Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz

Markus 7, 1 – 23

 1 Und es versammelten sich bei ihm die Pharisäer und einige von den Schriftgelehrten, die aus Jerusalem gekommen waren.

             Die Szenerie wechselt. Es kommen neue Gesprächspartner auf den Plan. Nicht mehr das Volk, sondern Pharisäer und einige von den Schriftgelehrten sie könnten eine Gesandtschaft aus Jerusalem sein. Sie üben „eine Art Inspektionsrecht in der Provinz“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 1 – 8,26, EKK II/1, Neukirchen 1978, S.279) aus. Vielleicht will man diesen Prediger in Galiläa überprüfen, weil so viel über ihn erzählt wird.

 2 Und sie sahen einige seiner Jünger mit unreinen, das heißt: ungewaschenen Händen das Brot essen. 3 Denn die Pharisäer und alle Juden essen nicht, wenn sie nicht die Hände mit einer Hand voll Wasser gewaschen haben, und halten so die Satzungen der Ältesten; 4 und wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, wenn sie sich nicht gewaschen haben. Und es gibt viele andre Dinge, die sie zu halten angenommen haben, wie: Trinkgefäße und Krüge und Kessel und Bänke zu waschen.

             Diese Leute sehen das Verhalten der Jünger Jesu, die mit ungewaschenen Händen essen. Sie halten sich nicht an die Satzungen der Ältesten. Sie brechen mit der Gewohnheit, mit dem Verhaltenscodex, der seit altersher gilt. Markus verwendet „geprägte Ausdrücke, für die mündliche Tradition, die in der jüdisch-pharisäischen Frömmigkeit als Wächter neben  die biblischen Gebote gestellt wurde“ (J. Schniewind, Das Evangelium nach Markus, München 1968; S.93), gewissermaßen als „Zaun des Gesetzes“(Rabbi Aqiba)

          So wie Markus das beschreibt, wird schon seine eigene innere Distanz spürbar. Das Leben wird kompliziert, umständlich, wenn man diese ganzen Vorschriften einhalten will. Es verändert den Alltag. Für Markus aber scheint es nicht um heiliges Recht, sondern um bloße Gewohnheiten zu gehen.

5 Da fragten ihn die Pharisäer und Schriftgelehrten: Warum leben deine Jünger nicht nach den Satzungen der Ältesten, sondern essen das Brot mit unreinen Händen?

             Die Prüfer aus Jerusalem stellen Jesus wegen des Verhaltens seiner Jünger zur Rede. Sie machen ernst damit, dass er als ihr Lehrer, ihr Meister, διδάσκαλος, verantwortlich für das ist, was sie tun und wie sie leben. Als Lehrer in Israel kann man sich nicht herausreden: sie sind selbst verantwortlich. Aber, das fällt mir auf – sie verweigern ihm in ihrer Frage diese ehrenvolle Anrede: διδάσκαλε.

  6 Er aber sprach zu ihnen: Wie fein hat von euch Heuchlern Jesaja geweissagt, wie geschrieben steht (Jesaja 29,13): »Dies Volk ehrt mich mit den Lippen; aber ihr Herz ist fern von mir. 7 Vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts sind als Menschengebote.« 8 Ihr verlasst Gottes Gebot und haltet der Menschen Satzungen.

             Ihr Fragen läuft auf Konfrontation hinaus und Jesus nimmt sie an und zahlt sofort zurück: Heuchler nennt er sie, wenn auch eingekleidet in die Einführung eines Jesaja-Zitates. Er lässt keinen Zweifel: Das Urteil Jesajas über Israel von vor 700 Jahren trifft auch heute noch: ihr macht nur Worte. Euer Herz ist nicht bei Gott, nicht bei seinen Geboten. An die Stelle der Gebote Gottes haben sie ihre eigenen, Menschengebote, gesetzt.   

 9 Und er sprach zu ihnen: Wie fein hebt ihr Gottes Gebot auf, damit ihr eure Satzungen aufrichtet! 10 Denn Mose hat gesagt (2.Mose 20,12; 21,17): »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren«, und: »Wer Vater oder Mutter flucht, der soll des Todes sterben.« 11 Ihr aber lehrt: Wenn einer zu Vater oder Mutter sagt: Korban – das heißt: Opfergabe soll sein, was dir von mir zusteht -, 12 so lasst ihr ihn nichts mehr tun für seinen Vater oder seine Mutter 13 und hebt so Gottes Wort auf durch eure Satzungen, die ihr überliefert habt; und dergleichen tut ihr viel.

