Vor Gott ist Flucht Unsinn

Jeremia 44, 1 – 14  

 1 Dies ist das Wort, das zu Jeremia geschah an alle Judäer, die in Ägyptenland wohnten, nämlich in Migdol, Tachpanhes und Memfis, und die im Lande Patros wohnten.

             Sie sind wirklich nach Tachphanes gegangen. Sie haben sich dort sogar sesshaft gemacht. Vielleicht sind sie ja auch dorthin gegangen, weil es schon zuvor „in Oberägypten eine jüdische Diaspora gegeben hat.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.370) Das würde zumindest ein wenig helfen zu verstehen, warum es zu diesem Weg gekommen ist.

 2 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Ihr habt gesehen all das Unheil, das ich habe kommen lassen über Jerusalem und über alle Städte in Juda; siehe, heutigentags sind sie wüst und niemand wohnt darin; 3 und das um ihrer Bosheit willen, die sie taten, als sie mich erzürnten und hingingen und opferten und dienten andern Göttern, die weder sie noch ihr noch eure Väter kannten. 4 Und ich sandte immer wieder zu euch alle meine Knechte, die Propheten, und ließ euch sagen: »Tut doch nicht solche Gräuel, die ich hasse.« 5 Aber sie gehorchten nicht und kehrten auch ihre Ohren nicht zu mir, dass sie sich von ihrer Bosheit bekehrt und andern Göttern nicht geopfert hätten.  6 Darum ergoss sich auch mein Zorn und Grimm und entbrannte über die Städte Judas und die Gassen Jerusalems, dass sie zur Wüste und Öde geworden sind, so wie es heute ist.

            Auch im fremden Land sucht Gott sein Volk. Auch in Ägypten hört er nicht auf, durch den Propheten um das Herz seines Volkes zu werben. Noch einmal wird erklärt, warum es zu der Katastrophe gekommen ist, warum alle Städte in Juda wüst sind und niemand wohnt darin. Denen, die sich in Sicherheit bringen wollen, hält Jeremia vor, was der wahre Grund ihres Elends ist: „Die Sünden der Väter, ihren Götzendienst und Ungehorsam gegen die wiederholten Warnungen der Propheten als ihre innere Ursache, der das Zorngericht Jahwes notwendig folgen musste.“(A.Weiser, ebda.) Gott hat vergeblich zur Umkehr gerufen. Es ist eine lange Kette von Boten, die Gott gesandt hat – alle mit der einen Botschaft: „Werdet klar in eurem Leben. Kehrt euch zu mir.“ Aber es ist, als habe Gott zu verschlossenen Ohren und harten Herzen geredet, die Umkehr ist eine Sehnsucht Gottes geblieben, aber nicht die Wirklichkeit des Volkes geworden.

             Die Städte Judas und die Gassen Jerusalems sind zur Wüste und Öde geworden. Das Land wird wüst und öde. So ist es bei uns nicht. Unser Land ist nicht entleert, nicht verwüstet, wie direkt nach dem Krieg 1945, nicht menschenleer.  Die Verwüstungen bei uns sind nicht zerstörte Häuser und zertrümmerte Straßen, Die Verwüstungen bei uns sind hasserfüllte Herzen und verwirrte Sinne. Die nur noch sich selbst kennen, denen jedes Vertrauen auf Gottes Fügung abhanden gekommen ist.

            Sehe ich nur noch schwarz?  Weil Jeremia bis zum Ende keine neuen Worte erhält, keine andere Botschaft zu sagen als am Anfang deines Weges als Prophet? Was für eine bittere Treue ist das, die Gott über dreißig Jahre hin diesem Propheten abverlangt.

 7 Nun, so spricht der HERR, der Gott Zebaoth, der Gott Israels: Warum tut ihr euch selbst ein so großes Unheil an, dass bei euch ausgerottet werden aus Juda Mann und Frau, Kind und Säugling und nichts von euch übrig bleibt, 8 und erzürnt mich so durch eurer Hände Werke und opfert andern Göttern in Ägyptenland, wohin ihr gezogen seid, um dort zu wohnen, auf dass ihr ausgerottet und zum Fluch und zur Schmach werdet unter allen Völkern auf Erden? 9 Habt ihr vergessen die Sünden eurer Väter, die Sünden der Könige von Juda, die Sünden ihrer Frauen, dazu eure eigenen Sünden und die Sünden eurer Frauen, die sie getan haben im Lande Juda und auf den Gassen Jerusalems?

               Aber die Lebenspraxis in Israel war und ist eine andere. Auch jetzt, am vermeintlichen Ort der Zuflucht geht es so weiter: Ihr erzürnt mich durch eurer Hände Werke und opfert andern Göttern in Ägyptenland. Es ist kein Neuanfang in Ägypten, sondern die Fortsetzung, die immer gleiche Litanei: die Sünden eurer Väter, die Sünden der Könige von Juda, die Sünden ihrer Frauen, dazu eure eigenen Sünden und die Sünden eurer Frauen.  Es sind eben nicht nur alte Missetaten, es ist der fortgesetzte Götzendienst, der den Weg in eine gute Zukunft versperrt. Es sind neue Leute, eine neue Generation, aber die alten Verhaltensmuster. Sie scheinen unbelehrbar.

