Die Spur, der wir folgen

Markus 10, 32 – 45

32 Sie waren aber auf dem Wege hinauf nach Jerusalem und Jesus ging ihnen voran; und sie entsetzten sich; die ihm aber nachfolgten, fürchteten sich.

            Der Weg hinauf nach Jerusalem geht weiter. Anders gesagt: Jerusalem als Ziel des Weges kommt immer näher. „Hinauf nach Jerusalem ist ein feststehender Ausdruck für die Wallfahrt zum hochgelegenenen Jerusalem und zum Tempel.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, 198) Er erlaubt aber keine präzise Bestimmung des Wegabschnittes, auf dem sie sind.  Jesus führt die Gruppe an. Sie gehen hinter ihm her. Geplagt von einem Gemisch aus Staunen, Ängsten, Furcht und Entsetzen. Es ist eine innere Unruhe, die über dieser Gruppe und ihrem Weg liegt.

 Und er nahm abermals die Zwölf zu sich und fing an, ihnen zu sagen, was ihm widerfahren werde: 33 Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten. 34 Die werden ihn verspotten und anspeien und geißeln und töten, und nach drei Tagen wird er auferstehen.

             Auf dem Weg nimmt er aus den Vielen, die mitgehen, abermals die Zwölf zu sich,  besonders, und sagt ihnen, was auf ihn – und auf sie – zukommt. Es ist „das dritte und letzte Mal, dass Jesus auf sein Leiden hinweist, wie wenn er Stufe um Stufe bei seinem Weg hinauf nach Jerusalem die Empore eines Opferaltars besteige, der unvermeidbar auf ihn wartet.“(E. Drewermann, Das Markusevangelium, Zweiter Teil , Zürich 1988, S.129)

             Seine Ankündigung zeigt: Jesus geht diesen Weg im klaren Wissen, dass es ein Weg ins Leiden ist. Er macht sich nichts vor über das, was ihn erwartet: die Konfrontation mit den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, das Todesurteil durch die Juden, die Auslieferung an die Römer – sie sind die Heiden – , die Erniedrigung durch Spott und Hohn und dann der Tod.

       Es gibt, das zeigt diese dritte Leidensansage, für Jesus kein Ausweichen vor diesen Weg. Geht er ihn deshalb freiwillig? Oder geht er ihn, gezwungen durch eine Gehorsamsforderung, die für ihn unausweichlich ist? Da ist kein äußerer Zwang. Es gibt keine Stimme vom Himmel, die sagt: auf, nach Jerusalem, ins Leiden. Aber auch das geht mir zu weit: „Der vorangehende Jesus, der aus eigenem Entschluss dieses Ziel anstrebt, und die hinter ihm her ziehende Gefolgschaft setzten denn Gedanken der Nachfolge ins Bild und verdeutlichen, dass Nachfolge Jesu Gang zum Leiden ist.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.96)

              Mich stört, dass Jesus nach dieser Auslegung zielbewusst das Leiden anstrebt. Ja, er geht nach Jerusalem, ja, wer weiß, was ihn erwartet, aber er ist kein selbstgeleiteter und fehlgeleiteter Märtyrer. Er geht seinen Weg und es wird geschehen, was geschieht. In dem allem erfüllt sich der Weg Gottes. „Das schuldhafte Vorgehen der Menschen und Gotte Vorauswissen fügen sich ineinander, ohne dass sich die Freiheit Gottes und die Freiheit der Menschen gegenseitig aufheben würden.“  (J.Gnilka, ebda.)

             Am Ende der Leidensansage der Lichtblick: und nach drei Tagen wird er auferstehen. Das ist kein Trostpflaster, hebt auch den Schmerz des Leidens nicht auf. Der Blick auf die Auferstehung mildert nichts an der Härte des Weges vorher. Jesus wird zerbrochen, erniedrigt, “entmenscht” werden. Opfer zum Wegschauen. Aber hinter dem Tod eröffnet sich ein neuer Horizont. Vielleicht darf man sagen: Es ist der Glaube Jesu, dass nicht Menschen, sondern der Vater im Himmel das letzte Wort über ihn sprechen wird.

