Auf Gedeih und Verderben – sich ergeben

Jeremia 38, 14 – 28

 14 Und der König Zedekia sandte hin und ließ den Propheten Jeremia zu sich holen unter den dritten Eingang am Hause des HERRN. Und der König sprach zu Jeremia: Ich will dich etwas fragen; verbirg mir nichts! 15 Jeremia sprach zu Zedekia: Sage ich dir etwas, so tötest du mich doch; gebe ich dir aber einen Rat, so gehorchst du mir nicht. 16 Da schwor der König Zedekia dem Jeremia heimlich und sprach: So wahr der HERR lebt, der uns dies Leben gegeben hat: Ich will dich nicht töten noch den Männern in die Hände geben, die dir nach dem Leben trachten.

            Wieder sucht Zedekia den Kontakt zu dem Propheten. Wieder heimlich. Wenn man so will: am Hintereingang. „Offenbar fühlt sich der König in seinem eigenen Schloss nicht mehr sicher, dass er, um unbeobachtet zu sein, den Jeremia an den dritten Eingang des Tempels bestellt, wo für die Unterredung wohl ein besonderer Raum zur Verfügung stand.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.340)

             Und wieder die Bitte um ein Wort. Doch nicht nur einen Rat des Propheten. Ratgeber hat Zedekia immer noch genug. Was er sucht, ist ein Wort Gottes. Spruch Jahwes.

            Zedekia – der König. Jeremia – der verfolgte Prophet. Wer ist hier der Starke? Wer ist hier der Abhängige? Jeremia jedenfalls macht sich über die Wankelmütigkeit des Zedekia nichts vor. Er weiß, dass dieser König Opfer seiner Stimmungen, seiner Ängste, seiner Ratgeber ist. Er weiß, dass seine Worte wie in den Wind gesprochen sein werden. Und dennoch lässt er sich rufen und fragen und steht Rede und Antwort.

            Das ist ein Lehrbeispiel für Geduld, für das lange Mitgehen, das den anderen nicht fallen lässt, obwohl es seine Schwäche überdeutlich sieht. Es ist leicht, bei klaren Menschen auszuhalten. Es ist unendlich schwer, bei Menschen zu bleiben und ihnen Solidarität zu zeigen, die heute so und morgen anders sind, die sich selbst im Weg stehen und die andere womöglich mitreißen in den eigenen Untergang. Wo ist die Grenze solcher Solidarität? Dieser Frage darf niemand, auch um seiner selbst willen, ausweichen.

 17 Und Jeremia sprach zu Zedekia: So spricht der HERR, der Gott Zebaoth, der Gott Israels: Wirst du hinausgehen zu den Obersten des Königs von Babel, so sollst du am Leben bleiben und diese Stadt soll nicht verbrannt werden, sondern du und dein Haus sollen am Leben bleiben; 18 wirst du aber nicht hinausgehen zu den Obersten des Königs von Babel, so wird diese Stadt den Chaldäern in die Hände gegeben und sie werden sie mit Feuer verbrennen, und auch du wirst ihren Händen nicht entrinnen.

            Übergabe auf Gedeih und Verderben. Bedingungslose Kapitulation. Das ist das Wort Gottes an Zedekia. Dass ist eben nicht nur der lebenskluge und politisch alternativlose Rat des Jeremia. Es ist das Wort Gottes. „Der Glaube an Gott würde hier zugleich eine Unterwerfung unter den König von Babel mit sich bringen.“(D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.310) Ich würde lieber sagen: „Das Vertrauen auf Gott.“ – weil es die konkrete Situation trifft. Glaube an Gott  ist in meinen Ohren ein wenig allerweltsmäßig.

            Es ist das Wort, das tausendfach überhört worden ist – nicht nur von Zedekia. Immer wieder ist der Kampf bis zum letzten Atemzug heroisiert worden. Die Toten von Sparta an der Meer-Enge der Thermopylen, die Toten auf Massada, die Toten aus der Rolands-Schlacht, die Toten bei Langemarck und Verdun, die Toten in  Stalingrad – sie sind der Stoff für Heldenlieder. Wer sich auf Gedeih und Verderben ergibt, der wird nicht besungen. Wer überläuft und sich ergibt, der geht als Feigling in die Geschichte ein. „Auf Gedeih und Verderben – sich ergeben“ weiterlesen

Wehrkraftzersetzer im Auftrag Gottes

Jeremia 38, 1 – 13

 1 Es hörten aber Schefatja, der Sohn Mattans, und Gedalja, der Sohn Paschhurs, und Juchal, der Sohn Schelemjas, und Paschhur, der Sohn Malkijas, die Worte, die Jeremia zu allem Volk redete.

