Wie eine Mauer

Jeremia 1, 11 – 19

11Und es geschah des HERRN Wort zu mir: Jeremia, was siehst du? Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. 12Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, dass ich’s tue.

             Das Wort ergeht und fordert die Aufmerksamkeit Jeremias. Gottes Frage nach dem Sehen beantwortet Jeremia: ich sehe. Jeremia sieht einen erwachenden Zweigschākēd – und was er sieht ist wie ein Gleichnis für das, wie Gott ist: Er wacht – schokēd. Es ist ein normales Bild im Frühjahr. Da blühen Zweige auf. Nichts Ungewöhnliches. Es gehört zur Eigenart prophetische Worte, dass sie häufig am Alltäglichen anknüpfen und es dann doch durchsichtig wird auf die Wirklichkeit hinter dem Alltäglichen.

       Der sprachliche Gleichklang ist aber mehr als ein schönes Sprachspiel: Gott ist auf dem Sprung. Er ist nicht eingeschlafen, auch wenn vielleicht noch auf sich warten lässt, was sich als Geschehen schon ankündigt.  Als eine entfernte Parallele kann man lesen. „Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“(Psalm 121,4) Es ist Verlass auf Gott. was er ansagt, das wird geschehen. Er, der Israel hütet, wacht auch über sein Wort. Vielleicht könnte man sogar sagen: Indem er über sein Wort wacht, hütet er Israel.

  13Und es geschah des HERRN Wort zum zweiten Mal zu mir: Was siehst du? Ich sprach: Ich sehe einen siedenden Kessel überkochen von Norden her. 14Und der HERR sprach zu mir: Von Norden her wird das Unheil losbrechen über alle, die im Lande wohnen.

             Ein zweites Mal wird das Sehen Jeremias befragt. Wieder sieht er  – und wieder ist es alltäglich: ein überkochender Kessel. Es ist erst das deutende Wort des HERRN, dass dieses Bild als eine Gefahrenansage erkennen lässt: Das Wasser kocht über – das Unheil wird losbrechen.

             Über alle, die im Land wohnen – das ist bedrohlich für Juda. Für seine Einwohner. Für alle, die da so sicher wohnen. „Wie der brodelnde Kessel sich jeden Augenblick auf die Feuerstelle ergießt, von oben her, so wird auch jeden Augenblick von Norden (=von oben) her das von mir bestellte Gerichtswerkzeug sich über Juda ergießen“. (D.Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.34)

             Noch ist es nicht so weit. Die beiden Schauungen sind wie ein Atemholen, wie ein Verhalten, ein Innehalten, bevor kommen wird, was sich da zusammenbraut. Was Gott in Gang setzen will.

 15Denn siehe, ich will rufen alle Völker der Königreiche des Nordens, spricht der HERR, dass sie kommen sollen und ihre Throne setzen vor die Tore Jerusalems und rings um die Mauern her und vor alle Städte Judas. 16Und ich will mein Gericht über sie ergehen lassen um all ihrer Bosheit willen, dass sie mich verlassen und andern Göttern opfern und ihrer Hände Werk anbeten.

             Gericht. Es klingt, als stünde eine Belagerung bevor. Es kann aber auch eine Gerichtsszene sein, in der sich die Völker auf ihre Thron setzen, um Recht zu sprechen. Über Jerusalem. Was ist das für eine Zumutung an die Hörer Jeremias, die andersherum zu denken gewohnt sind: Der Gott Israels wird die Völker richten.

„Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit                                                                und die Völker regieren, wie es recht ist.“        Psalm 9,9

              Und da war kein Zweifel: Israel ist auf der Seite dieses Richters! Jetzt aber diese Umkehrung. Die Völker richten Israel. Jerusalem. Der Anklagepunkt: Sie in Jerusalem haben mich verlassen. „Der Ausdruck verlassen  stammt aus dem Eherecht. Jeremia sieht wie vor ihm der Prophet Hosea den Bund Gottes mit Israel als einen Liebes- und Ehebund an.“ (D.Schneider, ebda.) Aus diesen Bund sind sie in Jerusalem ausgebrochen.

            Aber dieses Ausbrechen ist kein Weg in die Freiheit. Es macht abhängig von den anderen Göttern – und im letzten von sich selbst. Die Götter, die angebetet werden, denen geopfert wird, sind ja Machwerke der eigenen Hände. So läuft die Anklage im Grunde darauf hinaus, dass sie in Jerusalem im Anbeten der eigenen Werke sich selbst anbeten. Dass sie sich selbst vergöttern.

