Der zu helle Glanz

  1. Mose 33, 1 – 23                                       

1 Der HERR sprach zu Mose: Geh, zieh von dannen, du und das Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, in das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Deinen Nachkommen will ich’s geben. 2 Und ich will vor dir her senden einen Engel und ausstoßen die Kanaaniter, Amoriter, Hetiter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter 3 und will dich bringen in das Land, darin Milch und Honig fließt. Ich selbst will nicht mit dir hinaufziehen, denn du bist ein halsstarriges Volk; ich würde dich unterwegs vertilgen.

            Ein erneuter Befehl zum Aufbruch. Der Weg Israels wird nicht am Sinai enden. Es geht weiter in das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Deinen Nachkommen will ich’s geben. Es ist die Treue Gottes zu seinen Zusagen an die Väter, die hier in den Vordergrund gerückt wird. Um dieser Treue willen hält Gott an dem Volk fest, von dem er weiß: „Nicht besser als andere Menschen – ein Volk harten Nackens, unbeweglich, von sich aus nicht fähig, den Blick zu Gott zu heben.“ (I. Willi-Plein, aaO.;S. 217)

            In den Worten steckt auch Distanzierung. Ich selbst will nicht mit dir hinaufziehen, Der Treuebruch des Volkes im Tanz um das Kalb wird nicht einfach ad acta gelegt. Es stimmt nicht so: „Jahwe will nicht noch einmal das Risiko eingehen, durch selbstgemachte Götter der Menschen ersetzt zu werden.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.338) Aber das ist eine zu große Gefahr – für Israel: Würde Gott mit auf dem Weg sein – er könnte einen weiteren Treuebruch nicht noch einmal durchgehen lassen.

      Darum: Gottes Gegenwart „nur“ durch einen Engel. Der aber wird reichen, um den Weg frei zu machen. Völker zu vertreiben, für Israel Platz zu schaffen. Israel hat es nie vergessen: Das Land, in dem es lebt, das Land, darin Milch und Honig fließt, gehörte früher anderen Völkern. Israel ist der Gewinner einer Vertreibungsgeschichte. Etwas von dieser Bitterkeit der geschichtlichen Erbmasse ist bis heute in den Konflikten rund um Israel zu spüren.

4 Als das Volk diese harte Rede hörte, trugen sie Leid und niemand tat seinen Schmuck an. 5 Und der HERR sprach zu Mose: Sage zu den Israeliten: Ihr seid ein halsstarriges Volk. Wenn ich nur einen Augenblick mit dir hinaufzöge, würde ich dich vertilgen. Und nun lege deinen Schmuck ab, dann will ich sehen, was ich dir tue. 6 Und die Israeliten taten ihren Schmuck von sich an dem Berge Horeb.

           Menschen vor den Trümmern ihrer Beziehung zu Gott – das sind die Israeliten. Sie haben die Trümmer vor Augen: Die Tafeln des Gesetzes, die Mose zerbrochen hat. Der Bund, der ihnen zum Leben gegeben ist – mit den Tafeln zerbrochen. Die gute Wegweisung, die ihnen zum Leben gegeben ist – in diesen Tafeln zerbrochen.

           Was bleibt da zu sagen und zu hoffen? Was bleibt, ist bittere Selbstanklage: Wir haben den Anfang Gottes vertan und uns selbst die Zukunft verbaut, bevor sie überhaupt richtig anfangen konnte. Wir tragen selbst die Schuld. Wie soll es da noch einmal einen neuen Anfang geben können?

             Die Antwort des Volkes auf diese Einsicht ist ein Trauerritus. Sie legen den Schmuck ab, weil sie des größten Schmucks beraubt sind durch eigene Schuld – der Gottesgegenwart. Es wirkt wie eine Doppelung – aber es kann auch so gelesen werden: da kommt ein innerer Impuls des Volkes zusammen mit einem Wort Gottes. Es ist ein hartes Wort, das sie trifft und betroffen macht.  Das ihre Wesensart aufdeckt, ihnen zeigt: Gott macht sich über uns keine Illusionen. Er schützt uns, vor uns selbst und vor seinem Zorn, indem er auf Distanz geht.

