Himmlisches Modell, irdische Ausführung

  1. Mose 25, 1 – 22

 1 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 2 Sage den Israeliten, dass sie für mich eine Opfergabe erheben von jedem, der es freiwillig gibt. 3 Das ist aber die Opfergabe, die ihr von ihnen erheben sollt: Gold, Silber, Kupfer, 4 blauer und roter Purpur, Scharlach, feine Leinwand, Ziegenhaar, 5 rot gefärbte Widderfelle, Dachsfelle, Akazienholz, 6 Öl für die Lampen, Spezerei zum Salböl und zu wohlriechendem Räucherwerk, 7 Onyxsteine und eingefasste Steine zum Priesterschurz und zur Brusttasche.

             Dort, im Dunkel der Wolke auf dem Berg, redet der HERR  mit Mose. Aber nicht über Zukunftspläne, Gesetze, Regeln. Sondern über eine Opfergabe. Eine Abgabe – hebräisch terȗmāh. Nicht Abfall, sondern Hochgehobenes, wenn man so will: Hochwertiges. Freiwillig soll sie sein. Von Herzen kommend.  Keine Zwangssteuer. Das verträgt sich nicht mit dem Bund, den Gott mit Israel geschlossen hat.

        Was dann aufgezählt wird, sind hochwertige Kulturgüter. Edle Metalle und edle Stoffe. Die Schreiber der Texte „haben sich offensichtlich keine Gedanken darüber gemacht, woher die Israeliten am Sinai alle diese Kostbarkeiten haben sollten, die, wie schon ihre teilweise sicheren ausländischen Benennungen zeigen, ausgesprochene Kulturlandgüter waren.“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.164) Das legt einmal mehr den Gedanken nahe: hier werden spätere Sichtweisen in die Anfangszeit zurück transportiert: Da, vom Sinai, kommt alles her.

 8 Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, dass ich unter ihnen wohne. 9 Genau nach dem Bild, das ich dir von der Wohnung und ihrem ganzen Gerät zeige, sollt ihr’s machen.

         Wichtiger als das Material ist allerdings, was damit gemacht wird, was daraus werden soll. Ein Heiligtum, hebräisch: miqdāš, geweihtes Land, eine Wohnung Gottes. Es lohnt sich genau zu lesen. Das Heiligtum ist nicht gedacht als der „Wohnort“ Gottes. Wohnen will er unter ihnen. Das Heiligtum ist – so lese ich – nur die Erinnerung daran, dass Gott unter ihnen wohnen will. Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, braucht doch keine Wohnung. „Die, die dieses Heiligtum brauchen, sind die Israeliten. Wenn sie das Heiligtum sehen, werden sie gewiss: Gott will unter und bei ihnen wohnen.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S.239)

          Das hat, ernst genommen, Folgen bis zu uns heute. Wir reden gern von der Kirche als dem Gotteshaus – und beschränken dann auch die Gegenwart Gottes im eigenen Leben auf die Zeit, in der wir im Gotteshaus sind – sonntags von 10 – 11, wenn es denn gut geht. Aber auch die Kirchen bei uns haben eine andere Funktion; Sie sollen und wollen daran erinnern, dass Gott unter uns wohnt, in den Herzen, in den Häusern, in unserem Alltag. Gegenwärtig ist in unseren Entscheidungen, unseren Plänen, auch unserem Scheitern.

            Für dieses Heiligtum zeigt Gott Mose ein Modell, ein Bild. Das ist die Überzeugung Israels: Der Bauplan des Heiligtums – erst der Stiftshütte, später auch des Tempels geht auf Gott selbst zurück. Das irdische Haus ist ein Abbild des himmlischen Hauses.

          Es gehört zur Sichtweise der alten Welt, der Antike rund um Israel, dass die irdischen Verhältnisse nur Abbildungen der himmlischen Verhältnisse sind. Von daher ist das für die Israeliten sofort nachvollziehbar: Das Heiligtum hat sein „Original“ im Himmel.

        Worauf wir nicht gleich kommen: Der gleiche Gedanke wirkt fort bis zu uns heute, ausgesprochen jeden Sonntag, wenn wir beten: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“(Matthäus 6,10) Wir beten darum, dass endlich auch bei uns die irdischen Verhältnisse den himmlischen entsprechen. Wir beten auch darum, dass unser Tun doch etwas dazu beitragen  möge, diesem Beten Kraft zu verleihen, es Wirklichkeit werden zu lassen. Das Leben hier möge sich dem Bild angleichen, das im Himmel schon wirklich ist.

