Ein verletzter Gott

Jeremia 3, 1 – 10

1 Und er sprach: Wenn sich ein Mann von seiner Frau scheidet und sie geht von ihm und gehört einem andern, darf er sie auch wieder annehmen? Ist’s nicht so, dass das Land unrein würde? Du aber hast mit vielen gehurt und solltest wieder zu mir kommen?, spricht der HERR.

            „Scheidung kann im Alten Testament nur von Seiten des Mannes aus vollzogen werden, wenn dieser an seiner Frau etwas entdeckt, was die weitere Ehe mit ihr unmöglich macht.“ (D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.52) Ist sie aber einmal entlassen und mit einem anderen die Ehe eingegangen, gibt es keinen Rückweg und keine Rückkehr mehr.

            Wer diese Regel brechen würde, der macht das Land unrein. Es geht nicht nur um die Beziehungen zwischen den beiden. Es geht um die Auswirkungen auf die ganze Gemeinschaft. Es ist uns sehr fremd, aber es gibt im Denken des Alten Testamentes keine Privat-Sachen, auch nicht im Intim-Bereich. Das führt nicht automatisch zu engherzigem Ausspionieren, zu bigottem Moralisieren. Aber es nimmt jede und jeden einzelnen in Pflicht: Mein Handeln entspricht der Heiligkeit Gottes oder es entheiligt mich und mit mir alle anderen.

            Gibt es eine Umkehr? Gibt es eine Rückkehr? Kann das Volk daran glauben, wenn es seinen eigenen Weg in den Blick nimmt? Zumal es am Tage ist, das „hier nicht Scheidung, sondern Ehebruch vorliegt und zwar mit vielen.“ (A. Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 1 – 25,14, ATD 20, Göttingen 1966, S.26) Noch tiefer gefragt: Darf Gott das tun, das Volk wieder aufnehmen, obwohl es ihm die Treue gebrochen hat? Macht Gott nicht damit sich selbst lächerlich und seine Gesetze und Gebote zu bloßen Vorschlägen? Es widerspricht doch  – so der unausgesprochene Gedanke – allen Gesetzen des Lebens, so die Tür zur Rückkehr offen zu halten.

            Es ist keine harmlose Geschichte, wenn eine Frau ihren Mann betrügt, so wie es nicht harmlos ist, wenn ein Mann seine Frau hintergeht. Das Vertrauen zerbricht. Es wird zerstört. Viele Autoren wissen bis heute davon zu erzählen, was hier anklingt: Der Weg zur Erneuerung des Vertrauens ist schwer. Es bleiben Narben, die verheilen mögen, aber nie verschwinden. „Ein verletzter Gott“ weiterlesen

Vergebliche Liebesmühe

Jeremia 2, 1 – 13

 1 Und des HERRN Wort geschah zu mir:

             Alles, was folgen wird, ruht auf dem Reden Gottes. Er hat zu Jeremia gesprochen. Er hat ihm seinen Auftrag gegeben. Jeremia nimmt das Wort, weil Gott sein Wort gegeben hat. Wie man sich das vorzustellen hat? Daran liegt dem Buch nichts. Es greift mit der Wendung des HERRN Wort geschah auf eine gebräuchliche Form zurück. Wichtig ist nicht das wie, sondern die Autorität hinter den Worten des Jeremia.

2 Geh hin und predige öffentlich der Stadt Jerusalem und sprich: So spricht der HERR: Ich gedenke der Treue deiner Jugend und der Liebe deiner Brautzeit, wie du mir folgtest in der Wüste, im Lande, da man nicht sät. 3 Da war Israel dem HERRN heilig, die Erstlingsfrucht seiner Ernte. Wer davon essen wollte, machte sich schuldig, und Unheil musste über ihn kommen, spricht der HERR.

            Keine Geheimverhandlung – ein öffentlicher Auftritt. Gerichtet an die Stadt Jerusalem. Sie wird hier angesprochen als Person. Heutzutage nennt man das „corporate identity“ und meint damit das, was hier auch anklingt: die einzelnen Bewohner der Stadt sind zusammen mehr denn als Einzelne. Sie sind ein Ganzes. Und werden so auch angesprochen.