7 Mose aber nahm das Zelt und schlug es draußen auf, fern von dem Lager, und nannte es Stiftshütte. Und wer den HERRN befragen wollte, musste herausgehen zur Stiftshütte vor das Lager. 8 Und wenn Mose hinausging zur Stiftshütte, so stand alles Volk auf, und jeder trat in seines Zeltes Tür und sah ihm nach, bis er zur Stiftshütte kam. 9 Und wenn Mose zur Stiftshütte kam, so kam die Wolkensäule hernieder und stand in der Tür der Stiftshütte, und der HERR redete mit Mose. 10 Und alles Volk sah die Wolkensäule in der Tür der Stiftshütte stehen, und sie standen auf und neigten sich, ein jeder in seines Zeltes Tür.

            Andere Übersetzungen wissen es besser als der Luthertext: Statt Stiftshütte – Zelt der Begegnung. „Es ist allein für den Verkehr mit Gott bestimmt.“(Hj. Bräumer, aaO;, S.339) Solche Begegnungen brauchen einen anderen Ort  als die Unruhe das Lagers. Deshalb steht es draußen, fern von dem Lager. Wer das Zelt aufsuchen will, muss sich aufmachen, einen Weg auf sich nehmen. Es ist nötig, aus dem Gewohnten herauszutreten, um zu erfahren, was der Weg Gottes ist. Das gilt für alle, die von Mose Wegweisung erhoffen. Das gilt aber genauso für Mose selbst. Es versteht sich wie von selbst: Das gilt auch noch heute, dass der Weg Gotts sich nicht einfach aus dem „Weiter so!“ ergibt, dass er erfordert, dass wir aus uns herausgehen, uns aufmachen, innerlich und äußerlich.

             Diesen Ort, außerhalb des Lagers nimmt Gott an. Als Zelt der Begegnung. Das zeigt sich in der Wolkensäule, die hernieder kommt. Mose muss nicht mehr auf den Gottesberg, um vor Gott treten zu können. Es reicht, dass Gott zu ihm kommt, dass er sich treffen lässt im Zelt. Man könnte sagen: Das Zelt der Begegnung wird zum Gottesberg.

            Über den so nüchternen Worten liegt doch ein Staunen. Was für ein Geschenk: Gott nimmt dieses Zelt an als den Ort, an dem er mit Mose redet.

Tut mir auf die schöne Pforte, führt in Gottes Haus mich ein;
ach wie wird an diesem Orte meine Seele fröhlich sein!
Hier ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht.

Ich bin, Herr, zu dir gekommen, komme du nun auch zu mir.
Wo du Wohnung hast genommen, da ist lauter Himmel hier.
Zieh in meinem Herzen ein, lass es deinen Tempel sein.   B. Schmolck 1734, EG 166

            Den alle Himmel nicht fassen können, der lässt sich treffen an einem Ort, den Menschen aufsuchen können. Unfassbar. Unglaublich.

11 Der HERR aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet. Dann kehrte er zum Lager zurück; aber sein Diener und Jünger Josua, der Sohn Nuns, wich nicht aus der Stiftshütte.

            Es ist einer der Spitzensätze der Bibel, der fast paradiesische Zustände beschwört. Die Zeit, in der Gott im Garten wandelt und Adam rief. So spricht Gott mit Mose – im direkten Gegenüber, von Angesicht zu Angesicht. „Ohne Vorbehalte seinerseits oder magische Praktiken seitens des Menschen, gerade so wie ein Mensch mit dem anderen redet.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.221)  Es verschlägt einem beim Lesen fast den Atem: wie mit einem Freund.

            „Das hebräische Wort reaʻ besitzt einen weiten Bogen von Bedeutungsnuancen: `Freund´, `Vertrauter´, `Nächster´, `Volksgenosse´, `Mitmensch´.“ (E. Kellenberger, aaO.; S.97) Es ist gut, sich vor Augen zu halten: „Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.“(Johannes 15,15) Was Mose als das Privileg des Gottesmannes erfährt, wird im Wort Jesu auf alle Jünger ausgeweitet!