             Ob die Zahl der Zuhörer Jeremias im Lauf der Zeit gestiegen ist, mag dahin gestellt sein. Aber: „Die Ereignisse hatten seinen wiederholten Unheilsdrohungen Recht gegeben und die Zahl derer gemehrt, die ihm ihre Aufmerksamkeit und Achtung entgegenbrachten.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.338) Es steht dahin – sind die aufgezählten Namen identisch mit denen, die ihn besorgt wachsam beobachten oder mit denen, die ihn achten?

 2 So spricht der HERR: Wer in dieser Stadt bleibt, der wird durch Schwert, Hunger und Pest sterben müssen; wer aber hinausgeht zu den Chaldäern, der soll am Leben bleiben und wird sein Leben wie eine Beute davonbringen. 3 Denn so spricht der HERR: Diese Stadt soll übergeben werden dem Heer des Königs von Babel und es soll sie einnehmen.

            Das ist eine Botschaft, die eine belagerte Stadt mürbe machen muss. Es bleibt nur eine Wahl: entweder Kämpfen bis zum Untergang oder Sich ergeben. Das klingt wie der Aufruf zum Überlaufen – und für die Ohren der Zuhörer bestätigt sich nur der Verdacht gegen Jeremia: er wollte selbst überlaufen. Es muss die Hörer bis ins Mark treffen: Gott selbst hat den Untergang seiner Stadt beschlossen – es gibt keinen Ausweg mehr. Und es gilt nur noch, das Schlimmste zu vermeiden, den massenhaften Tod.

4 Da sprachen die Oberen zum König: Lass doch diesen Mann töten; denn auf diese Weise nimmt er den Kriegsleuten, die noch übrig sind in dieser Stadt, den Mut, desgleichen dem ganzen Volk, weil er solche Worte zu ihnen sagt. Denn der Mann sucht nicht, was diesem Volk zum Heil, sondern was zum Unheil dient.

             Für die Hardliner in Jerusalem liegt es auf der Hand. Jeremia muss zum Schweigen gebracht werden. „Solche Rede untergräbt jeglichen Widerstandswillen der Verteidiger.“ (R.Then, Der unbequeme Mahner. Jeremia, Bibelauslegung für die Praxis 12. Stuttgart 1993, S.127) Wer will, das auch in hoffnungsloser Lage der Kampf durchgehalten wird, der darf Jeremia nicht weiter reden lassen. Es klingt schräg: Aber Aufgeben, sich Ergeben ist für sie das schlimmere Unheil als der Untergang der ganzen Stadt und der Tod aller.

            Wer so redet wie Jeremia, der schadet der Kampfmoral. Der schadet dem unbedingten Willen zum Widerstand. Vielleicht war das ihre Überlegung: Wir brauchen Geschichten vom Durchhalten und der Rettung in letzter Not. „Erzähle vom Schilfmeer, Jeremia, und vom Gotteswunder gegen die Weltmacht, wenn dir dein Leben lieb ist. Aber schweige still vom Ergeben oder wir machen dich still.“ „Wehrkraftzersetzer im Auftrag Gottes“ weiterlesen

Bitte für mich

Jeremia 37, 1 – 21

 1 Und Zedekia, der Sohn Josias, wurde König anstatt Konjas, des Sohnes Jojakims; denn Nebukadnezar, der König von Babel, machte ihn zum König im Lande Juda. 2 Aber er und seine Großen und das Volk des Landes gehorchten nicht den Worten des HERRN, die er durch den Propheten Jeremia redete. 3 Dennoch sandte der König Zedekia Juchal, den Sohn Schelemjas, und den Priester Zefanja, den Sohn Maasejas, zum Propheten Jeremia und ließ ihm sagen: Bitte den HERRN, unsern Gott, für uns! 4 Denn Jeremia ging noch unter dem Volk aus und ein und man hatte ihn noch nicht ins Gefängnis geworfen.