        Es fängt gut an, was der HERR spricht. So wie es Israel liebend gerne auch selbst sieht: Wenn Israel seiner Geschichte gedenkt, so ist  da Lobpreis und Freude und der Auszug aus Ägypten und die Landnahme waren Gründe zum Jubel über Gottes Größe. Es hat alles so gut angefangen mit Israel und seinem Gott. Es hat alles so gepasst: Gott hat sein Volk aus der Knechtschaft in die Freiheit geführt. Gott hat sein Volk seine Güte erfahren lassen, seine Fürsorge, seine Treue. Gott war für sein Volk da und sein Volk war glücklich vor ihm und mit ihm. Es war wie in den Flitterwochen einer Ehe: das Glück aneinander – unbeschreiblich.

              Dieser Liebe und Treue Gottes hat die Liebe und Treue Israels entsprochen! In seiner Jugendzeit konnte Israel gar nicht genug von seinem Gott haben. Treue, Hingabe – hebräisch chäsäd und Liebe – hebräisch habā – haben Israel bestimmt, nicht als lästige Pflicht, sondern als eine zwingende Konsequenz der Brautzeit in der Wüste. „Es ist der Fundamentalsatz des alttestamentlichen Glaubens, dass Gott dieses Volk für sich beschlagnahmt hat als ein ihm „heiliges Volk.“…Aus dieser Grundgegebenheit der Erwählung des Gottesvolks am Anfang der Heilsgeschichte leitet sich alles andere ab.“ (A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 1 – 25,14, ATD 20, Göttingen 1966, S.16)

            Aber nun ist es wichtig: diese Erwählung ist ein Akt der Liebe. Sie ist keine Erwählung unter Nützlichkeitsgesichtspunkten – weil Israel so fruchtbar ist. Sondern hinter der Wahl steht die Liebe Gottes. Darum greift Jeremia auch „die in der Umwelt vorhandene zeitgenössische Religiosität auf, die den Bundesgedanken mit dem Ehe-Motiv verknüpft.“ (D.Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.38) Nur, es geht ihm nicht um „Heilige Hochzeit“, nicht um eine Rechtfertigung sexueller Praktiken an den Heiligtümern. Sondern es geht allein darum: die Wahl Gottes ist von der Liebe geleitet.    „Vergebliche Liebesmühe“ weiterlesen

Wie eine Mauer

Jeremia 1, 11 – 19

11Und es geschah des HERRN Wort zu mir: Jeremia, was siehst du? Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. 12Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, dass ich’s tue.

             Das Wort ergeht und fordert die Aufmerksamkeit Jeremias. Gottes Frage nach dem Sehen beantwortet Jeremia: ich sehe. Jeremia sieht einen erwachenden Zweigschākēd – und was er sieht ist wie ein Gleichnis für das, wie Gott ist: Er wacht – schokēd. Es ist ein normales Bild im Frühjahr. Da blühen Zweige auf. Nichts Ungewöhnliches. Es gehört zur Eigenart prophetische Worte, dass sie häufig am Alltäglichen anknüpfen und es dann doch durchsichtig wird auf die Wirklichkeit hinter dem Alltäglichen.

       Der sprachliche Gleichklang ist aber mehr als ein schönes Sprachspiel: Gott ist auf dem Sprung. Er ist nicht eingeschlafen, auch wenn vielleicht noch auf sich warten lässt, was sich als Geschehen schon ankündigt.  Als eine entfernte Parallele kann man lesen. „Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“(Psalm 121,4) Es ist Verlass auf Gott. was er ansagt, das wird geschehen. Er, der Israel hütet, wacht auch über sein Wort. Vielleicht könnte man sogar sagen: Indem er über sein Wort wacht, hütet er Israel.

  13Und es geschah des HERRN Wort zum zweiten Mal zu mir: Was siehst du? Ich sprach: Ich sehe einen siedenden Kessel überkochen von Norden her. 14Und der HERR sprach zu mir: Von Norden her wird das Unheil losbrechen über alle, die im Lande wohnen.

