Vom Scheitern an der Gabe Gottes

Markus 10, 1 – 12

1 Und er machte sich auf und kam von dort in das Gebiet von Judäa und jenseits des Jordans. Und abermals lief das Volk in Scharen bei ihm zusammen, und wie es seine Gewohnheit war, lehrte er sie abermals.

             Jesus bricht auf, aus Kapernaum in Richtung Jerusalem. Er wird nicht mehr nach Galiläa zurückkehren. Ein wenig umständlich erscheint der Weg: Man muss nicht in das Gebiet jenseits des Jordans, um nach Judäa zu gehen. Es könnte sein, Markus will andeuten, dass er einen Umweg wählt, um den Weg durch Samaria zu meiden. Sicher ist das aber nicht – andere Evangelien erzählen ja auch prompt, dass Jesus durch Samaria nach Jerusalem zieht (Lukas 9,51 – 57). Ähnlich auch Johannes (Johannes 4).

             Auf dem Weg zieht er immer noch die Volksmassen an. Es sind „die Bewohner der beiden Bezirke Judäa und Ostjordangebiet, die ihm zulaufen.“(W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.269) Sein Wirksamkeit, sein Lehren ist nicht auf das Gebiet Galiläas begrenzt. Er ist nicht nur eine lokale Provinzgröße. Es entspricht seiner Gewohnheit, dass er auch hier nicht aufhört zu lehren, das Volk zu unterweisen, den Willen Gottes auszurufen.

             Es ist nicht der Hauptakzent der Erzählung und doch auch nicht ganz nebensächlich, weil Markus es sonst nicht erwähnt hätte: wie es seine Gewohnheit war.  ς εἰώθει. Genau die gleiche Wendung verwendet Lukas, wenn er erzählt: „Jesus ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge“(Lukas 4,16). Jesus – ein Gewohnheitsmensch? Ja, meinen die beiden Evangelisten und finden nicht Schlimmes darin, sondern: Es gibt gute Gewohnheiten. Es gibt Gewohnheiten, die dem Glauben dienen. Glaube braucht die Regenmäßigkeit, die Gewohnheit, Formen und Rituale, in denen er „wohnen“ kann, aus denen er seine Bestätigung findet.

            Es ist wohl einer der Krankheitsgründe des Glaubens in unserer Zeit, dass er weithin nicht mehr gewohnheitsbildend ist, dass man sich seiner nur noch gelegentlich erinnert, in von Fall zu Fall, eventuell einmal wahrnimmt. Bei einem familiären Event halt, bei einer „Kasualie“ in kirchlicher Sprache. Wenn es anfällt. Wenn Gott gebraucht wird, soll er da sein. Wenn der Glaube gebraucht wird, soll er tragen. Aber so ist es nicht. Der Glaube bei Gelegenheit stürzt von einer Verlegenheit in die nächste. Er trägt nicht, er ist höchstens frag-würdig. Erst wo der Glaube Gewohnheiten erzeugt und von Gewohnheiten getragen wird, gewinnt er Stabilität. Lebensprägende Kraft. 

  2 Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit.

             Aus Anlass dieser Lehrtätigkeit treten Pharisäer auf, einmal mehr und treten ihm näher. Mit einer Frage, die damals so aktuell ist wie heute: ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau. Die Fragestellung zeigt schon das zeitgeschichtliche Gefälle: Scheidung ist ein Männer-Recht. Man kann die Frau aus der Ehe entlassen. Weil man sie leid ist. Weil sie die Bratkartoffeln anbrennen lässt. Aus nichtigen Gründen. Die Frauen selbst haben nichts zu melden. Jedenfalls nicht im jüdischen Recht.

            Es ist, so Markus, keine echte Frage. Sie wollen ihn versuchen, aufs Glatteis locken, eine Aussage von ihm hören, die man gegen ihn verwenden kann. Das ist bis heute auch und gerade in Talk-Showsoft und gern geübte Praxis, um jemand bloßzustellen. Vorausgesetzt ist dabei: Man weiß, wie der Betreffende antworten wird. Man will hin nur auf seine Worte festnageln können. Man hofft auf Antworten, mit denen er sich eine Blöße gibt, sich ins Abseits der öffentlichen Meinung stellt. Von einem echten Gespräch oder einem wirklichen Fragen kann man kaum weiter entfernt sein.

            „Weil im  zeitgenössischen Judentum nahezu jede Ehe legal zu lösen möglich gewesen ist, und Ehescheidung im Gesetz vorgesehen war, soll Jesus zum Widerspruch gegen das Gesetz aufgefordert werden.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.71) So hätte man einen Anklagepunkt mehr gegen diesen merkwürdigen Galiläer.

