Das Gebot

  1. Mose 20, 1 – 21

1 Und Gott redete alle diese Worte:

             Dieser Satz ist ein irgendwie schwebender, zeit- und ortloser Auftakt. Nach dem ganzen Hin und Her, das Mose auf dem Berg hinter sich bringen musste, würde man gerne der Ort dieses Redens Gottes wissen. Aber er wird nicht mitgeteilt. Wichtig ist nur: Was jetzt folgt, ist alles Gottes Rede. Alle diese Worte sind Gottes Worte.

 2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

             Das ist der Schlüsselsatz zu allem, was wir die Zehn Gebote nennen. Keine Aufforderung, sondern eine Selbsterschließung. Gott sagt, wer er ist. Das muss das Volk wissen, um alles, was danach folgt, richtig hören zu können. Im Gebot hat Israel es mit einem anspruchsvollen Gott zu tun. Aber alle seine Ansprüche ruhen auf dem, was er zuvor getan hat,  der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Es ist seine Tat, dass Israel jetzt an diesen Berg ist, dass es frei ist, dass er es in seinen Bund rufen kann.

           Die Tat Gottes hat immer Vorrang und Vortritt vor der Forderung Gottes. Juden und Christen glauben an einen Gott, der nicht einfach nur Ansprüche macht, sondern dessen Anspruch berechtigt ist, weil alle seine Aufforderungen ein Ruf in das geschenkte Leben sind. Wegweisung, hinter der Gottes Wohltat steht.  

  3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

             Das ist ein Satz, gesagt in einer Welt voller Götter. Israel hatte sie in Ägypten vor Augen und wird sie später auch in Kanaan, in Syrien, in Babylon vor Augen haben: die Welt voller Götter. Es ist der Satz, den der sagt, der für sein Volk da ist, es trägt, schützt, errettet. „Er hat uns Menschen sein Angesicht zugewendet, darum kann es „ihm ins Angesicht“, keine anderen Götter für uns geben. Hier wird kein theoretischer Monotheismus (Eingottglaube) verkündet, sondern eine Selbstverständlichkeit in der Liebesbeziehung zwischen Gott und seinem Volk.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.139) Der Bund als exklusive Beziehung verträgt keinen Zweit-Gott.

4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: 5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, 6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

             Von dieser Exklusivität und von den Erfahrungen Israels her versteht es sich leichter: Keine Bilder. Kein Versuch, Gott in irgendeine Gegenständlichkeit hinein zu bilden. Der Feuersäule und Wetterwolke als „Erscheinungsform“ wählt, der sich ein- und verhüllt in das Beben der Berge, in das Dunkel, der den Ostwind treibt, der die Ägypter schreckt – wie sollte man den „abbilden“ können? Das einzige erlaubte Bild Gottes ist der Mensch selbst –  so wie ihn Gott geschaffen sein.

            Ist Gott nachtragend, wenn er die Missetat der Väter heimsucht? Das erste: Es ist ein Ungleichgewicht zugunsten der Barmherzigkeit – Barmherzigkeit an vielen tausenden – ich ergänze: Generationen.  Dieses Erbarmen sucht Umkehr! Aber dann doch heimsuchen, in Haftung nehmen? „Wo die Umkehr ausbleibt und hartnäckig verweigert wird, steht er nicht achtlos zur Seite. Nie aber müssen Kinder für die Schuld der Väter geradestehen…. Im dritten oder vierten Geschlecht der in ungebrochener Folge Gott `hassenden´ Menschen tritt die Strafe ein. Aber immer steht den `Hassern´ der Weg zur Umkehr offen.“(R.Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 4, Stuttgart 1989, S. 113) Diesen Überhang des Erbamens darf ich glauben.

 7 Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

             So wie es den Israeliten verwehrt wird, sich Gottes durch ein Gottesbild, und sei es noch so großartig zu bewältigen, so wird es ihnen auch verwehrt, sich Gottes zu bemächtigen durch den Namen. Keine Beschwörung des Namens. Kein Herbeirufen durch den Gebrauch des Namens. Keine Zauberformel im Namen…. Wer den Namen kennt hat Macht über den Namensträger. Das bricht Gott hier. Ihr Israeliten, sagt er, versucht es nicht, mich durch meinen Namen euch gefügig zu machen, verfügbar. „Der Namen darf nicht missbraucht werden „für nichts“, sei es im falschen Eid, sei es in magischen Praktiken, sei es in gedankenlosen Reden- Je inniger die Verbindung mit Gott ist, je stärker die Wirklichkeit seiner durch den Namen sozusagen vertraulich gemachten Gegenwart für die Menschen erlebt wird, umso unmöglicher wird es sein, Den Namen des Herrn, deines Gottes für Nichtiges auszusprechen.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S. 139)  