             Ein zweites Mal wird das Sehen Jeremias befragt. Wieder sieht er  – und wieder ist es alltäglich: ein überkochender Kessel. Es ist erst das deutende Wort des HERRN, dass dieses Bild als eine Gefahrenansage erkennen lässt: Das Wasser kocht über – das Unheil wird losbrechen.

             Über alle, die im Land wohnen – das ist bedrohlich für Juda. Für seine Einwohner. Für alle, die da so sicher wohnen. „Wie der brodelnde Kessel sich jeden Augenblick auf die Feuerstelle ergießt, von oben her, so wird auch jeden Augenblick von Norden (=von oben) her das von mir bestellte Gerichtswerkzeug sich über Juda ergießen“. (D.Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.34) „Wie eine Mauer“ weiterlesen

Erwählt zum Boten – mit Leib und Seele

Jeremia 1, 1 – 19

 1Dies sind die Worte Jeremias, des Sohnes Hilkijas, aus dem Priestergeschlecht zu Anatot im Lande Benjamin. 2 Zu ihm geschah das Wort des HERRN zur Zeit Josias, des Sohnes Amons, des Königs von Juda, im dreizehnten Jahr seiner Herrschaft 3 und hernach zur Zeit Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, bis ans Ende des elften Jahres Zedekias, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, bis Jerusalem weggeführt wurde im fünften Monat.

             Was für ein Auftakt: Es geht im ganzen Buch um Worte Jeremias. Ausgelöst dadurch, dass das Wort des HERRN zu ihm geschah. So liegt hier schon in den ersten beiden Sätzen ineinander, was wir gerne gedanklich trennen: Menschenwort und Gotteswort. Das Gotteswort löst das Menschenwort aus.  Damit stellt sich eine Frage, weit über das Buch Jeremia hinaus: Kann es sein, dass wir das Gotteswort nie anders haben als im Wort von Menschen? Die Stimme von oben – senkrecht und unmittelbar – ist auch biblisch betrachtet, die Ausnahme. Und wir wissen von ihr nur durch das Erzählen von Menschen. Durch die Schrift in ihrer so durch und durch menschlich geformten Gestalt.

            Wobei es wichtig ist, im Auge zu behalten: „Worte Jeremias – das hebräische Wort dibrē (von dabār) das hier steht, umfasst mehr als das deutsche Worte. Es ist zugleich ein Ausdruck für das, was wir im Deutschen „Taten“, „Ereignisse“ nennen würden. Die beiden ersten Worte wollen also in die Geschichte und Ereignisse, die das Wort Jahwes in den Worten Jeremias hatte und durch die Worte Jeremias bewirkte, einführen.,“(D.Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977, S.24)

            Ausgelöst werden Jeremias Worte dadurch, dass das Wort des HERRN geschah, an Jeremia erging. Das ist eine „fest geprägte, abgeschliffene Stilform („Wortereignisformel“), die eine längere Geschichte prophetischer Tradition voraussetzt.“(A.Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 1 – 25,14, ATD 20, Göttingen 1966, S.3) Dahinter steht ein Ereignis. In einer bestimmten Zeit. Zur Zeit Josias, des Sohnes Amons, des Königs von Juda. im dreizehnten Jahr seiner Herrschaft. Diese Zeit lässt sich historisch bestimmen – Josia ist von 639 – 609 v. Chr. König. Damit liegt der Anfang im Jahr 626.

            Wenn man genau hinschaut, sieht man in V. 2 zwei Zeitangaben: „Von… bis geschah das Wort des Herrn und hernach von bis….“ Zwischen diesen beiden Anrufen an Jeremia liegt Zeit, viel Zeit. Von der wir nichts wissen, weil das Buch über die schweigt. Jeremia hat nicht immer und nicht zu allem etwas zu sagen. In der ersten Zeit seines Wirkens hat Jeremia anderes zu sagen als in der zweiten Zeit. Gottes Wort an die Geschichte und in der Geschichte ändert sich. Jeremia muss jeweils das sagen, was in der Zeit und Situation dran ist. Wenn Gott Jeremia in einer bestimmten geschichtlichen Situation beruft, und beauftragt, dann soll das Auswirkungen auf die Geschichte haben. „Erwählt zum Boten – mit Leib und Seele“ weiterlesen

Sich zu schreien trauen

Markus 10, 46 – 52

46 Und sie kamen nach Jericho. Und als er aus Jericho wegging, er und seine Jünger und eine große Menge, da saß ein blinder Bettler am Wege, Bartimäus, der Sohn des Timäus.