 3 Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? 4 Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden.

             Jesus fragt – er kennt die Spielregeln gut – zurück: Wie steht es denn im Gesetz? Was ist geboten? Damit fragt er nach dem Willen hinter den Worten, genau genommen, nach dem Gebot Gottes. Die Antwort der Pharisäer ist eine Zugeständnis: Kein Gebot, sondern eine Erlaubnis. Die ganze Debatte ist damit abgeschwächt. Was immer Jesus weiter sagen wird – es geht hier nicht um einen Widerspruch gegen den Willen Gottes, sondern um einen Umgang mit menschlichen Ausführungs-Bestimmungen: Mose hat zugelassen. Ein Gebot zur Scheidung gibt es nicht- wohl aber das Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen.“(2. Mose 20, 14) Nicht die eigene und nicht in eine fremde einbrechen.

  5 Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; 6 aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. 7 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, 8 und die zwei werden “ein” Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern “ein” Fleisch. 9 Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.

             Jetzt wird es endgültig ungemütlich. Weil Jesus klarstellt: worüber wir reden ist ein Zugeständnis, das auf eure Herzenshärte Rücksicht nimmt. Ihr habt harte Herzen. Ihr seid unverträglich. Ihr wollt manchmal einfach nur eure Frau loswerden.

            Die Begründung: es ist doch alles rechtlich deutlich geregelt – Scheidebrief und jeder geht seines Weges. Das klingt unglaublich modern: Wir haben uns auseinander gelebt. Es ist doch im Ernst kein Modell mehr: lebenslänglich mit dem gleichen Mann, der gleichen Frau. Früher war lebenslänglich begrenzt durch die frühe Sterblichkeit. Aber heute? 40, 50, 60 Jahre mit dem immer selben Menschen – wer soll das denn durchhalten? Und die Scheidungsraten geben doch allen recht, die sagen: Ehe, lebenslänglich gar,  ist ein  Auslaufmodell.

            Jesus sagt: Daran wird erkennbar, wie es um eure Herzen steht. Dass sie hart sind. Verhärtet. σκληροκαρδα. Sklerose ist ein Krankheitsbefund! Organe verhärten sich. Hier eben – so die Diagnose Jesu: Die Herzen.  „Die σκληροκαρδα – ein alttestamentlicher Term – bezeichnet in der griechischen Bibel das durch fortgesetzten Ungehorsam gegenüber den göttlichen Weisungen fühllos gewordene menschliche Herz.“ (J.Gnilka, aaO.; S.72) Ich fühle mich –  wieder einmal – an die Erzählung von Wilhelm Hauff erinnert: Das Kalte Herz.

         Weil Mose das weiß von der Hartherzigkeit – aus dem Blick auf sich selbst? Aus dem Hören auf Gott? – hat er dieses Zugeständnis des Scheidebriefes gemacht. Einen „Unfall“, einen Notstand einigermaßen verträglich zu regeln. Wer daraus mehr macht, ein Männerrecht etwa, hat Mose nicht verstanden und schon gar nicht, was Gott in Wahrheit will.

            Und dann fügt Jesus der Willen Gottes hinzu: Die Begründung für die Ehe, die er aus der Ordnung der Schöpfung gewinnt. Dass Mann und Frau aufeinander zu geschaffen sind. Man muss es wohl so steil sagen: In dieser Ordnung der Schöpfung wird der Wille Gottes anschaulich. Da braucht es kein zusätzliches Gebot zum Thema Ehe.

            Es wird wohl stimmen: In dieser Debatte spiegelt sich Verhältnisse einer späteren Zeit. Spiegelt sich auch die Debatte zwischen der jüdischen Gemeinschaft und den jungen Christengemeinden. Die Christen halten es den Juden vor: eure Regelungen zur Scheidung sind Menschensatzungen. Wir dagegen folgen dem Willen Gottes.

            Bevor man allzu eilig sagt: alles nur historisch interessant. Christen werden sich immer wieder vor die Frage gestellt sehen: Welches Recht bindet uns? Ist das staatliche Recht, das uns an vielen Stellen Freiheit erlaubt, das Recht, auf dem wir uns auch im Angesicht Gottes berufen wollen? Oder bindet uns das Recht Gottes – und damit gehen manche Freiheiten für uns eben nicht? Hier stehen uns – so glaube ich – neue Debatten ins Haus, umso mehr, als die so lange postulierte Einheit von Bürgergemeinde und Christengemeinde unwiderruflich dahin ist.