            Es ist ein merkwürdiges Ding: Den Worten eines Propheten nicht gehorchen, aber ihn um seine Fürbitte fragen. Ist das einfache Verstocktheit? Meldet sich dahinter eine unbestimmte Ahnung, dass der Prophet doch in einem Gesprächskontakt mit Gott steht, wie man ihn selbst nicht hat? „Zedekia ist im Unterschied zu seinem Bruder Jojakim eine gewisse Achtung und Wohlgeneigtheit der Person des Propheten gegenüber nicht abzusprechen.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.331)Darum erhofft er sich etwas von der Fürbitte des Jeremia.

           „Herr Pfarrer, beten Sie für uns.“ so haben mir manchmal Menschen gesagt, die seit Jahren keinen Fuß mehr in die Kirche gesetzt hatten. Ich war dann oft ratlos, was das „helfen“ soll, aber ich habe es getan.

            Es kann nie verkehrt sein, jemanden zu haben, der „da oben“ ein gutes Wort für uns einlegt. Und es ist ja eine Beschreibung dessen, was der erhöhte Christus tut: er bittet für uns so merkwürdige, unklare Leute beim Vater. Er bringt uns mit unseren Geschichten vor den Vater.

5 Es war aber das Heer des Pharao aus Ägypten aufgebrochen, und als die Chaldäer, die vor Jerusalem lagen, davon hörten, waren sie von Jerusalem abgezogen.

                   Atempause. Hoffnung. Erleichterung. „Die überraschende Befreiung von der Umklammerung durch die Chaldäer kann doch eine Frist Gottes sein.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.305) Als die Chaldäer „packen“, wachen die Lebensgeister wieder auf. „Sie geben auf.  Sie geben klein bei. Gott ist doch groß.“ – so ähnlich mögen Menschen in Jerusalem gedacht haben. „Bitte für mich“ weiterlesen

Botschaft für unser Herz

Jeremia 36, 20 – 32

 20 Sie aber gingen hinein zum König in den Vorhof und ließen die Schriftrolle verwahren in der Halle Elischamas, des Schreibers, und teilten dem König alle diese Worte mit. 21 Da sandte der König den Jehudi, die Schriftrolle zu holen. Der nahm sie aus der Halle Elischamas, des Schreibers. Und Jehudi las dem König vor und allen Oberen, die bei dem König standen.

             Weil man die Geschichte nicht totschweigen kann – Baruch hatte ja die Schriftrolle öffentlich verlesen – informiert der Ministerrat den König. Der lässt die Schriftrolle herbeischaffen – durch Jehudi. Die Schriftrolle „wird den Händen von innerlich Unbeteiligten übergeben.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977. S.302) Und Jehudi, der sie geholt hat, muss sie jetzt auch vorlesen –  dem König und allen Oberen. Diese hören also jetzt die Worte zum zweiten Mal.

22 Der König aber saß im Winterhause vor dem Kohlenbecken; denn es war im neunten Monat. 23 Wenn aber Jehudi drei oder vier Spalten gelesen hatte, schnitt er sie ab mit einem Schreibmesser und warf sie ins Feuer, das im Kohlenbecken war, bis die Schriftrolle ganz verbrannt war im Feuer. 24 Und niemand entsetzte sich und zerriss seine Kleider, weder der König noch seine Großen, die doch alle diese Worte gehört hatten. 25 Und obwohl Elnatan, Delaja und Gemarja den König baten, er möge die Schriftrolle nicht verbrennen, hörte er nicht auf sie. 26 Dazu gebot der König Jerachmeel, dem Königssohn, und Seraja, dem Sohn Asriëls, und Schelemja, dem Sohn Abdeels, sie sollten Baruch, den Schreiber, und Jeremia, den Propheten, ergreifen. Aber der HERR hatte sie verborgen.

