Vergeben – ein Akt der Stärke

  1. Korinther 2, 1 – 11

 1 Ich hatte aber dies bei mir beschlossen, dass ich nicht abermals in Traurigkeit zu euch käme. 2 Denn wenn ich euch traurig mache, wer soll mich dann fröhlich machen? Doch nur der, der von mir betrübt wird. 3 Und eben dies habe ich geschrieben, damit ich nicht, wenn ich komme, über die traurig sein müsste, über die ich mich freuen sollte. Habe ich doch zu euch allen das Vertrauen, dass meine Freude euer aller Freude ist.

             Hat Paulus seinerzeit in Korinth Traurigkeit erfahren, Trübsinn? Oder spielt er an auf die vielen Nachrichten aus der Gemeinde, die ihn zu seinem ersten Brief gebracht haben, dem man ja über weite Strecken den Schmerz anspüren kann? Oder gibt es einen Zwischenbesuch, von dem wir nichts wissen und der so traurig für ihn war? Jedenfalls – nicht noch einmal in Traurigkeit.

     Denn – gesetzt es kommt zu dieser Traurigkeit: wie aus ihr herauskommen? Wer einmal in der Traurigkeit festsitzt, der ist manchmal wie eingemauert. Nichts erreicht ihn mehr. Nicht freut ihn mehr. Alles ist irgendwie grau in grau. Paulus weiß: Negative Stimmungen können eine Eigendynamik entwickeln und alles in eine Abwärtsspirale ziehen. Dann liegen auf einmal Schmerz und Traurigkeit wie Mehltau über der Gemeinde und die Freude verschwindet, weil eine allgegenwärtige und zugleich unfassbare Traurigkeit alles ins Bodenlose stürzen lässt.

         Weil er das alles als Gefahr sieht, weiß Paulus: es liegt an ihm selbst – er muss den Ausweg finden und gehen. Er muss dieser Gefahr der Traurigkeit bei sich selbst und den Korinthern entgegenwirken. Er kann nicht erwarten, dass andere ihn aufheitern, ihm Gründe zur Freude liefern.

             Weil er niemand für die eigene Freude verantwortlich machen kann, hält er sich und den Korinthern vor Augen: meine Freude ist euer aller Freude – und umgekehrt: Ihr seid meine Freude. So wie sie ja auch sein Ruhm sind. Es ist das Suchen nach einem anderen Ton im Miteinander – nicht mehr nur Kritik, nicht mehr nur Belehrung, nicht mehr nur Richtigstellungen. Freude. Die Freude, so hofft Paulus, könnte das Fundament einer neuen, heilen Beziehung zwischen ihm und der Gemeinde sein. 

4 Denn ich schrieb euch aus großer Trübsal und Angst des Herzens unter vielen Tränen; nicht damit ihr betrübt werden sollt, sondern damit ihr die Liebe erkennt, die ich habe besonders zu euch.

             Um den Wechsel, auf den er hofft, in den Vordergrund zu rücken, erinnert Paulus an einen früheren Brief, einen, den er verfasst hat aus großer Trübsal und Angst des Herzens unter vielen Tränen. Ein „Tränenbrief“. In der jüngeren Auslegungsgeschichte wird oftmals die These vertreten, die Kapitel 2. Korinther 10 – 13 seien dieser Tränenbrief. Aber es gibt auch die andere Überzeugung, der ich zuneige: Der Tränenbrief ist „ein verloren gegangener Zwischenbrief, ein zwischen dem 1. Korintherbrief und dem 2. Korintherbrief  an die Gemeinde gesandtes Schreiben.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1,  Neukirchen 2010, S.130) Wir können nur vermuten, was seine Kerninhalten waren.

5 Wenn aber jemand Betrübnis angerichtet hat, der hat nicht mich betrübt, sondern zum Teil – damit ich nicht zu viel sage – euch alle. 6 Es ist aber genug, dass derselbe von den meisten gestraft ist, 7 sodass ihr nun ihm desto mehr vergeben und ihn trösten sollt, damit er nicht in allzu große Traurigkeit versinkt. 8 Darum ermahne ich euch, dass ihr ihm Liebe erweist.

           Eine Vermutung geht in diese Richtung: Paulus hat in einer bitteren und schmerzensreichen Auseinandersetzung mit einem Gemeindeglied um die Unterstützung der anderen Gemeindeglieder gekämpft. Er hat sie auf seine Seite ziehen wollen und hat es schlußendlich auch tatsächlich erreicht. Sie haben Paulus unterstützt und seinen Gegner gestraft. „Die Mehrheit der Gemeinde hat eine Rüge oder Strafe beschlossen, die den Betreffenden in Verzweiflung zu stürzen und damit über das Ziel hinauszuschießen droht.“ (T. Schmeller, aaO.; S.133) Darum schreibt Paulus: Jetzt ist es genug. Jetzt ist Zeit zu vergeben, Zeit zu trösten. Zeit für einen neuen Anfang. Auch der, der sich so gegen Paulus gestellt hat, soll nicht in allzu große Traurigkeit versinken. Das Ziel von Konflikten und Streit in der Gemeinde ist nie der Sieg der einen Seite, sondern immer, dass alle neu zusammenfinden. Dass die Freude siegt. Darum ermutigt und ermahnt Paulus: Zeigt ihm Liebe. Zeigt ihm, wie viel euch an ihm liegt.