10 Und daheim fragten ihn abermals seine Jünger danach. 11 Und er sprach zu ihnen: Wer sich scheidet von seiner Frau und heiratet eine andere, der bricht ihr gegenüber die Ehe; 12 und wenn sich eine Frau scheidet von ihrem Mann und heiratet einen andern, bricht sie ihre Ehe.

            Wo ist daheim? Im Haus wäre korrekter, auch dem griechischen Wort οκα angemessener, denn Daheim war Jesus in Kapernaum. Jetzt ist er auf dem Weg. Also: Im Quartier fragen die Jünger nach. Verunsichert? Erschrocken? So hört es sich ja bei Matthäus an,  der „weiß“, was die Jünger fragen: „Steht die Sache eines Mannes mit seiner Frau so, dann ist’s nicht gut zu heiraten.“(Matthäus 19,10) Matthäus hat nicht vergessen; auch christliche Männer sind Männer und sehen den Schwund ihrer Männer-Rechte ein wenig verängstigt. Markus hingegen sagt dazu – nichts.

            Aber er sagt, was Jesus antwortet: Es ist die harte Konsequenz, die er aus seiner Sicht zieht: In der Zuordnung der Schöpfung geht es Gott um untrennbare Gemeinschaft. Das ist mehr als die leibliche Gemeinschaft, ehr als Wohngemeinschaft auf Zeit. Das zielt auf personale Bindung. Lebenslänglich. Und jede Scheidung, gleich ob sie damals in der Regel nur vom Mann ausgeht, im römisch-griechischen Rechtsraum auch von der Frau,  oder ob sie heute im freien Spiel der Fliehkräfte von beiden gewollt und akzeptiert ist, ist eine Verletzung dieses Willens Gottes. Ist damit Ehebruch. Die Worte Jesu lassen, wenn man sie nicht ihres eigenen Sinnes entleeren will, nur einen Weg für Geschiedene übrig:  allein, ledig zu bleiben.

            Die Frage allerdings bleibt, ob man aus diesen Worten Jesu ein Gesetz machen darf, wobei es gleich ist, ob ein bürgerliches der Gesellschaft oder ein kirchliches Gesetz. Das durch Rechtsprechung, Gerichtshöfe, kirchliche Stelle zur Geltung bracht wird. „Hier darf nur die Frage gestellt werden, ob nicht der unterschiedslose Zwang solcher Gesetzgebung viel Unheil vergrößert statt zu helfen.“ (J. Schniewind, Das Evangelium nach Markus, München 1968, S.130) Im Jahr 1933  – in diesem Jahr hat Schniewind seinen Kommentar geschrieben – konnte wohl nur ein evangelischer Theologe schon so fragen.

            Wir mögen heute tausend gute Gründe haben, um das nicht gut zu finden, konservativ, altmodisch, überlebt, unmöglich – aber die Worte Jesu sind, wie sie sind. Es liegt in der Verantwortung von uns, wie wir mit diesen Worten umgehen. Ob wir sie für irrelevant erklären, ob wir sie wie ein starres Gesetz handhaben? Ob wir sie für gültig halten und gleich wohl damit umgehen, dass Ehen scheitern, auch Ehen von Christen. Es bleibt uns nicht erspart, uns zu verhalten, in der Verantwortung vor Gott und den Menschen, mit der Frage, welchen Weg die Liebe uns weist.

           Eine Anregung zum Weiterdenken: „Da Ehen nicht im Himmel geschlossen,  sondern unter irdischen Bedingungen eingegangen werden, können sie scheitern. Wo dieses Scheitern mit der Bitte um Vergebung und der Hoffnung auf Versöhnung aufgearbeitet wird, darf auch eine neue Partnerschaft gewagt werden.“(W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.187) Das ist der Appell an die seelsorgerliche Verantwortung im Blick auf die Einzelnen. Die Regelung im Ganzen wird davon nicht berührt.

 

Herr Jesus, danke für die viele Ehen, in denen das Leben gestärkt wird, die Liebe aufblüht.

Es schmerzt, dass es auch die anderen Ehen gibt, in denen gelitten wird, das Gespräch verstummt, die Liebe in Gefahr gerät.

Du siehst das und doch: Du zeigst uns den Schöpfungswillen Gottes als den Grund, auf dem die Ehe ruht. Du stellst uns das Geschenk vor Augen, das uns in der Ehe gemacht ist.

Gib doch, dass wir als Deine Leute Ehen schützen und stützen, gerade auch die, die sich durch schwere Zeiten mühen. Amen