Gnadenfrist

  1. Mose 32, 15 – 35

15 Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand; die waren beschrieben auf beiden Seiten. 16 Und Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben.

             Mose geht, wie er geheißen worden ist. Aber er geht nicht mit leeren Händen. Er trägt die zwei Tafeln des Gesetzes, von Gott selbst geschrieben. Das hält für Israel bleibend fest: Die Gebote des Dekalog sind nicht einfach Recht, das Menschen setzten und damit auch verändern können, je nachdem, wie der Volkswille es meint. Sondern sie haben in „Wortlaut und Inhalt ihren Ursprung in Gott.“(Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S.328) Aber: Kein Israelit war wohl jemals so naiv, sich Gott auf dem Berg mit einer Art Schreibkeil in der Hand vorzustellen.

 17 Als nun Josua das Geschrei des Volks hörte, sprach er zu Mose: Es ist ein Kriegsgeschrei im Lager. 18 Er antwortete: Es ist kein Geschrei wie bei einem Sieg und es ist kein Geschrei wie bei einer Niederlage, ich höre Geschrei wie beim Tanz. 19 Als Mose aber nahe zum Lager kam und das Kalb und das Tanzen sah, entbrannte sein Zorn und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie unten am Berge 20 und nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und ließ es im Feuer zerschmelzen und zermalmte es zu Pulver und streute es aufs Wasser und gab’s den Israeliten zu trinken.

             Josua und Mose hören das Lärmen im Lager. Josua interpretiert: Kriegsgeschrei. Mose aber weiß es besser oder hört anders. Er hört den Tanz, das Lustgeschrei. Weil er ja auch durch Gott schon „vorgewarnt“ ist.

            Als er sehend sein Hören bestätigt sieht, den Tanz um das Goldene Kalb sieht, die entartete Anbetung, packt ihn der Zorn. Er zerbricht, was er in den Händen trägt, die Tafeln der Gebote. Er wirft sie weg – aber nicht, weil Gott sie weggeworfen hätte. „Gottes Wort, bleibt einmal gesprochen, gültig, weil es Schöpferwort ist.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.215) Es ist das Volk, das in seinem Tun die Worte Gottes als seine Wegweisung verworfen hat. Sein Zerbrechen der Tafeln ist „das Zeichen, das im wahrsten Sinn des Wortes „schlagartig“ den Israeliten vor Augen führen soll, dass sie ihrerseits die Bundesverpflichtung verworfen und gebrochen haben.“ (I. Willi-Plein, ebda.)

            Aber auch das Stierbild wird zerstört. Regelrecht vernichtet, indem es zerschmolzen und zermalmt wird – und dann müssen es die Israeliten trinken. Sie müssen ihre „Hoffnung“ zu sich nehmen, sich an ihr „verschlucken“. Es wird ihnen bitter aufstoßen.

  21 Und er sprach zu Aaron: Was hat dir das Volk getan, dass du eine so große Sünde über sie gebracht hast? 22 Aaron sprach: Mein Herr lasse seinen Zorn nicht entbrennen. Du weißt, dass dies Volk böse ist. 23 Sie sprachen zu mir: Mache uns einen Gott, der vor uns hergehe; denn wir wissen nicht, was mit diesem Mann Mose geschehen ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat. 24 Ich sprach zu ihnen: Wer Gold hat, der reiße es ab und gebe es mir. Und ich warf es ins Feuer; daraus ist das Kalb geworden.

            Erst nach diesen Aktionen stellt Mose Aaron zur Rede. Indem er ihn so befragt, wie er ihn befragt, wird sichtbar: Für Mose ist Aaron nicht nur der überforderte Erfüllungsgehilfe, der den Wünschen des Volkes nachgegeben hat. Er ist Täter. Er hat diese Sünde über sie gebracht. Er hätte sich weigern müssen, ihnen ihren Willen zu tun. Es ist die Verantwortung der Führenden im Staat, „Schaden vom Volk abzuwenden“ – so der Eid des Kanzlers, der Kanzlerin der Bundesrepublik. Es ist auch die Verantwortung der Führenden in der Kirche, der Hirten, das ihnen anvertraute Volk vor Irrwegen zu bewahren. Wehe den Hirten, die sich dieser Verantwortung zu entledigen suchen. Wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“ (Lukas 12,48)  

