Nichts unter den Teppich kehren

  1. Korinther 7, 2 – 16

2 Gebt uns Raum in euren Herzen! Wir haben niemand Unrecht getan, wir haben niemand verletzt, wir haben niemand übervorteilt. 3 Nicht sage ich das, um euch zu verurteilen; denn ich habe schon zuvor gesagt, dass ihr in unserm Herzen seid, mitzusterben und mitzuleben.  4 Ich rede mit großer Zuversicht zu euch; ich rühme viel von euch; ich bin erfüllt mit Trost; ich habe überschwängliche Freude in aller unsrer Bedrängnis.

             Jetzt kehrt Paulus zum Gedanken der weiten Herzen, des Raumes im Herzen zurück. Er bittet um einen, seinen Platz im Herzen der Korinther. Und er begründet seine Bitte mit einer Unschuldbeteuerung. Diese Unschuldsbeteuerung hat ihren Sinn wohl darin, dass es Vorwürfe gegeben haben kann: Er habe mit seiner rigorosen ethischen Härte Menschen verletzt. Er sei mit seinen Attacken gegen die Charismatiker zu weit gegangen.

            Alle so möglichen Vorwürfe weist Paulus zurück, ohne sie jedoch ausdrücklich zu benennen. Weil es ihm ferne liegt, die zu verurteilen, mit denen er in Gemeinschaft verbunden ist, die er im Herzen trägt. So weit geht diese Gemeinschaft, dass er mit ihnen stirbt und mit ihnen lebt. „Wenn “ein” Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn “ein” Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“(1. Korinther 12,26) hatte er ihnen früher geschrieben. Jetzt sieht er sich mit ihnen in einer Schicksalsgemeinschaft zusammen, die Tod und Leben umfasst. Es wird nicht ausdrücklich gesagt, aber es steht wohl dahinter: Weil sie alle mit Christus verbunden sind, sind sie auch miteinander verbunden, im Sterben und zum ewigen Leben.

            Diese Schicksalsgemeinschaft ist etwas, was Paulus wichtig ist. Was ihn mit Zuversicht erfüllt. Worüber er sich getröstet weiß. Alles Sätze, die nur eines wollen: Den Korinthern die Wertschätzung zeigen, die sie bei Paulus haben. Ihnen zeigen, wie viel Raum sie im Herzen des Paulus haben. Vielleicht wird ja daraus, dass Paulus auch in ihren Herzen Raum erhält.

            Es sind ausgesprochen warmherzige Töne, die hier laut werden. Die es nahe legen zu vermuten, dass es zu wirklichen Schritten der Versöhnung zwischen Apostel und Gemeinde gekommen ist. Das Ringen um solche Versöhnung prägt ja den Brief schon lange.  Ein bisschen wirkt es, als sei der Streit und damit auch Paulus selbst zur Ruhe gekommen.   „Nichts unter den Teppich kehren“ weiterlesen

Weit, aber nicht grenzenlos

  1. Korinther 6, 11 – 7,1

 11 O ihr Korinther, unser Mund hat sich euch gegenüber aufgetan, unser Herz ist weit geworden. 12 Eng ist nicht der Raum, den ihr in uns habt; eng aber ist’s in euren Herzen. 13 Ich rede mit euch als mit meinen Kindern; stellt euch doch zu mir auch so und macht auch ihr euer Herz weit.

             Paulus hält inne und setzt neu ein. Er überschaut, was er bis hierher geschrieben hat. Sein Herz hat er aufgemacht. Er hat sich selbst restlos geöffnet. Ohne Vorbehalte, ohne irgendwelche Gedanken zurück zu halten. „Die Gemeinde kann in das weit geöffnete Herz des Paulus hineinblicken.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1,  Neukirchen 2010, S.364) In Lauterkeit (6,6) hat er geschrieben und alles Werben um die Korinther  zielt darauf, dass sie Anteil an seiner Weite gewinnen.

            Es kann sein, dass ein Vorwurf im Raum stand, Paulus sei engherzig, weil er so entschieden moralische Defizite ansprechen konnte. Auch weil er sich der vermeintlichen Weite der großen enthusiastischen Erfahrungen verweigert. Weil er sie auf der Besuchsliste nach hinten geschoben hat. Solche Vorwürfe sind schnell gemacht.

            Paulus weist sie alle zurück. Kontert: nicht ich, ihr seid die mit dem engen Herzen. Ihr seid die, die sich der Liebe nicht öffnen, die sie untereinander in den Abgrenzungen schuldig bleiben. Die nur die eigene geistliche Weise zulassen und anerkennen wollen. Ihr merkt die Engführung eurer Herzen gar nicht.