            Der Abschnitt lebt von der Spannung zwischen Freude und Traurigkeitχαρ  oder λπη. Es mag schier unausweichlich sein, dass es zu Traurigkeiten kommt. Das Ziel für Paulus aber ist die Freude. Und die Liebe – γπη, Agape – ist der Weg dorthin. Und wenn Paulus nun  wieder schreibt – und vielleicht auch wieder kommt, dann ist auch da das Ziel die Freude. Seine und die der Korinther.

9 Denn darum habe ich auch geschrieben, um eure Bewährung zu erkennen, ob ihr gehorsam seid in allen Stücken. 10 Wem aber ihr etwas vergebt, dem vergebe ich auch. Denn auch ich habe, wenn ich etwas zu vergeben hatte, es vergeben um euretwillen vor Christi Angesicht, 11 damit wir nicht übervorteilt werden vom Satan; denn uns ist wohl bewusst, was er im Sinn hat.

            Noch einmal kommt Paulus auf seinen vorigen Brief zurück. Es ging nicht nur um den Streit, sondern es ging auch darum, dass die Gemeinde Klarheit gewinnt. Dass sie sich bewährt. „Die Qualität der Gemeinde wird an ihrem Gehorsam erkennbar.“ (T. Schmeller, aaO.; S.138) Aber wie ist der Gehorsam zu verstehen? Immerhin – diesen Satz schreibt der, der sich selbst als „Mitarbeiter an der Freude“(1,24)  bestimmt hat, der ausdrücklich verzichtet hat: wir sind nicht die „Herren über euren Glauben“(ebda). Und damit müsste es klar sein: es geht nicht um blinden Gehorsam, schon gar nicht gegen Paulus. Es geht um den Gehorsam, ich sage lieber, um die Übereinstimmung mit dem Evangelium. Um ein Handeln, dass sich an Jesus Christus und seinem Erbarmen orientiert.

            Es ist konsequent, dass Paulus noch einmal das Vergeben ins Zentrum rückt. Wenn man so will: Vergeben ist göttlich.  Nicht Vergeben ist ein Verhalten, das dem Satan in die Hände spielt. „Sein Werk ist die Zerstörung und Entzweiung der Gemeinde durch Feindschaft und Hass. Der Satan ist ein Feind des Friedens und der vergebenden Liebe.“ (H.D. Wendland, die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.175)

         Für Paulus steht fest: Nichts ist so schlimm, dass es keine Vergebung geben könnte. Niemand ist so schlimm und schlecht, dass ihn nicht Gott in seinem Vergeben sucht. Das gilt nicht von einer Beurteilung der Taten her. Das gilt allein von Christus her. Er ist „das Lamm, das die Sünden der Welt trägt.“(Johannes 1,29) Die Sünden, die wir für harmlos halten, für leichtes Gepäck und leichte Last. Und genauso die Sünden und Untaten, die uns das Blut in den Adern gefrieren lassen. Wer hergehen wollte und der Vergebung eine Grenze setzen – ein Unvergebbar aufrichten über irgendein Leben –  der ginge dem Satan auf den Leim. Sagt Paulus.

             Ob ich das durchhalte, so zu denken, so zu glauben? Ich weiß es nicht. Aber das weiß ich, dass ich nur in solchem Denken und Glauben der Erlösung Jesu am Kreuz entspreche, in dem ich keine Grenze für die Vergebung definiere. Und für mein Vergeben festlege. Wer sich die Vergebung Christi gefallen lässt, dem gilt sie.

           Vergeben ist nichts Schwächliches. Vergeben ist ein Akt der Stärke. Vergeben ist aktiver Widerstand gegen das Böse und den Bösen. “Lass dich niht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.” (Römer 12,21) Wer den Frieden sucht, wer dem Erbarmen Raum gibt, der gräbt dem Bösen das Wasser ab.

 

Weil Du die Freude willst, mein Gott, vergibst Du. Weil Du Dich freuen willst an Menschen, die umkehren zu Dir, die aufbrechen aus ihren alten Wegen, vergibst Du.

Weil Du unsere Freude suchst, machst Du dich auf und suchst uns, auch da, wo die Freude erloschen scheint.

Du vergibst dir nichts in Deinem Vergeben. Du öffnest uns den Weg in Deine Freude. Amen