         Es sind fadenscheinige Entschuldigungen, die Aaron auf das zornige Fragen des Mose vorbringt. Wörtliche Wiederholungen des Erzählers aus dem Anfang des Kapitels: „Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat.“(32,1) Könnte man Aaron sehen, würde man ihm ansehen, er weiß um ihre Dürftigkeit. Es ist der Versuch, sich selbst zu entlasten, der doch als Levit hätte Widerstand leisten müssen gegen das Begehren des Volkes. Aber auch, was für eine Anklage gegen das Volk aus dem Munde Aarons: Du weißt, dass dies Volk böse ist. Es ist das uralte Spiel der Schuldabwälzung, gespielt vom Beginn der Menschheit an: Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“(1. Mose 3,12) Darauf setzt Aaron, dass er entlastet ist, weil das Volk ist, wie es ist. Böse. Mose muss das doch wissen und berücksichtigen.

               Und daraus ist das Kalb geworden.“ Wenn sonst das Passiv im Alten Testament häufig Gottes verborgenes Handeln ausdrückt, so dient es hier dazu, Aarons und der Kinder Israel Schuld zu verniedlichen. Auf einmal war dieses Kalb da und keiner hat es so recht gewollt, Aaron nicht und die Kinder Israel nicht.

25 Als nun Mose sah, dass das Volk zuchtlos geworden war – denn Aaron hatte sie zuchtlos werden lassen zum Gespött ihrer Widersacher -, 26 trat er in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem HERRN angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levi.

             Es ist gekommen, wie es kommen musste: Israel macht sich selbst und seinen Gott zum Gespött. Die Worte, die hier die Situation in der Wüste am Horeb beschreiben, werden sich später oftmals wiederholen. Die Gegner Israels halten es ihm vor: Ihr seid nicht treu eurem Gott gegenüber. Und sie halten es Israel spottend vor: Wo ist denn nun euer unsichtbarer Gott? „Wir dürfen bei dem Gezischel der Widersacher ruhig an die Parolen des Antisemitismus bis heute denken.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.216) Es ist oft so: die Schilderungen dessen, was auf dem langen Weg durch die Wüste geschieht, sind durchsichtig auf die spätere Zukunft.

            In diese spätere Zukunft weist auch die „Lösung“: auf den Ruf des Mose hin sammeln sich die Söhne Levi um ihn. „Der Stamm Levi ist kein Stamm wie die anderen Stämme Israels. Sein Verzicht auf Erbbesitz macht ihn heimatlos, d.h. seine Heimat ist der HERR.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.212) Genau das steht jetzt auf der Probe: Gibt es in Israel  doch Leute, die wissen: Wir gehören nicht uns selbst. Wir gehören dem HERRN.

27 Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten. 28 Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann.

        Es ist ein mörderischer Befehl, den Mose an die Leviten erteilt. Keine Schonung – für niemand. Auch nicht für seinen Bruder, Freund und Nächsten. Es ist der Versuch, ein reines Gottesvolk herzustellen. Er endet, wie solche Versuche immer enden, in einem Blutbad. Die Gottesverehrung des Mose kennt keine Kompromisse mit anderen Völkern und Formen. Keine ethnische Säuberung, sondern schlimmer noch: Ein Töten aus religiösen Gründen. 3000 werden umgebracht, alle aus den einen Grund: Abfall von Gott.

           Man kann das wohl nur mit einem kalten Schauer auf dem Rücken lesen. Vor allem, weil Mose ja nicht aus eigenem Denken sagt, was er sagt: So spricht der HERR, der Gott Israels. Schauerlich: Mit „Gott will es!“ sind Kreuzzüge begründet und intiert worden – von einer geistlichen Autorität wie Bernhard von Clairvaux. Mit den gleichen Gedankengängen begründen heutzutage IS-Kämpfer und andere fanatische Gruppen, meistens unter Rückgriff auf den Satz: Allah will es! Wenn sie Ungläubige umbringen – Muslime, die nicht so rechtgläubig sind, einer anderen Islam-Spielart anhängen, Aleviten, Jesiden, Drusen, und auch Christen. Alles Ungläubige.

