Verklärung – O Ewigkeit, so schöne

Markus 9,2 – 13

2 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus, Jakobus und Johannes und führte sie auf einen hohen Berg, nur sie allein.

             Eine lange Woche vergeht. Aus diesen sechs Tagen gibt es nicht zu erzählen. Diese Tage verrinnen. In diesem ereignislosen Dahingehen der Tage mag nachwirken, was zuvor alles war, in Galiläa, in der Gegend von Tyrus, im Gebiet der Zehn Städte. Sein Tun und seine Worte. Aber geprägt sind diese Tage von dem einen:  Jesus ist bei den Jüngern.

            Als die Zeit vorüber ist, nimmt er dann drei von ihnen mit sich, Petrus, Jakobus und Johannes. Nur diese drei. Es wird seltsam betont: nur sie allein. Es sind, wenn man so will, „die üblichen Verdächtigen“. Sie sind bei der Erweckung der Tochter des Jairus dabei (5,37), sie wird er mitnehmen nach Gethsemane (14,33). Ohne jede Begründung auserwählt unter den Zwölfen. Weil er sie mitnimmt. Es gehört zu den Lernprozessen, die uns das Evangelium abverlangt: Es gibt nicht für alles, was geschieht, eine Begründung.     

                      Sie gehen auf einen hohen Berg. „Die Tradition identifiziert ihn mit dem Tabor, der als hohe Kuppe in der Ebene Jesreel liegt.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S. 164) Markus liegt nichts daran, diesen Berg  durch einen Namen unvergesslich zu identifizieren, ihn zur Wallfahrtsstätte zu machen: Da war es….

                  Es wird wohl stimmen, wenn es auch erst durch den Fortgang der Geschichte begreiflich wird: „Der hohe Berg erinnert an den Gottesberg Sinai.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S. 33) Für die drei Jünger aber ist es erst einmal einfach nur ein Berg. Allerdings so viel wissen sie: Jesus sucht immer wieder Berge auf, weil er in ihnen die Nähe Gottes sucht. .

 Und er wurde vor ihnen verklärt; 3 und seine Kleider wurden hell und sehr weiß, wie sie kein Bleicher auf Erden so weiß machen kann.

             Verklärt. Verwandelt. μετεμορφθη.  Metamorphose. Transfiguration – auf englisch. An ihm wird eine Wirklichkeit sichtbar, wie sie vorher nicht zu sehen war.

             „Ein Mensch gewinnt sein wahre Gestalt, die im Grunde schon immer in ihm lebte…. Dieser eine Augenblick seiner Verwandlung  enthüllt den ganzen Kern seines Wesens; zum ersten Mal zeigt sich jetzt deutlich mit wem wir eigentlich, womöglich über Jahrzehnte hin geredet und zusammengelebt haben, ohne dass wir auch nur entfernt ihn wirklich gekannt hätten.“ (E. Drewermann, Das Markusevangelium, Oltern 1987,593) Es ist ein Versuch wie gestottert,  sich durch die Analogie zu unseren „normalen Erfahrungen“ zu erklären, was da geschieht.

              Es ist wichtig: er wird verwandelt. Hier steht Passiv. Nicht Jesus enthüllt sein wahres Ich, sondern – das steckt im Passiv – Gott handelt an ihm. Er lässt aufleuchten, wer Jesus ist. Jetzt schon seine himmlische Herrlichkeit.

                Es ehrt Markus, dass er so zurückhaltend erzählt. Nichts erklärt. Nur andeutet. Durch die Kleider, deren Weiß kein Bleicher machen kann. Es sind himmlische Gewänder, hört der Leser. „Weiße Gewänder von überirdischer Leuchtkraft sind himmlischen Wesenheiten eigen.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.238)  Später wird der Seher Johannes sagen:  „Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden.“ (Offenbarung 3,5)

  4 Und es erschien ihnen Elia mit Mose und sie redeten mit Jesus.

             Elia und Mose erscheinen. Sie werden sichtbar für die Jünger und sie reden mit Jesus. „Die beiden sind die Repräsentanten der Prophetie und des Gesetzes.“ (W. Klaiber, ebda.) Mehr aber noch: Beide sind Menschen, „die den Tod nicht geschmeckt haben“(4.Esra 6,26) Das also kündigt sich hier an – in diesem Augenblick: eine Gemeinschaft, über die der Tod keine Macht mehr hat. Gemeinschaft über die Zeiten hinweg, Gemeinschaft aus der Ewigkeit.

  5 Und Petrus fing an und sprach zu Jesus: Rabbi, hier ist für uns gut sein. Wir wollen drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. 6 Er wusste aber nicht, was er redete; denn sie waren ganz verstört.