            Was für ein Kontrast zwischen der Reaktion der Oberen und dem Verhalten des Königs. Fast unbeteiligt hört er sich die Worte an – und will sie aus der Welt schaffen. „In frivoler Überlegenheit schneidet er, jedesmal, wenn drei bis vier Kolumnen gelesen waren, das herabhängende Stück der Rolle ab und wirft es ins Feuer des vor ihm stehenden Kohlebeckens.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.328) Es wirkt wie eine Hinrichtung der Schriftrolle und ist doch ein geradezu kindisches Verhalten: Wenn ich die Schriftrolle verbrenne, gilt nicht, was da aufgeschrieben war. Es ist ja nicht mehr da.

            Sich tot stellen. Die Post nicht aufmachen. Keine Arztbesuche – so hält das ein Einzelner im Blick auf das eigene Leben. Das Fieberthermometer wegwerfen, damit das Fieber sinkt. Lieber Tatort gucken. Ins Stadion gehen. Die nächste Fernreise buchen und antreten. Wetten dass… verfolgen und das Leben hat doch so  viele tausend schöne Seiten. So macht das ein ganzes Volk. Die unbequeme Wahrheit einfach nicht an sich heran lassen und am besten noch den Überbringer der Wahrheit um die Ecke bringen.

                Aber ich kenne das durchaus auch als Verhalten bei mir selbst. Sich nach Umbrien zurückziehen. Oder auf eine Insel wie Sylt. Unterwegs unerreichbar sein. Einfach so tun, als wäre ich nicht da. Den Anrufbeantworter anschalten und sich selbst raushalten. Es halten, wie die drei Affen: Nicht sehen, nichts hören, nichts sagen. Kein Problem dieser Erde und kein Problem meines Lebens wird so gelöst. Das weiß ich und trotzdem….

            Das ist Strategie bis heute – aber es ist Strategie, die dem Abgrund näher bringt. Wer sich die Umkehr erspart, wenn er vor dem Abgrund steht, der hat die falsche Entscheidung getroffen – ob im Leben als einzelner oder in der Gemeinschaft des Volkes oder gar der Völker.  „Botschaft für unser Herz“ weiterlesen

Schrift

Jeremia 36, 1 – 19

 1  Im vierten Jahr Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, geschah dies Wort zu Jeremia vom HERRN: 2 Nimm eine Schriftrolle und schreibe darauf alle Worte, die ich zu dir geredet habe über Israel, über Juda und alle Völker von der Zeit an, da ich zu dir geredet habe, nämlich von der Zeit Josias an bis auf diesen Tag. 3 Vielleicht wird das Haus Juda, wenn sie hören von all dem Unheil, das ich ihnen zu tun gedenke, sich bekehren, ein jeder von seinem bösen Wege, damit ich ihnen ihre Schuld und Sünde vergeben kann.

            Im Jahr 605 v. Chr. fallen wichtige Entscheidungen. Die Vorherrschaft im vorderen Orient geht von Ägypten auf Babylonien über. Es wird viel darauf ankommen, wie der König Jojakim diesen Wechsel in der Führungsrolle bewertet, welche Schlüsse er daraus für die Wege Judas zieht.

            In dieser Zeit geschieht es: Aus dem gesprochenen Wort wird Schrift. Es ist nicht gesprochen worden, um Schrift zu werden und es wird auch nicht aus historischer Treue aufgeschrieben. „Wir müssen immer davon ausgehen, dass das prophetische Wort eigentlich in unmittelbarer Zukunft erfüllt werden will.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.299) Der erste Grund, die Worte Jeremias aufzuschreiben ist der Auftrag Gottes dazu: Nimm eine Schriftrolle und schreibe darauf alle Worte, die ich zu dir geredet habe. Der sachliche Grund daneben ist, dass sie vielleicht doch als Schrift die Herzen erreichen, die sie als gesprochene Worte nicht erreicht haben. Und über die Zeiten hinweg auch uns.