         Auch das ist eminent wichtig: Solche Texte wollen nie Handlungsanweisungen für uns Nachgeborene sein. Es gibt aus ihnen keine Rechtfertigung für Gewalt, die sich auf den Glauben beruft. Wer den Glauben an Christus mit Gewalt ausbreiten wollte, wer die Abweichler mit Gewalt von der Erde tilgen wollte, der vergeht sich an Christus selbst. Auch vor jedem „Ungläubigen“ steht Christus und sagt: Ich bin für ihn gestorben. Nicht gegen ihn. Darum darf er leben.

  29 Da sprach Mose: Füllt heute eure Hände zum Dienst für den HERRN – denn ein jeder ist wider seinen Sohn und Bruder gewesen -, damit euch heute Segen gegeben werde.

             Von diesem Tag an sind die Leviten beauftragt zum Dienst für den HERRN. Auch wenn man die ganze Episode nicht als eine Art „Einsetzungsgeschichte“ lesen muss. „Ihr entschiedenes Nein zur Abgötterei, auch da, wo sie nur verschleiert auftritt (V. 5!) ist die Bewährung, die das erste Gebot bewahrt.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.213) In der Klarheit dieses Neins mögen sie Vorbild sein, aber nicht in der Weise, wie sie es ausgelebt haben.

30 Am nächsten Morgen sprach Mose zum Volk: Ihr habt eine große Sünde getan; nun will ich hinaufsteigen zu dem HERRN, ob ich vielleicht Vergebung erwirken kann für eure Sünde.

            Über den ganzen Tumulten im Lager könnte Gott in Vergessenheit geraten, so wie er bei uns über den Tumulten des Lebens leicht einmal nur noch „Lebenshintergrund“ zu sein scheint. Mose hat ihn nicht vergessen. Er hat vor Augen, was geschehen ist. Und er ist eindeutig und verschweigt es nicht: Er mutet dem Volk dieses Urteil über sein Verhalten zu. Ihr habt eine große Sünde getan; Ohne jede Ausrede, ohne jede Beschönigung. Ganz anders als sein Bruder Aaron, er immer versucht hat, alles klein und schön zu reden.

             Mose tritt einen Weg an, von dem er nicht weiß, ob er zum gewünschten Ziel führen wird. Vielleicht Vergebung. Es ist das Risiko allen Betens, allen Bittens, aller Fürbitte: Vielleicht.Im Beten gehen Menschen über das hinaus, was sie sehen, wissen und zu glauben meinen.“ (I.Dalferth, Beten – ein Reden des Herzen, Studienbrief Brennpunkt Gemeinde 2.2016; S.6) Wer betet, bittet, weiß nicht, ob er sein Ziel erreichen wird. Nicht einmal, ob er wirklich das Ziel kennt und benennen kann. Er wird aber nicht aufhören, zu hoffen: Vielleicht. Und erspart sich um dieser Hoffnung willen nicht die konkreten Schritte: Gehen und Bitten.

 31 Als nun Mose wieder zu dem HERRN kam, sprach er: Ach, das Volk hat eine große Sünde getan, und sie haben sich einen Gott von Gold gemacht. 32 Vergib ihnen doch ihre Sünde; wenn nicht, dann tilge mich aus deinem Buch, das du geschrieben hast.

              Mose ist auch Gott gegenüber klar. Im Bitten vor Gott spricht er deutlich aus, wer schuldig ist, wer gesündigt hat. Diese klare Bezeichnung der Schuldigen wird bei Mose nicht zur Distanzierung. Er macht hier nicht den Schritt der Entschuldigung mit, der anderen die Schuld und die Tatfolgen zu schustern will. Er als der Unschuldige versucht in keiner Weise, sich den Tatfolgen seines Volkes zu entziehen.

           Mose bekennt in dieser Situation seine Zugehörigkeit zu dem Volk und bittet für das Volk um Vergebung und damit auch für sich. Es ist die Schicksalsgemeinschaft mit Israel, die Mose hier sieht und nicht auflöst.  Man könnte auch so lesen: Wenn vor Dir kein Platz mehr ist für das schuldige Israel, dann ist da auch kein Platz mehr für mich. Wenn du ihre Namen austilgst aus deinem Buch des Lebens, dann auch meinen Namen.

