Gott, schön und gut. Aber besser….

Jeremia 44, 15 – 30

 15 Da antworteten dem Jeremia alle Männer, die sehr wohl wussten, dass ihre Frauen andern Göttern opferten, und alle Frauen, die dabeistanden, eine große Menge, samt allem Volk, das in Ägyptenland und in Patros wohnte, und sprachen: 16 Den Worten, die du im Namen des HERRN uns sagst, wollen wir nicht gehorchen, 17 sondern wir wollen all die Worte halten, die aus unserm eigenen Munde gekommen sind, und wollen der Himmelskönigin opfern und ihr Trankopfer darbringen, wie wir und unsere Väter, unsere Könige und Oberen getan haben in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems. Da hatten wir auch Brot genug und es ging uns gut, und wir sahen kein Unglück. 18 Seit der Zeit aber, da wir es unterlassen haben, der Himmelskönigin zu opfern und Trankopfer darzubringen, haben wir an allem Mangel gelitten und sind durch Schwert und Hunger umgekommen. 19 Und wenn wir Frauen der Himmelskönigin opfern und Trankopfer darbringen, das tun wir ja nicht ohne den Willen unserer Männer, wenn wir ihr Kuchen backen, um ein Bild von ihr zu machen, und ihr Trankopfer darbringen.

                       Am Ende ist es wie eine Zuspitzung der Berufungsworte an Jeremia: „Ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule, zur ehernen Mauer machen im ganzen Lande wider die Könige Judas, wider seine Großen, wider seine Priester, wider das Volk des Landes,“ (1,18) Jetzt steht Jeremia gegen alle – einer allein gegen alle. Alle Männer, alle Frauen, alles Volk. So einsam kann es werden für den, der Gott vertritt.

               Jetzt kommt aus dem Mund der Vielen, Männer, Frauen, Volk, eine klare Absage: Wir wollen dem HERRN nicht mehr gehorchen. Wir wollen uns nicht mehr unter dieses Wort stellen. Wir wollen unseren eigenen Worten folgen und der Himmelskönigin opfern. Da hatten wir auch Brot genug und es ging uns gut, und wir sahen kein Unglück. Die Himmelskönigin  ist wohl irgendeine Astarte-Gottheit, die immer schon eine heimliche Konkurrentin Jahwes war, die Fruchtbarkeit garantieren sollte und die irgendwie einleuchtender erschien als der Gott des Himmels und der Erde, der so anspruchsvoll in seiner Gehorsams-Forderung ist.

            Und es ist ein harter Gegensatz: „Das Kuchenbacken macht eben Spaß und es bietet sich bei diesem Kult richtig an, Volksfeste zu feiern. Es ist eine liebliche Frömmigkeit, während Jahwe-Gott von ihnen Gehorsam verlangt.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.330) Nicht verschweigen und unterschlagen will ich doch auch sehr problematische Sätze des gleichen Kommentars: „Zu beachten ist, dass dieser Götzendienst von den Frauen ausgeübt wird, V.15.25 (vgl. die Paradieserzählung, wo auch die Frau den Mann zur Sünde und zum Ungehorsam verleitet!)“ (D. Schneider, ebda.) Zu so kurzschlüssigen Gedankengängen fällt mir nichts mehr ein.

            Was in den Worten geschieht, ist die Aufkündigung des Bundes, in dem Israel zu Israel geworden ist, in dem es bewahrt war. Weil sie glauben, dass es einen anderen, besseren Weg gab: „Solange sie der Himmelkönigin opferten, ging es ihnen gut; erst das Aufhören dieses Kultes habe ihnen Hunger und Schwertnot eingebracht.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.372) Nicht der Ungehorsam gegen Jahwe hat das Elend ausgelöst, sondern die Vernachlässigung der Fruchtbarkeitsgöttin.

            Was in diesen Worten geschieht, ist, aber noch viel mehr. Wir wollen all die Worte halten, die aus unserm eigenen Munde gekommen sind. Sie haben beschlossen, dass sie sich selbst leiten. Sie beschwören die Autonomie, die nur das eigene Wollen kennt, nur den Einfällen des eigenen Herzens folgt. Wenn man so will, sind sie in diesen Worten eine frühe Vorwegnahme der Postmoderne, in der die eigene Existenz, das eigene Wollen und das eigene Wohl zum alleinigen Maßstab werden. „Geh, wohin dein Herz dich führt.“ Niemand sonst darf führen, auf den Weg einwirken. Sie sind sich selbst Gott, letztlich alleiniger Maßstab. Hinter diesen Worten lauert die abgrundtiefe Einsamkeit des autonomen Menschen.

