Ein guter Berater

  1. Mose 18, 1 – 27

 1 Und Jitro, der Priester in Midian, Moses Schwiegervater, hörte alles, was Gott an Mose und seinem Volk Israel getan hatte, dass der HERR Israel aus Ägypten geführt hatte. 2 Da nahm er mit sich Zippora, die Frau des Mose, die er zurückgesandt hatte, 3 samt ihren beiden Söhnen; von denen hieß einer Gerschom, denn Mose sprach: Ich bin ein Gast geworden in fremdem Lande, 4 und der andere Eliëser, denn er sprach: Der Gott meines Vaters ist meine Hilfe gewesen und hat mich errettet vor dem Schwert des Pharao.

             Das Geschehen am Schilfmeer und in der Wüste bleibt nicht verborgen. Es spricht sich herum bis nach Midian. Als ein Geschehen, das Gott an Mose und seinem Volk Israel getan hatte. Es sind nicht nur einfach Ereignisse, die die damalige Welt bewegen, Nachrichten eben, sondern in diesem Geschehen wird Gottes „Handschrift“ sichtbar.

            Darum macht sich Jitro auf den Weg, zusammen mit Zippora, der Frau des Mose und mit den Enkelkindern, den Söhnen des Mose. Deren Namen sind „Programm – der eine  Programm der Fremdheit, der andere Programm der Hoffnung. Was mit der Wendung die er zurückgesandt hatte gemeint ist, ist offen. Es könnte sein, dass Mose nach der nächtlichen Überfall-Erfahrung wusste: Der Weg nach Ägypten wird gefährlich werden und dass er ihn deshalb allein gehen wollte, seine Frau samt den Söhnen in sicherer Obhut wissen wollte. Das wäre die freundliche Leseweise. Die Unfreundliche im Blick auf Mose: er wollte sich von Zippora trennen. Vom Text her ist nicht zu entscheiden, welche Leseweise das größere Recht für sich hat.    

5 Als nun Jitro, Moses Schwiegervater, und seine Söhne und seine Frau zu ihm in die Wüste kamen, an den Berg Gottes, wo er sich gelagert hatte, 6 ließ er Mose sagen: Ich, Jitro, dein Schwiegervater, bin zu dir gekommen und deine Frau und ihre beiden Söhne mit ihr. 7 Da ging Mose hinaus ihm entgegen und neigte sich vor ihm und küsste ihn. Und als sie sich untereinander gegrüßt hatten, gingen sie in das Zelt.

             Jetzt aber ist der Gefahr in und aus Ägypten gebannt und es ist Zeit zur Familienzusammenführung. Die Aktivität dazu liegt ganz auf der Seite Jitros, der nicht weniger als siebenmal in wenigen Versen als der „Schwiegervater des Mose“ vorgestellt wird. Das verleiht ihm erst einmal seine Autorität. Sie ist familienrechtlich begründet. Es wirkt ein wenig umständlich, wie erzählt wird – fast, als wäre es nicht so einfach, den Weg zu Mose bahnen. Jitro lässt sich anmelden  als dein Schwiegervater und deine Frau und ihren beiden Söhnen. Es scheint, er erbittet Audienz. Er, der doch als Schwiegervater, der den fremden Flüchtling aufgenommen hatte, besondere Ehrfurcht erwarten durfte. Aber sogleich drehen sich die Verhältnisse: Mose geht ihm entgegen, neigt sich vor Jitro und küsst ihn. Mose weiß, was sich gehört.

8 Da erzählte Mose seinem Schwiegervater alles, was der HERR um Israels willen dem Pharao und den Ägyptern angetan hatte, und alle die Mühsal, die ihnen auf dem Wege begegnet war, und wie sie der HERR errettet hatte. 9 Jitro aber freute sich über all das Gute, das der HERR an Israel getan hatte, wie er sie errettet hatte aus der Ägypter Hand.

             „Erst als alle Höflichkeit erfüllt ist, zu der diese Großen der Geschichte Gottes ganz selbstverständlich Zeit haben, geht es ans Erzählen.“ (I. Willi-Plein, Das Buch vom Auszug, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen 1988, S.122) Ein Erzählen, das Gottes Tun zur Mitte hat, nicht die Beschwerlichkeiten, nicht die Ängste. Erzählen, das in die Freude über all das Gute, das der HERR an Israel getan hatte, hinein führt. Es ist das Erzählen des Glaubens, das Dankbarkeit weckt und die Freude an Gott stärkt.

