Alles muss klein beginnen

Markus 4, 30 – 34

30 Und er sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden?

             Eine Doppelfrage eröffnet die nächste Gleichnis-Erzählung. Warum diese Frage? Meine Überlegung: sie dient einmal dazu, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sie dient aber auch dazu, die Zuhörer mit ihrem Überlegen mitzunehmen. „Der Redner wirbt um die Aufmerksamkeit seines Publikums.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 1 – 8,26, EKK II/1, Neukirchen 1978, S.187) Er macht das geschickt, indem er sie auf die Spur setzt, selbst zu überlegen: was sind den angemessene Vergleichsmöglichkeiten für das Reich Gottes?

            Damit ist Zweifaches erreicht: einmal wird das eigene Nachdenken in Gang gesetzt und zum anderen ist klargestellt: Alles, was gesagt wird, ist nur ein Bild. Nicht schon die ganze Wirklichkeit des Reiches Gottes. Vom Reich Gottes können wir Menschen gar nicht anders reden als im Gleichnis.

            In der Art, wie Jesus seine Gleichnis-Darstellung eröffnet ist er nahe bei dem, „wie die Rabbinen Bildreden einleiteten.“(W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.132) Er kann also davon ausgehen, dass seine Zuhörer so eine Art der Eröffnung kennen und sich auch darauf einlassen werden. Jesus tritt nicht nur als der völlig originelle Redner auf. Er ist auch in den traditionellen und anerkannten Redeformen seiner Zeit zuhause und bedient sich ihrer.

 31 Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; 32 und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.

             Jetzt also der Vergleich: Das Reich Gottes wie ein Senfkorn. Es kommt auf den Kontrast an: Winzig klein im Anfang- größer als alles am Ziel. Es ist schon zur Zeit Jesu sprichwörtlich, dass das Senfkorn so klein ist. Das kleinste unter allen Samenkörnern. Leicht zu übersehen, unbedeutend in den Anfängen. Das wendet der Erzähler Jesus auf das Reich Gottes an! „Solch kleine Saat – die Predigt Jesu; und daraus wird, was alle Welt umspannt, die Gottesherrschaft.“ (J. Schniewind, Das Evangelium nach Markus, München 1968,S.69f.) Es ist ein nüchterner Blick auf die Gegenwart in Galiläa: auch der Zulauf, den Jesus findet, das Gedränge um ihn, kann nicht darüber hinweg täuschen: Es ist ein winzig kleiner Anfang. In Rom, bei den wirklich Mächtigen der Zeit,  findet keine Beachtung, was da in Galiläa geschieht.

         <Darf man das sagen: an dieser Einschätzung der Mächtigen hat sich, allen anerkennenden Worten der Kirche gegenüber nichts geändert! „Wie viele Divisionen hat der Papst?“ soll Stalin gefragt haben, als man ihn vor der Macht der Kirche warnte. Für andere gilt ähnliches. Kirche als moralische Institution – gut und schön. Aber im Übrigen gilt; Glauben ist Privatsache und jede Einwirkung in die öffentlichen Belange wird als Einmischung manchmal höflich, manchmal schroff zurück gewiesen. Im öffentlichen Raum hat der Glaube nichts zu  suchen und nichts zu melden> 

           Aber es bleibt nicht bei diesem so leicht zu übersehenden Anfang. „Der Anfang hat es in sich, mag er auch unbedeutend wirken.“ (J.Gnilka, ebda.) Aus dem Senfkorn wird ein Gewächs, das alles überragt. „Die ausgewachsene Senfstaude erreicht am See Gennesaret eine Höhe von bis zu drei Metern und übertrifft damit die anderen Gemüsekräuter.“ (J.Gnilka, ebda.)Das ist im Senfkorn angelegt. Auch wenn das Wort hier nicht wiederholt wird – der Gedanke ist schon kurz zuvor ausgesprochen: dieses Wachstum geschieht „wie von selbst.“ αὐτομάτη. (4,28)Nicht aufzuhalten.

            Dahinter wird die Zuversicht des Gleichnis-Lehrers Jesus erkennbar. Das Reich Gottes, das er in seiner Predigt, seinem Lehren und Handeln ausruft und proklamiert, wird kommen. Unausweichlich. Unaufhaltsam. Es ist eine bemerkenswerte Unabhängigkeit vom „Erfolg des Augenblicks“, der sich in diesen Worten zeigt. Fast könnte man sagen: es kann gar nicht anders sein.