            Es wirkt fast ein wenig hilflos, wie Paulus dann bittet. Spürt doch, dass ich freundlich zu euch rede, väterlich, wie einer zu seinen Kindern liebevoll zugewandt ist. Antwortet doch, in dem ihr euch auch so verhaltet. Der ganze Satz lässt spüren, „dass die von einem Vater zu erwartende Liebe der Kinder im Blick ist.“(T. Schmeller, aaO.; S.366)

             Aber: es ist die väterliche Bankrotterklärung schlechthin, Liebe zu fordern.  Wer Liebe fordert, hat sie schon verspielt. Darum empfinde ich den Satz auch als hochproblematisch: „Die Weite, die Paulus von der Gemeinde fordert, soll seiner eigenen Weite entsprechen.“ (T. Schmeller, aaO.; S.365)  Ich glaube auch nicht, dass Paulus hier etwas fordert. Dagegen spricht, wie er seinen Gedanken anfängt, mit der ungewöhnlichen Anrede: O ihr Korinther, die ein starkes Signal der Zuwendung ist. Ich finde hier keinen fordernden Paulus, sondern den Bittenden, ganz in der Linie dessen, was er nur wenig früher gesagt hat: wir bitten an Christi statt (5,20).  Es geht ihm auch hier zentral um Versöhnung – diesmal nicht mit Gott, wohl aber Versöhnung zwischen sich und der Gemeinde. Und auch da ist nichts zu fordern, sondern immer nur zu bitten. „Weit, aber nicht grenzenlos“ weiterlesen

Gnade verpflichtet

  1. Korinther 6, 1 – 10

1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. 2 Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

             Wieder Mitarbeiter. Und einmal mehr ein Ermahnen, das zugleich wohl auch ermutigen ist. Die Gnade soll nicht leer laufen in ihrem Leben. Wörtlich: nicht ins Leere. ες κενν . Geht das denn, bin ich versucht zu fragen, dass die Gnade ins Leere läuft?  Ja, wenn sie zur „billigen Gnade“ wird. „Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost…Billige Gnade heißt Gnade als lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee…. Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders. Weil Gnade doch alles allein tut, darum kann alles beim alten bleiben.“(D. Bonhoeffer, Nachfolge München 1976, S.13)

         Ich stimme zu: Billig wird die Gnade, wenn sie zum Freifahrtschein wird: Es ist ja Gottes Profession zu vergeben. Wenn aus dem Geschenk der Gnade nicht das Ringen um einen neuen Weg wird. Es ist das völlige Missverständnis der Gnade, dass sie moralisch indifferent sein lässt, dass sie so ansehen lässt, als würde sie alles Verhalten gleich gültig machen, weil Gott ja doch auf alles Verhalten seine Gnade legt.

            Das ist die Sorge des Paulus: Die Verkündigung der Gnade könnte dazu führen, Verhaltensveränderungen auf die lange Bank zu schieben. Deshalb erinnert er mit den Worten des Jesaja noch einmal an die Dringlichkeit: Jetzt ist es Zeit. Nicht irgendwann. „Indem die Botschaft von der geschehenen Versöhnung ausgerufen wird, ist die große Entscheidungsstunde da, die Glauben und Gehorsam fordert.“ (H.D. Wendland, Die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.208) Das Jesaja-Wort ist ein Wort in bedrängter Zeit. Vielleicht ist es auch gerade deshalb ein Wort, das dem so oft bedrängten Apostel wichtig und wegweisend ist. „Gnade verpflichtet“ weiterlesen

Leben auf Seine Rechnung

  1. Korinther 5, 16 – 21

16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.

             „Niemand wird mehr rein menschlich angesehen und verstanden.“ (W.Schenk, Gemeinde im Lernprozess, Die beiden Korintherbriefe, Bibelauslegung für die Praxis 22, Stuttgart 1979; S.130) Das ist ja der normale Vorgang: Man sieht einen Menschen, man erhält ein paar Informationen, man macht sich ein Bild von ihm. Das aber will Paulus nicht mehr so halten – weil er hinter jedem Menschen Christus sieht, als den, der für ihn gestorben ist. Das „will er sagen: Ich beurteile jetzt keinen Christen mehr nach der Weise des Fleisches; jedermann beurteilen wir „geistlich“, als Pneumatiker, als Menschen in Christus, denn wir stehen jetzt nicht mehr in der alten, sondern in der neuen Weltzeit.“ (H.D. Wendland, die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.203) Mit meinen Worten: Wenn der andere Christus seine Liebe wert ist – wie sollte Paulus ihn da nur noch auf das hin ansehen können, was vor Augen ist!