            Man kann von diesen beiden lernen: die großen Taten Gottes erzählen, ist ein Weg in die Freude an Gott. Das zu sehen, könnte Mut machen, nicht so viel über Gott zu reden, sondern von ihm und den Erfahrungen Gottes im eigenen Leben und auf den eigenen Wegen zu erzählen. Ihr Erzählen ist wie ein Ermutigen an uns, sich leiten zu lassen von dem Psalmwort:

Lobe den HERRN, meine Seele,                                                                                             und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“                       Psalm 103,2     

          Wir heute – so mein Eindruck – erklären zu viel über Gott und erzählen zu wenig von den Gotteserfahrungen auf dem Weg unseres Lebens. Jitro und Mose ermutigen uns zum Erzählen. Weil aus dem Erzählen die Freude erwächst oder wenigstens doch erwachsen kann.

 10 Und Jitro sprach: Gelobt sei der HERR, der euch errettet hat aus der Ägypter und des Pharao Hand. 11 Nun weiß ich, dass der HERR größer ist als alle Götter; denn er hat das Volk aus der Ägypter Hand errettet, weil sie vermessen an Israel gehandelt haben. 12 Und Jitro, Moses Schwiegervater, brachte dar Gott ein Brandopfer und Schlachtopfer. Da kamen Aaron und alle Ältesten von Israel, um mit Moses Schwiegervater das Mahl zu halten vor Gott.

             Es kommt zu einem Bekenntnis, das wie ein Programm für das Denken des Alten Testamentes ist: Das Lob Gottes, die Anbetung Gottes will den Weg zu den Völkern finden. Hier ist es der Mund des Priester aus Midian, der sagt, was Israel glaubt: Der HERR ist größer als alle Götter. Ein Bekenntnis, das angesichts der Rettung Israels am Schildmeer formuliert wird, als Bekenntnis Israels, aber eben jetzt weiter geht im Mund des „Heiden“ Jitro.

             Es ist im Übrigen der einzige Satz in der ganzen Jitro-Erzählung, in der der Gottesname JAHWE verwendet wird. Der HERR. Sonst ist immer von elohīm die Rede, Gott oder Gottheit. Es ist, als würde die Erzählung die Brücke offenhalten, von einer allgemeinen Ahnung des Göttlichen hin zur konkreten Einsicht, zum Bekenntnis: Der HERR. Darum gefällt mir der Übersetzungsvorschlag: „Größer ist der HERR als alle Gotteserfahrungen.“ (I. Willi-Plein, aaO.; S.123 )  

            Es bleibt nicht bei bloßen Worten. Sondern es geht weiter, tiefer noch, wohl auch für den Leser der alten Schriften noch bedeutsamer: Jitro bringt Gott ein Brandopfer und Schlachtopfer dar. Nicht nur freundliche Worte, sondern im Opfer die Anerkennung Gottes. „Der Lobpreis Jitros war zugleich ein Glaubensbekenntnis.“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.288)Mir scheint, dass dieses Opfer, gemeinsam mit Aaron und den Ältesten Israels als Mahl vor Gott der Höhepunkt der Erzählung ist.

            Wenn man eine Rechtfertigung dafür suchen müsste, mit Menschen aus anderen Regionen und Religionen vor Gott, dem „Herrn aller Herren“ (5. Mose 10,17; Psalm 136,3) zu feiern, auch kultisch miteinander zu feiern, dann wird sie uns hiererzählt. Ganz ohne skeptische Vorbehalte.

 13 Am andern Morgen setzte sich Mose, um dem Volk Recht zu sprechen. Und das Volk stand um Mose her vom Morgen bis zum Abend.

             Ein neuer Tag. Voller Arbeit für Mose. Der Führer des Volkes ist zugleich auch der Richter, der die Aufgabe hat, dem Volk Recht zu sprechen. Alles, was Klärung braucht, was es an Rechtsangelegenheiten gibt, an Streitfragen, wird bei ihm vorgebracht. „Von Mose erwartetem sie Gottesentscheidungen, sowohl in großen und kleineren Streitfragen als auch in den Unschlüssigkeiten des Tages, den öffentlichen und den privaten.“ (M. Buber, zit. nach Hj. Bräumer, aaO.; S.290) Es fällt viel an, was nach göttlicher und zugleich menschlicher und rechtlicher Wegweisung verlangt. Vom Morgen bis zum Abend. Es sind ausgefüllte Tage.