12 Und Mose sprach zu dem HERRN: Siehe, du sprichst zu mir: Führe das Volk hinauf!, und lässt mich nicht wissen, wen du mit mir senden willst, wo du doch gesagt hast: Ich kenne dich mit Namen, und du hast Gnade vor meinen Augen gefunden. 13 Hab ich denn Gnade vor deinen Augen gefunden, so lass mich deinen Weg wissen, damit ich dich erkenne und Gnade vor deinen Augen finde. Und sieh doch, dass dies Volk dein Volk ist.

            Merkwürdig: die Auszeichnung des direkten Umgangs macht Mose kühn. Hartnäckig in seinem Bitten: Wenn es Gott ernst ist mit dieser Nähe, mit seiner Gnade – dann will Mose mehr wissen: den Weg und wer ihn führt. „Siebenmal begegnet in diesem Abschnitt der hebräische Wortstamm chanan, gnädig/wohlgesonnen sein.“(E. Kellenberger, ebda. Es ist ein regelrechtes Ringen um die Gnade, das den Leserinnen und Lesern vor Augen gestellt wird. So gewiss Gnade immer Geschenk ist, so gewiss kann sie doch erbeten werden, wie Mose es hier zeigt.

           Man kann es übersehen, überlesen: Mose kämpft hier nicht für sich. Das sicher auch, aber vor allem gilt sein Eintreten dem, dass das Volk die Gnade nicht verliert. Was wäre ihm Gnade, wenn sie nicht dem Volk gelten würde. dass dies Volk dein Volk ist. Darauf kommt es Mose an: Israel ist nicht mein Volk – es ist dein Volk, Gottes Volk. Und Gnade heißt für Mose: Gott bleibt nicht auf Distanz zu seinem Volk. Er muss es führen.

 14 Er sprach: Mein Angesicht soll vorangehen; ich will dich zur Ruhe leiten. 15 Mose aber sprach zu ihm: Wenn nicht dein Angesicht vorangeht, so führe uns nicht von hier hinauf. 16 Denn woran soll erkannt werden, dass ich und dein Volk vor deinen Augen Gnade gefunden haben, wenn nicht daran, dass du mit uns gehst, sodass ich und dein Volk erhoben werden vor allen Völkern, die auf dem Erdboden sind?

            Wer ist der Führer Israels? Mose stellt sich gegen den Willen Gottes, dass er, der Mann Mose, Israel führen solle. Wenn Gott sich von Israel trennen würde, wäre das das Ende Israels. Dann wäre es nichts mit Wohlgesonnen-Sein Gottes gegenüber Israel. Darum erinnert Mose Gott daran, kämpft er darum, dass Israel sein Volk ist. Er erinnert ihn daran, dass Gott doch Israel einmal unbegründet und grundlos doch liebenswürdig fand und dass sie ihm einmal gefallen haben, dass er sie deshalb erwählt hat. Nur in dieser Gnade als  Gottes Volk ist es Israel. Ohne Gott ist es wie alle Völker. Israels und Mose’s Leben hängen daran, dass Gott ihr Gott ist und sie sein Volk bleiben lässt.

17 Der HERR sprach zu Mose: Auch das, was du jetzt gesagt hast, will ich tun; denn du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.

            Gibt Gott jetzt nach? Hat ihn Mose mit seiner Hartnäckigkeit besiegt? „Der drängerische und hartnäckige Charakter von Moses Bitten fällt auf.“( E. Kellenberger, ebda.)  Es ist ja nicht das erste Mal, dass einer sich auf das Ringen um Gnade mit Gott einlässt. So hat es schon Abraham für Sodom und Gomorra gemacht – und Gott hat sich auf dieses Handeln eingelassen. So lässt er sich auch hier auf Mose ein. Weil Mose Gnade gefunden hat. Weil Gott ihn kennt, seinen Namen nennt. Das ist ein Satz wie ein sehr frühes Vorspiel zu einem viel späteren: „Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“(Lukas 10,20) Auch das ist nichts als Gnade.