             Weiter geht der Weg, immer weiter in Richtung Jerusalem. Jericho wird durchquert. Der Ortausgang ist schon erreicht. Die jünger, einen Haufen Leute um Jesus herum und Jesus. Bald wird der Weg hoch gehen ins Gebirge, vielleicht durch das Wadi Quelt. Da sitzt einer am Weg. Ein Bettler. Blind. Es ist ausgesprochen ungewöhnlich, dass Markus Namen überliefert. Wir wissen nicht, wie der Gichtbrüchige hieß, wie die Tochter des Jairus, wie die Frau mit dem Blutfluss. Aber hier: Bartimäus, der Sohn des Timäus.

            Jeden Tag sitzt er da, am Ortsausgang von Jericho. Morgens wird er hingebracht. Abends abgeholt. Und tagsüber ist er ausgesetzt, der Sonne, dem Wind, selten genug dem Regen. Er spürt die Blicke nicht mehr, die ihn manchmal streifen. Er spürt allenfalls, wie jemand vorüber geht, weil sein Schatten für einen Moment Kühlung schenkte. So döst er vor sich hin. Wartet, ohne zu wissen worauf. Ein ganzes Leben lang wartet er schon so.

 47 Und als er hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an, zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

             Ein Tag wie immer. Aber dann kommen mehr Leute als gewohnt vorbei. Stimmengewirr. Und im Stimmengewirr nimmt er einen Namen war: Jesus. Der Nazarener. Gehört hatte er schon vom ihm. Geschichten, die man sich erzählte. Und was er da gehört hatte, hatte ihn mit den Achseln zucken lassen. „Geschichten!“ Es wird viel erzählt. Nicht im Traum wäre es ihm in den Sinn gekommen, wegen diesem Jesus einen Aufstand zu machen. Nicht er! Aber dann plötzlich – es ist, als säße er neben sich – hört er sich schreien: Jesus! Jesus! Erbarme dich meiner! Du Sohn Davids!

                Nur hier überliefert Markus diese Anrede Jesu: Sohn Davids. „Die Anrufung des Erbarmens des Davidssohn besitzt aber eine breitere Tradition und im jüdischen Bereich ist sie gegenüber dem König in der Salomo-Überlieferung belegt. Der als Davidssohn prädizierte König ist mit Weisheit, Lehrautorität und vollmacht über die Dämonen ausgestattet.“(J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.110) Ob der Blinde das weiß? Ob es bei Markus mitschwingt? Jedenfalls: der Blinde schreit! „Sich zu schreien trauen“ weiterlesen

Die Spur, der wir folgen

Markus 10, 32 – 45

32 Sie waren aber auf dem Wege hinauf nach Jerusalem und Jesus ging ihnen voran; und sie entsetzten sich; die ihm aber nachfolgten, fürchteten sich.

            Der Weg hinauf nach Jerusalem geht weiter. Anders gesagt: Jerusalem als Ziel des Weges kommt immer näher. „Hinauf nach Jerusalem ist ein feststehender Ausdruck für die Wallfahrt zum hochgelegenenen Jerusalem und zum Tempel.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, 198) Er erlaubt aber keine präzise Bestimmung des Wegabschnittes, auf dem sie sind.  Jesus führt die Gruppe an. Sie gehen hinter ihm her. Geplagt von einem Gemisch aus Staunen, Ängsten, Furcht und Entsetzen. Es ist eine innere Unruhe, die über dieser Gruppe und ihrem Weg liegt.

