Angesichts Gottes

  1. Mose 24, 1 – 18

 Diesem Abschnitt geht das „Bundesbuch“ voraus, eine „Sammlung von Rechtssätzen verschiedener Form und verschiedenen Inhalts.“ (M. Noth, Das zweite Buch Mose, ATD 5, Göttingen 1968, S.139)Es ist wie eine Wanderung durch die Lebensumstände Israels. Altargesetz, Sklavengesetze, Körperverletzungen,  Eigentumsdelikte, Festkalender todeswürdige Verbrechen, – alles wird aufgelistet und behandelt. Es ist eine alte Sammlung, aber es will nicht so recht gelingen, ihre Entstehungszeit fest zu legen. In der fortlaufende Bibellese wird das Bundesbuch ausgelassen und einmal mehr weiß ich nicht so recht, warum.

 1 Und zu Mose sprach er: Steig herauf zum HERRN, du und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels, und betet an von ferne. 2 Aber Mose allein nahe sich zum HERRN und lasse jene sich nicht nahen und das Volk komme auch nicht mit ihm herauf.

             Diese Sätze knüpfen fast übergangslos an den Schluss von Kapitel 20 an Nicht nur Mose soll heraufsteigen auf den Berg, sondern mit ihm Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels.  Sie sollen anbeten von ferne. Daran bleibe ich hängen: von ferne. Weil es viel später, rund um die Kreuzigung Jesu wieder und wieder auch so heißen wird: „Petrus aber folgte von ferne.“( Lukas 22,54) Und: „Es waren viele Frauen da, die von ferne zusahen; die waren Jesus aus Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient.“(Matthäus 27,55) Es gibt nicht nur die Nähe zu Gott, es gibt auch ein „von ferne“, das  allein angemessen sein kann.

            Es ist nicht der Mensch, der entscheidet, wie nahe er Gott kommen möchte. Es ist der HERR, der entscheidet. Hier: dass Mose allein sich nahen darf.

3 Mose kam und sagte dem Volk alle Worte des HERRN und alle Rechtsordnungen. Da antwortete alles Volk wie aus einem Munde: Alle Worte, die der HERR gesagt hat, wollen wir tun.

            Wieder wird Mose zum Boten der Gottesworte. Er ist ein treuer Informant. Er sagt, gibt weiter, was er empfangen hat. Alle Worte des HERRN und alle Rechtsordnungen. Hier entsteht unauffällig das Grundmuster der Weitergabe des Glaubens: Empfangen und Weitersagen. Diese Weitergabe findet Antwort, wie aus einem Munde. Das Volk verpflichtet sich selbst auf das, was es von Mose als Wort des HERRN gehört hat. Wir wollen es tun. Auch das ist  grundlegend, bis zu uns heute: Glauben ist das Gehörte tun. „Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein.“(Jakobus 1,22)

4 Da schrieb Mose alle Worte des HERRN nieder und machte sich früh am Morgen auf und baute einen Altar unten am Berge und zwölf Steinmale nach den zwölf Stämmen Israels 5 und sandte junge Männer von den Israeliten hin, dass sie darauf dem HERRN Brandopfer opferten und Dankopfer von jungen Stieren. 6 Und Mose nahm die Hälfte des Blutes und goss es in die Becken, die andere Hälfte aber sprengte er an den Altar. 7 Und er nahm das Buch des Bundes und las es vor den Ohren des Volks. Und sie sprachen: Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun und darauf hören. 8 Da nahm Mose das Blut und besprengte das Volk damit und sprach: Seht, das ist das Blut des Bundes, geschlossen hat den der HERR mit euch aufgrund aller dieser Worte.

            Die Worte des Volkes, seine Zustimmung wird weitergeführt: Die Worte werden festgehalten, aufgeschrieben. Alles wird feierlich festgemacht in einer Feier vor Gott. Ein Altar wird gebaut, mit zwölf Steinmalen für die zwölf Stämme Israels. „Nach jüdischer Auslegung symbolisieren die zwölf Steine nicht nur die damals lebenden Israeliten, sondern auch alle Zukünftigen. Mose baute die Steine dem unsterblichen Israel der Zukunft.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S.228) Brandopfer und Dankopfer werden dargebracht. 

