Der Sämann

Markus 4, 1 – 9

1 Und er fing abermals an, am See zu lehren. Und es versammelte sich eine sehr große Menge bei ihm, sodass er in ein Boot steigen musste, das im Wasser lag; er setzte sich, und alles Volk stand auf dem Lande am See. 2 Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen; und in seiner Predigt sprach er zu ihnen:

             Ortswechsel vom Haus an den See. Das Gedränge der sehr großen Menge bleibt das gleiche, sodass er in ein Boot steigen musste. Die Leute hängen an seinen Lippen. Es ist die im Judentum der Zeit typische Situation der Lehrer sitzt, die Schüler, hier: das Volk, stehen. Die Wahl des Bootes hat guten Grund: „Das Boot schafft eine gewisse Distanz – das scheint  nicht nur akustisch wichtig zu sein.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010; S. 88)

             Gleich zweimal „lehren“. διδσκειν Es sind keine Lehrvorträge, wie wir sie mit dem Wort lehren verbinden. Keine theoretischen Darlegungen darüber, wie man sich Gott zu denken hat. Keine Lehrsätze: Gott ist nur einer. Gott ist allmächtig, allwissend, allgegenwärtig. Sondern er lehrt, indem er Geschichten erzählt, Gleichnisse. παραβολας. „Zwei Dinge werden einander gleichgestellt und sollen miteinander verglichen werden.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.118) Das Spannende am Gleichnis ist, das es nicht einfach erklärt, sondern den Hörer herausfordert, selbst Erklärungen zu suchen, sich selbst den Zusammenhang zu erschließen. Die Hörer und Hörerinnen werden darin  ernst genommen, dass sie selbst urteilsfähige Leute sind.

            Der Hinweis, dass er vieles in Gleichnissen lehrt, erschließt auch: „Markus gibt zu verstehen, dass er nur einen Ausschnitt aus Jesu Lehre bietet“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 1 – 8,26, EKK II/1, Neukirchen 1978, S. 158), nur eine kleine Auswahl. Er hat bei weitem nicht alles aufgeschrieben, was als Gleichnisse, als Worte Jesu im Umlauf war.

            Es ist ein bisschen verwirrend: wo die Luther-Übersetzung „Predigt“ liest, steht im Griechischen διδαχ. „Lehre, Unterricht, Unterweisung“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.213) Das ist deshalb wichtig, damit sich im heutigen Leser nicht das Bild festsetzt, das wir mit Predigt verbinden – Jesus ist kein Kanzelredner. Näher liegt wohl die Assoziation Straßenredner, Sprecher bei einem Auflauf, Redner im Hyde-Park in London.

3 Hört zu! Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. 4 

             Jesus fordert Aufmerksamkeit ein: Hört zu! Siehe! Haben die Leute geschwätzt, getuschelt? Oder ist es eher ein Appell: „Wer versteht, um was es geht?“ (J. Schniewind, Das Evangelium nach Markus, München 1968, S.60) Was folgt ist ja Alltagserfahrung. Ein Säemann sät. Nichts Sensationelles. Ein Bild, das alle damals am See kennen.

 Und es begab sich, indem er säte, dass einiges auf den Weg fiel; da kamen die Vögel und fraßen’s auf.5 Einiges fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging alsbald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. 6 Als nun die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. 7 Und einiges fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen empor und erstickten’s, und es brachte keine Frucht.

             Auch das ist irgendwie „normal“: Der Boden, auf den die Aussaat fällt, ist nicht gleich beschaffen, nicht von gleichbleibender Aufnahme-Qualität in Blick auf Saatgut. Vögel „bedienen“ sich, manches landet auf dem Weg, wo es zertreten werden kann. An manchen Stellen ist die fruchtbare Erdkruste zu dünn. Und manches gerät ins Gestrüpp und wird von den schnellwachsenden Dornen überwuchert.. „Kenner des antiken Palästina sagen uns, dass Jesu Erzählung typische Probleme damaliger Feldbestellung bündelt.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010; S.90)

           Das könnte vermuten lassen: Etliche der Zuhörer Jesu nicken und stimmen zu: Genau so geht es zu. Das kennen wir aus eigenem Erleben. Andere schütteln womöglich den Kopf über diesen Säemann, weil sie sagen: Darauf muss man doch achten. Das kann man auch besser machen. So viel aber ist erst einmal festzuhalten: Der größere Teil, drei Viertel der Aussaat gehen verloren, Es ist eine Misserfolgsgeschichte, die Jesus hier erzählt. Man darf schon fragen: Ist das realistisch, dass ein besonnener palästinensischer Bauer so mit seinem knappen Saatgut umgeht?       

