Gefahren über Gefahren

  1. Mose 17, 1 – 16

 1 Und die ganze Gemeinde der Israeliten zog aus der Wüste Sin weiter ihre Tagereisen, wie ihnen der HERR befahl, und sie lagerten sich in Refidim. Da hatte das Volk kein Wasser zu trinken. 2 Und sie haderten mit Mose und sprachen: Gib uns Wasser, dass wir trinken. Mose sprach zu ihnen: Was hadert ihr mit mir? Warum versucht ihr den HERRN? 3 Als aber dort das Volk nach Wasser dürstete, murrten sie wider Mose und sprachen: Warum hast du uns aus Ägypten ziehen lassen, dass du uns, unsere Kinder und unser Vieh vor Durst sterben lässt?

             Es wirkt wie alte Wiederholung aus dem immer gleichen Programm. Eine Schwierigkeit taucht auf und alles ist vergessen, was zuvor war. Es ist wohl so: Unsere Erfahrungen der Vergangenheit helfen in dem Augenblick nicht, wo wir nur Augen für das Problem vor den Füßen haben.

            Es ist ja ernst zu nehmen: Wenn es in der Wüste kein Wasser gibt, ist das Leben bedroht. Seit Tagen ist Israel unterwegs und auch in Refidim ist kein Wasser zu finden. Ein Lagerplatz ohne Wasser aber wird rasch zu einem Ort des Verdurstens, des Sterbens. Das Schlimme an der ganzen Situation ist: Sie sind auf dem Weg, wie ihnen der HERR befahl. nicht auf Abwegen, nicht auf selbstgewählten Wegen. Es ist, als führe der Weg des HERRN schnurstracks ins Verdursten.

            Von daher erklärt sich ihr Anfragen, ihr Auffordern an Mose. Gib uns Wasser, dass wir trinken.  Immer ist bei solchen Worten an Mose auch klar: der eigentlich gefordert ist, ist der HERR selbst. Es kann doch nicht sein, dass er sein Volk aus Ägypten in die Wüste führt, damit es dort verschmachtet! Darum kann man schon fragen: Was ist an dieser Bitte denn ein „Versuchen“? Niemand im Volk will Gott einmal ein wenig testen. Aber alle sind darauf angewiesen, dass er sich treu bleibt: rettet, hilft.

 4 Mose schrie zum HERRN und sprach: Was soll ich mit dem Volk tun? Es fehlt nicht viel, so werden sie mich noch steinigen.

            Die Situation droht zu eskalieren. Verzweifelte Menschen sind zu fast allem fähig. Mose ahnt, dass die Verzweiflung der Dürstenden sich gegen ihn wenden könnte. Wie geht man in so einer Situation mit den Leuten um? Was kann helfen, die aufgeheizte Stimmung zu entspannen? Merkwürdig – Mose sagt nicht: HERR, mach was! Sondern er fragt: Was soll ich tun? Was kann ich tun? Er sieht zuerst einmal sich selbst in der Verantwortung, mit dieser Schwierigkeit zu Rande zu kommen. Aber mit dieser Verantwortung schreit er zum HERRN.

 5 Der HERR sprach zu ihm: Tritt hin vor das Volk und nimm einige von den Ältesten Israels mit dir und nimm deinen Stab in deine Hand, mit dem du den Nil schlugst, und geh hin. 6 Siehe, ich will dort vor dir stehen auf dem Fels am Horeb. Da sollst du an den Fels schlagen, so wird Wasser herauslaufen, dass das Volk trinke.

            Gott antwortet – mit einem doch merkwürdigen Befehl. Zunächst einmal: Mose soll sich nicht verstecken, nicht zurückziehen, sondern vor das Volk treten. Das klingt nach Konfrontation. Es ist wohl auch wirklich eine Konfrontation: Mose ist gezwungen, seinen eigenen Ängsten entgegen zu treten. Ihnen ins Auge zu sehen. Die eigen Überforderung wahr zu nehmen und anzunehmen. Dazu soll er die Ältesten Israels mitnehmen. Sie sollen Zeugen sein für das, was geschehen wird.

