Vertrauen auf ein neues Miteinander

  1. Korinther 1, 12 – 24

 12 Denn dies ist unser Ruhm: das Zeugnis unseres Gewissens, dass wir in Einfalt und göttlicher Lauterkeit, nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes unser Leben in der Welt geführt haben, und das vor allem bei euch. 13 Denn wir schreiben euch nichts anderes, als was ihr lest und auch versteht. Ich hoffe aber, ihr werdet es noch völlig verstehen, 14 wie ihr uns zum Teil auch schon verstanden habt, nämlich, dass wir euer Ruhm sind, wie auch ihr unser Ruhm seid am Tage unseres Herrn Jesus.

             Rühmen ist eigentlich nicht das, was wir von Paulus kennen. Darum ist es erstaunlich, dass er schreibt: dies ist unser Ruhm.  Sonst weiß Paulus doch: Niemand kann sich vor Gott rühmen. Aber – hier spricht er ja auch nicht im Gegenüber zu Gott, sondern im Gegenüber zu den Leuten in Korinth. „Paulus hat ein reines Gewissen, weil sein Lebenswandel dessen Anforderungen entspricht.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1, Neukirchen 2010, S. 81) Er lebt aus dem, was er verkündigt und lebt in Übereinstimmung mit dem, was er verkündigt, in Einfalt und göttlicher Lauterkeit. So lebt er überall und schöpft aus der Gnade. Eben auch und besonders in Korinth.

            Paulus rechnet – oder muss man besser sagen: hofft – mit einer großen Wende im Verhältnis der Gemeinde zu ihm. „Jetzt klagen sie über ihren Apostel, nennen ihn undurchsichtig und unverständlich und meinen, sich vor ihm in Acht nehmen zu müssen.“ (W. de Boor, Der zweite Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S.29) Das aber wird ganz anders werden am Tage unseres Herrn Jesus: Dann wird gelten: Wir sind euer Ruhm, wie auch ihr unser Ruhm seid. So ist am Ende nur Raum für eine große Dankbarkeit und Freude – von Paulus im Blick auf die Gemeinde, von der Gemeinde im Blick auf Paulus.

 15 Und in solchem Vertrauen wollte ich zunächst zu euch kommen, damit ihr abermals eine Wohltat empfinget. 16 Von euch aus wollte ich nach Mazedonien reisen, aus Mazedonien wieder zu euch kommen und mich von euch geleiten lassen nach Judäa.

             In diesem Vertrauen auf ein neues Miteinander, auf wechselseitige Anerkennung ist Paulus unterwegs, will er erneut nach Korinth kommen. Nicht, um irgendwelche alten Schlachten zu schlagen, sondern  damit ihr abermals eine Wohltat empfinget. Im Griechischen steht da steiler:  eine zweite Gnadeδευτραν χριν. Oder: eine erneute Gnade oder: zum zweiten Mal Gnade. Als Paulus zum ersten Mal in Korinth war, hat er das Evangelium verkündigt, es zu ihnen gebracht. Wenn er nun wieder kommt, wird er auch nichts Anderes bringen, sondern eben zum zweiten Mal: das Evangelium.

            An dieses inhaltliche Versprechen hängt er seine Reisepläne an. Nach Mazedonien, von dort aus wieder zurück nach Korinth und von dort aus – hoffentlich in Begleitung von Menschen aus der Gemeinde – nach Judäa. Die alte Planung einer Reise nach Jerusalem, die Paulus schon im 1. Brief nach Korinth 16,4 angesprochen hatte, wird hier wieder aufgegriffen.

 17 Bin ich etwa leichtfertig gewesen, als ich dies wollte? Oder ist mein Vorhaben fleischlich, sodass das Ja Ja bei mir auch ein Nein Nein ist? 18 Gott ist mein Zeuge, dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist.

            Es scheint, Paulus reagiert auf einen Vorwurf, der ihm aus Korinth gemacht wird: du bist nicht beständig in deinen Planungen. Du hältst nicht Wort. Der Eindruck ist da, „Paulus wolle „nach dem Fleisch“, nach seinen eigenen, jeweiligen Interessen seine Pläne aufstellen und wieder umwerfen. Er will über das Ja wie das Nein eigenmächtig verfügen.“ (W. de Boor, aaO.; S.43) Es ist keine Nebensächlichkeit, die hier verhandelt wird. Steht doch die Glaubwürdigkeit des Paulus insgesamt auf dem Spiel. Wenn er schon bei den Reiseplänen nicht zuverlässig ist… Deshalb ruft Paulus Gott zum Zeugen: Genauer übersetzt steht da: Gott ist treu. Und weil Paulus diesem treuen Gott dient, kann er nicht anders als auch treu sein, zuverlässig, nicht leichtfertig in seinen Worten. Sein Wort kann deshalb nicht Ja und Nein zugleich sein. Zwiespältigkeit und Doppeldeutigkeit verträgt sich nicht mit Gott.