18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!

            Was hat Mose nicht alles mit Gott erlebt! Er hat Gott kennen ge­lernt auf dem Weg seines Lebens. Er hat erfahren, wie Gott sein Volk aus Ägypten geführt hat. Er hat erlebt, wie Gott sein Volk in der Wüste versorgt hat und es durch die Wüste geführt hat. Er hat mit dem Volk zusammen die Gebote Gottes empfangen und hat „Ja“ ge­sagt zu dem Bund mit Gott. Er hat erfahren, dass Gott auf die Treu­losigkeit seines Volkes nicht mit Vernichtung, sondern mit Verge­bung geantwortet hat. Wir würden wohl sagen: wenn einer sagen kann, dass er Gott kennen gelernt hat, dann doch Mose.

             All diese Erfahrungen haben Mose kühn gemacht. Er spricht eine un­erhörte Bitte aus: Gott, ich möchte dich ganz kennen! Das steckt in diesem Satz: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen“ Ich möchte dich ganz kennen lernen. Mose weiß, dass er Gott nicht ganz kennt. Mose weiß, dass er trotz all der großen Erfahrungen mit Gott, die er gemacht hat auf dem Weg seines Lebens, Gott immer noch nicht ganz kennt. Und all diese Erfahrungen haben diesen Wunsch in ihm geweckt, den er hier ausspricht: „Ich möchte Dich ganz kennen. Ich möchte Dich, Gott, sehen, wie Du bist. Ich möchte Deine Herrlich­keit schauen.“ Herrlichkeit – hebräisch kābōdMacht, Würde, Majestät, Gewichtigkeit. Das ganze Gewicht Gottes will Mose aushalten.

            Ist diese Bitte Hochmut, Übermut? Ich glaube, dass es die letzte, zutiefst menschliche Sehnsucht ist, die in uns allen wohnt: „Und doch möchte nicht nur Mose hier, sondern möchten wir alle immer wieder „Handgreifliches“ haben, , möchten „sehen“, wie „wichtig“ Gott ist.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.222) Ich lese diesen Satz noch weitergehend, tiefer, weil ich in ihm die Bestimmung des Menschen angesprochen sehe, wie sie Augustinus als Gebet formuliert hat: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“  

 19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.

          Es fällt sofort auf: Gott weist die Bitte nicht als ungehörig zurück, wehrt sie nicht als Hybris ab. Sondern er sagt Mose ihre Erfüllung zu. Mose wird die Güte des HERRN sehen. Gott wird ihm seinen Namen kundtun. Aber das hat er doch schon am Dornbusch getan, möchte man sagen: „Ich bin der «Ich-bin-da»“(2. Mose 3,14 – Einheitsübersetzung).

            Jetzt kommt es zu einer neuen Kundgabe: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Ich lese als den Namen Gottes: Gnädig. Barmherzig. Voller Erbarmen. So bin ich, sagt Gott. So darfst Du, Mose, mich sehen.

             Nach dieser Zusage erst die Einschränkung: „Gottes Angesicht kann Mose ebenso wenig sehen wie irgendein anderer Mensch.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.223)Weil wir die unverhüllte Majestät, Gewichtigkeit Gottes nicht aushalten können. Weil wir vor ihr vergehen.

           Keiner von uns ist in der Lage, Gott ganz zu erfassen, ganz zu begreifen. Eine Geschichte verdeutlicht: Ein römischer Kaiser sagte zu Rabbi Jeschoa: Zeige mir deinen Gott, ich will ihn kennen lernen. Wo kann man ihm ins Angesicht schauen? Der Rabbi sagte: Das ist unmöglich, niemand kann zu sol­cher Vollkommenheit gelangen. Darauf der Kaiser: Ich bin Kaiser, für mich gibt es das Wort unmöglich nicht. Der Rabbi erwiderte: Gut, komme morgen um 12.00 zu mir. Am anderen Tag kam der Kaiser und der Rabbi ging mit ihm an den Strand. Die Sonne brannte un­barmherzig vom Himmel, nirgends war ein Versteck vor der Hitze, kein Schatten weit und breit. Wo ist nun dein Gott? fragte der Kaiser. Der Rabbi sagte: Schau in die Sonne! Da sagte der Kaiser: Das kann ich nicht, das halten meine Augen nicht aus. Und der Rabbi erwiderte ihm: Wenn du schon die Sonne nicht anschauen kannst, die doch nur sein Werk ist – wie solltest du da ihm ins Angesicht schauen können!