           Jetzt kommt, einmal mehr, der Stab des Mose ins Spiel, der Gottesstab (4,2). Mit dem er den Nil geschlagen hat. Da hat er das Trinkwasser verseucht – jetzt soll er für Trinkwasser für das Volk sorgen. Das alles geschieht auf dem Fels am Horeb. Ob das ein ganz bestimmter Ort ist, gar „die Stätte an der sich Gott Mose zum ersten Mal offenbarte“ (Hj. Bräumer, Das zweite Buch Mose, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1996, S.280) vermag ich nach dem Text, wie er vorliegt, nicht zu entscheiden.

          Nur das wird erkennbar: Kein Vorwurf an Israel. Kein Vorwurf an Mose. Kein „Was ist das für ein kümmerliches Glauben“, das bei den ersten Schwierigkeiten sofort wieder in Hadern und Murren verfällt. „Gott hilft, ohne Vorwürfe zu machen.“ (O.-A.Scriba, Aufbruch in Gottes Zukunft, Zur 32. Bibelwoche 1969/70, Berlin 1969, S.60) Mose wird Wasser aus dem Felsen schlagen, eine Wasserader treffen, wo nichts davon zu sehen ist.

 Und Mose tat so vor den Augen der Ältesten von Israel. 7 Da nannte er den Ort Massa und Meriba, weil die Israeliten dort gehadert und den HERRN versucht und gesagt hatten: Ist der HERR unter uns oder nicht?

             Mose folgt dem Wort Gottes – und alles kommt, wie Gott es gesagt hat. Jetzt kommt die Kritik – nicht aus dem Mund Gottes, sondern durch die Namensgebung des Mose. Aus Refidim wird Massa und Meriba. Versuchung und Streit. Erst durch diese Namensgebung  des Mose bekommt die ganze Geschichte einen negativen Beigeschmack. Denn es geht doch im Grund um eine wunderbare Erfahrung: Israel schreit angesichts der lebensbedrohlichen Not um Hilfe. Und Gott zeigt dem Mose den Ort, wo es zur Hilfe kommt. Wo „Ströme des lebendigen Wasser fließen.“(Johannes 7,38)

           Es ist diese positive Erfahrung, die dann auch im Brief des Paulus aufbewahrt und aufgegriffen wird und überaus kühn gedeutet: „Alle haben denselben geistlichen Trank getrunken; sie tranken nämlich von dem geistlichen Felsen, der ihnen folgte; der Fels aber war Christus.“(1. Korinther 10,3) Davon weiß  der alte Text nichts. Wohl aber der Apostel, der alles auf Christus als die Mitte der Schrift, als das Heil Gottes hin liest, was geschrieben steht.

        Und heute? Die Dinge nehmen ihren Lauf. Es wird geliebt, gelacht, gestorben. In Berlin wird regiert. In London auch. Es regnet. Die sinne scheint. Und Gott? Ist er da, auch wenn nicht auf ihn hindeutet, „auch wenn ich gleich nichts spüre von seiner Macht“? Aber da ist der Felsen, dem man nicht ansieht, dass er Wasser birgt. Das ist der Lauf der Dinge, dem man nicht ansieht, dass Gott verborgen gegenwärtig ist, trägt und hält, schützt und birgt. Wer gegen den Felsen schlägt, gegen die Mauern der Realität, der macht – vielleicht auch heute – die Erfahrung seiner rettenden Gegenwart.

  8 Da kam Amalek und kämpfte gegen Israel in Refidim.

            Es ist ein krasser Szenenwechsel. Im Grunde unerklärlich. Ein Überfall. War bislang nur davon die Rede, wie Israel mit der Feindseligkeit der Wüste zu kämpfen hat, mit Hunger und Durst, so kommen jetzt plötzlich Feinde anderer Art: Amalek. Zu den Anfechtungen von innen kommt die Gefahr von außen.

            „Die Amalekiter waren ein Nomandenverbund. Ihr Stammvater war Amalek, der Sohn des Elifas und der Enkel Esaus. Die Amalekiter galten als besonders kriegerisch.“  (Hj. Bräumer, aaO.;  S.282) Ein Volk also, bei dem es eine entfernte Verwandtschaft zu Israel gibt. Sie fallen über Israel her – ohne jede Begründung. Vermutlich ging es um die Sicherung der eigenen Weidegründe. Aber das steht nicht da.