Alles muss klein beginnen, lass etwas Zeit verrinnen,                                                      Es muss nur Kraft gewinnen und endlich ist es groß.                                                                 G. Schöne, CD Live 1988/95  

          Allerdings gilt es zu beachten: Jesus installiert hier kein weltliches Wachstums-Gesetz, das immer und überall gilt. Es ist ja in Wahrheit nicht so: Manches beginnt klein und bleibt klein und verschwindet dann auch wieder. Manches wird nie groß. Anderes wird groß, aber man wünschte sich, dass es für immer klein geblieben wäre – Fremdenhass, Nationalismus, Ausbeuter-Mentalität, Menschenverachtung, Egoismus, Gier, die hemmungslose Rechtfertigung der Triebbefriedigung. Mir fällt da eine Menge ein! Also kein allgemeines Wachstums-Gesetz, sondern das unaufhaltbare Wachsen des Reiches Gottes ist das Thema des Senfkorn-Gleichnisses

             Dieses Wachsen aber kommt allen zugute. Es ist eine Wirkung des Reiches Gottes: es ist Schutzraum für alle Kreatur. „Siehe, es stand ein Baum in der Mitte der Erde, der war sehr hoch.Und er wurde groß und mächtig und seine Höhe reichte bis an den Himmel, und er war zu sehen bis ans Ende der ganzen Erde. Sein Laub war dicht und seine Frucht reichlich, und er gab Nahrung für alle. Alle Tiere des Feldes fanden Schatten unter ihm und die Vögel des Himmels saßen auf seinen Ästen, und alles Fleisch nährte sich von ihm.“  (Daniel 4,7-9) Und noch weiter gehend: „So spricht Gott der HERR: Dann will ich selbst von dem Wipfel der Zeder die Spitze wegnehmen und ihr einen Platz geben; ich will oben von ihren Zweigen ein zartes Reis brechen und will’s auf einen hohen und erhabenen Berg pflanzen. Auf den hohen Berg Israels will ich’s pflanzen, dass es Zweige gewinnt und Früchte bringt und ein herrlicher Zedernbaum wird, sodass Vögel aller Art in ihm wohnen und alles, was fliegt, im Schatten seiner Zweige bleiben kann.“(Hesekiel 17, 22-23)  Es ist nicht zu weit hergeholt, bei dem Reis, von dem Hesekiel spricht an das „Reis aus dem Stamm Isai“(Jesaja 11,1) zu denken. Und damit in der Sicht der jungen christlichen Gemeinde an Christus, der aus dem Davids-Geschlecht stammt.

             Es ist zumindest eine Überlegung wert, ob Jesus so in den Augen des Markus nicht nur der Erzähler dieses Senfkorn-Gleichnisses ist, sondern in dem Schlussbild vom großen Baum, der Schutz für alle bietet, selbst zum geheimen Thema dieses Gleichnis wird. In ihm, der so wehrlos und schutzlos durch Galiläa geht und nach Jerusalem gehen wird,  wird das erfüllt: Schutz für Alle.

              Man wird sich davor hüten müssen, diesen Fortschritt des Reiches Gottes in eins zu setzen mit dem Wachstum der Kirche. Es gilt, nicht scharf, aber doch deutlich zu unterscheiden: Die real existierende Kirche, in welcher Gestalt auch immer, ist nicht das Reich Gottes. Daran erinnert ja das gern zitierte Wort: „Jesus verkündigte das Reich Gottes und es kann die Kirche.“ (A. Loisy.1857 – 1940)

                 Es ist eine hilfreiche Unterscheidung – βασιλεα. Basileia,  – das Reich. κκλησα Ekklesia, – die Kirche. „Basileia und Ekklesia haben miteinander zu tun. Letzterer ist das Wort anvertraut. Durch es will Gottes eschatologische Herrschaft nach wie vor wirksam werden, Menschen und Welt verwandeln. Als Gottes Herrschaft ist sie nicht verfügbar oder institutionalisierbar. Die Ekklesia ist für die Zeit, die Basilieia wird die Zeit überdauern Die Ekklesia ist als Treuhänderin der Basileia – und nicht aus sich selbst – Zeichen der Hoffnung.“ (J.Gnilka, aaO.; S.189) Schlicht gesagt: die Zeit der Kirche ist endlich. Sie wird enden. Das Reich Gottes wird nicht enden, sondern alle Zeit wird sich in ihm erfüllen.

