Zeichenverweigerung – Augen auf!

Markus 8, 10 -21

10 Und alsbald stieg er in das Boot mit seinen Jüngern und kam in die Gegend von Dalmanuta.

             Wieder ein rascher Aufbruch – einmal mehr alsbald, sofort. Manchmal wirkt es, als eile Jesus von Ort zu Ort, als würde er die Orte der besonderen Erfahrungen auch deshalb verlassen, weil das Leben keinen Stillstand duldet, weil es weiter geht. Und die das Evangelium lesen, sollen es lernen: Es gibt kein Verweilen bei den wunderbaren Erfahrungen des Augenblicks. So fahren sie mit dem Boot über das Galiläische Meer nach Dalmanuta. Wir wissen heute nicht, wo wir diesen Ort suchen sollen. Wahrscheinlich ist es eine Ortschaft am Westufer des Sees. Sicher ist das aber nicht.

 11 Und die Pharisäer kamen heraus und fingen an, mit ihm zu streiten, versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

             Dort kommen Pharisäer, die das Gespräch mit Jesus suchen, auch den Streit nicht vermeiden, die ihn herausfordern.  „Die Stärke ihrer Bewegung lag sicher darin,  dass sie, wenn auch vermutlich nicht am Anfang, von Laien getragen wurde, und dass sie als geschlossener Kreis, von dem stets Anziehungskraft ausgeht, auch den einfachen Mann aufnahmen.“  (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 1 – 8,26, EKK II/1, Neukirchen 1978, S.107) Mitglieder dieser Bewegung also gehen auf Jesus zu. Weil sie das, was sie von ihm gehört hatten, fragen ließ: Was steckt dahinter? Um ihn zu prüfen und vielleicht auch um die eigene Nähe zu ihm zu überprüfen?

     „Zeichenforderungen erscheinen der jüdischen Theologie berechtigt.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.206) Schließlich hat auch schon der Richter Gideon gleich zweimal Zeichen von Gott gefordert und erhalten. (Richter 7, 36 – 40) Für diese Forderung wird er in keiner Weise kritisiert.

            Ein Zeichen wollen sie. σημεον. Vom Himmel. Bestätigt von oben. Einen göttlichen Beglaubigungsnachweis. Was sie bislang von Jesus hören und sehen, genügt diesem Anspruch nichts. Es mag wundersam sein, was er sagt und tut, aber es ist nicht beweiskräftig. „Da Markus die Wunder Jesu δυνάμεις nennt und die der Begriff σημεον im Kontext von Jesu Wundertaten nur hier verwendet wird, muss sich das geforderte Zeichen von seinen Wundern abheben.“ (J.Gnilka, aaO., S.306) Also nicht irgendeine Krafttat oder irgendein Kraftakt, sondern etwas, das eindeutig „himmlisch“ ist. Es geht um „endzeitliche Unheilszeichen kosmischen Ausmaßes“ (J.Gnilka, ebda.) Wer mag, könnte an so etwas wie den Ausbruch des Vesuv denken, der eine ganze Generation und sicher auch Leser und Leserinnen des Markus-Evangeliums beschäftigt hat.

            Wenn es heißt: sie versuchten ihn, so ist damit nicht gemeint, dass sie ihn von seinem Weg abbringen wollen, wie der Versucher in der Wüste. Sondern sie wollen ihn dazu bringen, sich zu offenbaren, salopp: die Karten auf den Tisch zu legen. Sie tun das, weil sie damit rechnen, dass er ihrer Aufforderung nicht nachkommen kann. Damit aber wäre dann klar: er ist nicht der Messias.  

 12 Und er seufzte in seinem Geist und sprach: Was fordert doch dieses Geschlecht ein Zeichen?  Wahrlich, ich sage euch: Es wird diesem Geschlecht kein Zeichen gegeben werden!

            Ihre Forderung trifft Jesus. sie bringt ihn zum Seufzen in seinem Geist. Das „ist Ausdruck seiner tiefen Erschütterung über die Haltung der Pharisäer.“(W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.147) Es schmerzt ihn, es geht ihm nahe. Es ist der gleiche Schmerz, den er unmittelbar zuvor angesichts des taubstummen Mannes empfindet. (7,34) Das gleiche Wort: ναστενξας. Weil er die Pharisäer taub und stumm – und obendrein blind – empfindet wie diesen Mann?   

            Sie sehen seine Taten, aber sie sehen nicht die Zeichen Gottes darin. Sie hören seine Worte, aber nicht, wie er darin nach ihrem Vertrauen sucht. Sie antworten nicht mit dem Glauben, der in diesen Taten Gott am Werk sieht. Was sollen da andere Zeichen?

