Lass Dir genügen

Jeremia 45, 1 – 5

1 Dies ist das Wort, das der Prophet Jeremia zu Baruch, dem Sohn Nerijas, redete, als er die Worte, wie Jeremia sie ihm sagte, auf eine Schriftrolle schrieb, im vierten Jahr Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda:

            Was hier steht, das gehört an eine andere Stelle – in eine andere Zeit und an einen anderen Ort. Es ist die Zeit vor 597 und es ist doch wohl Jerusalem, wo dieses Wort ergeht. Die Frage ist: Warum steht es hier? Gibt es auch in Tachphanes keinen anderen Trost als es ihn in Jerusalem gegeben hat?

 2 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, über dich, Baruch: 3 Du sprichst: Weh mir, wie hat mir der HERR Jammer zu meinem Schmerz hinzugefügt! Ich seufze mich müde und finde keine Ruhe. 4 Sage ihm: So spricht der HERR: Siehe, was ich gebaut habe, das reiße ich ein, und was ich gepflanzt habe, das reiße ich aus, nämlich dies mein ganzes Land. 5 Und du begehrst für dich große Dinge? Begehre es nicht! Denn siehe, ich will Unheil kommen lassen über alles Fleisch, spricht der HERR, aber dein Leben sollst du wie eine Beute davon bringen, an welchen Ort du auch ziehst.

            Baruch scheint geklagt zu haben. Schreiber sind wohl nicht unbedingt tapfere Leute. Die Schreibfeder ist kein Schwert. Baruch scheint nicht damit fertig geworden zu sein, wie sich die Situation seines Lebens mehr und mehr verschlechtert.  „Sein „Weh mir“, ein Klageruf aus der Totenklage, nimmt die schrecklichen Leiden, die im Tod enden werden, vorweg.“ (R.Then, Der unbequeme Mahner. Jeremia, Bibelauslegung für die Praxis 12. Stuttgart 1993, S. 141) Tröstet das wirklich, wenn ich um mich herum nur Untergang sehe und mir dann sagen lassen muss: Aber du bist ja noch da.

            Tröstet es in der Angst vor dem Untergang, dass diese so herbe Bild Gottes gezeichnet wird: Siehe, was ich gebaut habe, das reiße ich ein, und was ich gepflanzt habe, das reiße ich aus, nämlich dies mein ganzes Land.  Einmal mehr tauchen die Stichworte aus der Berufung Jeremias auf – bauen und einreißen, pflanzen und ausreißen (1,10)

            Es fällt nicht gleich auf: Gott hält dem Schmerz und der Klage des Baruch seinen eigenen Schmerz entgegen. Und relativiert ihn so, indem er ihn zu dem eigenen Schmerz in Relation setzt. Glaubt Baruch denn wirklich, dass es Gott nicht berührt, wenn er seinen Heilsweg mit Jerusalem abbrechen muss, wenn seine Geschichte mit seinem Volk in die Sackgasse geraten ist, aus der es keinen Ausweg gibt. Die Antwort auf die Klage des Baruch ist der Verweis Gottes darauf, dass er doch tausendmal mehr Anlass zur Klage hat, dass sein Schmerz unvergleichlich größer ist.

            Es kommt mir vor, als säße unsichtbar neben Baruch der Prophet, der sich über die Barmherzigkeit Gottes aufregt, Jona. Er klagt über seinen eingegangen Rizinusstrauch und verlangt im gleichen Atemzug, dass Gott Ninive vernichten soll. Die Antwort Gottes an Jona: „Und der HERR sprach: Dich jammert die Staude, um die du dich nicht gemüht hast, hast sie auch nicht aufgezogen, die in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertundzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?“ (Jona 4,10-11) Es scheint in unserer Menschen-Natur zu liegen, dass wir den eigenen Schmerz, das eigene Leid immer für das größtmögliche Unglück halten und dabei blind werden für den Schmerz Gottes.

         Was Baruch bleibt, was ihm zugesagt wird: Du sollst dein Leben wie eine Beute davon bringen, an welchen Ort du auch ziehst. Mehr aber auch nicht. Unzähligen Menschen ist das so ergangen, auch im zweiten Weltkrieg, in den Vernichtungs-Schlachten: Sie haben nichts als das nackte Leben davon gebracht. Sie haben das große Sterben gesehen und sind diese Bilder wohl nie mehr los geworden – nicht die äußeren und erst recht nicht die inneren Bilder. Unter uns wohnen in dieser Zeit Abertausende, die aus dem großen Sterben und Morden in Syrien und anderswo geflohen sind. Traumatisiert. Für ein ganzes Leben in der Seele verwundet.

            Was ist das für ein Gottesbild: Gott baut auf und Gott reißt ein. Gott gibt Leben und Gott  nimmt Leben. Es ist etwas zu spüren von der Herbe dieses Lebens  von der Herbe Gottes, der eben nicht nur der „liebe Gott“ ist, den wir uns so gerne zurecht legen.

            Eine späte Parallele zu Baruch finde ich bei Paulus. Der leidet an den harten Grenzen, die ihm sein Leib setzt. An dem Unvermögen, an dem Schmerz, der ihn manchmal lahm legt. Und möchte beides los-sein, den Schmerz und die Grenzen. Und muss sich doch mit dem Wort begnügen, das ihn an seinen Grenze verweist, an die Aufgabe, sich mit ihr zu versöhnen: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“(2. Korinther 12,9) Es ist Gnade, dass du leben darfst. Es ist Gnade, dass ich da bin – für dich. Mehr gibt es nicht. Mehr brauchst du nicht.

            In der inneren Lage, in die ich von Zeit zu Zeit hineingeraten, weil die Zumutungen des Lebens über meine Kräfte gehen, sind mir diese harten Worte Gottes eine Hilfe, weil sie mich ermutigen, ihm das, was ich nicht für mich zurecht bringe, hin zu halten und ihn auch da am Werk zu glauben. Ein immer wohl temperierter Gott hilft mir nicht, wenn mein Leben rissig wird, wenn  ich Brüche sehe, wenn mich der Kummer packt. Aber ein Wort Gottes, das mir sagt: Das mute ich Dir zu – so wie ich es aller Welt zumute – das hat eine Nähe, die mir hilfreich ist, auch wenn es trotz alledem ein hartes Wort ist, das mich auch verwundet.

 

Gott, lass Dir genügen, sagst Du. Du lebst. Du sieht auch heute noch den Himmel. Du atmest. Du kannst gehen. Lass Dir genügen.

Siehst Du nicht, wie viel Sterben um Dich herum ist, wie viele Tränen, wie viel Schmerz? Und Du willst den Ort, an dem Dich das alles nicht erreicht, nicht bewegt, nicht berührt?

Ich bin kein unberührter Gott, sagst Du mir, mein Gott. Lass es Dir genügen, dass Du lebst und ich bei Dir bin. Amen

 

 

 

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