      Schwer zu glauben mit einer Kirche vor Augen, die seit Jahrzehnten kleiner wird. In Zeiten des Rückbaus der Kirchen. Die Kirchen in Deutschland wachsen nicht, sondern sie schrumpfen. Sie werden weniger, nicht nur, weil die demographische Entwicklung mehr Sterbefälle als Geburten ausweist, weniger Taufen. Das andere kommt dazu: Menschen kehren den Kirchen den Rücken. Sie erwarten sich nichts mehr von ihnen. Was in den Kirchen gesagt wird, hat für viele keine Relevanz mehr für ihr Leben.

             Ist also mit den Kirchen auch das Reich Gottes auf dem Rückzug? Hat es seine Blütezeit gehabt, die jetzt vorbei ist? Denn auch das sind ja natürliche Wachstums-Gesetze: die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Jesus hätte neben seine Wachstums-Erzählung auch die andere stellen müssen – vom Rückzug, vom Rückgang, vom Ende der Blütenzeit? Auf diese Idee kann nur kommen, wer Kirche und Reich Gottes allzu einlinig in eins setzt, die Kirche mit dem Reich Gottes verwechselt.

             Ich glaube, dass das Reich Gottes auch heute wächst und immer wachsen wird, auch wenn kirchliche Strukturen zerfallen. Es wächst unter Tränen. Es wächst in der Hingabe des Lebens an Gott. Im Gebet, das sich dem Vater im Himmel anvertraut. Im Tun des Gerechten, auch und gerade da, wo es tief verborgen ist im Schatten der Welt. Es wächst, weil Gott es wachsen lässt.

 33 Und durch viele solche Gleichnisse sagte er ihnen das Wort so, wie sie es zu hören vermochten. 34 Und ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen; aber wenn sie allein waren, legte er seinen Jüngern alles aus.

            Ein dezenter Hinweis: Markus bietet nur eine Auswahl aus den vielen Gleichnissen Jesu. Keine vollständige Auflistung.  Aber zugleich eine Wertung: Gleichnisse sind keine netten Bilder oder schöne Anekdoten und Episoden. Sie sind die Form, in denen Jesus ihnen das Wort sagt  –  λόγος : Man wird wohl mithören müssen: das Wort, aus dem sie leben können, „Worte des ewigen Lebens“(Johannes 6,68) Wobei da im Johannes-Evangelium statt λόγοι ρήματα steht, Worte aus dem Augenblick, für den Augenblick und doch Worte, die das ewige Leben öffnen.  

             Auch das ist bemerkenswert: Jesus redet in Gleichnissen, weil sie es zu hören vermochten. Sie – das sind die Leute um ihn – Männer, Frauen, Kinder vielleicht auch, die zu ihm kommen. Nicht schon fromm vorgebildet oder deformiert, nicht schon durch langjähriges Studium der Schriften und Lernen bei einem Rabbi vorqualifiziert. Sondern es ist das Volk, das sich um ihn schart. Ihn sucht, sich ihm öffnet. Sie sind  da und hörbereit – das genügt.

            Hier meldet sich neben dem Zutrauen zu den eigenen Worten auch das Zutrauen zu den Menschen. Jesus glaubt offenkundig, dass es genügt, ihnen in Gleichnissen zu sagen, was er sagen will. „Vor einer Weile sagte ein hochgestellter Kirchenmann: „Unser Problem ist – wir müssen immer kurz Wegweisendes sagen.“ Das auf diese Weise „Wegweisende“ indessen ist für die meisten Leute das weg-Weisende. In der Skala der positiven Wertschätzung rangiert das aktive Ratgeben sehr zu Recht auf der untersten Stufe.“ (E. Drewermann, Das Markusevangelium, Oltern 1987,S.347) Wie anders Jesus. Er erzählt.

            Die Jünger dagegen werden „aufgeklärt.“ Wohl nicht, weil sie unverständiger als das Volk sind. Es könnte sein, das ist ihrer größeren Verantwortung geschuldet. Weil sie auf ihren Dienst als Boten vorbereitet werden, wird ihr Verstehen gesondert in den Blick genommen.  Und es ist die Praxis der späteren Gemeinde, die hier durchschimmert: In ihr werden die Gleichnisse ausgelegt. 

 

Jesus, wir warten auf das Kommen des Reiches, auf Dein Kommen, auf die Verwandlung der Welt, wo es Zuflucht gibt für alle, Große und Kleine.

Wir warten darauf, dass Dein Reich zur Vollendung wächst, dass die Welt frei wird, dass der Tod nicht mehr ist, keiner mehr den Krieg lernt, dass alles ausgespielt hat, was Menschen ängstigen kann.

Wir warten auf Dich. Amen