 8 Und einiges fiel auf gutes Land, ging auf und wuchs und brachte Frucht, und einiges trug dreißigfach und einiges sechzigfach und einiges hundertfach.

             Das fängt vieles, aber nicht alles auf: Das Saatgut, das auf gutes Land fällt, bringt reiche Frucht. Dreißig-, sechzig- und einiges hundertfach. Das sind durchaus realistische Angaben über die Anzahl der Körner in einer Ähre. So steht dieser reiche Ertrag den Verlusterfahrungen gegenüber.

 9 Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

             Jesus schließt seine kurze Erzählung mit dieser Aufforderung. Und hinterlässt damit doch zugleich Ratlosigkeit. Wie ist denn das Gleichnis zu verstehen? Worin liegt der Vergleichspunkt? Ist das die Aussage, um die es geht: „Der normale Erfolg des Wortes Gottes ist der Misserfolg!“ (J. Schniewind, aaO.; S.61 ) Fragen über Fragen: Da ist der Säemann mit seiner seltsamen Großzügigkeit, fast könnte man sagen Gleichgültigkeit, was die Bodenqualität angeht. Er sät mit 75% Verlustquote. Wer könnte sich das wirklich leisten? Da ist der Boden, unterschiedlich und mal mehr, mal weniger fruchtträchtig. Je nachdem, wie man die kurze Geschichte hört, erzählt sie von einem unvernünftigen, aber hoffnungsstarken Säemann, der am Ende mit der Frucht doch Recht behält. Oder sie erzählt von dem Boden der so enttäuschend problematisch ist.

            Eine dritte Möglichkeit: Jesus erzählt davon, dass der Samen den Boden zum guten Land machen kann. Nicht immer und überall. Aber doch hier und dort. Auch das wird man sagen müssen: Der Eindruck einer 75% Verlustquote entsteht durch die Art, wie Jesus erzählt. Realistisch aber sind die Verluste immer nur „Randerscheinung“, an den Rändern eines Ackers, auf den gesät wird.  Auf der überwiegenden Fläche des Ackers aber kann die Saat Wurzeln schlagen und Frucht tragen. Das Land zum guten Land machen.

            In der Reihenfolge, in der das Markus-Evangelium erzählt, steht dieses Gleichnis am Anfang des Wirkens Jesu, auch des Lehrens Jesu. Es könnte also sein, dass es davon redet, dass Jesus sich nichts vormacht: Er ahnt schon am Anfang, wie es um den Erfolg seiner Säe-Arbeit stehen wird. Es gibt Ausleger, die davon ausgehen, dass dieses Gleichnis eher in eine spätere  Zeit der Wirksamkeit Jesu gehört, wo er schon Widerstände erfährt, Missverständnisse erlebt, die Abwendung derer, die ihm zugehört haben. Dass es also bei Markus am falschen Platz steht. Dann würde Jesus davon reden, dass der Sämann trotz dieser so niederdrückenden Erfahrungen am Ende die Frucht sieht, dass er unbeirrt durchhält.

                 Wer Ohren hat zu hören, der höre! Bilde dir deine eigene Meinung. Suche Dein eigenes Verstehen. Uns zum Trost: wir sind nicht die einzigen, die hier nicht gleich den Durchblick haben!

 

Jesus, wie gut, dass Du Dich nicht vom Erfolg abhängig gemacht hast in Deinem Reden, in Deinem Aussäen des Wortes, in Deinem Aussäen der Liebe Gottes, nicht vom kurzfristigen und nicht vom nachhaltigen Erfolg

Du hast Dein Wort gesagt. Und nun ist es in der Welt, hineingesät in den Acker und bringt Frucht.

Gib, dass es auch in meinem Leben fruchtet. Amen