 Und er nahm abermals die Zwölf zu sich und fing an, ihnen zu sagen, was ihm widerfahren werde: 33 Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten. 34 Die werden ihn verspotten und anspeien und geißeln und töten, und nach drei Tagen wird er auferstehen.

             Auf dem Weg nimmt er aus den Vielen, die mitgehen, abermals die Zwölf zu sich,  besonders, und sagt ihnen, was auf ihn – und auf sie – zukommt. Es ist „das dritte und letzte Mal, dass Jesus auf sein Leiden hinweist, wie wenn er Stufe um Stufe bei seinem Weg hinauf nach Jerusalem die Empore eines Opferaltars besteige, der unvermeidbar auf ihn wartet.“(E. Drewermann, Das Markusevangelium, Zweiter Teil , Zürich 1988, S.129)

             Seine Ankündigung zeigt: Jesus geht diesen Weg im klaren Wissen, dass es ein Weg ins Leiden ist. Er macht sich nichts vor über das, was ihn erwartet: die Konfrontation mit den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, das Todesurteil durch die Juden, die Auslieferung an die Römer – sie sind die Heiden – , die Erniedrigung durch Spott und Hohn und dann der Tod.

       Es gibt, das zeigt diese dritte Leidensansage, für Jesus kein Ausweichen vor diesen Weg. Geht er ihn deshalb freiwillig? Oder geht er ihn, gezwungen durch eine Gehorsamsforderung, die für ihn unausweichlich ist? Da ist kein äußerer Zwang. Es gibt keine Stimme vom Himmel, die sagt: auf, nach Jerusalem, ins Leiden. Aber auch das geht mir zu weit: „Der vorangehende Jesus, der aus eigenem Entschluss dieses Ziel anstrebt, und die hinter ihm her ziehende Gefolgschaft setzten denn Gedanken der Nachfolge ins Bild und verdeutlichen, dass Nachfolge Jesu Gang zum Leiden ist.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.96)

              Mich stört, dass Jesus nach dieser Auslegung zielbewusst das Leiden anstrebt. Ja, er geht nach Jerusalem, ja, wer weiß, was ihn erwartet, aber er ist kein selbstgeleiteter und fehlgeleiteter Märtyrer. Er geht seinen Weg und es wird geschehen, was geschieht. In dem allem erfüllt sich der Weg Gottes. „Das schuldhafte Vorgehen der Menschen und Gotte Vorauswissen fügen sich ineinander, ohne dass sich die Freiheit Gottes und die Freiheit der Menschen gegenseitig aufheben würden.“  (J.Gnilka, ebda.)

             Am Ende der Leidensansage der Lichtblick: und nach drei Tagen wird er auferstehen. Das ist kein Trostpflaster, hebt auch den Schmerz des Leidens nicht auf. Der Blick auf die Auferstehung mildert nichts an der Härte des Weges vorher. Jesus wird zerbrochen, erniedrigt, „entmenscht“ werden. Opfer zum Wegschauen. Aber hinter dem Tod eröffnet sich ein neuer Horizont. Vielleicht darf man sagen: Es ist der Glaube Jesu, dass nicht Menschen, sondern der Vater im Himmel das letzte Wort über ihn sprechen wird. „Die Spur, der wir folgen“ weiterlesen

Überreich beschenkt – doch das Schönste kommt noch

Markus 10, 28 – 31

28 Da fing Petrus an und sagte zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.

            Erschrecken über die Worte Jesu ist das eine. Auch Petrus sitzt der Schrecken über diese harte Botschaft: Bei den Menschen unmöglich in den Knochen. Aber er weiß ja, was ihn und die anderen, die um Jesus herum sind, von dem, der da eben gegangen ist, unterscheidet: wir haben alles verlassen.

             Für Petrus ist das keine theoretische Überlegung geblieben: loslassen. Sich lösen vom Besitz. Sich lösen aus der Geschichte des eigenen Lebens, wie sie bis dahin gelaufen ist.  Petrus mag begriffsstutzig sein, aber er ist kein Theoretiker des Glaubens. Und dass er und die anderen jetzt hier sind, irgendwo auf dem Weg in Judäa, das ist doch Folge: wir sind dir nachgefolgt.