14 Als aber sein Schwiegervater alles sah, was er mit dem Volk tat, sprach er: Was tust du denn mit dem Volk? Warum musst du ganz allein da sitzen, und alles Volk steht um dich her vom Morgen bis zum Abend? 15 Mose antwortete ihm: Das Volk kommt zu mir, um Gott zu befragen. 16 Denn wenn sie einen Streitfall haben, kommen sie zu mir, damit ich richte zwischen dem einen und dem andern und tue ihnen kund die Satzungen Gottes und seine Weisungen.

             Jitro sieht zu, sieht sich das alles an. Dann fragt er nach. Was tust du? Und warum tust du das allein? Es sind Fragen, wie sie heute jeder Coach stellt, wenn ihn einer seinen eigenen Arbeitsbereich anschauen lässt. Fragen, die angeblich selbstverständliche und alternativlose Inhalte und Abläufe eben nicht als selbstverständlich behandeln, sondern sie in Frage stellen: Ist das denn nur so möglich? Gibt es keine Alternativen?

            Die Antwort, die Mose gibt, orientiert sich allein am Inhalt: Es geht darum, Gott zu befragen.  Das ist seine Mittler-Rolle,  die er hat. Er ist das „Sprachrohr Gottes.“ Darum soll er richten und darum soll er unterweisen. Die Satzungen Gottes und seine Weisungen weitergeben. Die gibt es ja noch nicht als Kodex. Sondern sie müssen in die jeweilige Situation hinein gefunden werden. Deshalb fragt das Volk Mose. Wenn man so will: Mose benennt sein Alleinstellungmerkmal.

17 Sein Schwiegervater sprach zu ihm: Es ist nicht gut, wie du das tust. 18 Du machst dich zu müde, dazu auch das Volk, das mit dir ist. Das Geschäft ist dir zu schwer; du kannst es allein nicht ausrichten.

             Jitro ist nicht überzeugt. So wie die Dinge hier laufen, ist die Erschöpfung vorprogrammiert – bei Mose und beim Volk. Modern gesprochen: es ist nur eine Frage der Zeit, bis Mose ein burn out erleiden wird und das Volk es müde sein wird, zu warten und zu warten und zu warten. Es ist eine nüchterne Analyse: „Das Volk, durch das lange Warten auf Entscheidungen ermüdet, wird infolge der Verzögerung der richterlichen Entscheidungen beginnen, sich selbst Recht zu verschaffen und so wird der Friede der Gesamtheit untergraben.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.291) Oder kürzer: Im Alleingang ist die Rechtspflege für alle nicht zu bewältigen.

 19 Aber gehorche meiner Stimme; ich will dir raten und Gott wird mit dir sein. Vertritt du das Volk vor Gott und bringe ihre Anliegen vor Gott 20 und tu ihnen die Satzungen und Weisungen kund, dass du sie lehrst den Weg, auf dem sie wandeln, und die Werke, die sie tun sollen.

             Hier zeigt sich Jitro als Diplomat. Er baut dem Schwiegersohn behutsam eine Brücke. Er formuliert ausgesprochen vorsichtig: ich will dir raten. Und sagt dann zunächst, was bleiben soll, wie es Mose geordnet hatte. Er bleibt nach dem Rat des Jitro der, der lehrt, die Satzungen und Weisungen weitergibt, der Recht setzt. Er soll sich konzentrieren auf seine Hauptaufgabe – Sprachrohr Gottes, Lehrer Israels. Und auf die Fürbitte für das Volk, die Vertretung Israels vor Gott. Wenn man so will, wird hier die Doppelrolle des Mose beschrieben – er ist, obwohl nicht geweiht, Priester und Prophet in einem.