            Es folgt die Verlesung des Buches des Bundes, also der Texte, die in 2. Mose 21 – 23 aufbewahrt sind. Und jetzt, noch einmal, feierlich und in letzter Tiefe verpflichtend die Zustimmung des Volkes: Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun und darauf hören.

              Damit ist der Bund, hebräisch berīt, rechtskräftig geschlossen. So stellt es auch Mose abschließend und endgültig fest. Der Bund ist besiegelt durch das Blut, das über das Volk besprengt worden ist.

            Man muss nicht sonderlich phantasiebegabt sein, um diese Worte Seht, das ist das Blut des Bundes, geschlossen hat den der HERR mit euch aufgrund aller dieser Worte durchklingend auf die Worte beim Mahl Jesu zu hören. „Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ (Matthäus 26, 27/28)

 9 Da stiegen Mose und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels hinauf 10 und sahen den Gott Israels. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist. 11 Und er reckte seine Hand nicht aus wider die Edlen Israels. Und als sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie.

             Die Erzählung greift zurück auf den Anfang: Jetzt kommt es zum Aufstieg auf den Berg. Mose und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels. Jetzt heißt es: sie sahen den Gott Israels. Es ist ein unbeschreibliches und unbeschreibbares Sehen. „Hier wird ein einmaliger Vorgang geschildert, der sich nicht wiederholen wird und der sich nur tastend in Worte fassen lässt.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.164)

            Die Scheu vor der Beschreibung dessen, was sie sehen, zeigt sich: nur der Blick auf die Region unter den Füßen wird genannt –   und schon das sprengt die Vorstellungen  wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist.  In der Schau des Propheten hört sich das so an: „In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel.“(Jesaja 6,1)

             Aufgenommen wird dieses unfassbar Schauen im Gesangbuchlied:

Freuet euch der schönen Erde, denn sie ist wohl wert der Freud.
O was hat für Herrlichkeiten unser Gott da ausgestreut.

 Und doch ist sie seiner Füße reich geschmückter Schemel nur,
ist nur eine schön begabte, wunderreiche Kreatur.

Wenn am Schemel seiner Füße und am Thron schon solcher Schein,
o was muss an seinem Herzen erst für Glanz und Wonne sein.                                                                                                       Ph. Spitta 1827, EG 510

            Es ist ein Staunen ohne Ende: „Die unbeschreibliche Erfahrung der Gottesgegenwart müsste eigentlich die Ältesten mit ihrer überwältigenden Kraft töten.“ (I. Willi-Plein, ebda.) Sie aber dürfen Gott schauen und müssen nicht vergehen. Sie bezahlen nicht mit ihrem Leben. Sondern sie können tun, was die elementarste Bedingung des Lebens ist, Essen und Trinken.

       Es ist das Mahl vor Gott, das zumindest in manchen alttestamentlichen Texten als das Ziel der Welt beschrieben wird. „Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist. Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat’s gesagt. Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.« (Jesaja 25, 6 – 9) Dann wird alle Welt mit den Ältesten Israels und Mose, Aaron, Nadab und Abihu diese Erfahrung teilen.

 12 Und der HERR sprach zu Mose: Komm herauf zu mir auf den Berg und bleib daselbst, dass ich dir gebe die steinernen Tafeln, Gesetz und Gebot, die ich geschrieben habe, um sie zu unterweisen. 13 Da machte sich Mose auf mit seinem Diener Josua und stieg auf den Berg Gottes.

            Jetzt wird Mose gerufen, um die Steinernen Tafeln zu empfangen. Gott selbst hat sie geschrieben. Sie sind Gottes schriftgewordenes Wort. Er wird sie an Mose übergeben, damit der sie weitergibt, das Volk zu unterweisen. Josua darf Mose begleiten – wielange bleibt ungesagt.