            Ich leide im Augenblick genau daran, dass ich sehe und erfahre, wie solche Autonomie, die jedes Wort von außen verweigert, zerstörerisch ist, Leben bedroht, auch das eigene Leben in eine unauflösliche Gefangenschaft führt, Gemeinschaft vernichtet. Ich leide darunter, dass ich sehe, wie dieser Mechanismus auch heute noch wirkt: Wer nur sich selbst als letzte Instanz hat und anerkennt, wird unzugänglich, gerät in die Gefangenschaft in sich selbst, wird zum „homo in se incurvatus“ (M. Luther), zum in sich selbst verkrümmten Menschen. Für Luther ist das das Wesen der Sünde, aus der wir nicht selbst in die Freiheit treten können und herausfinden, sondern der einzige Weg ins Freie ist Erlösung.

            Die Fronten werden klar: Glaube steht gegen Glaube. Wort gegen Wort. Die Deutung des Untergangs könnte verschiedener kaum sein. In ihren Worten wird es überdeutlich: sie sind inzwischen regelrecht immun gegen die Rückrufe zum Gott der Väter, zum Gehorsam gegen das Gesetz, zum Vertrauen auf den HERRN. 

            Es plagt mich, wie ich in unserer Zeit Parallelen sehe: Gott – schön und gut. Jeder braucht wahrscheinlich etwas zum Kuscheln. Als Seelentrost. Als Vertröstung. Aber besser ist es, sich auf die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft zu verlassen, auf den Fortschritt der Medizin. Auf die eigene Tüchtigkeit.

„Es rettet uns kein höh’res Wesen,  kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!“        E. Luckhardt 1910

            Der Text der „Internationalen“ ist längst, weit über die linke Bewegung hinaus, zum allgemeinen Credo geworden. Zum festen Bestandteil des gesellschaftlichen Bewusstseins. Selten so klar formuliert, wie  gegenüber Jeremia durch das Bekenntnis zur Himmelsgöttin. Aber es ist die Leitlinie, der gefolgt wird. Und alle Gottesdienste und Umkehrrufe  der Christen wirken dem gegenüber harmlos und hilflos.

            Manchmal frage ich mich: sind wir als Christenheit zwar nicht in der babylonischen Gefangenschaft, wohl aber in der Fluchtgesellschaft in Oberägypten, in Tachphanes. Migdol und Memfis?

20 Da sprach Jeremia zu dem ganzen Volk, den Männern und Frauen und allen Leuten, die ihm so geantwortet hatten: 21 Nein, der HERR hat gedacht an das Opfern, das ihr in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems getrieben habt samt euren Vätern, Königen, Oberen und allem Volk des Landes, und er hat’s zu Herzen genommen, 22 dass er nicht mehr leiden konnte euren bösen Wandel und die Gräuel, die ihr tatet; daher ist auch euer Land zur Wüste, zum Entsetzen und zum Fluch geworden, dass niemand darin wohnt, so wie es heute ist. 23 Weil ihr der Himmelskönigin geopfert habt und wider den HERRN sündigtet und der Stimme des HERRN nicht gehorchtet und in seinem Gesetze, seinen Rechten und Mahnungen nicht gewandelt seid, darum ist euch solches Unheil widerfahren, so wie es heute ist.

             Jeremia kann nur wiederholen, was er gesagt und gesagt und gesagt hat: Der Abfall von Gott, von dem Herrn, der hat euch dahin gebracht, wo ihr seid. Der hat das Unheil über euch gebracht und wird neues Unheil über euch bringen. Es ist nichts mit der Zuflucht bei der Himmelskönigin. Die einzige Zuflucht ist Gott. Kehrt um, damit ein Rest besteht.

            Es sind die Worte, die Jeremia am Anfang seiner Wirksamkeit gesagt hat, die er wieder und wieder wiederholt hat. Er ist mit seiner Botschaft nicht weitergekommen, weil seine Worte an tauben Ohren und harten Herzen abgeprallt sind. Was am Ende, angesichts der Wirkungslosigkeit seiner Worte bleibt, ist: Jeremia ist seinem Auftrag treu geblieben.