 Der helle Glanz Gottes ist für uns Menschen zu hell.

21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

           Aber im Nachhinein, im Hinterherschauen nehmen wir Gott ein wenig war. Aber immer noch genug zum Leben. Es reicht, Gottes Rückseite zu sehen. „In diesem Bild wird also die Grunderfahrung des Glaubens beschreiben, dass man Gottes Wirken oft gerade nachträglich als die liebende Hand erkennt, die vor der Wucht der Begegnung mit seiner verzehrenden Herrlichkeit bewahrt.“(I.Willi-Plein, ebda.) Die Gegenwart Gottes bleibt gnädig seltsam verhüllt: Im Zelt, im Angesicht und im Vorübergehen der Herrlichkeit.

           Wir können – auch nach dem NT – Gott nur vermittelt sehen: Wer den Vater sehen will, darf und muss auf Jesus schauen. Mehr halten wir nicht aus. Die Bitte um die Anschauung Gottes ist die Bitte um die Ewigkeit. Das ist der letzte Ernst dieser Bitte. Sie kann  deshalb auch nur im Sterben des weltlichen Menschen und in der Auferstehung erfüllt werden.

          Manche Ausleger würden übel nehmen, dass ich weit über den Text hinaus­ gehe: Dieser Fels ist der Hügel Golgatha. Dieser Fels, auf den Gott den Mose ruft, das ist der Ort, an dem das Kreuz des Herrn Jesus aufgerichtet wird. Da ist der Ort, wo wir hinstehen sollen, um Gott zu sehen. Wenn wir auf diesen gekreuzigten Jesus schauen, dann sehen wir Gott. Dann sehen wir die Liebe, die sich unter un­sere Schuld beugt und an ihr stirbt. Dann sehen wir die Liebe, die sich mit uns und für uns in den Tod gibt. Dann sehen wir die Liebe, die unseren Unglauben aushält und nicht mit Zorn darauf antwortet. Dann sehen wir die Liebe, die ganz schwach wird, damit wir uns nicht mehr fürchten müssen. Um mit Gott leben zu können, genügt die verhüllte Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus.

         Man merkt es nicht – aber beim Nachlesen kann es einem schon auffallen: Der Text bricht hier erst einmal ab und schweigt sich an dieser Stelle darüber aus, ob und wie die Bitte des Mose erfüllt wird.

 

Gott, ich kenne die Sehnsucht, Dich zu sehen, Dich zu verstehen, Deiner sicher zu sein.

Ich kenne die Sehnsucht, Deine Herrlichkeit zu schauen, damit das Dunkel licht wird, das Dunkel über meinen Wegen, das Dunkel über der Welt, das Dunkel über der Zukunft.

Gott, ich kenne die Angst, dass Du anders bist als ich es erwarte, dass ich  Dich nicht aushalte,der Glanz Deiner Herrlichkeit mich vergehen lässt.

Ich will Dir danken, dass Du Mose so begegnet bist, dass er es aushalten konnte, Dir nachsehen konnte, weiterleben, den Weg Dir nach auf sich nehmen konnte.

Ich will es glauben, dass Du auch mir so begegnest, dass es für die Schritte heute reicht, den Glauben heute stärkt, dass Du mir so viel Nähe schenkst,  wie ich sie aushalte.

Ich will mir genügen lassen, dass ich Dir nachsehen kann, und Deinen Spuren nachgehen kann, den Spuren des Erbarmens und der Geduld, der Gnade und der Treue, die Du in Jesus Christus in diese Welt gegeben hast. Amen