             Ganz unter dem Eindruck dieser überwältigenden Erfahrung spricht Petrus zu Jesus. Er will diesen Ort festhalten, diese Gemeinschaft für immer. Er will alles tun, was dazu helfen könnte: Hütten bauen. σκηνς. Drei für die drei, um die es geht – Mose und Elia und Jesus. „Was nur ein kurzes Offenbarwerden und noch nicht endgültiger Zustand sein kann, Wegstation und nicht Wegziel, dem möchte Petrus Endgültigkeit geben.“ (W. Grundmann, aaO.; S. 240)

            Aber er bleibt bescheiden. Hütten, genauer Zelte. In Leichtbauweise wie die Laubhütten. In der Schau des himmlischen Jerusalems wird es heißen: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen.“ (Offenbarung 21, 3)Auch hier steht σκηνή.  Wohl wahr, Petrus will vorwegnehmen, was für die Ewigkeit bestimmt ist. Kein Wunder, bei seinem Geisteszustand. Er ist verwirrt, verstört, weiß nicht, was er sagt. Man könnte denken: er ist ganz außer sich. Aber was sollte man sich denn sonst wünschen können als die leichte Zugänglichkeit Gottes, wie sie eine Hütte, ein Zelt möglich macht. Kein Palast, vor dem man erstarren muss. Petrus glaubt, die drei vor Augen, an den leicht zugänglichen Gott.

Komm in unser festes Haus, der du nackt und ungeborgen.                                              Mach ein leichtes Zelt daraus, das uns deckt kaum bis zum Morgen;                              denn wer sicher wohnt vergisst, dass er auf dem Weg noch ist.                                                              N. v. Lehndorff 1968 , EG 428

  7 Und es kam eine Wolke, die überschattete sie. Und eine Stimme geschah aus der Wolke: Das ist mein lieber Sohn; den sollt ihr hören!

             Jetzt weitet sich die Szenerie. Aus dem schon unbegreiflichen Treffen der Boten aus der jenseitigen Welt mit Jesus wird Gegenwart Gottes. Verhüllt in eine Wolke ist Gott da. So wie Gott da war in der Wolkensäule auf Israels Weg durch die Wüste. Und aus der Wolke eine Stimme – wie schon bei der Taufe: Das ist mein lieber Sohn. Was bei der Taufe Wort an Jesus ist – „Du bist mein lieber Sohn“(1,11) -, das wird hier zum Wort an die Jünger: Sie sollen  wissen, wer Jesus ist, mit dem sie unterwegs sind. Dem sie zu folgen suchen. Es ist Gottes Stimme, die ihnen Jesus offenbart, seine letzte Wirklichkeit, sein Wesen.

             Der Unterschied der Taufstimme von dieser Stimme ist von Gewicht. In der Taufe erhält Jesus eine Zusage, die ihm den Rücken stärkt für seinen Weg. Den Rücken stärkt auch für die Widerstände, die ihn erwarten. Die ihn gewiss sein lässt: In allem liegt das „Wohlgefallen“ (1,11) des Vaters auf mir. Die Verklärung ist nicht als Rückenstärkung für Jesus „gedacht“ – sie ist Offenbarung seiner Wirklichkeit für die Jünger. Sie sollen sehen, wer immer schon mit ihnen auf dem Weg war.

           Über die Taufe hinaus darum dann auch der Zusatz: den sollt ihr hören! Gültig nicht nur für die drei Jünger auf dem Berg. Gültig bis zu uns heute. Christliche Gemeinde ist zuerst und zuletzt Gemeinde, die hört, auf ihn hört. Auf seine Stimme, auf sein Wort. Eine Gemeinde, die aufhören würde, auf Jesus zu hören, die hätte ihn verloren und mit ihm auch sich selbst.

 8 Und auf einmal, als sie um sich blickten, sahen sie niemand mehr bei sich als Jesus allein.

             Der Schall der Stimme ist verhallt. Als sie um sich sehen, sehen sie nur noch ihn bei sich. Es ist, als würden sie jäh aus der Himmelswirklichkeit wieder geerdet. Sie sehen nur noch ihn, mit dem sie schon die ganze Zeit unterwegs sind. Keinen Strahlenkranz mehr, keine Himmelsfiguren mehr, kein Mose, kein Elia, keine Wolke, nur noch ihn. Um auf dem Weg der Nachfolge zu bleiben, braucht es nicht mehr als ihn zu sehen, ihn allein. Das aber braucht es wirklich.

 9 Als sie aber vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus, dass sie niemandem sagen sollten, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn auferstünde von den Toten. 10 Und sie behielten das Wort und befragten sich untereinander: Was ist das, auferstehen von den Toten?

            Sie können nicht für immer auf dem Berg bleiben. Sie gehen wieder hinunter, ins Tal. Jesus will, dass sie schweigen, von dem, was sie gehört und gesehen haben. Ein Schweigegebot an die drei, auch den anderen Jüngern gegenüber. Das letzte im Markus-Evangelium. Damit es nicht zu Eifersüchteleien kommt? Oder: weil es doch sowieso keiner verstehen wird, was sie da erzählen, Es ist ja bis heute schwierig genug, mit dieser Geschichte zurecht zu kommen.

