Schrift

Jeremia 36, 1 – 19

 1  Im vierten Jahr Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, geschah dies Wort zu Jeremia vom HERRN: 2 Nimm eine Schriftrolle und schreibe darauf alle Worte, die ich zu dir geredet habe über Israel, über Juda und alle Völker von der Zeit an, da ich zu dir geredet habe, nämlich von der Zeit Josias an bis auf diesen Tag. 3 Vielleicht wird das Haus Juda, wenn sie hören von all dem Unheil, das ich ihnen zu tun gedenke, sich bekehren, ein jeder von seinem bösen Wege, damit ich ihnen ihre Schuld und Sünde vergeben kann.

            Im Jahr 605 v. Chr. fallen wichtige Entscheidungen. Die Vorherrschaft im vorderen Orient geht von Ägypten auf Babylonien über. Es wird viel darauf ankommen, wie der König Jojakim diesen Wechsel in der Führungsrolle bewertet, welche Schlüsse er daraus für die Wege Judas zieht.

            In dieser Zeit geschieht es: Aus dem gesprochenen Wort wird Schrift. Es ist nicht gesprochen worden, um Schrift zu werden und es wird auch nicht aus historischer Treue aufgeschrieben. „Wir müssen immer davon ausgehen, dass das prophetische Wort eigentlich in unmittelbarer Zukunft erfüllt werden will.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.299) Der erste Grund, die Worte Jeremias aufzuschreiben ist der Auftrag Gottes dazu: Nimm eine Schriftrolle und schreibe darauf alle Worte, die ich zu dir geredet habe. Der sachliche Grund daneben ist, dass sie vielleicht doch als Schrift die Herzen erreichen, die sie als gesprochene Worte nicht erreicht haben. Und über die Zeiten hinweg auch uns.

            Der einzige Grund für die Worte der Bibel ist genau der, dass sie vielleicht doch Herzen erreichen. Sie will nicht historische Neugier befriedigen. Sie will auch nicht religiöse Vielfalt und Reichtum dokumentieren. Sie will zu Herzen reden.  Vielleicht wird daraus ja ein Hören, das zur Umkehr führt.

4 Da rief Jeremia Baruch, den Sohn Nerijas. Und Baruch schrieb auf eine Schriftrolle alle Worte des HERRN, die er zu Jeremia geredet hatte, wie Jeremia sie ihm sagte. 5 Und Jeremia gebot Baruch und sprach: Mir ist’s verwehrt, ich kann nicht in des HERRN Haus gehen. 6 Du aber geh hin und lies die Schriftrolle, auf die du des HERRN Worte, wie ich sie dir gesagt habe, geschrieben hast, dem Volk vor im Hause des HERRN am Fasttage, und du sollst sie auch lesen vor den Ohren aller Judäer, die aus ihren Städten hereinkommen. 7 Vielleicht werden sie sich mit Beten vor dem HERRN demütigen und sich bekehren, ein jeder von seinem bösen Wege; denn der Zorn und Grimm ist groß, den der HERR diesem Volk angedroht hat.

            Jeremia hat alle Zeit der Welt, seinem Schreiber Baruch die Worte zu diktieren. Baruch ist aber mehr als nur einer, der nach Diktat schreibt. Er ist auch Jeremias Weggefährte, sein „Freund.(A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 1 – 25,14, ATD 20, Göttingen 1966, S.324) Ihn also schickt er mit der Schriftrolle los. Um sie vorzulesen im Haus des HERRN. Hat Jeremia Haus-Arrest, dass er Baruch schickt?

             Es werden viele kommen, weil Fastentage sind, die im Tempel liturgisch begangen werden. Es mag sein, Jeremia hofft auf eine gelingende Anknüpfung: Wer fastet, der bereitet sich ja neu auf das Empfangen Gottes vor. Der legt alle Bilder, alte Lasten, altes Wissen ab und wird leer. Das Fasten könnte einen neuen Anfang einleiten. Darum passt es, in diese Situation hinein die Worte der Schriftrolle zu lesen.

8 Und Baruch, der Sohn Nerijas, tat alles, wie ihm der Prophet Jeremia befohlen hatte, dass er die Worte des HERRN aus der Schriftrolle vorläse im Hause des HERRN. 9 Es begab sich aber im fünften Jahr Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, im neunten Monat, dass man ein Fasten ausrief vor dem HERRN für alles Volk zu Jerusalem und für alles Volk, das aus den Städten Judas nach Jerusalem kam. 10 Und Baruch las aus der Schriftrolle die Worte Jeremias vor im Hause des HERRN, in der Halle Gemarjas, des Sohnes Schafans, des Schreibers, im oberen Vorhof bei dem neuen Tor am Hause des HERRN, vor dem ganzen Volk.