         Beides, das Bilderverbot und das Verbot des Namensmissbrauches zielt nur auf eines: Das Volk vor dem Irrtum zu bewahren, es könnte sich Gott verfügbar machen. Es könnte seine Freiheit so sichern, dass es Gott zum „Knecht seiner Wünsche und Sehnsüchte“ macht. Es wird umgekehrt sein: Da, wo Israel diesem Gott dient, der sich zu seinem Zugriff entzieht, da wird es selbst in Freiheit geführt werden. Weil es Gottes Art ist, dass er seine Barmherzigkeit schenkt, dass er in seinem Eifer für sein Volk keine Grenze kennt.

 8 Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. 9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. 10 Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. 11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.

             Wieder wird das, was geboten wird, begründet durch das, was Gott getan hat. Er hat selbst in der Schöpfung den siebten Tag geruht.  Nichts anderes will er von seinem Volk: Sechs Tage Arbeit sind genug für Sohn,  Tochter, Knecht, Magd, Vieh, Fremdling. Keine Selbstausbeutung durch Arbeit ohne Ende, aber auch keine Ausbeutung anderer durch pausenlose Arbeit. Hier, in der Sabbatruhe soll der Mensch wirklich Gott gleich sein, „ruhen von allen seinen Werken.“(1. Mose 2,3) Es gibt dem Sabbat seine besondere Würde: Er steht unter dem Segen Gottes.

 12 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.

             „Nimm deinen Vater und eine Mutter wichtig“ – so kann man auch übersetzen. Es geht nicht um eine Mahnung an die kleinen, heranwachsenden Kinder. Um die Aufforderung zum Gehorsam. Sondern angesprochen sind die Erwachsenen, die mit den Eltern umzugehen haben, die alt geworden sind. Sie sollen sie „ehren“, ihnen ihr Gewicht zukommen lassen. „Die Grundbedeutung des alttestamentlichen Wortes „ehren“ (hebräisch ē) heißt Schwer sein. Ehren in Bezug auf Menschen bedeutet so viel wie „jemanden schwer machen“, „jemanden für bedeutsam erklären.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1999, S. 79)

           Von dieser Erklärung her fällt ein helles Licht auf den Satz, den heute gerade alte Leute allzu häufig von sich geben: „Ich will doch keinem zur Last fallen“. Das ist nichts anderes als: Ich will nicht, dass mich noch jemand wichtig nimmt, dass ich noch für jemand schwer bin. Das ist das glatte Gegenteil zum Gebot Gottes. Doch – gerade alte Menschen sollen wichtig genommen werden, gewichtig sein dürfen. Sie sollen sich nicht wichtigmachen, sich auch nicht anderen zur Last machen. Wohl aber sollen sie erfahren, dass sie wichtig sind, bedeutsam.

          Dieses Gebot ist keine Einbahnstraße. Es erlaubt Eltern nicht, sich zur Belastung für ihre Kinder zu entwickeln, weder für die kleinen als Tyrannen und Halbgötter noch für die Großen als die, die immerzu Zuwendung einfordern und nie zufrieden sind. Es erlaubt aber auch Kindern nicht, die alten Eltern schlicht zu entsorgen und links liegen zu lassen.

        Dieses Gebot ist verbunden mit einer Verheißung. Wo es zwischen den Generationen gut geht, wo es stimmt, da wird es auch gut gehen mit dem Leben. Da wird das Leben gesegnet sein. Das Land auch, in dem die Generationen in Frieden achtsam miteinander leben. Es ist gewiss kein Zufall, sondern der hohen Bedeutung gerade dieses Gebotes geschuldet, dass der letzte Satz der hebräischen Bibel um das Miteinander der Generationen kreist:   Der Prophet Elia „soll das Herz der Väter bekehren zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern.“ (Maleachi 3,24)          

 13 Du sollst nicht töten.                                                                                                             14 Du sollst nicht ehebrechen.                                                                                               15 Du sollst nicht stehlen.                                                                                                    16 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.                                    17 Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

             Was folgt sind kurze, prägnante Sätze. Sätze des apodiktischen Rechtes. Gesetzt aus letzter Autorität, ohne Strafandrohung. Alle sind unmittelbar einleuchtend als Basis-Sätze für ein gutes Miteinander. „Selbstverständliche Grundsätze einer intakten Gemeinschaft, die der einzelne mit der Unterweisung durch Vater und Mutter wie natürliche Verhaltensmuster übernimmt.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.138)

