Fürbitte – Gott in den Arm fallen

  1. Mose 32, 1 – 14

 1 Als aber das Volk sah, dass Mose ausblieb und nicht wieder von dem Berge zurückkam, sammelte es sich gegen Aaron und sprach zu ihm: Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat.

             Der Mann Mose lässt auf sich warten. Vierzig Tage und vierzig Nächte (24,18) ist er verschwunden. Länger als es das Volk gut aushält. So wollen sie Ersatz für den Mann. Ihre Aufforderung an Aaron: mach uns einen Gott, wirft ein Licht auf die Bedeutung, die Mose für sie hat. Er ist ihnen nicht nur Sprachrohr Gottes, er steht für sie an der Stelle Gottes. Weil der Führer aus Ägypten vermisst wird, braucht es Ersatz. Im wahrsten Sinn des Wortes: Augenblicklich. Weil Mose ihnen aus den Augen gekommen ist und Gott ja ohnehin unanschaulich und verhüllt ist.

           Aber auch das mag mitschwingen: Mose war nie so wirklich einer wie die anderen. Und jetzt ist er so lange schon weg. „Man weiß nicht, was aus ihm geworden ist, ein hergelaufener Mensch ist er, dessen Spuren der Wind verweht. Gott braucht den Menschen für sein Werk, aber Menschen möchten lieber Idole, an die sie sich halten können.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.213 )  

  2 Aaron sprach zu ihnen: Reißt ab die goldenen Ohrringe an den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und eurer Töchter und bringt sie zu mir. 3 Da riss alles Volk sich die goldenen Ohrringe von den Ohren und brachte sie zu Aaron. 4 Und er nahm sie von ihren Händen und bildete das Gold in einer Form und machte ein gegossenes Kalb. Und sie sprachen: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat!

             Das ist dein Gott – im Hebräischen steht das Pluralwort ælohîm, Götter, auch wenn Luther wohl zu Recht im Singular mit Gott übersetzt. Götter fordern Opfer So ist es auch hier. Die Israeliten lassen es sich etwas kosten: Das Edelmetall Gold wird eingesammelt, eingeschmolzen und umgestaltet – zum gegossenen Kalb. ʽegæl wird es genannt, entweder als Jungstierbild oder im verächtlichen Ton: nur ein Kalb.“ (O.-A.Scriba, Aufbruch in Gottes Zukunft, Zur 32. Bibelwoche 1969/70, Berlin 1969, S.74) Dazu  ringt sich Aaron durch. Oder ist es doch so, dass er den Ansturm des Volkes sieht und ihm sofort willfährig entspricht?

            Es bleibt nicht bei der Statue – es kommt zu einem regelrechten Ausruf der Verehrung: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat! Es ist ein hartes Urteil, aber zugleich eine bestürzende Wahrheit: „Der Moseersatz wurde zum Gottesersatz.“(R. Gradwohl. Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 4; Stuttgart, 1989, S.89)  Und indem sie so ausrufen, überschreiten die Israeliten eine Grenze, die ihnen gesetzt worden ist: Sie haben „einen Gott neben dem einen Gott.“(20,3) 

5 Als das Aaron sah, baute er einen Altar vor ihm und ließ ausrufen und sprach: Morgen ist des HERRN Fest. 6 Und sie standen früh am Morgen auf und opferten Brandopfer und brachten dazu Dankopfer dar. Danach setzte sich das Volk, um zu essen und zu trinken, und sie standen auf, um ihre Lust zu treiben.

             Aaron treibt das Geschehen weiter. Jetzt wird es endgültig „religiös“. Er baut einen Altar und ruft ein Fest aus für den nächsten Tag – ein Fest des HERRN. Dafür hatten sie ja beim Pharao „Urlaub“ vom Frondienst eingefordert. Sind sie also jetzt an dem Ziel, zu dem hin sie in Ägypten aufgebrochen waren? Weiter gefragt: Bietet Aaron ihnen das alles an, weil er in ihrem Verhalten die eigenen Fragen und Ängste, die eigene Sehnsucht sieht – und auch befriedigt?