 21 Sieh dich aber unter dem ganzen Volk um nach redlichen Leuten, die Gott fürchten, wahrhaftig sind und dem ungerechten Gewinn Feind. Die setze über sie als Oberste über tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn, 22 dass sie das Volk allezeit richten. Nur wenn es eine größere Sache ist, sollen sie diese vor dich bringen, alle geringeren Sachen aber sollen sie selber richten. So mach dir’s leichter und lass sie mit dir tragen. 23 Wirst du das tun, so kannst du ausrichten, was dir Gott gebietet, und dies ganze Volk kann mit Frieden an seinen Ort kommen.

             Aber für den „Kleinkram“. Für die Alltagsangelegenheiten, für die Durchführung des normalen Rechts in den Streitfragen, die sich so ergeben, da soll sich Mose Leute suchen, denen er diese Aufgabe überträgt. Der kluge Jitro benennt auch Kriterien für die Auswahl dieser Leute. So sollen sie sein – redliche Leute, die Gott fürchten, wahrhaftig sind und dem ungerechten Gewinn Feind. Also: sie brauchen einen guten Ruf, sie sollen gottesfürchtig sein, transparent und nicht korruptionsanfällig. Bis auf die Gottesfurcht, die wir heute gesellschaftlich – seltsamerweise – für verzichtbar halten sind das Kriterien, nach denen auch heute noch Menschen in Ämter gerufen werden. Nicht nur in der Kirche.   

             In der Sprache des Rechtes: Jitro schlägt die Einführung des Subsidiaritätsprinzips vor: Angelegenheiten sollen immer so weit wie möglich auf der unteren Ebene geregelt werden. Erst wenn die überfordert ist, greift die nächste, höhere Ebene ein.

24 Mose gehorchte dem Wort seines Schwiegervaters und tat alles, was er sagte, 25 und erwählte redliche Leute aus ganz Israel und machte sie zu Häuptern über das Volk, zu Obersten über tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn, 26 dass sie das Volk allezeit richteten, die schwereren Sachen vor Mose brächten und die kleineren Sachen selber richteten.

              Kein Wort über die möglichen inneren Zweifel des Mose: Werden sie denn können? Werden sie es denn gut machen? Es ist ja die große Versuchung zu glauben: Nur was ich selbst mache, das ist wirklich gut gemacht.  Ob Mose so überzeugt ist vom Rat des Jitro? Jedenfalls befolgt er ihn – und allein darauf kommt es an. So wird eine Arbeitsstruktur für das Volk errichtet, die alle zufrieden stellt. Mose, weil er entlastet ist, das Volk, weil die Verfahren beschleunigt werden und die Mitarbeiter des Mose, weil sie eigenständig Verantwortung übernehmen dürfen. Es ist ein durch und durch gelungenes Coaching-Projekt, das Jitro hier angezettelt hat. Besser geht´s nicht.

          Es gehört zur Größe des Mose, dass er sich so raten lässt. Es gehört zu den hellen Punkten auf dem Bild des Mose: Er ist nicht unberatbar. Er ist nicht gekränkt, als er hört: Du kannst das nicht alleine. Er nimmt durch den Blick von außen die Hilfe gegen die eigene Betriebs-Blindheit wahr. Er ist nicht so eitel, dass er sagt: Ich bin doch der berufene Führer des Volkes.

 27 Und Mose ließ seinen Schwiegervater wieder in sein Land ziehen.

             Danach kann Jitro gehen und Mose ihn ziehen lassen. Auch das gehört zur Praxis eines Coaches. Der Coach bleibt nicht für immer. Er geht wieder seines Weges, wenn er seine Arbeit getan hat. Er muss sich nicht festsetzen da, wo er offensichtlich Erfolg hatte. Er kann loslassen. Und er kann losgelassen werden. Mose braucht Jitro nicht mehr als Dauerbegleitung. Er hat seine Lektion gelernt.

 

Heiliger Gott, hilf Du mir, dass ich nie guten Rat missachte, nicht zu stolz bin, mich auf Verhaltensweisen hinweisen zu lassen, die mich gefährden, die uns alle erschöpfen, die anderen den Weg zu Dir verstellen.

Hilf Du mir, dass ich den Ratschlägen folge, die meine Allmachtsträume korrigieren, die mich lehren loszulassen, mir Hilfe zu suchen, anderen zu trauen, dass sie gute Arbeit leisten werden.

Hilf Du mir, nicht alles Mögliche zu tun, sondern nur, was Deine Berufung für mich ist. Amen