             So hätten wir es gerne. So ist es in Israel wohl auch gelehrt worden. Aber Israel und auch wir wissen: Die Wirklichkeit ist anders. Es ist merkwürdig: Was hier für Israel als Lebensordnung gezeigt wird, das ist in Ägypten eine Art Prüfungsordnung: Im Ägypten wird „ein Katalog on guten und Bösen Taten genannt, den man vor dem Angesicht des Osiris und der 42 Totenrichter aufzählen muss: „ich habe keinen Diener bei seinem Vorgesetzten schlecht gemacht – nicht getötet – nicht Ehebruch begangen – nicht das Feldmaß verringert.. Ich habe nicht falsch gehandelt – nicht geraubt – nicht gestohlen – nicht Menschen getötet – nicht Lügen geredet – nicht geschmäht.“(H.Greßmann, Altorientalische Texte, Tübingen 1909. S.186) Was in Israel zur Wegweisung wird, ist in Ägypten das Material für die Abrechnung, für den Eingang ins Totenreich.

            Ich widerstehe der Versuchung, die einzelnen Gebote auszulegen. Es gibt so viele Bücher dazu. Und außerdem: Das Problem dieser Gebote ist nicht, dass man sie erklären müsste, sondern dass sie sich eigentlich wie von selbst verstehen lassen. Sie wollen einfach nur gelebt werden.

18 Und alles Volk wurde Zeuge von dem Donner und Blitz und dem Ton der Posaune und dem Rauchen des Berges. Als sie aber solches sahen, flohen sie und blieben in der Ferne stehen 19 und sprachen zu Mose: Rede du mit uns, wir wollen hören; aber lass Gott nicht mit uns reden, wir könnten sonst sterben. 20 Mose aber sprach zum Volk: Fürchtet euch nicht, denn Gott ist gekommen, euch zu versuchen, damit ihr’s vor Augen habt, wie er zu fürchten sei, und ihr nicht sündigt.

            Merkwürdig: Was hat das Volk gehört und gesehen? Wovon ist es Zeuge geworden? Nur von Donner und Blitz, dem Ton der Posaune und dem Rauchen des Berges? Nicht auch von den zehn Worten? Und was soll die Angst vor dem Reden Gottes? Es ist doch so – nicht sein Reden ist gefährlich, sondern seine unverhüllte Gegenwart. Seine Worte sind doch gut. Wegweisung zum Leben. Wenn ich diese Worte hier richtig lese, dann ist Mose der, der die zehn Worte empfängt. Das Volk macht nur beängstigende Naturerfahrungen. Es bleibt auf Mose als den „Übersetzer“ des Redens Gottes angewiesen.

            Und er, Mose, tröstet nun und beruhigt: Gott hat euch versucht, euren Gehorsam „getestet“, würden wir vielleicht sagen. Und ihr habt bestanden. Denn ihr seid an der Grenze stehen geblieben, nicht weggelaufen, aber auch nicht über sie hinweg gestiegen. Ihr habt „Gottesfurcht“ einübend gelernt.

 21 So stand das Volk von ferne, aber Mose nahte sich dem Dunkel, darinnen Gott war.

             Jetzt kann das Volk stehen bleiben. Von Ferne. Und Mose kann es auf sich nehmen, den Weg zu Gott zu gehen, sich einzulassen auf das Dunkel, darinnen Gott war. Mit diesem winzigen Satz-Teil hält es der Erzähler fest: Auch Mose, der Mittler, der Führer Israels, wird Gott nicht unverhüllt sehen, so dass er das Dunkel des Geheimnisses Gottes gelüftet hätte.

 

Heiliger barmherziger Gott, Dir sei Lob und Ehre für Dein Gebot, Deine Wegweisung. Dir sei Lob und Ehre, dass Du uns nicht ohne  Gebot leben lässt, ohne die Kundgabe Deines Willens.

Es ist Deine Güte, die uns nicht orientierungslos in das Leben schickt, die nicht sagt: Ihr müsst schon selbst wissen was ihr tut. Es ist Deine Güte, die warnt und mahnt und den guten Weg markiert.

Du hast Deinem Volk Deine Güte gezeigt, auf dem Weg in die Freiheit und in den guten Worten Deines Gebotes. Darüber loben und preisen wir dich. Amen