10 Macht eine Lade aus Akazienholz; zwei und eine halbe Elle soll die Länge sein, anderthalb Ellen die Breite und anderthalb Ellen die Höhe. 11 Du sollst sie mit feinem Gold überziehen innen und außen und einen goldenen Kranz an ihr ringsherum machen. 12 Und gieß vier goldene Ringe und tu sie an ihre vier Ecken, sodass zwei Ringe auf der einen Seite und zwei auf der andern seien. 13 Und mache Stangen von Akazienholz und überziehe sie mit Gold 14 und stecke sie in die Ringe an den Seiten der Lade, dass man sie damit trage. 15 Sie sollen in den Ringen bleiben und nicht herausgetan werden.

           Es folgen Bauanleitungen für die Lade. Ein transportables Gerät, entsprechend dem, dass Gott einer ist, der mitgeht.

 16 Und du sollst in die Lade das Gesetz legen, das ich dir geben werde. 17 Du sollst auch einen Gnadenthron machen aus feinem Golde; zwei und eine halbe Elle soll seine Länge sein und anderthalb Ellen seine Breite. 18 Und du sollst zwei Cherubim machen aus getriebenem Golde an beiden Enden des Gnadenthrones, 19 sodass ein Cherub sei an diesem Ende, der andere an jenem, dass also zwei Cherubim seien an den Enden des Gnadenthrones. 20 Und die Cherubim sollen ihre Flügel nach oben ausbreiten, dass sie mit ihren Flügeln den Gnadenthron bedecken und eines jeden Antlitz gegen das des andern stehe; und ihr Antlitz soll zum Gnadenthron gerichtet sein. 21 Und du sollst den Gnadenthron oben auf die Lade tun und in die Lade das Gesetz legen, das ich dir geben werde. 22 Dort will ich dir begegnen, und vom Gnadenthron aus, der auf der Lade mit dem Gesetz ist, zwischen den beiden Cherubim will ich mit dir alles reden, was ich dir gebieten will für die Israeliten.

            Die Bauanweisungen gehen detailliert weiter. Eine Deckplatte, hebräisch: kapporæt,  auf der Cherubim stehen. Das ist die Mitte des ganzen Baues. Und hier taucht ein Wort auf, das später aufgenommen wird. Deckplatte heißt es in den meisten neueren Übersetzungen. λαστριον. Hilasterion. Gnadenthron übersetzt Luther. Weil er sich an die Septuaginta anlehnt. Auf Englisch: mercyseat.

           Das gleiche Wort verwendet Paulus – an der Stelle, die für Luther eine zentrale Rolle für sein Verstehen des Glaubens spielt: „Ihn hat Gott hingestellt als einen Sühneort durch den Glauben an sein Blut. (Römer 3,25, Elberfelder Bibel) Luther übersetzt: als Sühne – weil ihm daran liegt, dass es um die Person Jesu geht. Aber es steht dort eben diese Ortsbezeichnung: λαστριον. Der Gnadenthron, den wir Christen glauben, zu dem wir uns flüchten, ist Christus.

           Von diesem Gnadenthron aus will Gott dem Mose begegnen, will er ihm die Weisungen geben, mit denen er Israel leiten will. Es wird in späterer Zeit zur regelrechten Gebetsanrede: HERR, Gott Israels, der du über den Cherubim thronst.“(2. König 19,15) Darin zugleich auch zur Erinnerung: Die Weisungen des Herrn kommen aus seiner Güte, aus der Gnade. Sie sind heilig, aber weil sie vom Ort der Gnade her kommen sind sie auch Ausdruck seiner Gnade.

            Wofür braucht es überhaupt so ein Heiligtum? „Aus dem einmaligen Erleben muss nun das beständige Nachleben werden; aus der Begnadung des Augenblicks die Institution, aus der unbeschreiblichen Gotteserfahrung die ständige Einrichtung des Gottesdienstes auf Generationen hin und auf Weltzeit.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.170)  

          Es ist nicht getan mit Glauben bei Gelegenheit, mit der „Kirche bei Gelegenheit“ (M.Nüchtern), es braucht die Dauer, die Beständigkeit, den immer wieder neuen Zugang zu Gott. Darum braucht es den besonderen Ort, das Heiligtum, damit wir immer und überall glauben können: „Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind…. er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.“ (Apostelgeschichte 17, 24,27)

 

Gott im Himmel, ich danke Dir, dass Du uns besondere Orte schenkst, dass wir Zeiten aussondern dürfen, um uns zu Dir zu wenden, still zu werden, Dein Wort zu hören, Dich zu suchen

Ich danke Dir, dass es den einen Ort über allen Orten gibt, an dem Deine Herrlichkeit aufleuchtet, an dem alles Dunkel weichen muss, an dem wir Dein Lieben sehen, ohne es je fassen zu können, Deinen Sohn Jesus Christus.

Ihn hast Du uns zum Gnadenthron gemacht, zum Ort der Zuflucht, solange die Welt besteht. Darüber lobe und preise ich Dich. Amen