Was trägt

Jeremia 9, 22 – 23

22 So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

             Man kann es  nicht wie von selbst wissen: Was Jeremia hier aufzählt, sind die großartigen Gaben Gottes: „Drei gute Gaben wurden in der Welt erschaffen. Hat ein Mensch eine von ihnen erhalten, so hat er die Köstlichkeit der ganzen Welt gewonnen. Erhielt er die Weisheit, so hat er alles erhalten. Erhielt er die Stärke, hat er alles erhalten. Erhielt er den Reichtum, hat er alles erhalten.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987. S.249) Erst von diesem positiven Ansatz der Tradition her gewinnen die Worte Jeremias ihre Schärfe.

            Worüber wir Menschen uns streiten – über die Wichtigkeiten des Lebens, die Prioritäten der Werte, darüber ist schon das Urteil gesprochen: Es ist alles vorläufig, begrenzt. Relativ. Keiner kann alles. Der alte Menschheitstraum: „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“(1. Mose 3,5) das Ganze des Kosmos und des Lebens begreifen, ist eine große Selbsttäuschung. Eine Lüge. Aber wer darf ernsthaft so etwas sagen? „Alle Stände in Israel hielten bis zuletzt an dem fest, was sie bisher getan hatten: ihnen Torheit, Blindheit, Lüge und vor allem Eigensucht vorzuhalten, war in ihren Augen eine Ungeheuerlichkeit.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.125)

                   Aber genau das tut Jeremia. Er erinnert seine Zuhörer an eine Gesetzmäßigkeit, wie sie die Weisheit Israels beschreiben könnte. Es bleibt ja nicht aus: der Reiche kommt an seine Grenze, wo er den Reichtum loslassen muss. Der Starke kommt in die Lebenssituation, wo seine Stärke zerbricht oder ein Stärkerer ihn besiegt. Und der Weise gerät irgendwann an Lebensfragen und in Lebenslagen, wo seine Weisheit nicht mehr trägt.

            Das ist aber mehr als eine Gesetzmäßigkeit der Welt, nach dem Motto: Die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Sondern es ist die Satzung Gottes. Weisheit, Stärke, Reichtum – sind Gaben und Chancen für die Zeit. Aber sie sind es eben nur für die Zeit, die Gott ihnen setzt. Diesseitig, begrenzt. „Die Weisen des Talmud haben die Gaben nicht verworfen, doch sie haben sie relativiert und in die richtige Bahn zu lenken gesucht.“ (R. Gradwohl, aaO.; S.250) Nicht zuletzt wohl in der Spur des Jeremia.

             „Jeremia sieht die Gefahr der Selbstvergötzung, welcher der in diesem rein diesseitigen und innermenschlichen Zirkel befangene Mensch ausgesetzt ist, weil er sich in stolzer Selbstverblendung über die letzten Zusammenhänge des Lebens hinweg täuscht und vergisst, den entscheidenden Faktor in Rechnung zu stellen und sein Leben nach ihm auszurichten.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 1 – 25,14, ATD 20, Göttingen 1966, S.84) Gott hat entschieden, was am Anfang und am Ende zählt – gleich zweimal heißt es hier: Spruch Gottes!

 23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

            Das Wichtigste im Leben ist, dass einer mich erkannt hat – so sagt Gott. Dann weiß er, wo er hingehört: zu mir. Dann weiß er, was das Ziel seines Lebens ist: dass er auf dem Heimweg in die Ewigkeit ist. Dann weiß er, wem er sich verdankt mit allen Gaben und mit allen Grenzen, die er an sich erfährt. Dann hat er eine Adresse, wo er klagen kann, wenn ihm das Leben zu schwer ist, wo er sich freuen kann, wenn er vor Glück überläuft, wo er mit seinen Freudentränen hin kann, wenn ihn das Leben ganz reich beschenkt hat.

            So wissen es die frommen Beter Israels:

„Wenn ich nur dich habe,                                                                                                          so frage ich nichts nach Himmel und Erde.                                                                     Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet,                                                                so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“                                                                     Psalm 73, 25 – 26

            So sagt es, mit anderen, mit seinen Worten auch der viel spätere Missionar und Lehrer der Christenheit: „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn.(Philipper 3,7-8)

             Jeremia stellt der Trias, auf die Menschen gerne ihr Vertrauen setzen –  Weisheit, Stärke, Reichtum – die Trias entgegen, auf die Gott setzt. Mehr noch, die Gott selbst setzt: Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Es sind die Hauptworte des Glaubens Israels. Gott begegnet ihm in Gnade und Barmherzigkeit – chæsed– , in seinem Recht – mischpa – und mit seiner Gerechtigkeit – daqa. So tritt Gott seinem Volk gegenüber und das sucht er zugleich auch als Antwort seines Volkes. Es soll ihn „spiegeln“ in seinem Wesen. Ganz so, wie es von Anfang an gedacht war: „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.“(1. Mose 1,26) Es ist die schöpfungsmäßige Berufung, unter der wir stehen, in unserem Leben, im Denken, Fühlen, Reden, Tun und Lassen einen Entsprechung Gottes, ein Bild Gottes zu sein.

            Das ist nicht nur die Erkenntnis des Propheten – das ist auch die Erkenntnis der Weisheit Israel, Jahrhunderte später: „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis.“ (Sprüche 1,7) Gott kennen und von Gott erkannt sein – das ist Leben.

            Menschen, die so leben, finden Gefallen bei Gott. Finden sein Wohlgefallen. Es ist nicht von Ungefähr, dass dieses Wort im Neuen Testament gleich zweifach aufgegriffen wird:  „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lukas2,14) Und dann noch einmal zugespitzt, bezogen auf den, in dem Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes Gestalt werden: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“(Matthäus 3,17)

 

Gott, Du, was für ein Wort. Willst Du uns wegnehmen, was uns wichtig ist: Selbstachtung, Ehre, das Wissen ums eigene Können?

Willst Du, dass wir uns klein machen? „Es ist mit unserm Tun umsonst auch in dem besten Leben.” Sollen wir das singen und sagen, auch dann singen,  wenn wir’s gar nicht glauben?

Dann wäre dies Wort kein gutes Wort. Oder willst Du uns in die Freiheit führen?                                                                                                               – in die Freiheit vom Tanz ums eigene Ich                                                      – in die Freiheit von der Sorge um das gute Ansehen                                      – in die Freiheit von der Angst um die eigenen Kräfte.

Steht das dahinter, dass Du uns sagen willst: Du bist mehr als deine Weisheit, mehr als deine Stärke, mehr als dein Reichtum.

Du bist mir wichtig und ich bin es, der dir das Leben aufschließt, dich zu seinem Recht kommen lässt, dich trägt und hält, auch wenn der Boden manchmal unter deinen Füßen wankt .

Sagst Du das mit diesem Wort: Lebe aus meinem Geschenk!

So richtest Du den Ruf in die Freiheit an uns, zeigst uns, was uns trägt: Deine Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Amen