            So bleibt nur die Zeichenverweigerung. Feierlich eingeleitet durch Wahrlich. ἀμὴν. Wer nicht sehen und nicht hören kann, wer nicht antworten will, dem wird nichts zum Zeichen Gottes. Dem kann auch nichts zum Zeichen Gottes werden. „Man kann sich Gottes Nähe nicht beweisen lassen, man muss sich ihr anvertrauen.“ (W. Klaiber, ebda.) Weil er diese Bereitschaft in ihren Worten nicht spürt, sich anzuvertrauen, darum ist es konsequent, dass Jesus ihnen jede Demonstration der eigenen Macht verweigert.

13 Und er verließ sie und stieg wieder in das Boot und fuhr hinüber.

            Es ist ein kurzer Aufenthalt in Dalmanuta. Erfolglos auch, wenn Erfolg das wäre, dass er Anhänger findet. Erfolgreich ist der Aufenthalt, weil er Klärungen herbeiführt. Keine Zeichen ohne Vertrauen. Wohin die Reise jetzt weitergeht, bleibt unbestimmt. Hinüber – wohin auch immer das ist. Es liegt Markus nichts daran, eine lückenlose Bewegungsroute, ein Bewegungsprofil Jesu zu erstellen.

14 Und sie hatten vergessen, Brot mitzunehmen, und hatten nicht mehr mit sich im Boot als ein Brot. 15 Und er gebot ihnen und sprach: Schaut zu und seht euch vor vor dem Sauerteig der Pharisäer und vor dem Sauerteig des Herodes. 16 Und sie bedachten hin und her, dass sie kein Brot hätten.

            Unterwegs wird bemerkt: Es ist nur ein Brot an Bord. Was ist das unter so viele? Das löst Gedanken bei ihnen aus, wie schon öfters. Es beschäftigt sie. In diese Gedanken hinein hören sie ein Wort Jesu. Sie hören nur, dass er vom Brot redet, in seiner noch nicht gebackenen Form, vom Sauerteig.

            Jesus spricht, einmal mehr, in Gleichnisform. „Sich auf die Denkweise der Pharisäer und auf die Umtriebe der Gefolgsleute des Herodes einzulassen, gefährdet das Verhältnis zu Jesus.“ (W. Klaiber, ebda) Wie aber sollen sie das verstehen, die an der Sorge um ihr Brot für heute befasst sind? „Kulturgeschichtlich betrachtet ist Religion stets so etwas wie ein Luxusphänomen, das eine gewisse Entlastung von der unmittelbaren Lebensnotdurft bereits voraussetzt.“ (E. Drewermann, Das Markusevangelium, Oltern 1987,S.505) Man kann so sehr in den Gedanken um das tägliche Brot verhaftet sein, dass man weder Augen noch Ohren noch sonstige Sinne hat für den, der das tägliche Brot gibt.

 17 Und er merkte das und sprach zu ihnen: Was bekümmert ihr euch doch, dass ihr kein Brot habt? Versteht ihr noch nicht, und begreift ihr noch nicht? Habt ihr noch ein verhärtetes Herz in euch?

            Der Herzenskenner Jesus merkt, was in ihnen vorgeht. Er spürt auch ihr Unverständnis. Es wird wohl so sein: es schmerzt ihn. Es ist ja nicht einfach harte Kritik, die er an ihnen übt. Es ist auch keine Beschimpfung, die er jetzt über sie loslässt. Er fragt, um sie mit der eigenen Lage zu konfrontieren. Ihr Problem hat zwei Ebenen. Die eine ebene ist das Verstehen und Begreifen. Die andere Ebene das verhärtete Herz. πεπωρωμνην καρδαν. Sie haben nicht nur Kopfprobleme, sondern vor allem haben sie ein Herzproblem.

            Wenn das Herz hart ist, kalt ist – man denke nur an Hauffs Erzählung „Das  kalte Herz“ – dann ist auch der Weg zum Verstehen versperrt. Dann wird auch das gute Wollen blockiert. In der biblischen Sicht vom Menschen ist das Herz nicht nur das Organ, das als Blutpumpe unser Leben antreibt, es ist vor allem der Sitz der Willensentscheidungen des Menschen, der Ort, von dem aus sein Fühlen, Wollen und Handeln gesteuert wird.