 14 Aber zu den Ältesten sprach er: Bleibt hier, bis wir zu euch zurückkommen. Siehe, Aaron und Hur sind bei euch; hat jemand eine Rechtssache, der wende sich an sie.

             Für die Zwischenzeit, als ahnt Mose, dass es mit seiner Rückkehr dauern könnte, regelt Mose das weitere Verfahren. Es gibt in Aaron und Hur Leute, an die man sich wenden kann. In diesem kurzen Satz zeigt sich zweierlei: zum einen, wie sogfältig und weitsichtig Mose mit seiner Verantwortung umgeht. Zum anderen aber auch: Es gibt Vorbereitungsschritte für eine Zeit ohne Mose.

15 Als nun Mose auf den Berg kam, bedeckte die Wolke den Berg, 16 und die Herrlichkeit des HERRN ließ sich nieder auf dem Berg Sinai, und die Wolke bedeckte ihn sechs Tage; und am siebenten Tage erging der Ruf des HERRN an Mose aus der Wolke. 17 Und die Herrlichkeit des HERRN war anzusehen wie ein verzehrendes Feuer auf dem Gipfel des Berges vor den Israeliten.

             Mose erreicht die Berghöhe. Von unten. Die Wolke kommt von oben: Und in der Wolke die Herrlichkeit des HERRN. Kabōd auf hebräisch,  δξα κυρου übersetzt die Septuaginta. „Die Wolke überbrückt die Spannung zwischen der sichtbaren Erscheinung und dem unsichtbaren Wesen Gottes.“(Hj. Bräumer, aaO.; S.234) Auch Mose kann nicht einfach losgehen. Er muss warten, sechs Tage lang – die Zeit, die die Schöpfung braucht. Erst am siebenten Tag erging der Ruf des HERRN an Mose aus der Wolke.  Es ist auch hier Gott, der den Weg freigibt, nicht der Mensch, auch nicht der große Mensch Mose, der ihn sich frei nimmt. Zugänglich wird Gott alleine, wo und wann er ruft.

            Einmal mehr finden sich in der Beschreibung der Herrlichkeit des HERRN Naturphänomene, die wir mit Vulkanen assoziieren. Es ist der Versuch, die „Wucht“, das Überwältigende dieser Gotteserfahrungen auszusagen. Auch das Beängstigende, weil das alles ja nicht harmlos ist. Ihm, Gott, nahe zu kommen, ist gefährlich, kostet die gewohnte Sicherheit, kostet die Autonomie, kostet mich selbst.

        Es geht nicht so, dass der Mensch nach Lust und Laune nahe kommt. Er muss den Weg freimachen. Das ist ein durchgehender Zug dieser Texte vom Gottesberg: Es braucht die Wegfreigabe durch Gott, damit Menschen sich ihm nahen können. Im Neuen Testament wird dieses Wissen aufgegriffen: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.“(Römer 5, 1 -2) Es ist Christus, der uns den Weg zu gott frei macht. Ohne ihn ist da kein Weg für uns.

 18 Und Mose ging mitten in die Wolke hinein und stieg auf den Berg und blieb auf dem Berge vierzig Tage und vierzig Nächte.

             So gerufen geht Mose mitten in die Wolke hinein. Und bleibt. Vierzig Tage und vierzig Nächte. Das ist auch die Zeit des Wartens auf Rettung in der Sintflut. Die Zeit der Wanderung des Elia zum Horeb, Die Zeit Jesu in der Wüste.

Heiliger Gott, Dich zu erfahren sprengt unseren Horizont, überwältigt unser Denken, erschüttert unsere Sicherheiten.

Deine Gegenwart ist so unfassbar. Du bist uns gegenüber unbegreiflich in Deiner Majestät und Deinem Erbarmen.

Nie werde ich es verstehen, wovon ich doch lebe: Wir dürfen zu Dir kommen, vor Dir leben, an Deinem Tisch unseren Platz finden. Amen