Wie von selbst

Markus 4, 26 – 29

26 Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft 27 und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie.

             Wieder ein Gleichnis. Eines vom Reich Gottes. Es erzählt eine Geschichte,  wie sie in der Welt geschieht, um zu deuten, wie es mit dem Reich Gottes bestellt ist.  Es wieder ein Gleichnis, das um den Samen kreist, der aufs Land geworfen wird. Das verbindet diese Texte seit den Anfang des vierten Kapitels.

         Fast achtlos kann das beschriebene Tun wirken. Der Säemann hat seine Arbeit getan. Jetzt kann er gehen. „Er geht nach Hause, legt sich zum Schlafen nieder, steht am nächsten Tag wieder auf, und so geht das Nacht für Nacht und Tag für Tag.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.99) Ist das Achtlosigkeit, Sorglosigkeit oder einfach das Wissen: Ich habe meine Arbeit getan. Eine große Gelassenheit?

              „Was der Landmann, der wie ein Faulenzer erscheint sonst noch auf dem Acker zu tuh pflegt, zu pflügen, zu eggen, zu Jäten, ist gegenüber dem, was mit dem Samen im Acker geschieht, von untergeordneter Bedeutung.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 1 – 8,26, EKK II/1, Neukirchen 1978, S.184) Alle Betonung liegt darauf: Der Same wächst – ohne alles Zutun des Säemanns über den Vorgang der Aussaat hinaus. Er steht nicht da und wacht. Er weiß nicht, was geschieht. Er bekommt nicht mit, was geschieht. Aber der Same geht auf und wächst. Er folgt seiner Bestimmung. 

 28 Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre:

             Wie von selbst – darauf liegt der Ton der ganzen knappen Episode. ατομάτη. Automatisch. Ohne alles Zutun, ohne alles Nachhelfen. Es ist die Eigenschaft dieses Samens, dass er tut, wozu er bestimmt ist, wozu er ausgesät wird.  Er bricht aus der Erde hervor, wird zum Halm, zur Ähre, zur Frucht. Es ist kein weiter Weg von diesem Wort hin zu dem Wort, das von Jesus überliefert wird:  „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Johannes 12,24) Es ist auch kein weiter Weg zu der Gewissheit, wie sie im Prophetenwort zu fassen ist: „Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. (Jesaja 55, 10-12)

             Es ist die Erde, die Frucht bringt. Nicht der Mensch, der die Frucht erzwingt. Ist es zu weit hergeholt oder ist es der Weisheit dieser Worte doch in besonderer Weise auf der Spur: „In der Menschwerdung des Sohnes wurde der Kosmos der Nacht vom Schöpfer gewürdigt, mütterlicher Schoß der neuen Schöpfung zu sein.“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.267)  Es wird kein Zufall sein – „drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde“(Matthäus 12,40) sind das eine Zeichen, das Jesus von sich sagt. Aus diesem Schoss wird er, Jesus, in der Auferstehung neu geboren. Er ist die eine Frucht, aus der alle Frucht der Erde folgt.

 29 Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

            Mit diesen Worten wird der Zeithorizont weit geöffnet. Über die Gegenwart, hin auf das Ende. Wenn die Frucht da ist, ist Erntezeit. Zeit der Ewigkeit. Aber das ist, wie auch das Wachsen des Samen nicht mehr die Aufgabe der Menschen.

           Es ist innerhalb des Gleichnisses ein Wechsel vollzogen: Der Mensch, der am Anfang den Samen auf das Land wirft ist nicht identisch mit dem, der am Ende die Sichel sendet. Im Anfang sind sicher die Boten des Evangeliums im Blick. Das Ende aber ist ganz Gottes eigenes Handeln. Das Gericht liegt nie in den Händen der Menschen, auch nicht der boten des Evangeliums.