        Wie aber passt dazu, dass er das auch auf Christus ausdehnt. Will Paulus damit sagen: was ich über Jesus wissen kann, über den Mann aus Nazareth, das spielt alles keine Rolle. Das ist gleichgültig. Oder bestätigt er nur sein Defizit: er hat mit Jesus zu dessen Lebzeiten vor dem Kreuz nichts zu tun gehabt – und überhöht das jetzt? „Über die Frage, ob Paulus den geschichtlichen Jesus gesehen und gekannt habe, sagt der Satz weder bejahend noch verneinend irgendetwas aus.“ (H.D. Wendland, aaO.;S.202)

               Das freilich wird man sagen dürfen: Das Bild, das Paulus zunächst von Christus hatte, war fleischlich. Es setzte sich zusammen aus den Fakten, die über Jesus im Umlauf waren, aus den Beurteilungen, die er von anderen Pharisäern kannte. Nicht zuletzt war wohl bestimmend: Er ist gekreuzigt worden. Aber: „War Christus zunächst für ihn ein gescheiterter, von Gott verfluchter Messiasprätendent, so hat die Erfahrung bei Damaskus dieses Urteil auf den Kopf gestellt. Die neue Sicht Christi ist nicht einfach ein extremes Beispiel für derartige Änderungen, sondern ihre Bedingung und ihr Anfang.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1,  Neukirchen 2010, S.325) Seit seiner Christus-Begegnung vor Damaskus kennt Paulus Christus nur noch als den Herrn, als Kyrios. Κΰριος.  

 17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

             Das ist ein atemberaubender Satz. Die Wirklichkeit ist von Grund auf anders geworden für die, die in Christus sind. Sie sind neue Schöpfung. καιν κτσις – eine Wortverbindung, die es vor Paulus nicht gibt. Die sich aber speist aus der Prophetie:  „Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ (Jesaja 43, 18-19) oder: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“(Jesaja 65,17) Aber was bei Jesaja als neue Schöpfung angekündigt ist, bezieht sich auf den Kosmos, auf Himmel und Erde. Paulus dagegen bezieht sein Wort auf den Einzelnen, der in Christus ist. In der Existenz des Einzelnen tritt durch den Schritt zum Glauben die Zeitenwende schon ein. „Die neue Weltzeit, die mit Christus beginnt, bringt auch die Schöpfung eines neuen Menschen mit sich.“ (H.D. Wendland, aaO.; S.206)

             Atemberaubend ist der Satz nicht zuletzt dann, wenn man sich selbst anschaut. Ich  mit meinem kümmerlichen Glauben – eine neue Schöpfung? Ein neuer Mensch. Wer sich ehrlich anschaut, sieht an sich selbst so viel eingeschliffene Verhaltensweisen, entdeckt die immer gleichen alten Tanzlieder im eigenen Verhalten. Sieht sich an den immer gleichen Stellen scheitern. Wo bleiben die Veränderungen, die wir mit dem neuen Menschen verbinden? „Leben auf Seine Rechnung“ weiterlesen

Geborgen – im Leben und im Sterben

  1. Korinther 5, 11 – 15

 11 Weil wir nun wissen, dass der Herr zu fürchten ist, suchen wir Menschen zu gewinnen; aber vor Gott sind wir offenbar. Ich hoffe aber, dass wir auch vor eurem Gewissen offenbar sind.

            “Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang.” (Sprüche 1,7) In der Tradition eines solchen Denkens ist Paulus unterwiesen. Deshalb klingt es für ihn auch nicht schief, seine Motivation, Menschen zu gewinnen, mit der Furcht zu begründen. Es ist Auftragstreue, sonst nichts. Genährt aus dem Wissen um die Verantwortung vor dem Richterstuhl Christi. In unseren Zeiten heute gilt das als „Angstmachen“. Paulus aber verspürt aus der Gottesfurcht keine Angst, sondern Verantwortung.

        Paulus weiß, dass er über seine innere Motivation Gott nichts vormachen kann. Auch hier gilt: Er weiß, dass Gott ihn kennt. Er hat es ja gelernt und wohl auch oft genug gesprochen, als eine Weise, sich in Hott zu bergen:

„HERR, du erforschest mich und kennest mich.                                                                Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                                  du verstehst meine Gedanken von ferne.

Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                                   und siehst alle meine Wege.

Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                                das du, HERR, nicht schon wüsstest.                                                                                   Von allen Seiten umgibst du mich                                                                                         und hältst deine Hand über mir.“                             Psalm 139, 1 – 5

            Seine Hoffnung, die über dieses Wissen hinausgeht: Auch für die Korinther ist er offenbar – durchschaubar. Sie müssen sich nicht Täuschungen über ihn hingeben und auch nicht Täuschungen durch ihn befürchten. Gewissen meint hier: „Es ist eine Instanz, die zu einer Sicht der Wahrheit fähig ist, die der Sichtweise Gottes nahekommt.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1,  Neukirchen 2010, S. 311) Wenn die Korinther Paulus wirklich vorurteilslos beurteilen, werden sie ihn – hoffentlich – so sehen, wie Gott ihn sieht.  „Geborgen – im Leben und im Sterben“ weiterlesen