           Am nächsten Tag ist es so weit: Die Israeliten opferten Brandopfer und brachten dazu Dankopfer. Wem? – muss man wohl fragen. Den Göttern, dem Kalb – oder doch dem HERRN? Es erscheint wie ein hilfreicher Ausweg aus dem Schlamassel: „Wahrscheinlich ist der Jungstier gemäß altorientalischem Brauch als Postament des darauf thronenden (unsichtbaren Jahwe-)Gottes zu denken.“(E. Kellenberger, Der lange Weg der Befreiung. Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1986, S.90 Das Kalb – nur ein Reittier für den unfassbaren Gott Israels? Dann wäre dieser ganze Gottesdienst ja doch im Grunde gut gemeint, nur ein wenig religiös vermischt und theologisch nicht ganz sauber zu Ende gedacht? Und Aaron wäre mit seiner Aktion immerhin, was wir uns so sehr wünschen – nahe bei den Menschen?

7 Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. 8 Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben’s angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat. 9 Und der HERR sprach zu Mose: Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist. 10 Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen.

             Bei Gott aber ist das nicht nur als ein etwas unglücklicher Versuch eines Gottesdienstes angekommen. Er sieht in diesem Fest den Abfall, die Kündigung des Bundes. Sie sind schnell von dem Wege gewichen. Das Urteil ist hart, erst recht, wenn man es mit den früheren Reaktionen vergleicht: Murren, Klagen, Hadern – das alles hat Gott hingenommen. Jetzt scheint das Maß voll. „Verdorben hat´s dein Volk.“ (R. Gradwohl, aaO.; S.90) Die Chance ist vertan.

            Der HERR geht auf Distanz: dein Volk sagt er zu Mose – nicht: Mein Volk. Und: Du hast es aus Ägypten geführt. Es ist Gott ja nicht entgangen, was geschehen ist. Mose hat es nicht mitbekommen, wohl aber Gott, der ja wörtlich den Anbetungsruf der Israeliten unten im Tal zitiert und dazu setzt: Sie haben es angebetet. Das ist mehr als nur ein liturgischer Fehlgriff im Gottesdienst.

            Weil das alles so ist, schickt Gott Mose weg. Hinab ins Tal. „Wozu bedürfte es seines Verbleibs in der Klausur mit Gott? Wenn ein Volk scheitert, ist sein Anführer gescheitert. Selbst ein Mose hat ausgedient, der Zeit seines Lebens ein „Diener (ʽéwed) des Herrn und ein Diener seines Volkes gewesen ist.“(R. Gradwohl. aaO.; S.93) Das Volk ist durch sein Tun auf dem Abstieg und Mose steigt folgerichtig mit ab.

           Es wirkt, als wolle der HERR Mose loswerden, damit er seinem Zorn nicht im Weg steht. Aber immerhin: Gott ist bereit, mit Mose einen neuen Anfang zu machen. Was für ein atemberaubendes Angebot an Mose: ich will dich zum großen Volk machen. Es sind die gleichen Worte, die Gott zum Abraham gesprochen hatte, ganz am Anfang, in Haran. „Gott macht Mose das Angebot, zum Erzvater zu werden, zum Kern eine neuen Israel.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S.323 )

 11 Mose aber flehte vor dem HERRN, seinem Gott, und sprach: Ach HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? 12 Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden?

             Mose ist ganz krank (hebräisch chalá) von dem, was er aus dem Mund Gottes hört. Darum versucht er ihn umzustimmen, ihn zu besänftigen. „Die Wendung … ist genau wie die Rede vom Zorn und der Reue Gottes ein Bild aus der menschlichen Denkweise.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.324) Aber anders als menschlich, mit den Bildern unserer Welterfahrung, können wir ja nicht von Gott reden. Wir haben nur unsere Sprachmittel, keine adäquate Himmelssprache. Zugleich aber denke ich, dass diese Wendungen genau treffen, wie Gott ist, wie er handelt und wie wir ihm begegnen können. Wir dürfen flehen, ihn zu besänftigen suchen. Wir dürfen ihm zeigen, dass uns manches ganz krank macht.

             So redet Mose auf seinen Gott ein. Er ist ja jetzt nur noch sein Gott – das Volk hat sich an einen anderen Gott verloren. Aber in seinem Einreden weist er zugleich die Worte Gottes zurück. Für Mose sind und bleiben die Israeliten dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast. Er lässt Gott seine Distanzierung nicht durchgehen. Er erinnert ihn an seine Wahl!