             Es gibt zahlreiche Versuche, diese Berg-Geschichte zu „erklären“: sie sei eine ins Leben zurück datierte Ostergeschichte. Oder eine Erzählung von der Inthronisation Jesu als Gottes Sohn. Oder sie sei eine mit dem Zweck, die Jünger für die kommende Zeit der Leiden zu stärken, speziell für das Sterben Jesu am Kreuz. Aber davon ist nirgends die Rede!

                  Das Schweigegebot ist befristet. Aber wird die ganze Erzählung wirklich verständlicher, wenn man mit ihrer Weitergabe wartet, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist? Dann erklärt doch die eine, für den normalen engen Verstand unmögliche Geschichte die andere.

                     Es ist schwierig, aber doch auch wieder nicht. „Die Verklärung war ein Vorspiel der Auferstehung.“ (J. Schniewind, Das Evangelium nach Markus, München 1968, S.118) Wir leben Rand an Rand mit der Ewigkeit Gottes. Sie ist nicht weit weg, weder zeitlich noch räumlich. Sondern da ist für die Ewigkeit ein Übergang in die Zeit, der ganz nahe ist.  Es gilt: „Die sich offenbarende Herrlichkeit des Gottessohnes gehört einer anderen Welt an, die sich nicht auf diese Erde herabziehen lässt.“ (J.Gnilka, aaO.; S.37) Die aber auch nicht hermetisch abgeschlossen ist, sondern in sie einbricht – hier auf dem Berg. Und manchmal sogar in unser Leben.

11 Und sie fragten ihn und sprachen: Sagen nicht die Schriftgelehrten, dass zuvor Elia kommen muss?

            Die Jünger arbeiten sich immer noch an dem ab, was sie gesehen haben. Darum die Rückfrage nach Elia. Er muss doch zuvor kommen. Was meint Zuvor? Vor dem Kommen des Messias? Vor dem Ende der Welt? Vor dem großen Tag Gottes? Es sind nicht nur die Schriftgelehrten, die sich auskennen:  „Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag des HERRN kommt.“ (Maleachi 3,23) Das ist jüdisches Gemeingut: Elia kommt als der Vorbereiter.

 12 Er aber sprach zu ihnen: Elia soll ja zuvor kommen und alles wieder zurechtbringen. Und wie steht dann geschrieben von dem Menschensohn, dass er viel leiden und verachtet werden soll? 13 Aber ich sage euch: Elia ist gekommen und sie haben ihm angetan, was sie wollten, wie von ihm geschrieben steht.

            Jesus stimmt zu und führt zugleich weiter. Elia wird wirklich kommen und alles wieder zurechtbringen. Hier steht im Griechischen die Wendung  ποκαθιστνει πντα·, Hinweis auf das Wort Apokatastasis, das so arg strapaziert wird für die Lehre von der Allversöhnung. Ich möchte es gerne tiefer hängen. Wenn ich sage: „Ich habe alles wieder aufgeräumt und an Ort und Stelle gebracht“, ist damit weder ein 100% gleicher Zustand gemeint noch, dass „alles versöhnt“ ist.  Manches habe ich beim Ordnung Schaffen sogar weggeworfen und  sage doch: “Ich habe alles wieder aufgeräumt.“ Somit ist lediglich gemeint: Es kann jetzt in guter Ordnung weiter gehen. Vielleicht ist das mit Elia ja auch so: Wenn er alles wieder zurechtbringt, kann es weitergehen.

            Aber: es geht nicht so weiter, wie es sich die Träume vorstellen. Sondern es geht so weiter, wie es Jesus gesehen und angesagt hat: Der Menschensohn muss viel leiden und verachtet werden. Das wird sich an ihm erfüllen. Darauf bereitet er – beim Abstieg ins Tal, in die Niederungen des Alltags, in die Weltwirklichkeit! – seine Jünger vor.

            Das hat auch Elia erlitten.  Der schon wieder gekommen ist. Wie Jesus dazu kommt, erklärt Markus nicht. Er sagt auch nicht: „Mit einem bekräftigenden „Ich aber sage euch“ wird die Lösung geboten. Elija ist bereits gekommen in der Gestalt Johannes des Täufers.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.42) Mag sein, so sieht die Urchristenheit den Täufer: „Da verstanden die Jünger, dass er von Johannes dem Täufer zu ihnen geredet hatte.“( Matthäus 17,13) Markus lässt es uns allenfalls erahnen.  Er ist ohnehin kein Freund dessen, alles geradezu überdeutlich genau zu erklären. Wohl auch, weil er weiß, dass sich die Fragen des Glaubens nicht durch schriftkundige und theologisch fundierte Statements klären, sondern auf dem Gehen des Weges hinter Jesus her.

 

Manchmal, mein Jesus, wünsche ich mir, dass es mir wie Schuppen von den Augen fällt, dass ich klar sehe, dass ich den Einbruch der Ewigkeit wahrnehme, Dich erkenne, so dass alles Fragen überholt ist.

Ich danke Dir für die Momente, Augenblicke meines Lebens, wo ich durchblicken konnte und eine Ahnung Deiner Ewigkeit mich erfüllt hat, wo ich berührt worden bin von Deiner Gegenwart, so dass ich glauben konnte: Hier ist gut sein. Amen