            Der einzige Grund für die Worte der Bibel ist genau der, dass sie vielleicht doch Herzen erreichen. Sie will nicht historische Neugier befriedigen. Sie will auch nicht religiöse Vielfalt und Reichtum dokumentieren. Sie will zu Herzen reden.  Vielleicht wird daraus ja ein Hören, das zur Umkehr führt. „Schrift“ weiterlesen

Der neue Bund

Jeremia 31, 18 – 20.  31 – 37

18 Ich habe wohl gehört, wie Ephraim klagt: »Du hast mich hart erzogen und ich ließ mich erziehen wie ein junger Stier, der noch nicht gelernt hat zu ziehen. Bekehre du mich, so will ich mich bekehren; denn du, HERR, bist mein Gott! 19 Nachdem ich bekehrt war, tat ich Buße, und als ich zur Einsicht kam, schlug ich an meine Brust. Ich bin zuschanden geworden und stehe schamrot da; denn ich muss büßen die Schande meiner Jugend.«

             Das kenne ich aus Hosea:  Gott steht vor Ephraim und fragt, was er falsch gemacht hat  in dem, wie er ihn erzogen hat. Hier, bei Jeremia,  wird die Perspektive umgedreht. Gott hört, wie Ephraim klagt. „Das „Volksklagelied“ ist eine offene Beichte mit dem Bekenntnis der Sünde, der Reue und der Bitte um Wirksamwerden der Buße.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.280)  Ephraim schaut auf seine Erziehung. Hart hat er sie empfunden, aber er ist doch zur Einsicht gelangt. Auch durch diese gespürte Härte? Die Klage gipfelt in der Bitte um Umkehr. Im Wissen dass Umkehr nur so möglich ist: Bekehre du mich, so will ich mich bekehren. Menschlich ist „Weiter so!“ Umkehr, hebräisch schȗb,  ist immer göttlich!

20 Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein liebes Kind? Denn sooft ich ihm auch drohe, muss ich doch seiner gedenken; darum bricht mir mein Herz, dass ich mich seiner erbarmen muss, spricht der HERR.

            Und dann steht da als Antwort auf diese Volksklage dieses Wort Gottes, der fast hilflos sagt: Ich kann ja gar nicht anders. Ich muss lieben. Ich muss mich erbarmen. Es ist mein Herz, dass mich Ephraim nicht fallen lässt, das an ihm festhält. „Erlösung beginnt im Herzen Gottes, und zwar in seiner unableitbaren und unverrechenbaren Liebe.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel,  Wuppertal 1977, S.271)

            Es ist unangemessen und doch: Wie sehr fühle ich mich da mit meinem Vaterherzen verstanden. Ich kann doch gar nicht anders, als an diesem Erbarmen Gottes Maß zu nehmen, selbst wenn ich diesem Maß nie entspreche. Es ist der Maßstab, den Jesus aufrichtet: „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“(Matthäus 5,48) Bis zum Äußersten gehen – so übertrage ich vollkommen sein – im Erbarmen, im Versöhnen, in der Liebe. Darum: Wie sollte ich mich auch nur von einem meiner Kinder abwenden können – was auch immer gegen es spricht.

 31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;

             Wie viel Enttäuschung hat Gott in seinem Bund mit den Vätern erfahren. Er hat dieses Volk erwählt, als es noch ein Nichts war, als es bedrängt war in der Sklaverei in Ägypten. Er hat es heraus geführt aus der Gefangenschaft, hat es am Schilfmeer gerettet. Er hat diesem Volk seine Wegweisung gegeben in den Geboten des Sinai. Er hat ihm seine ganze Liebe zugewandt. Er hat ihm das Land gegeben, in dem doch vorher andere Völker wohnten. Er hat ihm Führer und Könige gegeben. Er hat es in mannigfachen Gefahren bewahrt und der Dank?

            Immer wieder hat Israel die Wohltaten Gottes mit Untreue vergolten. Da war die Antwort auf den Sinaibund die Anbetung des goldenen Kalbes, da war der Götzendienst vor den Baals-Tempeln im eroberten Land, da war die Selbstherrlichkeit der Könige, da war die Anpassung an die heidnischen Völker der Umgebung. Wäre es da ein Wunder, wenn Gott sagte: Es reicht! Schluss mit dem Bund, den ich geschlossen habe? „Der neue Bund“ weiterlesen

Hoffnung mit weitem Horizont

Jeremia 30, 1 – 3, 31, 1 – 14

 1 Dies ist das Wort, das vom HERRN geschah zu Jeremia: 2 spricht der HERR, der Gott Israels: Schreib dir alle Worte, die ich zu dir geredet habe, in ein Buch. 3 Denn siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich das Geschick meines Volks Israel und Juda wenden will, spricht der HERR; und ich will sie wiederbringen in das Land, das ich ihren Vätern gegeben habe, dass sie es besitzen sollen.

