Ein wunderbarer Auftrag

  1. Korinther 3, 1 – 11

 1 Fangen wir denn abermals an, uns selbst zu empfehlen? Oder brauchen wir, wie gewisse Leute, Empfehlungsbriefe an euch oder von euch?

             „Dem Apostel ist es, als höre er an dieser Stelle beim Verlesen des Briefes in Korinth Zwischenrufe laut werden: Nun fängt er schon wieder an, sich selbst zu empfehlen!“ (W. de Boor, Der zweite Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S.67)Gleich neunmal taucht das Wort empfehlen, συνίστημι/συνιστω, im 2. Korintherbrief auf. Auch sonst kommt es fast nur bei Paulus vor. Es spielt also für ihn eine große Rolle. „Selbstempfehlung wird von Paulus für sich abgelehnt (3;1; 5,2), für sich akzeptiert ( 4,2; 6,4) oder den Gegnern vorgeworfen (10,12.18).“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1,  Neukirchen 2010, S.172) Es geht dabei immer um die Legitimation als Apostel, um die Rechtfertigung der eigenen oder der fremden Autoritätsansprüche.

             Wo es keine „amtliche Beauftragung“ gibt, haben gute Worte, die einer für den anderen einlegt, vie Gewicht. Solche Worte können auch als Briefe verschickt werden. Sie sind dann gewissermaßen Beglaubigungsschreiben: dem könnt ihr trauen. Dem könnt ihr euch anvertrauen. Die Rolle der Empfehlungsschreiben haben in unserer Zeit Zeugnisse übernommen. Sie werden oft genug ergänzt durch das, was an guten Gerüchten im Umlauf ist.

 2 Ihr seid unser Brief, in unser Herz geschrieben, erkannt und gelesen von allen Menschen! 3 Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen. 4 Solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott

            Paulus erklärt: ich kann auf solche Briefe verzichten – denn ich habe ja euch: Ihr seid unser Brief. In unserem Herzen. Seltsam: Damit wird der scheinbar objektive Tatbestand – es gibt Empfehlungsbriefe – hier zu einer sehr persönlichen Angelegenheit: Ihr seid das, lesbar nur für die, die Zugang zu unserem Herzen haben. Das ist ein Argument dafür, dass Paulus dieses ganze Verfahren der Empfehlungen für unsinnig hält.

            Seine Antwort ist vielmehr: wenn ihr in euch selbst schaut, in eure eigenen Herzen, dann stoßt ihr doch auf das Evangelium. Geschrieben mit dem Geist des lebendigen Gottes. Es ist das Zeugnis des eigenen Herzens, das Paulus hier für die Korinther anzeigt. Ganz so, wie er es nach Rom schreiben wird: „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“(Römer 8,16) Oder anders gesagt: „Die Gemeinde macht durch ihre Existenz erkennbar, dass sie ein Brief Christi ist.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1,  Neukirchen 2010, S.180) Adressiert nicht an das Herz des Paulus, sondern an die Welt.

5 Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott, 6 der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

             Das alles kommt aus Gott. Es sind nicht die missionarischen Fähigkeiten und Strategien des Paulus, die erfolgreich eingesetzt worden sind. Sondern Gott hat für seinen Weg in Anspruch genommen, was er bei Paulus an Tüchtigkeit und Fähigkeit gefunden hat.

            Das ist nicht Überhöhung der eigenen Leistungen. Das ist auch nicht falsche Demut, die sich nicht traut, zu den eigenen Leistungen zu stehen. Sondern so sieht Paulus sich und seine Gefährten – sie sind  Diener des neuen Bundes.

             Es ist wohl unwillkürlich mitzuhören: Das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“(Jeremia 31,33) Und auch das wird für die Leserinnen und Leser des Briefes mitschwingen, dass sie bei der Mahlfeier hören: „Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“(1. Korinther 11,25) Auch da heißt es wie hier: καιν διαθκη. „Die Übersetzung des Wortes „Diatheke“ mit Bund trifft allerdings nicht genau dessen Sinn. Der Bund ist als eine Ordnung zu verstehen, die Gott zum Heil seines Volkes so gewollt und verfügt hat.“ (H.D. Wendland, die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.178)

             Diese neue Ordnung sucht die Herzen, die innere Übereinstimmung. Ein Erfassen des Willens Gottes, das nicht äußerlich bleibt, sondern den ganzen Menschen durchdringt.  Man missversteht, wenn man hier nur Polemik gegen das geschriebene Gesetz des Alten Bundes hört. „Es geht nicht um „Geistigkeit“ und „Geistesfreiheit“ gegenüber einem engen Kleben am Buchstaben.“ (W. de Boor, aaO.; S.74) Paulus weiß nur zu gut: Ohne dieses Geschriebene gibt es keinen Gehorsam, gibt es keine Überlieferung, geht die Spur der Worte Gottes verloren.

