Botschaft für unser Herz

Jeremia 36, 20 – 32

 20 Sie aber gingen hinein zum König in den Vorhof und ließen die Schriftrolle verwahren in der Halle Elischamas, des Schreibers, und teilten dem König alle diese Worte mit. 21 Da sandte der König den Jehudi, die Schriftrolle zu holen. Der nahm sie aus der Halle Elischamas, des Schreibers. Und Jehudi las dem König vor und allen Oberen, die bei dem König standen.

             Weil man die Geschichte nicht totschweigen kann – Baruch hatte ja die Schriftrolle öffentlich verlesen – informiert der Ministerrat den König. Der lässt die Schriftrolle herbeischaffen – durch Jehudi. Die Schriftrolle „wird den Händen von innerlich Unbeteiligten übergeben.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977. S.302) Und Jehudi, der sie geholt hat, muss sie jetzt auch vorlesen –  dem König und allen Oberen. Diese hören also jetzt die Worte zum zweiten Mal.

22 Der König aber saß im Winterhause vor dem Kohlenbecken; denn es war im neunten Monat. 23 Wenn aber Jehudi drei oder vier Spalten gelesen hatte, schnitt er sie ab mit einem Schreibmesser und warf sie ins Feuer, das im Kohlenbecken war, bis die Schriftrolle ganz verbrannt war im Feuer. 24 Und niemand entsetzte sich und zerriss seine Kleider, weder der König noch seine Großen, die doch alle diese Worte gehört hatten. 25 Und obwohl Elnatan, Delaja und Gemarja den König baten, er möge die Schriftrolle nicht verbrennen, hörte er nicht auf sie. 26 Dazu gebot der König Jerachmeel, dem Königssohn, und Seraja, dem Sohn Asriëls, und Schelemja, dem Sohn Abdeels, sie sollten Baruch, den Schreiber, und Jeremia, den Propheten, ergreifen. Aber der HERR hatte sie verborgen.

            Was für ein Kontrast zwischen der Reaktion der Oberen und dem Verhalten des Königs. Fast unbeteiligt hört er sich die Worte an – und will sie aus der Welt schaffen. „In frivoler Überlegenheit schneidet er, jedesmal, wenn drei bis vier Kolumnen gelesen waren, das herabhängende Stück der Rolle ab und wirft es ins Feuer des vor ihm stehenden Kohlebeckens.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.328) Es wirkt wie eine Hinrichtung der Schriftrolle und ist doch ein geradezu kindisches Verhalten: Wenn ich die Schriftrolle verbrenne, gilt nicht, was da aufgeschrieben war. Es ist ja nicht mehr da.

            Sich tot stellen. Die Post nicht aufmachen. Keine Arztbesuche – so hält das ein Einzelner im Blick auf das eigene Leben. Das Fieberthermometer wegwerfen, damit das Fieber sinkt. Lieber Tatort gucken. Ins Stadion gehen. Die nächste Fernreise buchen und antreten. Wetten dass… verfolgen und das Leben hat doch so  viele tausend schöne Seiten. So macht das ein ganzes Volk. Die unbequeme Wahrheit einfach nicht an sich heran lassen und am besten noch den Überbringer der Wahrheit um die Ecke bringen.

                Aber ich kenne das durchaus auch als Verhalten bei mir selbst. Sich nach Umbrien zurückziehen. Oder auf eine Insel wie Sylt. Unterwegs unerreichbar sein. Einfach so tun, als wäre ich nicht da. Den Anrufbeantworter anschalten und sich selbst raushalten. Es halten, wie die drei Affen: Nicht sehen, nichts hören, nichts sagen. Kein Problem dieser Erde und kein Problem meines Lebens wird so gelöst. Das weiß ich und trotzdem….

            Das ist Strategie bis heute – aber es ist Strategie, die dem Abgrund näher bringt. Wer sich die Umkehr erspart, wenn er vor dem Abgrund steht, der hat die falsche Entscheidung getroffen – ob im Leben als einzelner oder in der Gemeinschaft des Volkes oder gar der Völker. 

            Niemand, der eingreift. Niemand, der Einspruch erhebt. Die vorher selbst entsetzt waren, beugen sich  jetzt, schwimmen mit, lassen die Dinge einfach laufen. Nur drei, namentlich genannt, um sie zu ehren, versuchen, die Schriftrolle zu retten, dem König Einhalt nahezulegen: Elnatan, Delaja und Gemarja. Zwecklos. Statt dessen ein Haftbefehl für Baruch und Jeremia. Erst die Rolle, dann die Autoren. Es ist das Handlungsmuster, dem bis heute autoritäre Herrscher folgen. Erst Zensur, dann die Leute mundtot machen.

               Aber der HERR hatte sie verborgen. Die ganze Episode ist nicht nur eine Geschichte des hochmütigen und verstockten Königs, sie ist auch eine Geschichte der Bewahrung. Völlig unspektakulär, so wie die Schrift sie öfters erzählt. Stoff, aus dem Thriller gemacht werden können. Aber es geht dem biblischen Text nicht um Spannung, sondern um die Botschaft: Gott bewahrt. Mag sein, „die Schrift ist tot, aber ihre Zeugen werden bewahrt.“  (D. Schneider, aaO.; S.303) Das mit der Bewahrung gilt nicht immer und überall, aber hier, für Jeremia und Baruch gilt es.

