Das leuchtende Angesicht

  1. Mose 34, 18 – 35

 18 Das Fest der Ungesäuerten Brote sollst du halten. Sieben Tage sollst du ungesäuertes Brot essen, wie ich dir geboten habe, zur Zeit des Monats Abib; denn im Monat Abib bist du aus Ägypten gezogen. 19 Alle Erstgeburt ist mein, alle männliche Erstgeburt von deinem Vieh, es sei Stier oder Schaf. 20 Aber den Erstling des Esels sollst du mit einem Schaf auslösen. Wenn du ihn aber nicht auslöst, so brich ihm das Genick. Alle Erstgeburt unter deinen Söhnen sollst du auslösen. Und dass niemand vor mir mit leeren Händen erscheine! 21 Sechs Tage sollst du arbeiten; am siebenten Tage sollst du ruhen, auch in der Zeit des Pflügens und des Erntens. 22 Das Wochenfest sollst du halten mit den Erstlingen der Weizenernte und das Fest der Lese, wenn das Jahr um ist.

             Es sind Anweisungen für Feste, die nicht zu dem Volk in der Wüste passen. Wohl aber zu dem Land, in das der HERR Israel führen wird. Das gilt sowohl für das Fest der ungesäuerten Brote wie auch für das Wochenfest.

             Alle Erstgeburt ist mein. Auch die Regelungen zur Auslösung der Erstgeburt weisen auf die Zeit im Land. Sie sind zugleich eine Erinnerung: Alles Leben gehört dem Schöpfer, aus dem es kommt. Es ist nicht so, dass Gott diese Auslösung „braucht“, nötig hat für sein Selbstbewusstsein. Sondern wir Menschen haben die Erinnerung nötig, dass das Leben nicht in unserer Verfügungswalt ist, sondern unter dem Eigentumsvorbehalt Gottes. Das stellt diese „Auslösung“ der Erstgeburt inhaltlich der Taufen nahe. Auch sie sagt ja: dieses Leben gehört dem ewigen Gott.

 23 Dreimal im Jahr soll alles, was männlich ist, erscheinen vor dem Herrscher, dem HERRN, dem Gott Israels.

             Es sind wichtige Feste, die mit der dreimaligen Wallfahrt verbunden werden. Die Erinnerung an den Auszug, die Einprägung der Sabbatruhe, die Erntefeste – alles ist geeignet, um in Israel eine Religionskultur zu verankern, die die Verehrung des HERRN zur Mitte hat. Der besondere Hinweis, dass die Sabbatruhe auch in der Zeit des Pflügens und des Erntens  einzuhalten ist, unterstreicht die Bedeutung des Sabbats. Aber auch, dass „dem Einzelnen aus der Ausübung seiner religiösen Pflichten kein Nachteil entsteht“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.230) Israel hat es ja beim Sammeln des Manna in der Wüste erfahren: Am Sabbat sorgt der HERR dafür, dass das vorher Gesammelte reicht.

             Die dreimalige Wallfahrt setzt im Grunde ein gemeinsames, von allen anerkanntes  Heiligtum voraus. Das wird in Israel erst zur Zeit Salomos mit dem Bau des Tempels in Jerusalem verwirklicht sein. 

24 Denn ich werde die Heiden vor dir ausstoßen und dein Gebiet weit machen und niemand soll dein Land begehren, während du dreimal im Jahr hinaufgehst, um vor dem HERRN, deinem Gott, zu erscheinen. 25 Du sollst das Blut meines Opfers nicht darbringen zugleich mit dem Sauerteig, und das Opfer des Passafestes soll nicht über Nacht bleiben bis zum Morgen. 26 Das Beste von den ersten Früchten deines Ackers sollst du in das Haus des HERRN, deines Gottes, bringen. Du sollst das Böcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch.

             Auch in den Zeiten der Wallfahrt wird Israel geschützt sein. Es ist eine Einübung in das Vertrauen: wir müssen nicht selbst ständig auf der Hut sein, weil Gott, der Herrscher Israels, uns behütet. Bis hin zu Opfer- und Speisevorschriften reichen die Weisungen. Und: Das Beste ist für Gott gerade gut genug.

 27 Und der HERR sprach zu Mose: Schreib dir diese Worte auf; denn aufgrund dieser Worte habe ich mit dir und mit Israel einen Bund geschlossen. 28 Und er war allda bei dem HERRN vierzig Tage und vierzig Nächte und aß kein Brot und trank kein Wasser. Und er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die Zehn Worte.