 9 Da sprach Mose zu Josua: Erwähle uns Männer, zieh aus und kämpfe gegen Amalek. Morgen will ich oben auf dem Hügel stehen mit dem Stab Gottes in meiner Hand. 10 Und Josua tat, wie Mose ihm sagte, und kämpfte gegen Amalek. Mose aber und Aaron und Hur gingen auf die Höhe des Hügels.

            Erstmals wird Josua genannt, „der Sohn Nuns“(Josua 1,1,) der spätere Nachfolger des Mose in der Führung des Volkes. Er führt im Auftrag des Mose die Männer in den Kampf. Mose dagegen bleibt im Hintergrund, auf der Höhe eines Hügels, von dem aus das Kampfgeschehen zu beobachten ist. Und, es ist keine Nebensächlichkeit – mit dem Stab Gottes in meiner Hand. Es ist der Stab, mit dem Mose die Wasserader getroffen hat, unter dem sich das Meer geteilt hat, mit dem Mose  den Nil geschlagen hat. Fast könnte man sagen: eine Art „Allzweckwaffe“.

11 Und wenn Mose seine Hand emporhielt, siegte Israel; wenn er aber seine Hand sinken ließ, siegte Amalek. 12 Aber Mose wurden die Hände schwer; darum nahmen die beiden einen Stein und legten ihn hin, dass er sich darauf setzte. Aaron aber und Hur stützten ihm die Hände, auf jeder Seite einer. So blieben seine Hände erhoben, bis die Sonne unterging.

            Merkwürdig: der Stab verschwindet aus der Erzählung. Ich bin deshalb nicht wirklich einig mit der Deutung: „Solange Josua und die von ihm ausgewählten Kämpfer den Stab in den erhobenen Händen des Mose sahen, waren sie ermutigt, zum Kampf entschlossen und behielten die Oberhand.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.283) So zu denken, macht aus dem Stab eine Standarte, ein Siegeszeichen: „In diesem Zeichen werdet ihr siegen!“

             Vom Stab ist keine Rede mehr. Was bleibt, sind die erhobenen Hände des Mose. Erhoben doch wohl zum Gebet. Seine Hände sind nach Gott ausgestreckt. „Fest emporgerichtet (hebräisch: ʼæmûnáh) heißt standfest, voller Glauben und Vertrauen.“ (Hj. Bräumer, ebda.) Es ist nicht das Holz, sondern es ist der Glaube, um den es hier geht. Es ist immer gefährlich, wenn sich der Glauben an irgendwelchen materiellen Dingen wie an Heilszeichen festmachen will.

           Es bleibt ein Aber. Obwohl der Gestus der erhobenen Hände aller Wahrscheinlichkeit nach eine Gebetshaltung bezeichnet – „Und als Salomo dies Gebet und Flehen vor dem HERRN vollendet hatte, stand er auf von dem Altar des HERRN und hörte auf zu knien und die Hände zum Himmel auszubreiten.“(1. Könige 8,14) – ist hier Vorsicht geboten. Die Wortwahl, dass Mose seine Hand emporhielt deutet nicht in Richtung Gebetsgeste. Es sind emporgereckte Hände, aber ob zum Beten bleibt offen. Oder, je nachdem, wie einer, eine liest, eben nicht.

             Also doch: Mose betet und braucht Unterstützung für sein Beten, wenn seine Hände müde werden, wenn er in seinem Beten ermattet. Allein wird er es nicht durchhalten. Es ist eine Form von Gebets-Gemeinschaft, wie sie seitdem in der Welt ist. Ich darf mich in meinem müden und verzagten Beten darauf verlassen: Andere stützen mich. Meine Arme, meiner gefalteten Hände. Es betet weiter, auch wenn es mit meinem Beten nicht mehr weit her ist. So wird Beten durchgehalten: Andere stützen die Arme, die erschlaffen. Andere leihen uns ihre Worte. Andere halten fest am Glauben, der in uns längst schon nur noch wie ein „glimmender Docht“ ist. Man muss so keine Schlacht gewinnen, keine Feinde auslöschen und vertilgen. Es reicht, dass wir so an Gott bleiben.