             Damit ja keine Missverständnisse entstehen, wird Jesus konkret: Statt der Fürsorge für Vater und Mutter, die das Gebot Gottes fordert, bringt ihr den Menschen bei, für den Tempel zu spenden. Sie leisten durch „die bloße Möglichkeit, das Nutznießungsrecht aus seinem Besitz den Eltern zu entziehen, indem er das ihnen zufallende Gut zum Weihegeschenk – Korban – erklärte,“ (J.Gnilka, aaO.; S.283) Beihilfe dazu, dass ein Sohn den Eltern Ehre schuldig bleiben kann. So unterlaufen ihre Regeln das, was das Gebot Gottes will.

              Eine harte Anklage. Die bis heute ihre Fortsetzung findet in dem volkstümlichen Verdacht, dass sich Kirchen bereichern, unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit absahnen, sich mit unlauteren Mitteln Geld verschaffen. Sie entziehen den Notleidenden Geld um es für sich selbst und ihren Prunk zu gebrauchen.

                    In einer völlig anderen Situation stehen wir heute  und doch wieder vor der gleichen Frage: Was hat den höheren Wert, das Grundgesetz der Bundesrepublik oder die religiöse Bindung? Wie sich die Debatte vordergründig gegen Islamisten richtet, sind die Kirchen an dieser Stelle merkwürdig still und schweigsam. Sie müssen sich vom Bundestagspräsidenten auch noch auf dem Katholikentag sagen lassen: „Das Christentum war nachweislich bis ins 20. Jahrhundert unvereinbar mit der Demokratie.  Die katholische Kirche hat ihren Frieden mit ihr erst beim Zweiten Vatikanischen Konzil gemacht, also sozusagen vorgestern.“(N. Lammert, zit. nah Kreisanzeiger, S.4 ; 28.5.16) Völlig abgesehen davon, dass die Demokratie in ganz Europa auch staatlicherseits eine Errungenschaft ist, die erst seit vorgestern am Start ist – das Problem lässt sich so nassforsch nicht regeln, wie es der Herr Bundestagspräsident wohl meint. Es gibt in der Kirche durchaus Raum für demokratisches Miteinander. Aber es gibt auch Räume, die nicht demokratisch regulierbar sind – dazu gehört der ganze Bereich des Glaubens! An dieser Stelle der Letzt-Bindung stehen uns als Christen wohl demnächst wieder Auseinandersetzungen mit dem säkularen Staat ins Haus.

14 Und er rief das Volk wieder zu sich und sprach zu ihnen: Hört mir alle zu und begreift’s! 15-16 Es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist’s, was den Menschen unrein macht.  

             Genug gestritten. Jesus wendet sich von den Jerusalemern ab und dem Volk zu. Mit einem Wort, das aus der Debatte sein Resümee zieht. Die Unterscheidung zwischen rein und unrein ist, was die Außenwelt angeht, hinfällig. Damit bricht Jesus mit der jüdischen Tradition, weit darüber hinausgehend aber „widerspricht Jesus damit eine Grundvoraussetzung antiken religiösen Denkens. Dass es Dinge gibt, die einfach dadurch, dass man sie berührt oder isst, einen Menschen für die Begegnung mit dem göttlichen und ebenso für die menschliche Gemeinschaft untauglich, also unrein machen, gehört zu den Grundlagen vieler Religionen.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S. 137) Ob sich daran bis heute viel geädert hat? Vers 16 findet sich erst in der späteren Überlieferung: »Hat jemand Ohren zu hören, der höre!« (vgl. 4,9.23). Es ist, als wollte jemand festhalten: hier geht es nicht um Harmlosigkeiten

 17 Und als er von dem Volk ins Haus kam, fragten ihn seine Jünger nach diesem Gleichnis. 18 Und er sprach zu ihnen: Seid ihr denn auch so unverständig? Merkt ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann? 19 Denn es geht nicht in sein Herz, sondern in den Bauch und kommt heraus in die Grube. Damit erklärte er alle Speisen für rein.

             Auch die Jünger haben ihre Schwierigkeiten. In ihrem Nachfragen wird erkennbar, wie sehr sie wohl in der Tradition, die die Pharisäer und Schriftgelehrten vertreten, noch behaftet sind. Es ist ein mühsamer Weg, bis die junge Christengemeinde lernt, was Jesus hier lehrt. Ein Beispiel dafür wird von Petrus erzählt: „Und als Petrus hungrig wurde, wollte er essen. Während sie ihm aber etwas zubereiteten, geriet er in Verzückung und sah den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde. Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen. Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. Und das geschah dreimal; und alsbald wurde das Tuch wieder hinaufgenommen gen Himmel.“(Apostelgeschichte 10, 11-1) Was für ein Aufwand des Himmels, um den Apostel zu überzeugen! Es hat lange gebraucht, bis die Grundsatzerklärung Jesu auch in der gmeeinde angekommen ist.