             Es ist ein neuer Ton, der hier erklingt. „Ein Heilsbüchlein“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.265) werden die Kapitel 30 – 31 genannt. Eingeschoben im Anschluss an den so trostvollen Brief in die Gola.  Manche sagen: das ist ein „Fort-Schreiber“ des Jeremia, einer, der sich seinen Namen leiht, um Autorität zu haben.  Das muss nicht so sein. Für mich ist es gut vorstellbar, dass Jeremia für das Volk, das sich dem Gericht Gottes beugt, eine neue, heilvolle Zukunft sieht. Weil er Gott kennt. Seine „Gedanken des Friedens“(29,11) über seinem Volk. Die Zähigkeit, in der Gott an seinen Heilswegen festhält.

         Es ist schon wahr: Was folgt, das alles will so gar nicht passen zu den Worten vom Untergang, zu der Ansage des unausweichlichen Gerichts. Aber  es sind ja Worte nach dem Gericht. Es sind Worte, die an die gerichtet werden, die sich unter die gewaltige Hand Gottes gebeugt haben. Der Kern der Botschaft: Es gibt eine Wende, weil Gott sie schenkt. Es ist nicht der Überlebenswille des Volkes – es ist der Heilswille Gottes, der hier die Wende ansagt.

            Das alles richtet sich an verzagte Leute. Sie bekommen es „schwarz auf weiß“, wie wir heute sagen würden. „Das gebe ich dir schriftlich!“ sagt jemand, wenn er seinen Worten besonderen Nachdruck verleihen will. „Damit in der Zeit der Gefangenschaft das angesagte Heil erhofft wird, soll Jeremia die Verheißung zu Papier bringen.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel,  Wuppertal 1977, S.265) So sehr legt sich Gott fest.

            Was man nicht gleich sieht: in diesen Worten geht es nicht nur um die aktuell nach Babylon Verschleppten. Sondern sie gelten Israel und Juda. Auch dem Nordreich also, das doch schon im Jahr 722 aufgehört hatte, zu existieren. Eine Rückkehr also nach so langer Zeit. Ein Neuanfang, wo nichts mehr zu erwarten ist.

                 Dieser Neuanfang hat lange auf sich warten lassen. Die Geschichte Israels ist über die Jahrhunderte hinweg nur als eine Geschichte des Südteils, als eine Geschichte Judas weiter gegangen. Erst als Jesus im Galiläa der Heiden als Sammler des Gottesvolkes, als Prediger der Nähe Gottes aufgetreten ist, hat es einen neuen Anfang für den Norden gegeben. In solchen Zeitspannen hält Gott an seinen Verheißungen fest.   „Hoffnung mit weitem Horizont“ weiterlesen

Ein Brief – lesenswert bis heute

Jeremia 29, 1- 14 

 1 Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte 2– nachdem der König Jechonja und die Königinmutter mit den Kämmerern und Oberen in Juda und Jerusalem samt den Zimmerleuten und Schmieden aus Jerusalem weggeführt waren -, 3 durch Elasa, den Sohn Schafans, und Gemarja, den Sohn Hilkijas, die Zedekia, der König von Juda, nach Babel sandte zu Nebukadnezar, dem König von Babel:

            Jeremia hat einen Brief an die Weggeführten geschrieben. Ein Brief an die, die den Schmerz des Exils schon zu tragen haben. Ein Brief an die, die in Babylon sitzen und weinen, wenn sie an Zion denken. Ein Brief – ein Lebenszeichen aus der Heimat. Es sind die, die führende Leute in Jerusalem waren – hoch gestiegen und jetzt tief gestürzt. Es  ist die „Elite“, die Führungsschicht, an die Jeremia schreibt. Es sind die Weggeführten nach dem ersten Fall Jerusalems im Jahr 597 v. Chr. Auch wenn sie im Exil sind – es ist wichtig, wie sie dort sind und denken und leben.