           Das alles kündigt Jesus denen an, die mit ihm voll Entsetzen und Furcht unterwegs sind. Es wäre nur zu verständlich, wenn dies als Reaktion hier noch einmal wiederholt würde.  Aber im Gegensatz zu den ersten beiden Leidensansagen notiert Markus hier keine Jünger-Reaktion, kein Unverständnis, keinen Widerspruch, keine Furcht. Es sei denn, man liest die nachfolgende Szene  als Reaktion auf seine Ansage.

 35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden. 36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue?

             Die Brüder Jakobus und Johannes melden sich zu Wort. Mit einer Bitte, deren Erfüllung sie erbitten. Aber die Bitte ist wie eine Leerformel. So bitten Kinder manchmal: Machst Du, was ich will? Sie tragen keine inhaltliche Bitte vor, sondern erbitten die Erfüllung einer noch nicht ausgesprochenen Bitte. Eine Art Blankozusage. Es ist nur zu verständlich, dass Jesus zurückfragt: Worum geht es euch denn?

 37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.

        Sie haben zugehört: Auferstehung. Sie haben hinter der Leidensansage den weiten Horizont wahrgenommen. In ihrer Bitte klingt an, dass sie in ihm mehr sehen als den Meister, dass sie seine Herrlichkeit – δόξα – erwarten. Hatte er doch selbst davon gesprochen: „wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.“(8,38) Vielleicht muss man sogar so weit gehen; In dieser Bitte der beiden steckt eine Anerkennung Jesu als des Messias, wie es sonst im Jüngerkreis nur einmal, im Bekenntnis des Petrus vorliegt. Und vielleicht auch ist die Bitte noch ein Nachhall  der Verklärung Jesu. Da waren die beiden ja  – so erzählt Markus – Augenzeugen.

  38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet.

             Aber so wie Petrus nicht wusste, was er auf dem Berg der Verklärung sagt, so attestiert Jesus den Brüdern, dass sie nicht wissen, was sie da erbitten. Es ist nicht nur eine Bitte zur Unzeit. Es ist auch eine Bitte, für die nie Zeit ist, weil sie in die falsche Richtung geht.

 Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?    

               Die Rückfrage Jesu holt sie in die Zeit zurück, auf den Weg nach Jerusalem. Was vor Jesus steht, ist nicht Plätze verteilen in der Herrlichkeit des Himmels, sondern das Leiden. Er wird den Kelch trinken, der den Schuldigen zukommt: „Werde wach, werde wach, steh auf, Jerusalem, die du getrunken hast von der Hand des HERRN den Kelch seines Grimmes! Den Taumelkelch hast du ausgetrunken, den Becher geleert.“(Jesaja 51,17) Er geht in das Gericht, das über die Frevler hineinbricht, über die, die sich Gottes Weg verweigern. Und über ihm werden die Wellen zusammenschlagen: „Deine Fluten rauschen daher, und eine Tiefe ruft die andere; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich.“(Psalm 42,8)

            Kelch und Taufe sind hier keine Heilsworte, sondern Gerichtsworte. Der Weg nach Jerusalem, auf dem sie jetzt sind, ist Weg in das Gericht Gottes. Das sich an Jesus vollzieht, aber der Schuld der Welt gilt.

39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; 40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

            Es ist atemberaubend: Ja, das können wir. Selbstvertrauen? Selbstüberschätzung? Naivität? „Ist es nicht ein erster und wichtiger Schritt auf dem Weg zu Gott, mit einem jugendlichen Idealismus zu beginnen, der sich beherzt und spontan  ohne Selbstzweifel zutraut, die Welt schon von der rechten Seite her anzupacken und dann nicht locker zu lassen, koste es, was es wolle? Man darf den Baum des Idealismus nicht zu früh verpflanzen, sonst verliert er die Blätter noch ehe er Blüten treibt.“ (E. Drewermann, Das Markusevangelium, Zweiter Teil , Zürich 1988, S.137) Es gehört zum Glauben, dass er manchmal den Mund zu voll nimmt, im Vertrauen auf Gott und im Vertrauen auf sich selbst.

