Eingeschränkt – befreit

Markus 7, 31 – 37

31 Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte.

             Es ist für Jesus kein Bleiben in dem Gebiet von Tyrus. So kommt er auf einer eher umständlichen Wanderroute in das Gebiet der Zehn Städte. Er bleibt demnach in einem heidnischen Umfeld. Die folgernde Vermutung teilen manche Kommentare: „Wahrscheinlich soll das ganze Galiläa umgebenden Ausland genannt werden, um die Offenheit der Botschaft für die Heidenwelt darzustellen.“  (E. Schweitzer, Das Evangelium nach Markus, NTD 1, Göttingen 1967, S.87) Es wird sich zeigen müssen: Ist nur die Botschaft zu der Heidenwelt hin offen oder ist auch die Heidenwelt für die Botschaft und den Botschafter bereit?

  32 Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege.

             Es wird kein genauer Ort genannt, nur, was geschieht. Es sind nicht näher bestimmte Leute, die einen Kranken, einen Menschen mit Behinderung würden wir heute sagen, zu Jesus bringen. Solche Helfer bleiben in den Evangelien oft „anonym“, ihre Namen werden nicht genannt. Aber ihr Tun ist dennoch vorbildlich. Der, den sie bringen, ist taub und stumm.  Wobei   μογιλλος nicht einfach nur stumm heißen muss. Näher liegt: „Er kann nur lallen.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.201)

                Weil er nicht hört, ist auch sein Sprachvermögen eingeschränkt, kann er nicht wirklich deutlich artikulieren, sich selbst zum Ausdruck bringen. Das sind Folgeerscheinungen, deren seelische Belastung sich der, der gut hört und deutlich sprechen kann, kaum auszumalen in der Lage sein dürfte. Es ist ein überaus gefährlicher Satz: „Ein Mensch, um menschlich zu leben, muss sprechen können und dürfen.(E. Drewermann, Das Markusevangelium, Oltern 1987,S.492) Was sagt er über die, die nicht sprechen können, nicht hören können? Leben sie nicht menschlich? Es ist ein erschreckend kleiner Schritt von der Feststellung, was zu einem menschlichen Leben nicht fehlen darf zu der Feststellung, dass beim Fehlen der entsprechenden Fähigkeiten das Leben nicht mehr menschlich und deshalb nicht mehr zumutbar sei. Ob dem Individuum oder der Gesellschaft nicht zumutbar macht dann nur noch marginal einen Unterschied.   

             Aber so ist es vielen ergangen und ergeht es bis heute: weil sie nicht hören, weil sie nicht sprechen wir alle anderen, werden sie ausgegrenzt, isoliert, wird ihnen ihr Menschensein zwar nicht abgesprochen, aber doch als defizitär gewertet und werden sie zu Menschen zweiter Klasse. Früher oft genug weggesperrt.

 33 Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und 34 sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! 35 Und sogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.

             Jesus nimmt ihn aus der Menge heraus. Es folgt ein auffallend  ausführliche Schilderung dessen, wie es zur Heilung kommt. Sie „ereignet sich bei Anwendung von Heilpraktiken, die aus zeitgenössischen Wundergeschichten vertraut sind….Die kranken Organe werden berührt…Dem Speichel wurde in der Antike heilende Wirkung zugeschrieben.“(J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 1 – 8,26, EKK II/1, Neukirchen 1978; S.297)Jesus also ein Wundertäter wie viele?

            Wenn da nicht das andere wäre: Er sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, Das ist mehr als nur ein Gestus. Mehr auch als ein sozusagen für eine Wundergeschichte unerlässlicher Ausdruck: Der Himmel wird´s richten. Es ist das, was wir bei Jesus oft sehen: Seine Taten kommen aus der Verbindung mit Gott, er empfängt sie regelrecht aus dem Himmel. „Noch kann er mit dem Taubstummen nicht reden. Aber zu Gott kann er für den Taubstummen beten; um das Erbarmen Gottes kann er flehen für diesen Kranken. So muss es gewesen sein, als Jesus dem Kranken die Hände auflegte; dass es geschah, als wenn er allen Schutz und allen Segen des Erbarmens Gottes selbst auf ihn legen wollte, und es wie ein Befehl war, den Gott selber ihm erteilte.“ (E. Drewermann, aaO.; S.499)Nicht auf den „Handlungen“, so berührend sie auch sind, auf dem Seufzen und dem Befehlswort liegt aller Nachdruck bei Markus.