 20 Und er sprach: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein; 21 denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, 22 Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. 23 Alle diese bösen Dinge kommen von innen heraus und machen den Menschen unrein.

             Wichtiger als die Äußerlichkeiten sind die Innnerlichkeiten. Wichtiger als das, was gegessen wird ist das, was im Herzen wohnt. Dort, wo die Willensbildung geschieht, Emotionen ihren Haftpunkt haben, die Überzeugungen angesiedelt sind.  Herzensangelegenheiten. Und nun wird es hart – für alle, die gerne vom christlichen Menschenbild reden, das sie leitet. Es ist kein freundliches Bild, das Jesus von der Hausgenossenschaft des menschlichen Herzens malt. „In der Form einer Lasterreihe – der einzigen, die sich in den Evangelien findet – wird beschrieben, was aus dem menschlichen Herzen hervortreten kann. Dreizehn Laster sind aneinander gereiht. (J.Gnilka, aaO.; S.285) Wie weit ist diese Sicht entfernt von der optimistischen Sicht unserer Zeit, dass doch im Grunde alle gute Kerle sind, nur die Umstände hindern sie so oft daran, es auch wirklich zu sein. Aber wie nahe ist dies bei der erschrockenen Schlagzeile nach dem Amoklauf von Erfurt: „Werden wir böse geboren?“(Bild! 26. 2. 2002) 

            Ich weiß nicht, ob Jesus unterschrieben hätte: „Die Person eines Menschen ist wichtiger als ihre Taten und indem man eine  Menschen in der Wahrheit seines Herzens leben lässt, findet sich eine Grundlage, miteinander menschlich umzugehen. In einem tieferen Sinn ist die Religion nicht anarchisch, sondern sie gewährleistet überhaupt erst die Möglichkeit einer sozialen Ordnung; aber sie tut dies von innen heraus und nicht durch den Zwang äußerer Gebote.“ (E. Drewermann, Das Markusevangelium, Oltern 1987,S.463) Mir scheint, das optimistischer gedacht als es das Neue Testament tut – und es trennt den Menschen von seinen Taten. Weil dem Autor daran liegt, einen guten Kern behaupten zu können trotz aller Bösartigkeiten, die sich im Tun zeigen?

                Ich glaube, dass in den biblischen Texten eine tiefe Skepsis gegenüber dem Herzen des natürlichen Menschen gibt. „Der HERR sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar.“(1. Mose 6,5)Aber das ist Gott sei Dank nicht das letzte Wort in der Sache menschliches Herz: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Römer 5,5)  und folgerichtig später: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“(Römer 12,2) Es ist das erneuerte, von Gott her gefüllte Herz, das verwandelt ist und arm von innen her seinen Wegen zustimmen kann.

            Die ganze Szene hängt ein wenig in der Luft. Später wird es noch mehr Streitgespräche mit den Schriftgelehrten und Pharisäern geben. Aber jetzt schon? Ich schließe an die scharfe Beobachtung an: „Sie steht hier mit Bedacht vor der Jesu Reise ins heidnische Land. Der räumlichen Trennung geht der geistige Bruch voraus.“ (J.Gnilka, aaO.;S.279) Nicht weniger zeigt diese Episode als den Beginn des Bruches Jesu mit den religiösen Obrigkeiten seines Volkes.

Herr Jesus, Du hast Dich allen zugewendet, den Guten und den weniger Guten, den Reinen und denen, die für unrein gelten.

Du hast es Deine Jünger gelehrt, die Gaben Gottes mit dankbarem Herzen zu empfangen. Du hast sie gelehrt, in den Gaben den schenkenden Vater zu ehren.

Gib Du mir, gib Du uns doch auch, dass wir dankbar sind über allem, was uns gegeben ist. Gib Du mir und uns, dass wir die äußere Reinheit nicht missachten, aber viel mehr Wert darauf legen, unser Herz rein zu halten, es Dir zu öffnen, damit Du einkehren kannst und Wohnung darin nehmen, Dich zu bitten: Ein reines Herz, Herr schaffe in mir. Amen