           Das mag wie eine letzte, unausgesprochene Warnung sein: Es ist nicht im Sinn des Schöpfers der Welt, der allen das Leben geschenkt hat, um Siege zu beten, die Leben anderer kosten werden. Die fromme Tradition, zunächst im jüdischen und dann auch im christlichen Denken,  freilich hat schon ziemlich früh die Handlung des Mose genauso verstanden – als Gebet um den Sieg und auch gerne gedeutet; Gott gibt denen Siege, die ihn darum bitten.

 13 Und Josua überwältigte Amalek und sein Volk durch des Schwertes Schärfe.

             Der Kampf ist hart und dauert einen ganzen, langen Tag. Aber dann ist es geschafft. Josua schwächt Amalek so, dass das Volk jetzt erst einmal sicher ist. Von Opferzahlen auf beiden Seiten schweigt der Text.

 14 Und der HERR sprach zu Mose: Schreibe dies zum Gedächtnis in ein Buch und präge es Josua ein; denn ich will Amalek unter dem Himmel austilgen, dass man seiner nicht mehr gedenke. 15 Und Mose baute einen Altar und nannte ihn: Der HERR mein Feldzeichen. 16 Und er sprach: Die Hand an den Thron des HERRN! Der HERR führt Krieg gegen Amalek von Kind zu Kindeskind.

             Es folgt eine Anweisung an Mose, die dazu dienen soll, dass dieser Tag nicht so rasch in Vergessenheit gerät. Der Konflikt mit Amalek wird sich noch lange hinziehen. Von Kind zu Kindeskind. Durch viele Generationen hindurch. Umso wichtiger die Erinnerung an diesen ersten Sieg. Bibelleser wissen: Saul wird an diesem Konflikt mit Amalek scheitern. (1. Samuel 15)

            Aber das Ende steht schon fest: Amalek wird aus dem Gedächtnis der Völker verschwinden. Seine Rolle in der Geschichte ist begrenzt.

            So errichtet Mose einen Altar – und dieser Altar samt seinem Namen stützt nun freilich wieder den Gedanken: Es ist der Sieg Gottes in diesem Kampf, errungen durch seine „Beschwörung“ mit erhobenen Händen. Und wenn es heißt: Der HERR mein Feldzeichen.  so wirkt das auf mich wie eine Vorwegnahme der unseligen Koppelschlösser im Ersten Weltkrieg: Gott mit uns!

          Es liest sich ja auch wie eine Aufforderung, aus diesem Tag eine Lehre zu ziehen, wenn es um das Kämpfen ums Überleben geht: Die Hand an den Thron des HERRN!

             Und doch gilt: „Die Rettung vor den Amalekitern ist keine Kriegsgeschichte, die für die Theorie eines gottgewollten Krieges heran gezogen werden kann.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.285) Es gehört zum Lernweg der Christenheit, dass wir verstanden haben: Der Ruf „Gott will es!“ mit dem Kreuzzüge gerechtfertigt worden sind, ist ein Irrweg. Es gibt keine gottgewollten Kriege mehr. Schon lange nicht mehr. Es hat sie wohl nie gegeben.

             Mir fällt etwas anderes dazu ein, was nicht so sehr mit dem Kämpfen zu tun hat, wohl aber mit dem Altar als Zufluchtsort: Wer sich zum Altar des Herrn flüchtet, ist in Sicherheit. Dort darf ihm nichts geschehen. Dort darf keiner Gewalt an ihm üben. (Vgl. 4.Mose 35 ,9-15) Der Altar als Asylort, das hat Langzeitwirkung bis zum Kirchenasyl unserer Tage. So kann ich diesen Satz des Mose gut lesen.

Mein Gott, wie nahe liegen die Geschichten beieinander, schöne Geschichten von deinem Versorgen in der Wüste, erschreckende Geschichten vom mörderischen Kampf.

Was bist Du für ein Gott, der hilft, rettet, aber auch das Schlachtenglück lenkt.

Manchmal weiß ich es nicht, wo und wie ich mit Dir dran bin

Ich bitte Dich um Dein Helfen, Dein Retten. Ich bitte Dich, dass Du uns hilfst ein Ende zu machen mit dem Kriegen, erst recht mit dem Kriegen, das sich auf Dich berufen möchte. Amen