Jesu Ruf

Markus 3, 7 – 19

7 Aber Jesus entwich mit seinen Jüngern an den See und eine große Menge aus Galiläa folgte ihm; auch aus Judäa 8 und Jerusalem, aus Idumäa und von jenseits des Jordans und aus der Umgebung von Tyrus und Sidon kam eine große Menge zu ihm, die von seinen Taten gehört hatte.

     Haben sich die mörderischen Planungen bis zu Jesus herum gesprochen? Das Wort  entwich deutet darauf hin, dass Jesus sich bewusst diesen Plänen entzieht.  Aber sein Entziehen ist kein Verschwinden in die Einsamkeit, sondern an den See. Aus allen Himmelsrichtungen kommen sie zu ihm, eine große Menge aus Galiläa, aus Judäa und Jerusalem, aus Idumäa und von jenseits des Jordans und aus der Umgebung von Tyrus und Sidon. Eine bunte Mischung der Regionen – jüdisches Kernland, jüdische Provinz und Gegenden, die als heidnisch gelten. „Betont wird, dass Jesu Ruf grenzüberschreitend wirkt.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.76) So krass kann auseinanderlaufen, was die „da oben“ denken und wie das Volk „da unten“ sich verhält.

             Was die Leute kommen lässt: Was sie von Jesus hören. Von seinen Taten. Es ist das Gerücht, was man sich über ihn erzählt. Es sind wohl, ohne dass das so gesagt wird, die Wunder, größer als beim Täufer,  die sie anlocken.

  9 Und er sagte zu seinen Jüngern, sie sollten ihm ein kleines Boot bereithalten, damit die Menge ihn nicht bedränge. 10 Denn er heilte viele, sodass alle, die geplagt waren, über ihn herfielen, um ihn anzurühren.

             So viele sind es, die da am See zusammenkommen, dass Jesus Abstand braucht. Dafür sollen die Jünger sorgen. „Das Boot soll ihn als letzte Zuflucht vor der ihn bedrängenden Volksmasse schützen.“ (J.Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 1 – 8,26, EKK II/1, Neukirchen 1978) S.135) θλβωσιν steht da – sie bedrängten. Das gleiche Wort als Substantiv, θλίψις spielt eine große Rolle im Neuen Testament: Christenleben bewährt sich in der „Bedrängnis, der Trübsal, der Enge.“ 

            Dass die Leute so um Jesus drängen, auf ihn eindrängen, hindert ihn nicht, viele zu heilen. Das Resultat dieses Heilens aber macht seine Bitte an die Jünger um ein Boot als Rückzugsort umso einleuchtender. „Die Leute stürzen sich auf ihn, fallen ihn geradezu an.“  (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.100) Nur berühren, nur anfassen – was für ein seltsamer Wunderglaube! Jesus hat „Star-Status“, Einen Status, den er nie wollte, dem er immer ausweicht und den er zurückweist. Wie verständlich, auch für uns heute: Es ist zum Angst Bekommen in einer Menge, aus der tausend Hände nach einem greifen.
 

11 Und wenn ihn die unreinen Geister sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist Gottes Sohn! 12 Und er gebot ihnen streng, dass sie ihn nicht offenbar machten.

             Neben den Kranken stehen andere, von unreinen Geistern besetzt, besessen. Während die Kranken gewissermaßen handgreiflich, aber stumm geschildert werden, erheben die anderen Geschrei. Sie fallen vor ihm nieder – „unterwerfen sich Jesus und anerkennen seine Vollmacht – vielleicht um so verschont zu werden.“(W. Klaiber aaO.; S.77) Markus vermeidet für dieses Niederfallen das Wort, das er sonst für ein anbetendes Niederfallen verwendet. Es ist eine Unterwerfung, die zwar die Wahrheit herausschreit: Du bist Gottes Sohn! Aber es ist ein Schreien ohne Vertrauen, ohne Glauben.

            Darum ist die Antwort Jesu auch: er bedroht sie. Er gebietet ihnen streng: Still! Seltsam: die Dämonen rufen die Wahrheit aus und werden doch zum Schweigen verdonnert. „Das „Messsiasgeheimnis“ ist so etwas wie ein offenes Geheimnis. Leser und Leserinnen des Evangeliums sollen erfahren, dass die Mächte des Bösen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Aber sie sollen auch erkennen, dass dieses Wissen noch kein echtes Bekenntnis zu Jesus, dem Sohn Gottes sein kann.“ (W. Klaiber, ebda.) Es ist noch ein weiter Weg bis zu der vollen Christus-Erkenntnis und dem wahren Christus-Bekenntnis.   

 13 Und er ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm. 14 Und er setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen 15 und dass sie Vollmacht hätten, die bösen Geister auszutreiben.