 19 Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm. 20 Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.

             Weil das Evangelium nicht zugleich Ja und Nein ist, darum sind auch die konkreten Umstände der Verkündigung nicht zweideutig. Paulus bezieht sich zurück auf das, was er predigt, immer schon und immer wieder: auf das Ja Gottes, das im Sohn Gottes, Jesus Christus Person geworden ist, sichtbar. Unumstößlich. Es ist selten, dass Paulus von Jesus als dem Sohn Gottes spricht. Umso größeres Gewicht kommt also dieser Wortwahl hier zu. Weil Jesus Gottes Ja ist, kann es nicht Ja und Nein gleichzeitig geben, nicht in der Verkündigung und nicht in der Lebenspraxis des Apostels. Dafür stehen auch Silvanus und Timotheus und nicht nur Paulus selbst.

 21 Gott ist’s aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt 22 und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat

              Von diesem Ja Gottes aus kommt Paulus ganz verständlich zu dem anderen: Ihr in Korinth und wir  sind festgemacht in Christus. Gesalbt und versiegelt – alles Wirkungen, wie er sie auch sonst dem Heiligen Geist zuschreibt. „Den Gedanken einer Versiegelung , d. h. eines Schutzzeichens an denen, die gerettet werden sollen, kennt schon das Judentum.“(H.D. Wendland, die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.172) Wenn man ganz weit auslegt – schon das But an den Haustüren in Ägypten in der Nacht der Verschonung erfüllt die Funktion dieses Schutzzeichens

          Es geht Paulus also um Vergewisserung. Die eigene und die der Korinther.

 23 Ich rufe aber Gott zum Zeugen an bei meiner Seele, dass ich euch schonen wollte und darum nicht wieder nach Korinth gekommen bin. 24 Nicht dass wir Herren wären über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude; denn ihr steht im Glauben.

             Ein letztes: die Verzögerung in den Reiseplänen hat auch damit zu tun, dass er sich zurückhalten musste. Vielleicht: seinen Zorn abkühlen. Damit er nicht allzu hart auftreten müsste. Der zeitliche und räumliche Abstand hilft ja manchmal, Konflikt-Situationen zu entschärfen. Sie zu versachlichen.

            Und es wirkt ein bisschen – auf mich – wie ein Ordnungsruf des Paulus an die eigene Adresse: Wir sind Gehilfen zur Freude. Wir sind nicht die Herren des Glaubens, der Gemeinde. Der Auftrag des Apostels ist kein Herrschaftsauftrag, sondern eine Dienstanweisung. Es ist die vielleicht schlimmste Gefährdung des geistlichen Dienstes, dass er mit so vielen administrativen Befugnissen verbunden wird, so dass aus dem „Pastor“, dem Hirten allzu leicht der Pfarrherr werden kann.

            Es ist die immer währende Verpflichtung von Pfarr-Personen, wie man heute sagt: Zuarbeiter, Gehilfe, Unterstützer. συνεργο, Synergoi. Mitarbeiter. Mitwirkende, Nie die Hauptperson. Nie der oder die, um die sich alles drehen muss. Nie der oder die, die ihre eigene Macht bewahren dürfen. Die ersten Mitarbeiter in der Gemeinde. Wer, wenn nicht eine pfarrer-zentrierte Kirche hat hier von Paulus zu lernen, zu lernen, zu lernen.

 

Heiliger Gott, wir leben von Deinem Ja, von Deiner Gnade, von Deinem Erbarmen. Wir leben davon, dass Du Dich in Jesus Christus festgelegt hast, unwiderruflich über alle Schuld hinweg.

Gib Du doch, dass diese Eindeutigkeit, dieses Ja auch unser Leben prägt, dass es mir hilft, Menschen zu bejahen statt sie zu verneinen, dem Leben zu dienen und dem Tod entgegen zu treten

Hilf Du, dass Vertrauen auf Deine Verheißungen mich sehen lässt, wo andere verheißungsvolle Schritte suchen und wo ich sie darin unterstützen kann. Amen