           Nein, Jesus weist ihre Antwort auch nicht als Selbstüberschätzung zurück. Er hält ihnen auch nicht vor, was später geschehen wird: „Da verließen ihn alle und flohen.“(14,50) auch die Zebedaiden. Nein, er bestätigt: Ihr werdet mein Leiden teilen. „Messiaszeit ist Leidenszeit, dieser schon dem Juden vertraute Satz wird aufgenommen, aber er bekommt von Jesu Leiden her einen ganz neuen Sinn.“ (J. Schniewind, Das Evangelium nach Markus, München 1968, S.139) Die Ausleger sind sich einig – das ist eine Anspielung auf das Märtyrer-Schicksal der Brüder. Von Jakobus wird es ausdrücklich berichtet: Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.“ (Apostelgeschichte 12,1-2) Aber – auch das Schicksal als Märtyrer eröffnet keinen Rechtsanspruch auf Ehrenplätze.

         Diese Plätze im Himmel liegen außerhalb der Kompetenz Jesu. Wer neben ihm zu sitzen kommt, entscheidet nicht Jesus, entscheidet auch nicht der Weg durch die Zeit, die Zugehörigkeit zum Jüngerkreis.  Diese Plätze vergibt Gott. so wie er es will. An die, die er dafür bestimmt hat. „Bereiten – τοιμάζω –  ist das geläufige Wort für Gottes zeitlich vorausgreifendes Walten.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.103)

          Das müsste eigentlich genügen, um dem ganzen Karrierespiel, wie es auch in der Gemeinde Jesu bis heute gespielt wird, ein jähes Ende zu bereiten. Es ist ja nicht so, dass die beiden Zebedaiden mit ihrer Hoffnung auf die besten Plätze, erworben durch Leistung, und wenn es sein muss, auch durch Leiden, die große Ausnahmen wären. Sie stehen eher für den Regelfall. Leistung muss sich lohnen. So denken sie und so denken wir bis heute.

 41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.

             Aber so ist es nicht. Die anderen, die Zehn, haben den Dialog mitbekommen. Und sind verärgert. Über die Brüder, weil die sich trauen? Weil sie so unbescheiden sind? Weil sie das Rankingspiel auf ihre Weise weiterspielen: wer ist der Größte? Wer bekommt die Ehrenplätze? Oder sind sie gar verärgert über sich selbst, weil sie sich nicht getraut haben?

            Es ist wichtig, um das Folgende nicht falsch zu verstehen: Jesus beschreibt hier keinen alternativen Weg zu den Ehrenplätzen im Himmel. Deren Vergabe steht nicht mehr zur Debatte. Sie wird auf keinem Weg erworben oder verdient. Sie ist Geschenk  des Vaters an die, denen er es zugedacht hat. Was jetzt folgt, ist also keine Anleitung für den Himmel, sondern eine Anweisung für die Erde und nur für die Erde. Ohne alle himmlische Folgen.

 42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. 43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.

             Wie auch immer – Jesus spürt den Ärger, der in der Luft liegt, das Klima vergiftet – und holt sie alle zusammen. Zu einer kurzen Belehrung: Es geht um die Differenz zwischen der Praxis der Welt und der Praxis in der Nachfolge, also auch der Praxis der Gemeinde. Man könnte auch auf die Idee kommen: der Praxis der Kirche.

            In der Welt geht es von oben nach unten. Die Weisungen werden topdown gegeben. Gewalt wird immer von oben nach unten ausgeübt. Herrschaft geht auch keinen anderen Weg. Es ist kein freundliches, aber ein realistisches Bild. Führungsetagen sind oben, das Fußvolk ist unten. Die Größen der Büros sind immer auch Botschaften. Die Kantinen, in denen das Essen eingenommen wird, auch. Und die Namensschilder an den Türen mit den Titeln und Ehrenbezeichnungen  in gleicher Weise.