            Die Lesung ist ein öffentlicher Akt. Vor den Ohren des Volkes zu Jerusalem und für alles Volk, das aus den Städten Judas, mitten im Tempel. Es wird keine Reaktion auf der Seite des Volkes vermeldet. Haben sie nicht zugehört? Ist das Schockstarre? Unverständnis?

11 Als nun Michaja, der Sohn Gemarjas, des Sohnes Schafans, alle Worte des HERRN gehört hatte aus der Schriftrolle, 12 ging er hinab in des Königs Haus in die Kanzlei. Und siehe, dort saßen alle Oberen: Elischama, der Schreiber, Delaja, der Sohn Schemajas, Elnatan, der Sohn Achbors, Gemarja, der Sohn Schafans, und Zidkija, der Sohn Hananjas, samt allen andern Oberen. 13 Und Michaja berichtete ihnen alle Worte, die er gehört hatte, als Baruch aus der Schriftrolle vor den Ohren des Volks vorlas. 14 Da sandten alle Oberen Jehudi, den Sohn Netanjas, des Sohnes Schelemjas, des Sohnes Kuschis, zu Baruch und ließen ihm sagen: Nimm die Schriftrolle, aus der du dem Volk vorgelesen hast, mit dir und komm!

              Michaja hat gehört. Und er informiert die Autoritäten, alle Oberen. Es wird nicht gesagt, dass es geistliche Autoritäten sind. Aber sie haben Einfluss. Ihnen berichtet Michaja, was Baruch vorgelesen hat. „Er hat offenbar einen so starken Eindruck von den Worten des Propheten gewonnen, dass er über das Gehörte dem zu einer Sitzung versammelten Ministerrat Bericht zu erstatten sich veranlasst sieht.“ Der Bericht ist offenkundig so eindrücklich, dass sie Baruch vorladen lassen – mitsamt der Schriftrolle.

 Und Baruch, der Sohn Nerijas, nahm die Schriftrolle mit sich und kam zu ihnen. 15 Und sie sprachen zu ihm: Setze dich und lies, dass wir’s hören! Und Baruch las vor ihren Ohren.  16 Und als sie alle die Worte hörten, entsetzten sie sich untereinander und sprachen zu Baruch: Wir müssen alle diese Worte dem König mitteilen. 17 Und sie fragten den Baruch: Sage uns, wie hast du alle diese Worte aufgeschrieben? 18 Baruch sprach zu ihnen: Jeremia hat mir alle diese Worte vorgesagt und ich schrieb sie mit Tinte auf die Schriftrolle. 19 Da sprachen die Oberen zu Baruch: Geh hin und verbirg dich mit Jeremia, dass niemand wisse, wo ihr seid!

            Und ihre Reaktion ist: Erschrecken. Es ist fast, als würden sie die Worte, die ihnen nun vorgelesen werden, zum ersten Mal hören. Aber wenn es eine Zusammenfassung der Prophetie des Jeremia ist, dann wirkt sie in der geballten Form wie ein einziges Untergangs-Szenario. Das ist nicht mehr nur ein zufälliges Wort – das ist wieder und wieder die gleiche Botschaft: Das Gericht ist unabwendbar da.

            Das muss der König hören. Aber bevor sie damit zum König gehen, wollen sie ergründen, warum diese Worte aufgeschrieben sind. Baruch gibt sachlich nüchtern Auskunft: Jeremia hat diktiert, ich habe geschrieben. Von Schreibbefehl Gottes ist keine Rede.

            Erstaunlich: diese Ministerrunde rät Baruch: Geh mit Jeremia in den Untergrund. Verbirg  dich.  Es mag stimmen: „Da sie das unbesonnene Temperament ihres Königs kennen, bringen sie Baruch in Sicherheit.“ (D. Schneider, aaO.; S. 302) Oder sind doch Herzen angerührt worden von einer Ahnung Gottes?

 

Heiliger Gott, ich danke Dir für Dein Wort, das Schrift geworden ist. Ich danke Dir, dass wir es haben dürfen, schwarz auf weiß, dass Du so über die Zeiten hinweg zu uns sprichst.

Gib Du mir, dass ich dieses Wort,  Schrift geworden, ein Buch wie andere Bücher auch, nie gering achte, dass ich es ehre, dass es mir zur Speise wird für meine Seele, dass ich meinen Glauben daran stärke. Amen