             Es ist ein Schreibbefehl Gottes an Mose. Die Worte müssen deshalb aufbewahrt werden, überliefert werden, weil sie die Grundlage für das Leben im Bund Gottes mit Mose und Israel sind. Schreibbefehle sind häufiger in der Bibel zu finden. Von den Weisungen Gottes heißt es:  „Binde sie an deine Finger, schreibe sie auf die Tafel deines Herzens.“(Sprüche 7,3) An Jeremia geht der Auftrag: „Nimm eine Schriftrolle und schreibe darauf alle Worte, die ich zu dir geredet habe über Israel.“(Jeremia 36,2) Und der Seher auf Patmos hört: „Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden.“ (Offenbarung 1,11)

            Mose ist eine lange Zeit auf dem Berg. Bei dem HERRN. Zum zweiten Mal. Denn genauso war es ja auch vor dem Empfang der ersten Tafeln.  Vierzig Tage und vierzig Nächte und aß kein Brot und trank kein Wasser. Wie von selbst stellt sich die Erinnerung ein an Jesus, daran, dass er in der Wüste war, vierzig Tage und vierzig Nächte und dort gefastet hatte. (Matthäus 4, 2)Matthäus hat ja das Bild von Jesus, dass er der neue, zweite Mose ist. der mehr ist als Mose.

29 Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte. 30 Als aber Aaron und ganz Israel sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen.

             Mose kommt von dem Berg und ist verwandelt. Der Glanz der Herrlichkeit Gottes liegt auf seinem Angesicht, ohne dass er es weiß oder will. Er kommt aus der Begegnung mit Gott als einer zum Fürchten. Menschen, die mit ihrem Leben in die Gegenwart Gott geraten sind, sind danach verändert, verwandelt, nicht mehr die Alten. Darum gehen die Israeliten auf Abstand, damals bei Mose, weil sie irritiert sind, verschreckt wohl auch. Mose ist ihnen fremd geworden in diesen vierzig Tagen und vierzig Nächten.

 31 Da rief sie Mose und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. 32 Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der HERR mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai.

             Es ist an Mose, diese Distanz zu überwinden. Darum ruft er sie zu sich, zuerst Aaron und die Obersten und redet mit ihnen. Er gibt keine Erklärung ab zu seiner veränderten Erscheinung, sondern er gibt weiter, was ihm Gott gesagt hatte. Nicht die Veränderungen des Gottesmannes sind das Thema, sondern die Wegweisungen Gottes.  

  33 Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht. 34 Und wenn er hineinging vor den HERRN, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, 35 sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden.

           Nach dieser Begegnung legt er eine Decke auf sein Angesicht. Eine Hülle. Māsnæh. Schleier, Decke.  Nur hier, in diesem Zusammenhang, kommt dieses Wort vor. Es ist also eher eine einmalige Sache. Damit fällt für mich aus, was manche Ausleger überlegen, ob es sich um eine Art „Priestermaske“ gehandelt haben könnte, „wie sie den Israeliten aus Ägypten bekannt waren.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S.360) Aber während solche Masken dazu dienen, die Gottheit zu repräsentieren, also den Träger zu erhöhen, ist es bei Mose genau umgekehrt: Seine Decke soll die Furcht nehmen, soll ihn „menschlich“ sein lassen, den Widerschein Gottes gewissermaßen abblenden.

              Die entscheidende, die lebensnotwendige Aufdeckung ist nicht die des Mose auf Israel oder zu uns hin. Sondern es ist die Aufdeckung Gottes, von deren Glanz auf seinem Angesicht Mose nichts weiß. Das ist geschehen: Gott hat sich mitgeteilt, gesagt, wer er ist, was er tun will. Da kann der Menschenbote ruhig verhüllt bleiben und zurück treten. Das empfangene Wort ist wichtiger als die Person des empfangenden Boten. Alles Interesse gilt der Botschaft und nicht den physischen und psychischen Wirkungen beim Boten.

               Aus dieser Passage zieht Paulus weitreichende Schlüsse Die Decke auf dem Angesicht des Mose wird ihm zur Decke Israels. Er hat richtig gelesen: Mose bedeckt sein Angesicht, um Israel vor dem Erschrecken vor der Herrlichkeit zu schützen. Aber daraus wird bei Paulus, dass diese Decke bis heute bleibt. „Denn bis auf den heutigen Tag bleibt diese Decke unaufgedeckt über dem Alten Testament, wenn sie es lesen, weil sie nur in Christus abgetan wird. Aber bis auf den heutigen Tag, wenn Mose gelesen wird, hängt die Decke vor ihrem Herzen. Wenn Israel aber sich bekehrt zu dem Herrn, so wird die Decke abgetan.“ (2. Korinther 3,13 -15) Es ist ein eigenwilliges Weiterlesen des alten Textes. Aber eines, das damit rechnet: Die Herrlichkeit Christi kann nicht für immer verdeckt bleiben – weder für Israel noch für uns.

      Aber auch in diesen Worten „liest“ Paulus den Tet aus dem Buch weiter: „Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist.“ (2. Korinther 3,18)Es ist unglaublich kühn: Was an dem einen Gottesmann geschehen ist, an Mose, das sieht Paulus an allen Christen verwirkloicht: Die Herrlichkeit Gottes spiegelt sich in ihnen.

Herr Jesus, Du sagst uns zu: Ihr seid das Licht der Welt. Du glaubest an uns, dass an uns die Herrlichkeit Gottes aufleuchtet, Deine Güte sich widerspiegelt in dem, wie wir sind und was wir tun

Verleihe Du es doch, dass der helle Schein, den Du in unsere Herzen geben hast, ausstrahlt in die dunkle Welt, wärmt und stärkt, tröstet und befreit, ermutigt zum Leben mit Dir. Amen