             Ist das so, auch bei uns? Ist das so, dass dieses Land Deutschland unbelehrbar ist? Wir sind schon lange nicht mehr die Generation derer, die im 3. Reich gelebt hat, hinter den braunen Horden hergelaufen ist. Manchmal aber denke ich: Dieses Land hat nur die Kleider gewechselt. Viele im Land sind in der Regel nicht mehr offen antisemitisch, „nur noch“ rassistisch und fremdenfeindlich. Aber wir scheinen, wie schon immer, auf der Suche nach Sündenböcken, denen man alles Elend und alle enttäuschte Erwartung des eigenen Lebens anlasten kann. Früher waren die Juden an allem schuld, jetzt sind die Ausländer, die Asylanten, die uns in die Misere führen.  „Die anderen waren schuld, dass alles anders kam“.(Alexandra, LP Lieder unserer Zeit in Licht und Schatten, o. J.)

 10 Sie haben sich bis auf diesen Tag nicht gedemütigt, fürchten sich auch nicht und wandeln nicht in meinem Gesetz und in den Rechtsordnungen, die ich euch und euren Vätern gegeben habe.

              Darum steht auch die Erinnerung an das Sinai-Gebot hier nicht von ungefähr. Das ist ja das Bundesgebot, das dem Volk seine Existenz gegeben hat. Das ist das Zeichen des Bundes, den Gott geschlossen hat und durch den er aus einem Haufen von umher irrenden Hebräern das Volk Gottes gemacht hat. Es ist das Zeichen der Zuwendung Gottes, dass er seinem Volk eine lebensdienliche Ordnung gegeben hat. In dem, was die Israeliten getan haben und aktuell tun, verleugnen sie nicht nur ihren Gott, sondern verneinen sie auch die Grundlagen der eigenen Existenz –  Gesetz und Rechtsordnungen, die sie am Sinai empfangen haben.

                   In diesen Worten meldet sich deutlich die Sicht der Kreise, in denen auch das 5. Buch Mose entstanden ist. Das Deuteronomium, das zweite Gesetz. Es ist der Gehorsam gegen die Gebote Gottes, der Israel leben lässt und es ist der Ungehorsam gegen das Gebot, und damit gleichgesetzt der Unglaube, der Israel in die Katastrophe des Untergangs gerissen hat. Darum ist die Konsequenz aus dem Untergang eine neue Hochachtung und ein neuer Gehorsam gegen das Gesetz, das Gott selbst „in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben  wird.“(31,33) Das wäre die Hoffnung, aus der es zu leben gilt.

11 Darum spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Siehe, ich will mein Angesicht wider euch richten zum Unheil, und ganz Juda soll ausgerottet werden. 12 Und ich will wegraffen, die übrig geblieben sind von Juda, die ihr Angesicht nach Ägyptenland gerichtet haben, um dorthin zu ziehen und dort zu wohnen; es soll ein Ende mit ihnen allen werden in Ägyptenland. Durchs Schwert sollen sie fallen und durch Hunger sollen sie umkommen, Klein und Groß; sie sollen durch Schwert und Hunger sterben und sollen zur Verwünschung, zum Entsetzen, zum Fluch und zur Schmach werden. 13 Ich will auch die Einwohner in Ägyptenland mit Schwert, Hunger und Pest heimsuchen, gleichwie ich an Jerusalem getan habe, 14 sodass von denen, die übrig geblieben sind von Juda und die hierher gekommen sind nach Ägyptenland, um hier zu wohnen, keiner entrinnen und entkommen soll. Sie sollen nicht mehr ins Land Juda zurückkehren, wohin sie gerne wiederkämen und wohnten, sondern es soll keiner dahin zurückkommen außer einigen Entronnenen.

            Davon aber sind sie in Oberägypten weit entfernt. Sie haben alles verlassen, was sie zum Gottesvolk gemacht hat. Sie sind zurückgekehrt in das Haus der Knechtschaft, in der Hoffnung, hier einen sicheren Ort zu haben. Es ist verrückt: Dort sucht Juda Zuflucht, von wo es geflüchtet war, um das Leben zu gewinnen. Wie viel Verwirrung wird hier sichtbar!

             Es ist eine Mischung aus geistlicher Rede und politischer Analyse. Jeremia ist völlig illusionslos, was die Stärke Ägyptens im Vergleich zur Macht der Chaldäer angeht. Aber das Entscheidende ist das nicht. Sondern entscheidend ist auch hier, im Land der fremden Götter das andere: Siehe, ich will mein Angesicht wider euch richten zum Unheil…ich will wegraffen, die übrig geblieben sind von Juda, die ihr Angesicht nach Ägyptenland gerichtet haben, um dorthin zu ziehen und dort zu wohnen. Vor Gott ist Flucht Unsinn.

 

Mein Gott, manchmal packt mich die Angst, dass ich Dein Wort höre und doch nicht höre, dass ich es lese, aber es berührt mich nicht, ändert nichts an meinem Leben, meinem Denken, Fühlen, Handeln

Bin ich schon immun? Taub für Deine Stimme, nicht bereit zu Neuanfang, zu Aufbruch, zur Umkehr?

Heiliger Gott, kehre Du mich zu Dir um, weil Du Dich ja immer wieder zu mir umwendest und mich suchst. Amen