            Mose steht vor Gott, erspürt seinen Zorn und tritt ihm in den Weg. Er stellt sich quer. Mose verwehrt durch seine Fürbitte Gott die Untreue gegen seine eigene Verheißung. Dass Gott sich an ihn binden will, wehrt Mose ab und erinnert Gott an seine Geschichte mit Abraham, Isaak und Jakob. Der Bund Gottes ist ihm wichtiger als die Möglichkeit, selbst zum Vater des Gottesvolkes zu werden. Kein Gedanke gilt der möglichen eigenen Größe. Es geht um Gott und seinen heiligen Namen.

            Es ist ein sehr menschliches Argument: Machst du dich nicht vor den Ägyptern zum Gespött? Sie werden sagen: Gott weiß nicht, was er will – erst rettet er sie und dann vernichtet er sie! Was für ein widersprüchlicher Gott. Es ist, als hätte Mose über Jahrtausende hinweg die Spötter von heute schon gehört, die auch gar zu gerne sagen: `Gott ist alles Mögliche, aber nicht konsequent. Mal ist er so, mal ist er ganz anders. Wer sich auf Gott verlässt, ist gottverlassen.´

 Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. 13 Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.

           Kehre um! Gedenke! Schuw, sʼchor. Es sind zwei Zentralworte des Glaubens. Immer wieder wird es um die Umkehr des Volkes zu seinem Gott gehen. Und immer wieder wird das Volk gefordert sein, daran zu gedenken, zu wem es gehört. Hier aber wird es ein für alle Mal sichtbar: Alle Umkehr der Menschen fängt mit der Umkehr Gottes an, dass er sich erneut zuwendet, zu denen, die alles Recht auf seine Zuwendung verspielt, vertan haben. Alles Gedenken der Menschen hängt daran, dass Gott gedenkt, dass er seine Treue festhält. Darum kein Wort der Entschuldigung für das Volk. Keine Verharmlosung dessen, was passiert ist. Aber die Erinnerung an Gott: Sei Dir und Deinen Verheißungen treu.

14 Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.

        Seltsam: Gott lässt sich umstimmen. Das geplante Unheil reut ihn. wajináchem  – er änderte seinen Ratschluss. Was für ein Kontrast: hier der Irrweg, der beschritten worden ist. Da die Umkehr von einem bis dahin nur gedachten Weg. Die Reue darüber. Bis zu diesem Augenblick ist von einer Reue Israels keine Rede! Es ist kaum möglich, überzeugender zu zeigen: Gottes Gnade ist voraussetzungslos. Seine Reue kommt nicht erst durch unsere Reue in Gang.

          Gott schenkt ohne Wenn und Aber. Ohne Vorbedingungen. Wenn ich das ernst nehme, wie hier erzählt wird, stelle ich auch liturgische Abläufe in Frage – zum Beispiel bei der Feier des Abendmahls: Es ist keine sachliche Voraussetzung für den Empfang von Brot und Wein, dass ihm Sündenbekenntnis und Lossprechung voraus gegangen sind.

             Ein Jahrtausend später spricht einer fast wie Mose „Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch.“ (Römer 9, 3) Ganz nahe bei Mose ist Paulus mit diesen Worten. Auch er hält angesichts der Weigerung des Volkes an der Bundestreue Gottes fest. Auch ihm ist Israel mit Gott mehr wert als seine eigene Geschichte und auch er weicht nicht ab vom Eintreten für Israel.

             Es gilt standzuhalten. Wer vor Menschen nachgibt, kann vor Gott nicht durchhalten. Gefragt ist aber genauso nach dem Standhalten in der Fürbitte. Halte ich Gott seine Treue und seine Verheißungen vor? Trete ich für Menschen ein oder gebe ich ihnen nach?

Mein Gott, die Fürbitte des Mose hat den Zorn aufgehalten, der doch zu berechtigt war. Die Fürbitte des Mose hat Dich umkehren lassen

Davon leben wir bis heute, dass die Fürbitte für uns Deinen Zorn aufhält, dass die Fürbitte für uns den Raum offen hält für unsere Umkehr, uns noch Gnadenzeit gewährt

Darauf traue ich, Jesus, dass Du nicht aufhörst bis ans Ende der Zeit, nicht aufhörst im Ende der Zeit, für uns einzutreten, damit wir Gnade erfahren, Gott sich umkehrt zu uns. Amen