            Aus der Angabe an die Priester und Propheten und an das ganze Volk kann man schließen: sie leben nicht zerstreut im ganzen Land, sondern sie dürfen zusammen wohnen. „Die Adressierung ist ein wichtiger Beleg dafür, dass die Babylonier den Weggeführten erlaubten, in eigenen Kolonien unter Führung von Ältesten zu siedeln, sich mithin in begrenztem Maß selbst zu verwalten.“ (A.Graupner/R.Micheel, Zumutungen, Texte zur Bibel 23, Neukirchen 2007; S.92) Wer will, dass sich Leute integrieren und nicht einfach nur Ghettos bilden, muss ihnen auch als Sieger Freiheiten ermöglichen. Begrenzt, aber doch Freiheiten

 4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: 5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. 7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.

            Die erste Botschaft vor allen anderen Botschaften: So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels.  Es ist die ehrwürdige, altüberlieferte, feierliche Formel. Auch in der Fremde richtet Gott noch sein Wort an sie. sie sind, fern der Heimat, doch nicht außerhalb der Reichweite der Worte ihres Gottes. „Gegenüber dem Kleinglauben, der bei der im fremden Land unter fremden Göttern weilenden Gemeinde leicht aufkommen konnte, als ob Jahwe den babylonischen Göttern unterlegen sei, deutet sie auf die unveränderte Autorität des Bundesgottes, dessen Macht auch in der Fremde nichts eingebüßt hat.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.253)

             Die zweite Botschaft. Das Exil ist jetzt Gottes Ort für euch. Ihr seid nicht nur dort, weil die Babylonier  militärisch stärker sind. Es ist Gottes Weg mit euch und für euch, dass ihr jetzt in der Fremde seid. Er, Gott, der diesen Brief an sie schreiben lässt und so jetzt  mit ihnen redet, hat sie nach Babel habe wegführen lassen.  Und die Herausforderung heißt: diese Platzanweisung Gottes anzunehmen.

            Da, wo ich bin, gefällt es mir nicht. Das, was mir jetzt abverlangt wird, habe ich mir nicht erträumt. Ich will nicht unter diesen Umständen leben. Ich fremdele. Wie gut kenne ich das aus meinem Leben. Wie oft sträube ich mich gegen eine Situation und will, dass sie so rasch wie möglich gewandelt wird. Das ist Gottes Ort für Dich – wie schwer lernt sich das. „Ein Brief – lesenswert bis heute“ weiterlesen

Wortlos warten

Jeremia 28, 1 – 17

 1 In demselben Jahr, im Anfang der Herrschaft Zedekias, des Königs von Juda, im fünften Monat des vierten Jahrs, sprach Hananja, der Sohn Asurs, ein Prophet von Gibeon, zu mir im Hause des HERRN in Gegenwart der Priester und des ganzen Volks: 2 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Ich habe das Joch des Königs von Babel zerbrochen, 3 und ehe zwei Jahre um sind, will ich alle Geräte des Hauses des HERRN, die Nebukadnezar, der König von Babel, von diesem Ort weggenommen und nach Babel geführt hat, wieder an diesen Ort bringen; 4 auch Jechonja, den Sohn Jojakims, den König von Juda, samt allen Weggeführten aus Juda, die nach Babel gekommen sind, will ich wieder an diesen Ort bringen, spricht der HERR, denn ich will das Joch des Königs von Babel zerbrechen.

             Aus der Menge der Gegner des Jeremia tritt einer mit Namen hervor. Hananja ist ein Prophet, der zu sagen weiß, was die Menge hofft. Es kommt zur offenen Konfrontation mit Jeremia, weil er im Tempel, in der Gegenwart der Priester und des ganzen Volks seine Botschaft sagt.  Er gibt den Sehnsüchten des Volkes, den Hoffnungen des Königs Worte: „Es ist wie ein böser Traum – aber wir werden erwachen und sehen, dass Gott immer noch Gott ist und auf unserer Seite und dass er die Treue hält zu diesem Ort und zu dem Königshaus und zu allen seinen Verheißungen.“

                  „Die Gelassenheit und Beherrschtheit Hananjas besticht. Der Auftritt geschieht nicht aus dem Effekt heraus, sondern erinnert an ein ordentliches Verfahren- Die Art des Sprechens Hananjas ist der des Jeremia gleich.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel,  Wuppertal 1977, S.251f) Auch er leitet seine Wort ein: So spricht der HERR. Seine Worte sind ein einziger Widerspruch gegen die Botschaft Jeremias, die er aufgreift und zurückweist.

