er seine ekstatischen Erfahrungen für sich behält. So hat er es sinngemäß ja schon einmal nach Korinth geschrieben:  „Wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen… Ich danke Gott, dass ich mehr in Zungen rede als ihr alle. Aber ich will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen.“ (1. Korinther 14,2.18-19)

Auf dieser Linie bleibt er auch hier – es geht ihm um den Dienst an der Gemeinde.

14 Denn die Liebe Christi drängt uns, zumal wir überzeugt sind, dass, wenn “einer” für alle gestorben ist, so sind sie “alle” gestorben. 15 Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.

            Diese Lebensausrichtung des Paulus – auf den Dienst und nicht auf die eigene Erbauung – hat ihren Grund in der Liebe Christi. Sie treibt Paulus an. Sie beherrscht ihn. „Sie hat ihn überwältigt, sie ist es, von der er umfangen, gehalten, getrieben ist. Alle diese Bedeutungen schwingen in dem Wort συνχειν mit.“ (W. de Boor, Der zweite Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S.131)

             Aus dem Schauen auf diese Liebe nährt sich die Überzeugung des Paulus, sein Urteil – so wörtlich.  Der Tod des Einen – gemeint ist Jesus – ist der Tod aller. Weil er für alle gestorben ist. „Zugunsten von allen“, wird man lesen dürfen. Anstelle aller sind wir gewohnt zu lesen. „Es ist der Gedanke einer geheimnisvollen Schicksalsgemeinschaft: Der Tod Christi ist zugleich der Tod des Menschen als Sünder, sofern sie mit Christus in Verbindung gekommen sind.“ (H.D. Wendland, die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.202)

             Wir tun gut daran, hier nicht in einer dogmatischen Engführung zu landen. Paulus spricht weder von dem stellvertretenden Opfer noch vom stellvertretenden Sühnetod, nicht einmal ausdrücklich von Erlösung. Ihm liegt allein daran: Dieser Tod kommt allen, die glauben, zugute. Die Formulierungen des Paulus stellen auch „nicht in Abrede, dass das Sterben Christi ganz universal für die ganze Welt geschehen ist, nur dass nicht alle dies im Glauben annehmen und erkennen.“ (H.D. Wendland, ebda.)

             Daran aber liegt Paulus: dieser Tod gibt dem Leben einen neue Richtung. Es kann nicht so weitergehen, wie es bisher war. Bis dahin konnte man sich selbst leben, glauben, dass man sich selbst gehört. Jetzt aber steht das Leben unter einer neuen Herrschaft: es gilt dem zu leben, der für uns gestorben und auferstanden ist. Der den Weg nach vorne frei gemacht hat. Glauben heißt nichts anderes als sich auf diesen Weg machen – hinter ihm her. „Das neue Leben hat seinen Mittelpunkt nicht mehr im eigenen Ich, sondern in Christus.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1,  Neukirchen 2010, S.323) So gesehen sind Christen exzentrische Menschen. Sie haben ihre Mitte außerhalb ihrer selbst. Extra nos.

            Paulus wird es später so schreiben:  „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“(Römer 14, 8-9) 

 

Im Leben und im Sterben sind wir Dein,  Herr Jesus, weil Du uns teuer erworben hast, weil Du bis zum Äußersten gegangen bist in Deiner Liebe

Wie sollte uns diese Liebe nicht treiben, nicht bewegen, sie anderen mitzuteilen. Wie sollten wir für uns behalten können, dass diese Welt geliebt ist, die aus tausend Wunden blutet, dass jeder Mensch geliebt ist, dem so oft Liebe und Würde verweigert werden

Ich danke Dir, dass wir Dein Eigen sind. Hilf Du, dass wir es in der Welt auch zeigen und leben, Amen