             Das Missliche an der Feststellung des Petrus: sie klingt wie eine Erfolgsmeldung. Sie hat etwas von: wir haben es doch gemacht. Gut gemacht. „Überreich beschenkt – doch das Schönste kommt noch“ weiterlesen

Um des Lebens willen – Komm. Lass los!

Markus 10, 17 – 27

17 Und als er sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn:

            Jesus bricht auf zu seinem Ziel, auch wenn das nicht benannt wird. Irgendwo auf dem Weg in Judäa geschieht es. Da kommt einer und kniet vor ihm. Nicht, dass er ihn anbetet. Ein Akt der Verehrung, vielleicht auch der Erwartung, die ihn auch fragen lässt. Wer das ist, bleibt völlig in der Schwebe. Der Leser erfährt nichts über seine Status, sein Alter, seine Herkunft. Halt „einer“. Noch nicht.

 Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?

             Was er aber erfährt ist die Frage, die diesen einen bewegt, die ihn zu Jesu treibt, die er ihm stellt. Doch wohl, weil er sich Antwort von ihm erwartet. Er redet Jesus ehrfurchtsvoll an -nicht übertrieben, trotz des Kniefalls nicht devot, aber voller Respekt:  Guter Meister.

             Es ist die drängende Frage, die ihn beschäftigt. Sie entsteht wohl auch daraus, dass es sich nicht mehr von selbst versteht: Wer Israelit ist, hat Anteil am ewigen Leben.  Es steht ja – auch im Markus-Evangelium – schon hinter dem Ruf zur Umkehr, zur Buße die Einsicht, „dass nicht mehr die Bindung an das Volk Heil garantierte, sondern der einzelne zu sittlicher Entscheidung und Bewährung herausgefordert war.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.85)

            Dem entspricht, dass wir heute lernen, dass die Taufe keinen Heilsautomatismus nach sich zieht, sondern dass  zur Taufe der Glauben hinzu treten muss, ein Vertrauen, dass sich in den Zusagen der Taufe festmacht und sie lebt.

            Angelegt ist das schon in alten Texten und für den Juden nachvollziehbar in der „Einlass-Liturgie“ zum Tempel:

Wer darf auf des HERRN Berg gehen,                                                                                     und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?                                                                 Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist,                                                            wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört:                 der wird den Segen vom HERRN empfangen                                                                      und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.             Psalm 24, 3 – 5

            Es geht dem Frager um Wegweisung für ein Leben, das Gott entspricht. Das will er von dem Lehrer Jesus wissen. „Um des Lebens willen – Komm. Lass los!“ weiterlesen

Empfänger der Liebe

Markus 10, 13 – 16

13 Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an.

            Diese Szene wird wohl, so legt es der Zusammenhang nahe, im Haus stattfinden. Es kommen Leute, die nicht näher bezeichnet werden und bringen Kinder zu Jesus. Für den Vorgang spielt es keine Rolle, wer diese Leute sind – ob die Eltern, Verwandte oder wer auch immer. Ihr Anliegen: Er soll sie anrühren. Heißt wohl: sie segnen. Ihnen Kraft aus seiner Kraft vermitteln.

            Es ist wie eine Wiederholung: In Betsaida „brachten sie zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre.“(8,22) Da ging es um Heilung. Davon ist hier aber keine Rede. Sondern die Parallele ist eher, dass mancher Rabbi segnet,auch,  dass Eltern ihre Kinder segnen.

            Es ist schwer zu verstehen, was die Jünger dazu bringt, diese Leute so anzufahren, abzuweisen. Zu bedrohen. Liegt es nur daran, dass sie sich gestört fühlen? Oder spielt mit, dass Kinder im Grunde noch nicht zählen? Spielen sie sich nur auf, als die, die über die Zugangsberechtigung zu Jesus verfügen? „Jedenfalls ist das geschilderte Gebahren der Jünger herrschsüchtig und wenig liebevoll. Gegenüber Kinder konnte man es sich leisten, sie standen innerhalb der Rangordnung der Gesellschaft ziemlich weit unten.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 1979, S.80) Die früheren Auftritte der Jünger in ihrem Streit um die eigene Größe (9,33ff.) und ihr Abweisung des fremden Exorzisten (9,38f.) lassen solche Motive nicht unmöglich erscheinen.