27 Nachdem der König die Schriftrolle verbrannt hatte, auf die Baruch die Worte geschrieben hatte, wie Jeremia sie ihm sagte, geschah des HERRN Wort zu Jeremia: 28 Nimm dir eine neue Schriftrolle und schreibe auf sie alle vorigen Worte, die auf der ersten Schriftrolle standen, die Jojakim, der König von Juda, verbrannt hat.

              Gott lässt sein Wort nicht ungeschehen machen. Es ist gesprochen worden und es wirkt. Es wird aufgeschrieben und es wirkt. Es wird wieder aufgeschrieben und wird weiter wirken. „Gottes Wort lässt sich durch Menschenhand nicht vernichten.“ (A.Weiser, aaO.; S.329) Dass wir es ignorieren ändert nichts daran, dass es in der Welt ist. Dass wir es nicht wahrhaben wollen, ändert nichts an seiner Wirklichkeit setzenden Kraft.

  29 Über Jojakim aber, den König von Juda, sollst du sagen: So spricht der HERR: Du hast diese Schriftrolle verbrannt und gesagt: Warum hast du darauf geschrieben, dass der König von Babel kommen und dies Land verderben werde, sodass weder Menschen noch Vieh mehr darin sein werden? 30 Darum spricht der HERR über Jojakim, den König von Juda: Es soll keiner von den Seinen auf dem Thron Davids sitzen, und sein Leichnam soll hingeworfen liegen, am Tag in der Hitze und nachts im Frost. 31 Und ich will ihn und seine Nachkommen und seine Großen heimsuchen um ihrer Schuld willen, und ich will über sie und über die Bürger Jerusalems und über die in Juda kommen lassen all das Unheil, von dem ich zu ihnen geredet habe, und sie gehorchten doch nicht.

                        Aber auch wer sich dem Wort Gottes verweigert, kann nicht dem Wort schaden – nur sich selbst. Die Realität, die Jojakim verleugnen und vernichten wollte, meldet sich mit ganzer Härte zurück. Jeremia wird Jojakim antworten mit der erneuten Ansage des Gerichts, zugespitzt auf ihn und die Seinen. Der dem Wort Gottes den Glauben verweigert, den Gehorsam, der es für zukunftsuntauglich hält, zerstört mit diesem Widerstand die eigene Zukunft und die seiner Nachkommen. Die Verweigerung auch nur des Hörens auf die Worte Jeremias treibt ihn dem Gericht Gottes weiter zu, macht es unausweichlich. Es ist ihre Schuld, die sie heimsuchen wird, weil sie sich dem Ruf zur Umkehr verweigern.

32 Da nahm Jeremia eine andere Schriftrolle und gab sie Baruch, dem Sohn Nerijas, dem Schreiber. Der schrieb darauf, so wie ihm Jeremia vorsagte, alle Worte, die auf der Schriftrolle gestanden hatten, die Jojakim, der König von Juda, im Feuer hatte verbrennen lassen; und es wurden zu ihnen noch viele ähnliche Worte hinzugetan.

             Baruch schreibt alles noch einmal auf, wie vorher. Nach dem Diktat Jeremias. Zudem gibt es Ergänzungen. Worte, die zu den früher gesagten zugefügt werden, wenn man so will „redaktionelle Erweiterungen“. (R.Then, Der unbequeme Mahner. Jeremia, Bibelauslegung für die Praxis 12. Stuttgart 1993, S.120) Auch von ihnen gilt: „Gott redet weiter durch den Propheten in immer neuer Gestalt von Wort und Schrift.“ (A.Weiser, aaO.; S.330) Es ist ein lebendiger Prozess, wie dieses Propheten-Buch entsteht und seine Gestalt gewinnt. In diesen Prozess gehören auch die von späteren Abschreibern hinzugefügten kurzen Glossen mit hinein. Sie sind deshalb nicht von minderer Autorität.

                Wenn wir heute das Wort Gottes nicht mehr an unsere Herzen heran lassen, dann treiben wir weiter auf dem Weg, auf dem wir den seltsamen Einflüsterungen unseres Herzens ausgeliefert sind. Dann treiben wir weiter in die große Schutzlosigkeit, die uns den Meinungen der Vielen und den Stimmen der Meinungsführer und Meinungsmacher ausliefert.

            Weil ich einen festen Stand im Getriebe der Zeit suche, darum gehe ich mit den biblischen Worten um, darum binde ich sie mir auf Herz, darum kaue ich an ihnen herum, schmecke sie, koste sie, bis sie mir kostbar werden. Es ist so albern zu fragen, ob die Bibel Gottes Wort ist. Wenn ich die Worte der Schrift durchkaue, sie wieder und wieder zu Herzen nehme – dann werden sie mir zu Worten, in denen ich das Wort Gottes vernehme. Das macht keine Theorie über das Wort Gottes – das macht der betende, sich öffnende Umgang mit dem Wort.

 

Heiliger, Barmherziger, Ewiger, Danke für Dein Wort. Danke für jede Zeile, jede Erzählung, jeden Vers, jedes Bild, das uns Dein Wort vor Augen malt.

Danke, dass Du zu uns sprichst aus der Tiefe der Ewigkeit in die Tage unserer Zeit, in meine Lebenszeit, an meinen Lebensort, in meine Tränen und mein Lachen, in meine Angst und mein Hoffen.

Hilf mir, dass ich Dein Wort nie verachte, nie gering schätze, nicht schnell damit fertig bin.

Gib Du mir, dass ich es kaue und es mich nährt, und meine Seele gesund wird an ihm. Amen