              Was für ein Kontrast. Eben noch tumultartige Szenen am See und jetzt geht Jesus auf einen Berg. Aus der Menge ruft er – die er will. „Markus ist die Souveränität des Handelns Jesu wichtig.“(W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.78) Oder noch einmal anders gesagt: „Die Zwölfe rief er heraus und in den Zwölf sein Volk. Die Zwölfe hatten ihn nicht erwählt. Hier gab es keine persönlichen Entscheidungen. Hier war der Herr. Und der erwählte, wen er wollte. Und nur der Gerufene kam.“(P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972,S.243)

            Es fällt ja auf, wie sich die Erzählung des Markus beispielsweise von Lukas unterscheidet. Da heißt es: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass er auf einen Berg ging, um zu beten; und er blieb die Nacht über im Gebet zu Gott. Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger und erwählte zwölf von ihnen, die er auch Apostel nannte.“(Lukas 6, 12-13) Da ist die Berufung der Jünger Ergebnis einer Gebetsnacht, erwachsen aus dem Gespräch mit dem Vater. Hier bei Markus, der doch durchaus auch den betenden Jesus im Blick hat, kommt die Berufung allein daraus: er rief zu sich, welche er wollte.

             Es ist sein Wille, der diese Zwölf wählt und einsetzt und beauftragt: Merkwürdig genug, der erste Auftrag ist, dass sie bei ihm sein sollten. Nicht irgendetwas tun, sondern nur mit ihm sein. Ihn sehen, ihn hören, mit ihm essen und trinken, mit ihm unterwegs sein. Das ist – auch heute – die Mitte des Glaubens: Bei Jesus sein und bleiben. Erst danach kommt das andere: ausgesandt werden um  zu predigen, mit Vollmacht begabt, um die bösen Geister auszutreiben. Die Arbeit Jesu zu tun. Aber diese Arbeit können sie nur tun aus dem Sein mit ihm.

            Aber auch das ist wichtig: Das Sein bei Jesus wird nicht alles sein. Sie sollen und werden  hinausgehen zu den Menschen. Sie sind berufen, erwählt, aber eben nicht nur für sich, sondern –„für die draußen, für die Welt. Das ist der Anfang seiner Kirche. Hier liegt ihr Grundgesetz. Das Grundgesetz aber ist Dienst an der Welt. Predigen. Heilen. Bannen.“(P. Schütz, aaO.; S.244)

                Nie darf eine Gemeinde, darf die Kirche, dürfen wir als Einzelne das vergessen. Unsere Berufung meint immer beides – bei Jesus sein und uns auf den Weg machen zu denen, die uns brauchen. Zu denen er uns sendet.

  16 Und er setzte die Zwölf ein und gab Simon den Namen Petrus; 17 weiter: Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, den Bruder des Jakobus, und gab ihnen den Namen Boanerges, das heißt: Donnersöhne; 18 weiter: Andreas und Philippus und Bartholomäus und Matthäus und Thomas und Jakobus, den Sohn des Alphäus, und Thaddäus und Simon Kananäus 19 und Judas Iskariot, der ihn dann verriet.

             Jetzt erst, nachdem der Auftrag gegeben ist und nachdem die Grundstruktur geklärt ist – bleiben und sich senden lassen – werden die Namen der Zwölf genannt.  Simon zuerst, der den Namen Petrus empfängt. Unkommentiert, weil es ja klar ist für alle Lesenden: Dieser Name heißt Fels. Dann die beiden Brüder Jakobus und Johannes, Donnersöhne. „Der Name „Donnersöhne“ dürfte eher eine persönliche Kennzeichnung denn eine Funktionsbezeichnung gewesen sein.“ (E. Drewermann, Das Markusevangelium, Oltern 1987, S.308) Ehrlicherweise ist zuzugestehen: wir wissen nicht, ob das mehr ist als ein Spitzname und für was er steht. Ob für persönliche Eigenarten des Temperamentes oder ob sich doch anders dahinter verbirgt, dass sie „als Träger der Stimme Gottes zu verstehen seien, die vom Volk als Donner verstanden wird.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S.103)

          Nach diesen Dreien, die durch eine Namensverleihung hervorgehoben sind, kommen dann die anderen. Und am Ende der Reihe steht Judas Iskariot, der ihn verriet. „Als letzten legt er sich die Schlange mit eigener Hand an die Brust, der Liebende, der unbegreiflich Kühne.“ (P. Schütz, ebda.) Weniger dramatisch: „Es ist, als wenn Jesus sein eigenes Scheitern in die Berufung der Zwölf mit aufgenommen hätte.“ (E. Drewermann, aaO.; S.310)

           Wir müssen uns eingestehen: das weiß Markus nur, weil er den Ausgang der Erzählung schon kennt. Es ist Vorsicht geboten, aus dieser Wendung heraus zu lesen: so war es von allem Anfang an bestimmt.

 

Jesus, Du rufst wen Du willst. Du rufst zum Leben mit Dir, zum Bleiben bei Dir und dann auch zum Handeln wie Du, wie es Deinem Weg entspricht

Ich danke Dir, dass Du mich gerufen hast, Deine Hand auf mich gelegt hast schon in meiner Taufe, als ich Dir noch nichts zu bieten hatte auch nicht Glauben und Liebe, auch nicht Gehorsam und Treue.

Du rufst und wir dürfen kommen. Du wirst weiter rufen und erwählen bis ans Ende der Zeit. Amen