             Wenn ich die Parallele ziehe, so ist nach meinem Verhältnis und meiner Zugehörigkeit zur schuldig werdenden Gemeinde gefragt. Dient der Schuldspruch mir als Mittel, mich selbst rein zu waschen? Oder schließe ich mich trotzdem mit der Gemeinde, gerade auch der schuldig gewordenen, vor Gott zusammen in meiner Fürbitte für sie und für mich?

          Ist es ein Tausch, den Mose seinem Gott anbietet? Mein Leben für ihr Leben. Stellvertretung. Meine Zukunft für ihre Zukunft. So habe ich nie vor Gott gestanden. Und es lässt mich schauern, wenn ich von alten Menschen höre: Wenn ich doch sterben würde und dafür mein Enkel leben könnte. So mit Gott handeln –  das ist nicht mein Bild. Und so handeln ist für mich auch, so großartig auch die Solidarität ist, die sich darin zeigt, eine Grenzüberschreitung. Ich biete Gott doch nur an, was ihm ohnehin gehört: Mein Leben.

 33 Der HERR sprach zu Mose: Ich will den aus meinem Buch tilgen, der an mir sündigt. 34 So geh nun hin und führe das Volk, wohin ich dir gesagt habe. Siehe, mein Engel soll vor dir hergehen. Ich werde aber ihre Sünde heimsuchen, wenn meine Zeit kommt.

             Was für eine Antwort: Moses Antrag wird abgelehnt. Es steht ihm nicht zu, die Tilgung des eigenen Lebens zu beantragen. Und auch das wird ihm verweigert, an Stelle des Volkes ausgetilgt zu werden. Gott weist den Handel, den Mose vorschlägt zurück und bewahrt darin seine eigene Freiheit. Der stellvertretende Tod für die Sünder ist einem späteren Zeitpunkt und einem späteren Beauftragten Gottes vorbehalten.

               Statt dessen Galgenfrist, die aber gleichwohl auch Gnadenzeit ist. Der Weg Israels endet nicht in der Wüste. Mose wird das Volk weiter führen, dahin, wo Gott es ihm gesagt hat. Wir erinnern uns: „in das Land, wo Milch und Honig fließt“ (3,8). In diesem Führen wird Mose nicht allein sein –  mein Engel soll vor dir hergehen.

       Erst wenn es so weit ist, wenn Gottes Zeit ist, wird er ihre Sünde heimsuchen. Es gehört zum Geschichtsverständnis, das sich in Israel entwickelt, durch lange Zeit hindurch, dass die Katastrophe, auf die die Geschichte Israels im Jahr 586 zuläuft, ihre Vorgeschichte schon in den Anfängen hat. Und dass es Gottes Langmut ist, die ihn so lange zuwarten lässt mit seinen Gerichten. Nicht, dass spätere Generationen büßen müssen für die Sünden der Väter, sondern sie bekommen die Rechnung präsentiert, weil sie nicht anders sind in ihrer Art und ihrem Leben wie die Väter. Sie haben die Gnadenzeit nicht als Zeit zur Umkehr genutzt, sondern sie nur als Galgenfrist wahrgenommen. Und wir – nützen wir die Gnadenzeit Gottes?

35 Und der HERR schlug das Volk, weil sie sich das Kalb gemacht hatten, das Aaron angefertigt hatte.

            Irgendwie hängt der Satz ein wenig deplatziert in der Luft. Oder ist er aus der Rückschau viel späterer Jahre formuliert, der das Unheil, das Israel auf dem Weg durch die Zeit widerfährt, zum Beispiel in den Jahren der Richter, in denen Israel immer wieder in große Nöte gerät, als die Reaktion Gottes auf diesen Abfall zu dem Kalb wertet?

 

Heiliger Gott, vor Dir stehen wir nie als die, die reine Hände haben, deren Herz rein ist, die alles richtig gemacht haben

Wenn wir Dich bitten, für uns selbst und für andere, für Deine Welt, sind wir immer Beteiligte, immer solche, die alles Recht zu bitten längst verspielt haben.

Dafür danke ich Dir, dass Du unser Beten hörst, uns hörst, uns mit den belasteten Herzen und den belasteten Händen. Amen