            Man kann schon nachdenklich darüber werden, ob hier nicht eine bis in unsere Zeit hinein gültige Wahrheit ausgesprochen wird: Wo es zur Abwendung von Gott kommt, kommt es zur Vergötterung der eigenen Leistungen, wird der Mensch sich selbst das Maß und darin gleichzeitig maßlos.  So gesehen sind die Olympischen Spiele der Gegenwart mit ihrer Gigantomanie und ihrer Maßlosigkeit ein genau passender Ausdruck für unsere Zeit und ihr Denken.

17So gürte nun deine Lenden und mache dich auf und predige ihnen alles, was ich dir gebiete. Erschrick nicht vor ihnen, auf dass ich dich nicht erschrecke vor ihnen!

             Gott wartet noch zu. Sein Prophet aber soll sich auf den Weg machen. Er hat gesehen, was kommen wird. Gott hat ihm gezeigt, dass er das Volk zum Gericht fordern soll. Das ist seine Botschaft, die soll er ausrichten. Das ist Gottes Auftrag an ihn – er soll nur sagen, was Gott ihn sagen heißt. Nichts dazutun und nichts weglassen.

         Um dieser Botschaft willen soll er die Furcht überwinden. „Menschenfurcht ist Mangel an Gottesfurcht, den Gott nicht ungestraft lässt. Und nur die Gottesfurcht überwindet die Angst vor den Menschen. Darum steht dieses ernst Wort fast bedrohlich am Anfang der Prophetenlaufbahn des Jeremia.“(A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 1 – 25,14, ATD 20, Göttingen 1966, S.10) Es ist kein sanfter Gott, der so mit Jeremia redet. Sondern hier wird das Bild Gottes sichtbar, der Gehorsam sucht und Gehorsam fordert.

 18 Denn ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule, zur ehernen Mauer machen im ganzen Lande wider die Könige Judas, wider seine Großen, wider seine Priester, wider das Volk des Landes, 19 dass, wenn sie auch wider dich streiten, sie dir dennoch nichts anhaben können; denn ich bin bei dir, spricht der HERR, dass ich dich errette.

            „Aber Gott fordert nicht, ohne dass er zugleich gibt.“ (A.Weiser, Jeremia, ATD 20, S. 7) Er macht den schwachen, ängstlichen Jeremia zur festen Stadt machen, zur ehernen Mauer, die nicht besiegt werden kann. Aber das wird er nicht, indem er wie Batman ausgerüstet wird, in Drachenblut getaucht, mit einem Schutzpanzer bis zur Ferse überzogen. Nicht, indem er seine Psyche stärkt, sondern indem Gott ihm sein Wort aufträgt.

            Es ist eine große Herausforderung an uns heutige Leser: Gott erscheint hier seltsam uninteressiert an der psychischen Verfassung des Propheten. Es wird sich zeigen, dass Jeremia ein Prophet ist, der an seiner Botschaft leidet. Der sich sehnt nach menschlicher Nähe, dem es zu schaffen macht, dass der Weg Gottes mit ihm so fremd und befremdend ist. Sein Auftrag entfremdet ihn seinen Freunden, er macht ihn zum Feind, zum Gespött seiner Gegner. Jedermann ist ihm zuwider, weil er wider jedermann ist. Hier ist nichts von Lebensentfaltung, von Freude aus dem Dienst. Kein Wort über Erfolg und Misserfolg, über Anerkennung.

            Wie eine Mauer, an der alles abprallt, wird er vor den Großen Jerusalems stehen, vor den Königen Judas, den Großen, den Priestern,  dem Volk des Landes. Es wird ein einsamer Weg, aber unter der Zusage Gottes. Ich bin bei dir, spricht der HERR, dass ich dich errette. Eine andere Sicherheit hat Jeremia nicht. Nur diesen Spruch Gottes. Daran wird er sich genügen lassen müssen.

 

            Jahrhunderte später hört ein anderer Bote Gottes in seine Einsamkeit und seine Anfechtung hinein ein Wort, das auch hier gesagt sein könnte: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“(2. Korinther 12,9)

 

Heiliger Gott, ich erschrecke vor dieser Härte, die ich hier spüre, vor der unbedingten Forderung nach Gehorsam, vor der Fremdheit, die Du Deinem Boten zumutest. Ich erschrecke vor Dir.

So tapfer bin ich nicht, so unabhängig vom Urteil der Menschen, dass ich mir diese heilige Einseitigkeit zutrauen würde.

Mache Du mich standfest, wenn Zurückweichen Verrat an Dir wäre. Mache Du mich fest in Dir. Mache Du mich frei von der Ängstlichkeit, die Dir nicht zutraut, dass Du auch die Kraft gibst, die Du forderst, den Mut und den Glauben, der Dir vertraut, auch gegen die Ängste des eigenen Herzens. Amen