14 Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.

             Für Jesus aber ist das Verhalten der Jünger unmöglich. So will er sie nicht erleben, sie so nicht agieren sehen. Deshalb wird er unwillig. Er reagiert ärgerlich und weist sie zurecht: Lasst sie zu mir kommen. Hindert sie nicht. Es spielt dabei keine Rolle, dass die Kinder gebracht werden, oder ob sie schon aus eigenen Stücken den Weg zu ihm suchen. Ob es große Kinder sind, die schon selbst laufen oder kleine Kinder sind, die noch getragen werden. Sie sollen kommen dürfen. Alle. „Empfänger der Liebe“ weiterlesen

Vom Scheitern an der Gabe Gottes

Markus 10, 1 – 12

1 Und er machte sich auf und kam von dort in das Gebiet von Judäa und jenseits des Jordans. Und abermals lief das Volk in Scharen bei ihm zusammen, und wie es seine Gewohnheit war, lehrte er sie abermals.

             Jesus bricht auf, aus Kapernaum in Richtung Jerusalem. Er wird nicht mehr nach Galiläa zurückkehren. Ein wenig umständlich erscheint der Weg: Man muss nicht in das Gebiet jenseits des Jordans, um nach Judäa zu gehen. Es könnte sein, Markus will andeuten, dass er einen Umweg wählt, um den Weg durch Samaria zu meiden. Sicher ist das aber nicht – andere Evangelien erzählen ja auch prompt, dass Jesus durch Samaria nach Jerusalem zieht (Lukas 9,51 – 57). Ähnlich auch Johannes (Johannes 4).

             Auf dem Weg zieht er immer noch die Volksmassen an. Es sind „die Bewohner der beiden Bezirke Judäa und Ostjordangebiet, die ihm zulaufen.“(W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.269) Sein Wirksamkeit, sein Lehren ist nicht auf das Gebiet Galiläas begrenzt. Er ist nicht nur eine lokale Provinzgröße. Es entspricht seiner Gewohnheit, dass er auch hier nicht aufhört zu lehren, das Volk zu unterweisen, den Willen Gottes auszurufen.

             Es ist nicht der Hauptakzent der Erzählung und doch auch nicht ganz nebensächlich, weil Markus es sonst nicht erwähnt hätte: wie es seine Gewohnheit war.  ς εἰώθει. Genau die gleiche Wendung verwendet Lukas, wenn er erzählt: „Jesus ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge“(Lukas 4,16). Jesus – ein Gewohnheitsmensch? Ja, meinen die beiden Evangelisten und finden nicht Schlimmes darin, sondern: Es gibt gute Gewohnheiten. Es gibt Gewohnheiten, die dem Glauben dienen. Glaube braucht die Regenmäßigkeit, die Gewohnheit, Formen und Rituale, in denen er „wohnen“ kann, aus denen er seine Bestätigung findet.

            Es ist wohl einer der Krankheitsgründe des Glaubens in unserer Zeit, dass er weithin nicht mehr gewohnheitsbildend ist, dass man sich seiner nur noch gelegentlich erinnert, in von Fall zu Fall, eventuell einmal wahrnimmt. Bei einem familiären Event halt, bei einer „Kasualie“ in kirchlicher Sprache. Wenn es anfällt. Wenn Gott gebraucht wird, soll er da sein. Wenn der Glaube gebraucht wird, soll er tragen. Aber so ist es nicht. Der Glaube bei Gelegenheit stürzt von einer Verlegenheit in die nächste. Er trägt nicht, er ist höchstens frag-würdig. Erst wo der Glaube Gewohnheiten erzeugt und von Gewohnheiten getragen wird, gewinnt er Stabilität. Lebensprägende Kraft.  „Vom Scheitern an der Gabe Gottes“ weiterlesen