             Man wird es sich vor Augen halten müssen: Da steht Jeremia mit dem Joch auf seinen Schultern. Und jetzt sagt Hananja als Wort des HERRN: Ich habe das Joch des Königs von Babel zerbrochen. Und fügt hinzu, indem er wieder Worte des Jeremia zurückweist: Die ins Exil Verschleppten und die geraubten Geräte kommen innerhalb der nächsten zwei Jahre zurück. Der König von Babylon ist am Ende. Gott will es so.

                   „So steht für die Hörer Gottes Wort gegen Gottes Wort.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.244) Und die Frage ist: wer von diesen beiden Propheten beruft sich zu Recht auf die Autorität Gottes? Gibt es Kriterien, an denen sich diese Frage entscheiden lässt?  Dass Hananjas Worte die Sehnsucht des Volkes, auch die Hoffnung der politischen Führungen treffen, ist ja noch kein Wahrheits-Kriterium. „Wortlos warten“ weiterlesen

Störe uns

Jeremia 26, 1 – 19

1 Im Anfang der Herrschaft Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, geschah dies Wort vom HERRN:

             Etwa in das Jahr 608 führen diese Worte. Jojakim ist seinem Vater Josia, der in der Schlacht von Megiddo gegen den Ägypter-Pharao Necho gefallen isth, auf dem Thron gefolgt. Er ist jetzt König von Juda. 

  2 So spricht der HERR: Tritt in den Vorhof am Hause des HERRN und predige denen, die aus allen Städten Judas hereinkommen, um anzubeten im Hause des HERRN, alle Worte, die ich dir befohlen habe, ihnen zu sagen, und tu nichts davon weg, 3 ob sie vielleicht hören wollen und sich bekehren, ein jeder von seinem bösen Wege, damit mich auch reuen könne das Übel, das ich gedenke, ihnen anzutun um ihrer bösen Taten willen.

             Jeremia erhält einen Predigtauftrag. Mit Ortsangabe, wo er diesen Auftrag ausführen soll. Es geht um eine Predigt, die alle erreichen soll, die alle hören sollen, nicht nur die Jerusalemer, sondern auch die vom Land, die aus allen Städten Judas hereinkommen, um anzubeten aus Der Anlass für ihr Kommen wird eines der Feste Judas sein. „Am ehesten wird man an das Bundesfest im Herbst zu denken haben.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 25,15 – 52,34, ATD 21, Göttingen 1966, S.230)

             Es klingt sehr verhalten: ob sie vielleicht hören wollen und sich bekehren. Es ist eine „schwache Hoffnung Gottes (ȗlaĵ)“ (A.Weiser, aaO.;S.231), die in keiner Weise vollmundig daher kommt. Aber es ist noch Hoffnung auf eine Umkehr. Es ist noch nicht zu Ende mit dem Rufen zur Umkehr. Es ist noch nicht die Zeit, nur noch Gericht anzusagen. Wenn sie hören und umkehren, kann auch Gott seinen Weg zum Gericht abbrechen.

            Die Verantwortung Jeremias liegt nicht in der Wirkung seiner Predigt, sondern in dem, was er sagt: Er soll nichts weglassen, nichts schönreden. Es ist die Treue zum empfangenen Wort, die der HERR von ihm verlangt, nicht ein Predigterfolg.

 4 Und sprich zu ihnen: So spricht der HERR: Werdet ihr mir nicht gehorchen und nicht nach meinem Gesetz wandeln, das ich euch vorgelegt habe, 5 und nicht hören auf die Worte meiner Knechte, der Propheten, die ich immer wieder zu euch sende und auf die ihr doch nicht hören wollt, 6 so will ich’s mit diesem Hause machen wie mit Silo und diese Stadt zum Fluchwort für alle Völker auf Erden machen.

            Ein Gottesdienst-Störer. Statt Erbauung Publikumsbeschimpfung. Statt Worten, die der Seele wohl tun Worte, die aufrühren, schmerzen, alles in Frage stellen. Das Haus Gottes ist der Halte-Punkt im Leben. Mögen andere Häuser verschwinden – dieses Haus bleibt. Jahrhunderte alte Theologie hat das fest ins Denken des Volkes verankert. „Störe uns“ weiterlesen