            So aber – O-Ton Jesu – soll es bei euch nicht sein. Nein, im Griechischen ist es noch härter: οχ οτως δ στιν ν μν. „So ist es unter euch nicht.“ Die härteste Form des Imperativ ist das Präsens. So geht es unter euch nicht zu. Jesus stellt keine Forderung auf, sondern richtet Gegenwart auf.

            Er hat es schon einmal gesagt, ein wenig anders, aber in der gleichen Ausrichtung: „Wenn jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener.“(9,35) Es ist offenkundig auch in der Jüngerschar und in der Gemeinde Jesus nicht damit getan, die richtigen Dinge einmal zu sagen. Sie müssen immer wieder gesagt werden, weil die ur-menschliche Tendenz dem zuwider läuft. Es geht ja nicht nur um eine einmal zu treffende, ausgefallene Entscheidung, sondern um ein grundsätzlich anderes Leben: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes.“(Römer 12,2) Das ist ein lebenslanger Lern- und Übungsprozess. Eine Herausforderung an alle Kirchen und Gemeinden und jede und jeden Einzelnen.

            „Gabriel, der vor Gottes Angesicht steht, war ganz bis herunter zum Strand gekommen, um das Schiff in Empfang zu nehmen. „Ihr seid ja im inneren Land mächtig beschäftigt“, sagte ich. Es dröhnt und hämmert und klopft den ganzen Tag. Er lächelte sein liebes Lächeln. „Du hörst bis hierher nur, die dir am nächsten sind. Sie ordnen die auf Erden gewonnene Weisheit im Archiv ein. Sie wird hier gleich am Anfang abgelegt.“ „Sind das alle die Bücher über Geschichte und Geographie?“ „Ich sagte Weisheit“, antwortete er. „Aha“, sagte ich, „“Atomkerne, Relativitätskoeffiziient, die Quadratur des Kreises und die Abstammung der Menschen von den Affen….“ „Wissenschaft ist nicht Weisheit“, unterbrach er mich. „Die Menschen sind übrigens merkwürdig inkonsequent. Wie können sie meinen, dass sie von den Affen abstammen und gleichzeitig an den Fortschritte glauben? Nein, Weisheit findest du bei solchen Menschen, wie ich sie heut abholen will.“ „Waren es Bischöfe?“ fragte ich ehrerbietig. „Es sind alte Krankenschwestern“, sagte Gabriel. Er setzte sich und sein Blick glitt weit hinaus. Seine Augen singen von allem, was sie sehen.“ (R. Hendriksen, Sternenglanz in der Pfütze, EVA, o. J. S. 51f.) 

45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

            Die Begründung für diesen so anderen Weg – sie steht mitten unter ihnen. Er in Person ist die Begründung. Deshalb kann Jesus sagen: so ist es unter euch nicht. Weil er in ihrer Mitte steht. Weil er der ist, der dient. Weil er der ist, der alle seine Macht, Vollmacht und Gewalt nie für sich nimmt, sondern immer nur zum Dienen. Weil er sein Leben nicht festhält, sondern loslässt. Weil er sich selbst hingibt als Lösegeld – für viele. „λτρον bedeutet den Lösepreis für schuldverwirktes Leben, der für den Sklaven, einen Kriegsgefangenen, zur Lösung einer Bürgschaft bezahlt wird.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.104)

          Das ist die letzte, tiefgehendste Begründung für das andere Leben, die neue Praxis: sie ist vorgeformt im Weg Jesu. Weil er so lebt, haben die Jünger und die Gemeinde darin ihre Spur, der sie folgen.

 

Jesus, uns zieht es immer wieder nach oben, auf die Ehrenplätze, ins Rampenlicht.

Du aber gehst den Weg nach unten ins Elend, ins Dunkel, zu den Armen, Geschlagenen, Gescheiterten, zu den Angefochtenen, zu denen, denen es am Vertrauen fehlt, zu Dir und zu sich selbst.

Hilf Du mir, dass ich Dich nicht oben suche, dass ich mich auf den Weg einlasse, auf dem Du Dich finden lassen willst, unten, im Dunkel der Welt. Amen