            Seufzen – στένω (unser Wort „Steno“ für die Schriftkürzel der Stenographie kommt von daher) – „einengen, eingeengt werden, beladen sein, seufzen(Gemoll, aaO.;  S.688)  – es ist eine ganze Liste an Bedeutungen, die hier mitschwingen. Jesus holt tief Luft, weil er dieses eingeengte, auf sich selbst zurückgeworfene Leben des Taubstummen sieht. Er wird selbst wie in diese Enge mit hinein genommen. Es macht ihm zu schaffen. Damit er helfen kann, holt seine Seele Atem am Himmel, aus dem Himmel. Es ist das Seufzen dessen, der sich seine Kraft zu helfen und zu heilen aus dem Himmel holt. Sein Heilen kostet ihn Kraft, auch seelisch.

            Hefata! Es ist das Befehlswort Jesu in aramäischer Sprache. Wort, das wirkt, was es soll. Indem Jesus es spricht, lösen sich die Bande, die Fessel der Zunge. Er ist jetzt ein Gelöster, ein Erlöster, erlöst aus seiner Isolation, aus seiner Unfähigkeit zu kommunizieren. Er kann richtig reden.  Ordentlich, so dass er verstanden wird.

            Schade, dass die Lutherbibel das Buch der Weisheit ausspart. Dort heißt es: „Die Weisheit hat den Mund der Stummen geöffnet und die Zungen der Unmündigen hat sie beredt gemacht.“(Weisheit 10,27) Es liegt nahe: Jesus erweist sich hier als die Gestalt gewordene Weisheit Gottes. Was er tut, entspringt der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, für die auch die Weisheit steht.

 36 Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus.

            Merkwürdig: Jesus gebietet einem, dem er gerade die Zunge gelöst hat, Stillschweigen. So wie er es auch denen gebietet, die es trotz der Absonderung des Heilungsvorganges mitbekommen haben. Und es ist, wie es oft ist: Der Stempel „Geheim“ wird gebrochen. Er weckt die Neugier und das Mitteilungsbedürfnis erst recht. Es kann nicht verborgen bleiben. Das Geschehen nicht, die Heilung nicht und erst recht er nicht, der dies Geschehen ausgelöst hat.   

37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.

            Hinter dem Reden trotz der Verbote Jesu steht ein geradezu maßloses Staunen. Sie sind alle völlig außer sich. Überwältigt. Es ist die Ahnung, dass hier mehr geschieht als nur ein einmaliges Wunder. „Durch Jesu Tätigkeit wird die gefallene Schöpfung erneuert. In ihm wird die vom Profeten angekündigte Erlösung präsent.“ (J.Gnilka, aaO.; S.298)

           Ob das die Heiden in der Dekapolis wissen, interessiert Markus wohl nicht – aber seine Leserinnen und Leser können es mithören: Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.“(Jesaja 36, 5-6) Dieses Geschehen kennt keine Grenzen mehr. Es ist nicht beschränkt auf die, die recht-gläubig sind, immer schon dazu gehören. Es zieht alle, die sich davon berühren lassen, mit in den Aufbruch hinein. Aber es bleibt offen, ob aus diesem Staunen dann auch Glauben wird.

            Markus will mehr als uns ein vergangenes Wunder erzählen. Er will auch mehr als nur aufzeigen, dass auch die Heiden offen sind für das Evangelium. Es geht nicht nur um eine Rechtfertigung der Heidenmission der ersten Christen.

             Sondern das steht in diesen Worten: Wo immer Leute in das Erbarmen Gottes gestellt werden, manchmal nur durch die Seufzer derer, die Gott vertrauen, die Seufzer, die der Geist in die richtigen Worte übersetzen muss – „Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“ (Römer 8, 26) –  da werden Menschen zurecht gebracht, so dass sie das Zutrauen gewinnen, richtig zu hören und richtig zu reden. Das Zutrauen für das rechte Wort zur rechten Zeit.

 

Herr Jesus, wie oft bin ich taub für das Schreien um mich herum, aber auch für mein eigenes inneres Rufen. Wie oft bleibe ich stumm, wo es Zeit wär für ein Wort, das Streit schlichtet, Mut macht, das den Glauben zur Sprache bringt.

Löse Du mir die Zunge. Öffne Du mir das Ohr. Gib Du mir Dein Wort, dass ich wisse, zur rechten Zeit mit den Mühseligen zu reden und zu hören und zu schweigen. Amen