            Es geht um einen anderen Gegensatz: Gegenüber steht das wortwörtliche Verständnis, das sich an die einzelnen Wörter klammert und glaubt: mit dem einen Wort, das fällt oder relativiert wird, geht alles verloren. Paulus dagegen weiß: Wer sich nur an den Buchstaben hängt, der hat keinen festen Halt. „Der buchstab ist nichts anderes denn das GESETZ ON GNAD. Also mügen wir wiederumb sagen, dass der geyst sey nit anders denn die GNAD ON GESETZ.“ ( M. Luther, WA 7, 659, 2428 – zit. nach  T. Schmeller, aaO.;, S.189)

          Es geht um den innersten Kern – die Botschaft von der Gnade Gottes, die allen gilt, die sie sich gefallen lassen. Die Botschaft, die in Christus Gestalt geworden ist und von Gott in der Auferweckung Jesu bestätigt. Diese Botschaft öffnet den Weg zum Leben. Sie findet den Weg in die Herzen durch den Geist.

 7 Wenn aber schon das Amt, das den Tod bringt und das mit Buchstaben in Stein gehauen war, Herrlichkeit hatte, sodass die Israeliten das Angesicht des Mose nicht ansehen konnten wegen der Herrlichkeit auf seinem Angesicht, die doch aufhörte, 8 wie sollte nicht viel mehr das Amt, das den Geist gibt, Herrlichkeit haben?

             Keine Abwertung, sondern eine Überbietung. Der Glanz auf dem Angesicht des Mose verblasst – das wird Paulus zum Bild: Es gibt ein Amt des Gesetzes, das ein Ende hat. Paulus denkt gar nicht daran, die Herrlichkeit des Gesetzes zu leugnen. Aber er weiß: Das Gesetz ist „ein Zuchtmeister“(Galater 3,24), der am Ende auf seine Überbietung hin führt – auf Christus. Durch das Kommen Christi ist das Amt  – wir würden heute wohl sagen: die Funktiondessen, das mit Buchstaben in Stein gehauen war, überholt.

9 Denn wenn das Amt, das zur Verdammnis führt, Herrlichkeit hatte, wie viel mehr hat das Amt, das zur Gerechtigkeit führt, überschwängliche Herrlichkeit. 10 Ja, jene Herrlichkeit ist nicht für Herrlichkeit zu achten gegenüber dieser überschwänglichen Herrlichkeit. 11 Denn wenn das Herrlichkeit hatte, was aufhört, wie viel mehr wird das Herrlichkeit haben, was bleibt.

           Was Paulus hier gewissermaßen sachlich und unpersönlich im Gegenüber zum Amt, das den Tod bringt und das mit Buchstaben in Stein gehauen war und Amt, das den Geist gibt, formuliert, das sagt er in einem anderen Brief durch und durch persönlich gefärbt, bezogen auf die Werte seiner Vergangenheit: „Ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne.“ (Philipper 3,8)  So über die Maßen herrlich ist die Herrlichkeit in Christus, dass all andere dagegen verblasst, nicht konkurrenzfähig ist.

         Zu keinem Augenblick neigt Paulus dazu, das Gesetz zu entwerten oder gar zu verachten. Aber es ist ihm blass im Vergleich zum Evangelium. So kann wohl nur einer reden und schreiben, der von einer anderen, einer größeren Wirklichkeit regelrecht überwältigt und umgedreht worden ist.

 

Herr Jesus, Du bist Gottes Vergeben in Person. An Dir sehen wir, wie die Liebe Gottes über alle Schuld hinweg uns sucht, uns zu sich ziehen will

Dafür danke ich Dir, dass es für dieses Vergeben keine Grenze gibt. Es wird keine Zeit kommen, in der Dein Vergeben nicht mehr allen Schaden heilt, alle Sünde zudeckt, alle Eigenmächtigkeit überwindet.

Gib Du mir und uns allen doch, dass wir uns in Dein Vergeben bergen und so die Herrlichkeit schauen, für die wir bestimmt sind – von Anfang an. Amen