            Jesus stellt seinen Jüngern die Frage, die für sie so vieles entscheiden wird: Seid ihr mit euren Herzen noch auf der falschen Spur – ähnlich wie die Pharisäer, wie die Herodesleute? Kein Vorwurf, sondern eine Frage zur Selbstprüfung.

  18 Habt Augen und seht nicht, und habt Ohren und hört nicht, und denkt nicht daran: 19 Als ich die fünf Brote brach für die fünftausend, wie viel Körbe voll Brocken habt ihr da aufgesammelt? Sie sagten: Zwölf. 20 Und als ich die sieben brach für die viertausend, wie viel Körbe voll Brocken habt ihr da aufgesammelt? Sie sagten: Sieben.

             Darum erinnert er sie jetzt an ihre Erfahrungen mit ihm. Nicht, damit er gut dasteht. Sondern damit sie sich ins Gedächtnis rufen, was sie schon erlebt haben, was sie gesehen haben. Woran sie aktiv beteiligt waren – im Austeilen und Aufsammeln. Er erinnert sie: Ihr habt doch schon einmal angefangen, über alle eigene Sicherheit hinaus zu handeln. Ihr habt doch schon einmal das „Unvernünftige“ getan, euer Weniges mir anzuvertrauen und es zu teilen, aus meinen Händen neu zu empfangen und zu teilen. Und ihr habt erfahren: Es reicht. Für viele. Für alle.

             Sie können nicht anders. Sie müssen die Fülle, die sie erfahren haben bestätigen – durch die nüchternen Zahlen: Zwölf. Sieben.

 21 Und er sprach zu ihnen: Begreift ihr denn noch nicht?

            Wie steht es um euch? Noch nichts verstanden? Οπω συνετε Ich lese: es ist eine traurige Frage Jesu. (W. Klaiber, ebda.)  Eine schmerzerfüllte Frage. (W. Grundmann, aaO.; S.210) Eine Frage, die sich an ihrer Begriffsstutzigkeit reibt. Ich lese anders: Es ist die Frage, die ihnen nicht erlaubt zu glauben: Es ist schon alles gut,  wir haben schon alles verstanden. Vor ihnen liegt immer noch und immer wieder die Herausforderung: sich auf Jesus einzulassen, ihm zu glauben, sich ihm anzuvertrauen in allen Ängsten des Lebens, mit allen Fragen und sorgen, aber eben auch mit dem, dass man meint, schon etwas verstanden zu haben. Von ihm. Jeder Tag wird neue Schritte fordern, neues Hören und Sehen, neues Vertrauen. Und jeder Tag bringt neue Erfahrungen mit ihm.

            Es gehört zu den Merkwürdigkeiten des Lebens, auch meines Lebens: Die schwierigen Erfahrungen bewahren wir, jederzeit abrufbar und präsent, in den Formen der Sorge und der Angst. Beides ist wohlbegründet.  „In der Welt habt ihr Angst.“ (Johannes 16,33) Angst und Sorge aktualisieren sich wie von selbst. Sie gehören zur Grundausstattung des Menschen. Die guten Erfahrungen dagegen, die ja keineswegs geringer an Zahl sind, bewahren wir gerade nicht wie von selbst in der Form der Zuversicht und der Sorglosigkeit. „Er wird es wohl machen.“(Psalm 37,5) Das müssen wir uns „einreden“, vorsagen, am besten dreimal täglich. Die Zuversicht auf die Hilfe und Fürsorge Gottes muss jeden Tag neu aktualisiert werden. Sie haben ihren Modus, ihre Form in der gesuchten und ins Gedächtnis gerufenen Erinnerung In der Hinkehr zu Jesus.

            Es ist gut, sich zu erinnern: „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“(Philipper 4,7) Der Friede, der  alles Verstehen und Begreifen übersteigt…  In diesem Segenswort tauchen alle Leitworte unseres Abschnittes auf. Verstehen und Begreifen und das Herz. So will uns Gott über unsere engen Grenzen hinausführen. In seine Fülle.

 

Jesus, es gibt Tage, da wünsche ich mir ein Zeichen, klare Signale, unwiderlegbare Beweise Deiner Macht und Stärke.

Es gibt Tage, da wünsche ich mir, dass Deine Macht unstreitig ist, dass alles schweigen muss, was gegen den Glauben spricht, was mir das Herz schwer macht.

An solchen Tagen brauche ich es mehr als sonst, dass ich mich erinnern lasse: Du bist anders. Dein Weg ist ein Weg in der Tiefe. Du gibst den Frieden, der im Schmerz trägt, dessen Fülle erst da sichtbar wird, wo wir Dir unseren Mangel und unsere Leere überlassen. Amen