Den Willen Guttes tun

Markus 3, 31 – 35

31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.

             Jesus ist immer noch im Haus. Aber draußen sind jetzt die Seinen, seine Mutter und seine Brüder, die ihn eben noch vor sich selbst schützen wollten, indem sie ihn für von Sinnen erklären. Unzurechnungsfähig. Sie wollen Kontakt mit ihm aufnehmen. Warum wird nicht gesagt. Halten sie an ihrer Absicht fest, ihn aus der Öffentlichkeit zu entfernen? Wohlwollend verstanden: „Sie suchen ihn, um ihn zu bergen im Schoß der Sippe.“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.260) Aber das wird nicht ausdrücklich gesagt. Es bleibt alles im Dunkel.

            Nur so viel wird gezeigt: Sie bleiben draußen. Sie können nicht direkt Kontakt aufnehmen. Sie sprechen ihren Wunsch, ihn zu sehen und mit ihm zu reden, nur durch Mittelsmänner aus. Sie schickten zu ihm. Da bleibt Abstand, auch von ihnen her.

 32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.

            Um Jesus sitzt das Volk, hört ihm zu, hängt an seinen Lippen, saugt alles auf, was er sagt. Das hindert aber nicht, dass das Volk dieses Suchen nach ihm mitbekommt. Dass es auch mit bekommt, es sind nicht irgendwelche Leute, sondern deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern. Man muss wohl verstehen: auch in den Augen des Volkes sind es die, die ihm natürlicherweise am nächsten stehen, die auch einen Anspruch auf ihn haben, seine Zuwendung, seine Aufmerksamkeit.

            Die Familie zuerst – das ist doch die natürlichste Ordnung der Welt. Blut ist dicker als Wasser. Die Familie ist der Ort, in dem im Judentum der Glaube gelebt wird – in der häuslichen Sabbat-Feier, in der Unterweisung der Kinder. Im Ehren von Vater und Mutter.

 33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? 34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!

             Jesus hört die Boten, die ihn informieren, wer da draußen nach ihm fragt und reagiert schroff. Mit einer Frage, die unverständlich genug ist. Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Das ist doch offenkundig; Sie stehen draußen. Sie suchen ihn, sie wollen, dass er zu ihnen kommt. Schon die Frage ist ein Affront – tut er doch so, als kennte er sie nicht. Es „klingt wie eine Verleugnung der Mutter und der Brüder.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.86) Schon die Frage ist eine Zurückweisung, ist Abweisung, Entwertung der primären Bindung an die Familie.

             Aber dann geht es noch einen Schritt weiter. An die Stelle der Herkunftsfamilie setzt er die, die um ihn im Kreise saßen. Man muss sorgfältig lesen: Sie  treten nicht an die Stelle der Mutter, Brüder, Schwestern. Sondern er setzt sie an ihre Stelle. Er sieht sie, die um ihn sitzen, so an. Indem er das über sie sagt, installiert er in ihnen seine neue Verwandtschaft. Diese Verwandtschaft „hat ihre Grundlage im Hören auf Jesus und sein Wort.“ (W. Klaiber, ebda.) Ich bin noch ein bisschen vorsichtiger: die Grundlage ist schlicht, dass sie bei Jesus sind. Um ihn. Das Johannes-Evangelium wird sagen: „Im Bleiben bei ihm.“ – „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe. Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.“(Johannes 15, 9 – 11)

            Mein Eindruck ist: wir haben uns so an diese Worte gewöhnt, dass wir ihr Ärgernis gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Die geistliche Gemeinschaft hat Vorrang vor der natürlichen Familie! Wer das heute laut in einer Kirche sagen wollte, hätte die Leute am Hals – vom Papst über Bischöfe und Kirchenpräsidenten und Kirchenvorstände bis hin zu den normalen Gemeindegliedern. Alle sind sich einig: Ohne Familie ist alles nichts. Das führt zu so irrwitzigen Formulierungen wie: „Jeder Mensch ist Familie, weil jeder Kind ist.“(EKHN-Brief Familienangelegenheit 2016) Auch der Alleinstehende. Auch der/die Single aus Überzeugung. Ich nenne das Zwangseinweisung in den Familien-Status.

         Darum finde ich es ehrlicher und näher an den Worten Jesu: „Schalom Ben Chorin, Mutter Mirjam 99 weist zu Recht darauf hin, dass Jesu Haltung in jeder Gesellschaft ein Ärgernis darstellt, den außerordentlichen starken Familiensinn der Juden aber förmlich beleidigt.“ (E. Drewermann, Das Markusevangelium, Oltern 1987, S,321) Nur wo man sich diesem Ärger stellt, hat man ein offenes Ohr für die Zumutung, die in diesen Worten Jesu steckt. Eine Zumutung, die da auch heute noch spürbar wird, existentiell erfahren, wo Kinder, Söhne, Töchter, sich einem Orden anschließen, Nonne werden, Ordensfrau, Priester und auf die Familiengründung verzichten.

35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

            Das kommt zum Bleiben bei Jesus dazu: Gottes Willen tun. Es geht nicht nur darum, sich als neue glückliche Familie der Gotteskinder um Jesus zu versammeln und das Zusammensein zu genießen. Sondern aus diesem Sein bei Jesus soll ein Tun erwachsen – ein Tun, das Menschen zugutekommt. „Mit Jesus verwandt ist, wer – wie Jesus selbst – aus dem Gottvertrauen heraus den Menschen hilft, ihre Menschlichkeit zu gewinnen: Not lindern, zuhören können, Mut zum Leben wecken; mit dem Glauben an Gott den Glauben an sich selbst und die eigene Würde stärken.“ (K- Hollmann, Glaube lässt sehen, Paderborn 1984, s. 161) Die Gemeinschaft mit Jesus hat gute Folgen in die Umwelt hinein.

            Auch hier bleibt es dabei: es ist Jesus, der spricht, der die Feststellung trifft: mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. Es ist sein Wort. „Er nennt uns Brüder. Das Neue Testament wagt es aber nie, ihn mit dem Namen „mein Bruder, unser Bruder“ anzureden.“ (J. Schniewind, Das Evangelium nach Markus, München 1968; S.58) Was der sorgfältige Exeget vor 50 Jahren noch wusste, scheint heute vergessen, liturgisch nicht mehr relevant. Wir ernennen uns in der liturgischen Anrede flugs eigenständig zu Brüdern und Schwestern Jesu.  Vielleicht müssen wir an dieser Stelle wieder ein wenig vorsichtiger werden.

 

Jesus, dafür danke ich Dir, dass Du uns Brüder nennst, Schwestern, dass Du uns ansiehst als die, die zu Dir gehören, dass Du nur dies Eine von uns willst, dass wir bei Dir bleiben.

Dafür danke ich Dir, dass Du keinen wegschickst, niemand zurück stößt, dass Du uns zutraust, dass wir dem Willen Gott entsprechen in unserem Tun, unserem Denken und Reden, unserer Liebe und Treue. Amen