              Dieses so knappe Gleichnis ist eine Entlastung und eine Bewahrung zugleich. Es bewahrt vor dem Irrglauben, wir müssten für die Frucht des Wortes sorgen. Wir wären für den Erfolg der Aussaat verantwortlich. Die Aufgabe der Boten ist begrenzt; Säen – und dann loslassen. „Die Verkündiger des Reiches Gottes stehen nicht unter Erfolgszwang.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.100) Sie dürfen die Wirkung des Wortes getrost dem Wort selbst überlassen. Das ist die starke Herausforderung vor allem an Menschen, die in einer großen Leidenschaft für das Evangelium unterwegs sind, die brennen, die manchmal sogar ausbrennen könnten.  „Während ich mein Tröpflein Wittenbergisch Bier trinke, läuft das Evangelium.“ Dieses Luther-Wort kommt in Die Nähe dessen, was unsereins zu lernen hat – Zutrauen zur Wirksamkeit des Wortes Gottes, der Aussaat, auch wenn wir nichts (mehr) machen können.

         Es ist ein Stück Selbstüberschätzung und ausgesprochen gefährlich, Anmaßung und auch Selbstgefährdung: Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit zu tun. Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von sich zu erzählen. Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen. Wir  sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch liest. Wir sind Gottes letzte Botschaft, in Taten und Worte geschrieben.“(Gebet aus dem 14. Jahrhundert)

              Der Gleichniserzähler Jesus sieht das anders: Der Same wächst wie von selbst. Da ist nichts, wirklich nichts, was die Boten noch dazu tun könnten, damit er wächst. So nimmt Jesus seinen Zuhörern die Angst vor der Größe der Aufgabe und befreit sie zugleich von der Vorstellung, dem Wahn (?), sie seien es, die das Reich Gottes herbeiführen könnten oder müssten.

Eine Einfügung aus aktuellem Anlass:

            Nach dem Amoklauf in München ist einmal mehr das Entsetzen groß. Aber gehen wir wirklich in die Tiefe mit dem eilfertigen Antworten? Es ist so wahr: „Dazu kommt noch das, was ich  in einer frühen Kolumne als innere Verwahrlosung bezeichnet habe. Wozu auch  gefühlsrohe  Ballerspiele gehören, auch die »dank« Internet  frei verfügbare  Pornografie ekelhaftester Art. – Klar,  das Internet ist nicht an allem schuld, die Gründe sind  komplexer.“ (gw- Anstoß 25.7.16 – Sport, Gott und die Welt.) Junge Menschen sind erbärmlich allein gelassen, weil die Schule nur noch ausbildet, aber nicht mehr bildet, weil Erziehung die Grenzen setzt, ausfällt, weil alles Mögliche und manches Unmögliche die Aufmerksamkeit der Eltern einfordert, weil Karriere wichtiger scheint als kontinuierliche Zuwendung, weil manches Reden von christlichen Werten nur hohles Geschwätz ist. Es braucht die Lebenspraxis, die überzeugt. Nicht nur Sonntagsreden von Politikern und ihresgleichen, Funktionären, klugen Leuten. Worte zum Sonntag. Es braucht das alltägliche Leben, das für die jungen Leute anschaulich ist, widerständig. Es braucht es, dass Eltern ihren Kindern nicht Vater und Mutter schuldig bleiben, weil sie Kumpel und besten Freundin sein wollen.

            Damit ist nicht der nächste Amoklauf ausgeschlossen und verhindert. Aber damit kann ein wenig Orientierung zurück gewonnen werden. Ich fürchte um eine Generation, die erbärmlich allein gelassen wird in ihrem Fragen und Suchen nach dem Leben, das sich lohnt. Nach der Aufgabe, die fordert und erfüllt. Nach der Gemeinschaft, die begrenzt, schützt und trägt.

 

Gott, wir geben aus der Hand, was unsere Aufmerksamkeit gefordert hat, unser Werk, unsere Freude, unseren Schmerz, uns selbst.

Wir geben aus der Hand und glauben Dir: wie von selbst wird werden, was werden soll. Frucht. Leben. Fülle, genug für alle.

Wir geben  aus der Hand und lassen Dir Wachsen und Gedeihen, Werden und Vergehen, Tag und Nacht, Leben und Tod

Du Gott, wartest darauf, dass wir in Deine Hände geben, was wir tun und lassen, damit Frucht werden kann, Frucht aus Deinem Geist, aus Deiner Kraft. Unter Deinem Segen. Amen