24 Und Jeremia sprach zu allem Volk und zu allen Frauen: Höret des HERRN Wort, ihr alle aus Juda, die in Ägyptenland sind! 25 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Ihr und eure Frauen habt mit eurem Munde geredet und mit euren Händen vollbracht, was ihr sagt: »Wir wollen unsere Gelübde halten, die wir der Himmelskönigin gelobt haben, dass wir ihr opfern und Trankopfer darbringen.« Wohlan, erfüllt doch eure Gelübde und haltet eure Gelübde! 26 So höret nun des HERRN Wort, ihr alle aus Juda, die ihr in Ägyptenland wohnt: Siehe, ich schwöre bei meinem großen Namen, spricht der HERR, dass mein Name nicht mehr genannt werden soll durch irgendeines Menschen Mund aus Juda in ganz Ägyptenland, der da sagt: »So wahr Gott der HERR lebt!« 27 Siehe, ich will über sie wachen zum Unheil und nicht zum Heil, dass, wer aus Juda in Ägyptenland ist, durch Schwert und Hunger umkommen soll, bis es ein Ende mit ihnen hat.

             Es bleibt eine letzte Gerichtsansage. Weil sich alle aus Juda, die in Ägyptenland sind,  der Himmelskönigin anvertraut haben, werden sie erfahren müssen, dass bei ihr keine Hilfe ist, keine Rettung. Sie mögen sich um die mühen, wie sie wollen – jetzt steht auch in der vermeintlichen Zuflucht Gott gegen sie.

 28 Die aber dem Schwert entrinnen, werden aus Ägyptenland ins Land Juda zurückkommen als ein geringes Häuflein. So werden dann alle, die übrig geblieben sind von Juda und die nach Ägyptenland gezogen waren, dort zu wohnen, erkennen, wessen Wort wahr geworden ist, meines oder ihres.

             Es wirkt wie ein Satz an falschen Platz. Das Urteil Gottes ist noch nicht vollstreckt und wird schon aufgeweicht:  ein geringes Häuflein wird entrinnen. Und sie werden Zeugen dafür sein, auf welcher Seite die Wahrheit war. Wer die Lügenpropheten waren und der Prophet des HERRN, bei welchem Gott Rettung ist und Zuflucht.

  29 Und dies sei das Zeichen, spricht der HERR: Ich will euch an diesem Ort heimsuchen, damit ihr wisst, dass mein Wort wahr werden soll über euch zum Unheil. 30 So spricht der HERR: Siehe, ich will den Pharao Hofra, den König von Ägypten, übergeben in die Hände seiner Feinde und derer, die ihm nach dem Leben trachten, gleichwie ich Zedekia, den König von Juda, übergeben habe in die Hand Nebukadnezars, des Königs von Babel, seines Feindes, der ihm nach dem Leben trachtete.

             Wieder schiebt sich das Handeln Gottes und das politische Geschehen in einander. Der Pharao Hofra wird das Schicksal Zedekias erleiden. „Hofra wurde nach einer Niederlage in Kyrene gestürzt und gefangen und schließlich von den Ägyptern erwürgt.“ (A.Weiser, aaO.; S.374)

             Es ist aber auch hier mit Händen zu greifen: Das Geschehen ist Geschehen aus der Macht Gottes. Er ist der verborgene Akteur hinter den Akteuren auf der Bühne der Weltgeschichte. „Diese gewaltige Konzeption des Gerichtsgedankens, die, alle menschlichen Versuche einer egozentrischen Gerichtsdeutung hinter sich lassend, den letzten Sinn des Geschehens in der Selbstoffenbarung der Wirklichkeit Gottes und in der gültigen Wahrheit seines Wortes sieht, beherrscht die letzten Verse des Kapitels und zeigt den Propheten am Ende seines Lebens noch einmal auf der einsamen Höhe es unerschütterlichen Gotteszeugens.“ (A.Weiser, aaO,; S.373 Selbstoffenbarung Gottes – ja. Gültige Wahrheit des Wortes – ja. Aber der Prophet ist nicht die unerschütterliche Gestalt. Er ist ein angefochtener und verletzter Mann, der seine Treue erbettelt und sie oft genug durchhält gegen die eigene innere Befindlichkeit, gegen das eigene Verzagen. Jeremia ist kein Held.

 

Herr, wenn ich auf mein Leben schaue, sehe ich, dass ich manchmal wusste, was ich soll und es doch nicht getan habe. Ich wusste, was gut ist, was Du von mir forderst und habe doch getan, was ich wollte.

Du lässt mich das heute sehen und  nimmst mir allen Hochmut, alle Selbstgerechtigkeit. Du zeigst mir: Dennoch bin ich für ich da. Du darfst neu mit mir leben und ich schicke Dich nicht fort. Du bist mein geliebter verlorener Sohn. Amen